Direkt zum Inhalt

Springers Einwürfe: Wenn Wirkstoffe nicht mehr wirken

Beim Kampf gegen resistente Bakterien gerät die Medizin ins Hintertreffen, weil wirtschaftliche Anreize ausbleiben.
Antibiotika

Sobald man nicht mehr der Jüngste ist, drehen sich Unterhaltungen im Bekanntenkreis immer öfter um Gesundheitsfragen. In letzter Zeit hörte ich von zwei Fällen, wo auf Routineoperationen ernste Komplikationen folgten, weil die Patienten im Krankenhaus mit resistenten Keimen angesteckt wurden – und es erforderte jeweils längeres Herumprobieren, bis endlich ein Gegenmittel seine Wirkung tat.

Die imposante Erfolgsgeschichte der wissenschaftlichen Medizin ist eng mit der Entdeckung von Penizillin und anderen Bakterienkillern verbunden. Doch nun warnt ein Editorial der Fachzeitschrift »Science« vor dem drohenden Ende einer Epoche: Die »post-antibiotische Ära« stehe vor der Tür. Mit diesem Alarmschrei wollen Jennie H. Kwon und William G. Powderly von der Washington University School of Medicine zu verstärkten Anstrengungen im Kampf gegen resis­tente Keime motivieren.

Man stelle sich eine Zukunft vor, schreiben die Experten für Infektionskrankheiten, in der chirurgische Eingriffe oder eine Chemotherapie mangels zuverlässiger Antibiotika als allzu gefährlich abgesagt würden. Am Horizont zeichnet sich eine Resistenz-Pandemie ab, deren Opferzahl für den Zeitraum ab 2050 auf jährlich bis zu zehn Millionen Tote prognostiziert wird.

Medizinischer Nutzen trifft auf wirtschaftliche Risiken

Leider herrscht in diesem Fall ein krasses Missverhältnis zwischen dem Ausmaß des Problems und dem marktwirtschaftlichen Interesse, es zu beheben. Antibiotika dürfen nicht viel kosten, aber zugleich erfordert der Kampf gegen die Resistenz innovative Ansätze der Pharmaforschung mit ungewissem Erfolg. Das kommt teuer. Es dauert üblicherweise 10 bis 15 Jahre, ein neues Antibiotikum zu entdecken und bis zur Marktreife zu entwickeln. Und wer weiß, wie schnell ein neuer resistenter Bakterienstamm das Medikament schon wieder obsolet macht? Große Pharmakonzerne gehen nur ausnahmsweise dieses schlecht belohnte Risiko ein; meist sind es kleine Unternehmen, die sich darauf einlassen, doch denen droht unterwegs finanziell die Luft auszugehen.

Und selbst wenn die Entwicklung eines marktreifen Bakterizids endlich gelungen ist, garantiert das noch lange nicht den wirtschaftlichen Erfolg. Ein Beispiel: Die US-Pharmafirma Paratek hat mehr als 20 Jahre gebraucht, um – immer wieder von Insolvenz bedroht – 2019 endlich ihr Breitband-Antibiotikum Omadacyclin auf den Markt zu bringen. Dann wäre sie fast unter den Werbungskosten in die Knie gegangen, und schließlich musste sie mit dem Paradoxon fertig werden, dass ein allzu großer Markterfolg durch medizinische Regularien bestraft wird. Diese sollen einen allzu breiten Einsatz des neuen Antibiotikums verhindern, der in kurzer Zeit erst recht wieder die nächste Resistenz züchten würde.

Im geschilderten Fall wäre die Firma an den vielen Hindernissen wohl endgültig gescheitert, hätte sie nicht – zumindest für die nächsten Jahre – als Deus ex machina ein Auftrag einer US-Behörde gerettet, welche das Medikament als Schutz gegen potenzielle Biowaffen orderte.

Ein leuchtendes Gegenbeispiel zur Antibiotika-Misere bietet die Entstehung neuartiger Impfstoffe gegen die Coronavirus-Pandemie: Da wirkten die universitäre Grundlagenforschung und die großzügige Förderung kleiner Biotechnikfirmen optimal mit der staatlich abgefederten Marktmacht großer Pharmakonzerne zusammen, um in sensationell kurzer Zeit ans Ziel zu kommen.

Ähnliche Anstrengungen erfordert auch die drohen­de Resistenz-Pandemie. Es gilt, eine öffentlich-private Partnerschaft von Forschung, Pharmaindustrie und Gesundheitswesen zu zimmern – sonst gehen der Medizin die Medikamente aus.

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte