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Vince Ebert extrapoliert: Was wäre, wenn wir keine Fehler machen würden?

Computer können in Sekundenschnelle rechnen, unser Kaufverhalten analysieren und agieren dabei fehlerfrei. Zumindest meistens. Wir Menschen hingegen sind langsam, fehleranfällig und scheitern immer wieder. Und das ist gut so, meint Wissenschaftskabarettist Vince Ebert.
Der Kabarettist Vince Ebert

1997 schlug der IBM-Rechner Deep Blue den amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow. Schon damals wurde davon gesprochen, dass Computer nun intelligenter seien als Menschen. Und tatsächlich sah es so aus. Im zweiten von sechs Spielen machte Deep Blue einen vollkommen unberechenbaren, für einen Computer untypischen Zug. Er opferte ohne Not eine Figur. Kasparow verwirrte das dermaßen, dass es ihn den Sieg kostete. Er hat den Zug seines Computer-Gegners offenbar überbewertet und glaubte, dass Deep Blue ein kreativ-menschliches Verhalten an den Tag legte. Damit konnte er nicht umgehen.

Die Ironie an der Geschichte: Der Zug des Schachcomputers basierte auf einem Programmierfehler, wie man später herausfand. Deep Blue war zu dem Zeitpunkt nicht in der Lage, einen guten Zug vorauszuberechnen und wählte daraufhin einen sinnlosen, zufälligen aus. Ein Computer-Bug ist für den größten Erfolg der Computergeschichte verantwortlich. Bei Microsoft basiert das gesamte Geschäftsmodell sogar auf Programmierfehlern.

Die Eigenschaft, Fehler zu machen, ist etwas typisch Menschliches. Kein Wunder, denn wir Menschen sind nun mal keine exakten Rechenmaschinen.

Stellen Sie sich einen Würfel mit einer Kantenlänge von einem Kilometer vor. Dieser Würfel ist randvoll mit Wasser gefüllt. Im Boden ist ein Loch aus dem pro Sekunde 100 Liter auslaufen. Wie lange dauert es, bis der Würfel leer ist? Nur schätzen, nicht rechnen! Ein paar Minuten? Einen Tag? Eine Woche? Die korrekte Antwort: 317 Jahre! Verblüffend, oder? Das zeigt, im Umgang mit Zahlen und Wahrscheinlichkeiten stößt unser Gehirn ziemlich schnell an seine Grenzen. Und das ist auch klar. Denn was die pure Rechenleistung angeht, ist unser Gehirn im Vergleich zu einem simplen Taschenrechner vollkommen überfordert. Unser Gehirn hat eine Taktfrequenz von 500 Hertz, es macht etwa alle 1000 Rechenschritte einen Fehler und es beschäftigt sich zu 99 Prozent nur mit sich selbst. Salopp gesagt ist unser Gehirn langsam, fehleranfällig und eitel.

Damit stellt es das Gegenmodell eines Computers dar. Ein Computer ist wahnsinnig schnell, er macht praktisch keine Fehler und produziert permanent Output. Dadurch sind moderne Algorithmen und Big-Data-Systeme hocheffizient. Sie verarbeiten fehlerfrei wahnsinnig viele Daten und können dadurch ein System perfekt optimieren.

Doch Perfektion ist nicht kreativ. Jeder kreative Prozess ist genau genommen ein Fehler im System. Am deutlichsten sichtbar ist das beim Humor. Wir lachen über etwas, was eigentlich nicht zusammenpasst. Zwei Colibakterien kommen in eine Bar. Sagt der Barkeeper: »Tut mir leid, wir bedienen keine Colibakterien«. »Wieso bedienen?«, sagen die zwei: »Wir arbeiten seit Wochen in Deiner Küche.«

Wenn man Menschen in einen Gehirnscanner legt und ihnen dabei Witze erzählt, dann leuchtet besonders der Vorderhirnlappen stark auf – einem Bereich, der auch für Kreativität wichtig ist. Interessanterweise verlieren Menschen, die durch einen Unfall eine Verletzung an diesem Vorderhirnlappen erlitten haben, komplett ihren Sinn für Humor. Die verstehen zwar den Witz, aber sie können darüber nicht lachen. Umgekehrt hat natürlich nicht jeder humorlose Mensch automatisch einen Dachschaden. Sonst müsste halb Ostwestfalen in neurologische Behandlung.

Computer verstehen keinen Humor, sie sind effektiv, aber nicht kreativ. Weil sie nicht die Fähigkeit besitzen, absichtsvoll Fehler zu machen.

Als Pep Guadiola noch den FC Barcelona trainierte, wurde er einmal ans MIT nach Boston eingeladen. Dort fragte man ihn, ob er sich vorstellen könne, eine Mannschaft aus Robotern zu trainieren, die man extra für ihn konstruieren und programmieren würde. Und wissen Sie, was er gesagt hat? »Die größte Herausforderung für einen Trainer ist nicht, eine kluge Strategie zu entwickeln. Sondern sie in die Köpfe der Mannschaft zu bekommen. Und dazu müssen die Spieler die Strategie wirklich verstehen. Und sie müssen sie kreativ anwenden können. Dazu brauchen Sie Leidenschaft, Freiheit, Humor, Fantasie und den Mut, Fehler machen zu dürfen.« All das sind Fähigkeiten, die kein Computer der Welt kann.

Deswegen mein Appell: Haben Sie Mut, Fehler zu machen und tun Sie ab und an auch mal was Bescheuertes. Es muss ja nichts Großes sein. Schenken Sie einem Gewerkschaftler einen FDP-Kugelschreiber. Putzen Sie Ihre Zähne morgens mit Elmex und abends mit Aronal. Brechen Sie Regeln, und pinkeln Sie beim nächsten Schwimmbadbesuch einfach mal ins Becken. Und wenn Sie wirklich mutig sind – auch vom Fünfer! Die Fähigkeit, Fehler zu machen, ist der entscheidende Faktor, der uns von einer hocheffizienten aber unkreativen Rechenmaschine unterscheidet. Denn wenn wir Menschen niemals etwas Bescheuertes getan hätten, wäre auch nichts Vernünftiges entstanden.

Vince Ebert ist Diplom-Physiker und Kabarettist. In seinen Bühnenprogrammen, Vorträgen und Büchern vermittelt er naturwissenschaftliche Themen mit den Gesetzen des Humors in deutscher und seit Neuestem auch in englischer Sprache. Mehr Infos und alle Termine unter https://www.vince-ebert.de.

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