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Psychologie mit Ernst

Wege aus der Ungeduldsfalle

Keine Zeit! So lautet das Mantra unserer Epoche. Die Beschleunigung hat uns alle beim Wickel. Dabei brauchen viele Dinge einfach ihre Zeit.
Von der Uhr gejagt

Das Klagen über die sich dahinschleppende Regierungsbildung in Berlin klang uns lange in den Ohren. Nach dem Scheitern der wochenlangen Jamaika-Sondierungen blieben die Medien auch während der schweren GroKo-Geburt weiter dabei, die Ungeduld im Volk zu schüren: Was denken die sich! Deutschland muss endlich wieder eine handlungsfähige Regierung bekommen! Kommt endlich zu Potte!

Zugegeben: Es dauert. Und dass nicht jede Volte sinnvoll war, darüber lässt sich kaum streiten. Aber es ist ja nichts wirklich angebrannt, das Land funktionierte weiter. Und die größten Drängler und Mahner werden das Schimpfen sofort wiederaufnehmen, wenn nicht gut verhandelt worden ist und bald wieder Gurkentruppen-Gefechte und Endlos-Streit um die Interpretation von Spiegelstrichen ausbrächen.

Vorläufiges ertragen wir nur widerwillig

Geduld ist eine schwindende Tugend, zumal in Zeiten medialer und digitaler Beschleunigung. Wir wollen schnelle Ergebnisse sehen, und je mehr uns eine Entscheidung betrifft, desto eher wollen wir wissen, woran wir sind. Gerade angesichts hyperkomplexer Probleme sehnen wir uns nach Klarheit und Eindeutigkeit. Psychologen registrieren tatsächlich ein wachsendes »Bedürfnis nach Abschluss« (need for closure). Die meisten Menschen möchten Unsicherheit und Zweideutigkeit um fast jeden Preis vermeiden. Unfertiges und Vorläufiges ertragen wir alle nur äußerst widerwillig, denn sie stürzen uns in Zweifel und Konfusion. Das gilt im Privaten wie im öffentlichen, politischen Raum.

Deshalb erscheint uns jede Antwort oft besser als keine. Aber der starke Wunsch, »Ergebnisse zu sehen« und Entscheidungsprozesse zu verkürzen, hat meist ungeahnte Kosten. Der Psychologe und Buchautor Jamie Holmes hat in seinem Werk »Nonsense: The Power of not Knowing« analysiert, wie verheerend sich die schwindende Geduld auf viele Entscheidungen auswirkt. Der kurze Prozess führt fast immer zu suboptimalen, manchmal einfach schlechten oder falschen Lösungen.

Manchmal ist es bequemer, eine Lüge zu akzeptieren

Eine Ursache dafür: Das »Bedürfnis nach Abschluss« verleitet uns dazu – viel öfter, als wir uns das eingestehen –, die schmerzlich vermisste Klarheit und Wahrheit herbeizufabulieren. Wir schließen die Lücken mit Halbwissen, Ungefährem, mit Wunschdenken oder schlicht mit Behauptungen (siehe meine Kolumne »Leiden Sie auch unter IOED?«). Und wir sind, zweitens, im Zustand wachsender Ungeduld anfälliger für Behauptungen, die unseren Vorurteilen entsprechen, oder für das energisch vorgetragene Halbwissen anderer. Manchmal ist es einfach bequemer und beruhigender, eine Lüge zu akzeptieren als eine Unsicherheit. Die kognitiven Schleusen für Fake News aller Art sind also weit geöffnet.

So ist das »Bedürfnis nach Abschluss« sicher mit schuld an den Triumphen der dreisten Lüge. Weil es mühsam bis unmöglich erscheinen soll, die Wahrheit zu ergründen und Komplexität zu verstehen, verlegen sich die Profiteure der Dummheit auf die Methode, erst gar nicht nach Wahrheiten und Gewissheiten zu suchen, sondern ihre selbst fabrizierten anzubieten. Meinungen und Gefühle schlagen alle Versuche, der Wahrheit wenigstens näher zu kommen. Entschlossenheits-Darsteller besiegen die Zweifler und Grübler immer häufiger (»Die tun wenigstens was!«).

»Ich weiß es (noch) nicht!« ist heute ein mutiger Satz. Zuzugeben, etwas noch nicht verstanden zu haben, bedeutet auch: offen, aufmerksam und lernbereit zu bleiben. Diese Offenheit ermöglicht es beispielsweise auch, die vielen unvermeidlichen Widersprüche im Leben auszuhalten. In der Politik wird es immer wieder Zielkonflikte oder nicht beabsichtigte Nebenwirkungen gut gemeinter Maßnahmen geben. Und im Privatleben entdecken wir auch an Menschen, die wir lieben, unangenehme Züge. Das psychologische Phänomen der kognitiven Dissonanz – also das sich Abarbeiten an solchen Widersprüchen – beschäftigt uns, so schreibt der Psychologe Jamie Holmes, bis zu 60 Prozent unserer Zeit.

Geduld und Gelassenheit lernen

Was tun? Wie können wir der Ungeduldsfalle entgehen und tendenziell klügere Entscheidungen treffen? Der bloße Appell, geduldiger an komplexe Probleme heranzugehen und Widersprüche generell gelassener zu ertragen, wird nicht ausreichen. Aber er lässt sich überzeugender vertreten, wenn wir uns ein paar Forschungsbefunde vor Augen führen:

  • Situative Faktoren beachten: Unter Zeitdruck und Stress denken oder entscheiden zu müssen, verschlechtert das Ergebnis fast immer. Besonders das Forschen, Lernen, Experimentieren braucht Zeit. Eine Kultur der Fehlerfreundlichkeit und der kreativen Pausen begünstigt gute Lösungen.
  • Beobachten und abwarten: Beispiel Medizin: Fast zwei Drittel aller von Patienten präsentierten Symptome sind ambivalent oder unklar. Trotzdem wird generell zu schnell diagnostiziert und zu wenig nachgefragt. Und so sind bis zu einem Drittel der ärztlichen Diagnosen falsch. In einer Studie mit einer größeren Zahl von Radiologen stimmten die Erstdiagnosen in 20 Prozent der Fälle nicht überein. Auch die modernen bildgebenden Verfahren verbessern die Diagnosen nicht unbedingt, und sie wiegen die Ärzte mitunter in falscher Sicherheit.
  • Feedback einholen: Je aufmerksamer wir ein Feedback abwarten und auswerten können, desto besser sind unsere Entscheidungen und Lösungen.
  • Kafka lesen: Angesichts komplexer oder existenzieller Probleme hilft es, sich die Kompliziertheit und Widersprüchlichkeit des Lebens schlechthin bewusst zu machen. Das ermöglicht nachweislich, das »Bedürfnis nach Abschluss« in Schach zu halten: Forscher ließen Versuchspersonen vor der Lösung eines komplexen Problems (ohne ideale Lösungsmöglichkeit) die Kafka-Novelle »Ein Landarzt« lesen. Diese verstörende Lektüre, ein Text voller rätselhafter Wendungen und schockierender Ereignisse, ließ die Leserinnen und Leser geduldiger, sorgfältiger und kreativer arbeiten als eine Vergleichsgruppe von Nichtlesern.

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