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Grüne Gentechnik: Wider die Genfood-Angst

Eine verpflichtende Kennzeichnung für gentechnische veränderte Lebensmittel ist kontraproduktiv, meint der Wissenschaftsjournalist Ferris Jabr von "Scientific American".
Ein Keimling trotzt der DürreLaden...

Im Juni verabschiedeten Connecticut und Maine als erste US-Bundesstaaten Gesetze, die eine Kennzeichnungspflicht von Lebensmitteln aus gentechnisch veränderten Lebewesen verlangen. Im November 2012 wiesen kalifornische Wähler einen entsprechenden Vorstoß mit knapper Mehrheit von 51,4 Prozent zurück. "Wir alle wollen nur ein einfaches Kennzeichen für das Essen auf unserem Tisch", forderten Aktivisten vor der Abstimmung. Das Thema ist jedoch alles andere als einfach.

Wir basteln seit Anbeginn der Landwirtschaft an der DNA unserer Nahrungsmittel herum. Indem sie selektiv Pflanzen und Tiere mit den jeweils am stärksten gewünschten Eigenschaften gezielt züchteten, transformierten unsere Vorfahren die Genome dieser Lebewesen – und wandelten beispielsweise ein zotteliges Gras in aufgedunsene Maiskolben. In den letzten 20 Jahren aßen Amerikaner schließlich Pflanzen, bei denen Wissenschaftler mit Hilfe modernster Technik hier ein Gen eingepflanzt oder dort ausgeschaltet hatten, so dass die Gewächse Dürren eher aushielten oder Herbiziden widerstanden. Etwa 70 Prozent der weiterverarbeiteten Lebensmittel in den USA enthalten heute gentechnisch modifizierte (GM) Inhaltsstoffe.

Anstatt die Menschen mit hilfreichen Informationen zu versorgen, verstärken verpflichtende GM-Kennzeichen nur die irrige Annahme, dass das so genannte "Frankenfood" die Gesundheit der Konsumenten gefährde. Die American Association for the Advancement of Science, die Weltgesundheitsorganisation und die in dieser Frage besonders wachsame Europäische Union stimmen überein, dass GM-Lebensmittel genauso sicher wie andere Nahrungsmittel sind. Verglichen mit konventionellen Zuchtmethoden – bei der große Teile des Erbguts zwischen den Beteiligten ausgetauscht werden – arbeitet die Gentechnik deutlich präziser und führt (in den meisten Fällen) seltener zu unerwarteten Resultaten. Die US Food and Drug Administration hat alle auf dem Markt befindlichen GM-Organismen getestet, um festzustellen, ob sie giftig wirken oder allergische Reaktionen auslösen: Beides ist nicht der Fall! Wer sich vor GM-Nahrung fürchtet, kann Bio-Lebensmittel kaufen, die unter anderem 100 Prozent frei von gentechnisch veränderten Bestandteilen sein müssen.

Viele Menschen sprachen sich für GM-Kennzeichen aus, damit die Konsumenten mehr Auswahlmöglichkeiten hätten. Doch entsprechende Hinweise sorgten im Gegenteil dafür, dass den Kunden weniger Optionen blieben. Als der Widerstand gegen GM-Lebensmittel in Europa wuchs, verlangte die Europäische Union entsprechende Vermerke. Bis 1999 hatten die meisten europäischen Händler GM-Bestandteile aus ihren Eigenmarken verbannt, weil sie befürchteten, dass entsprechende Hinweise Kunden abschrecken würden. Große Produzenten wie Nestlé folgten auf dem Fuß. Heutzutage ist es praktisch unmöglich, dass man GM-Produkte in europäischen Supermärkten findet.

Amerikanische Gentechnikgegner würden einen ähnlichen Ausschluss wohl feiern. Doch alle anderen zahlten einen Preis dafür. Denn konventionelle Feldfrüchte benötigen oft mehr Wasser und Pestizide als GM-Pflanzen – und sie sind für gewöhnlich teurer. Folglich müssten wir alle einen Aufschlag bezahlen, wenn es nur noch gentechnikfreie Lebensmittel gäbe – für einen fragwürdigen Nutzen. Die private Beraterfirma Northbridge Environmental Management Consultant schätzte, dass das geplante kalifornische Gesetz die durchschnittliche jährliche Nahrungsmittelrechnung einer kalifornischen Familie um 400 US-Dollar erhöht hätte. Die Maßnahme hätte von Landwirten, Produzenten und Händlern eine völlig neue, detaillierte Aufzeichnungspflicht verlangt, und sie hätten sich auf Klagen gefasst machen müssen, die die "Natürlichkeit" ihre Güter anzweifeln

Die Feindschaft gegen GM-Lebensmittel verstärkt zudem das Stigma gegenüber einer Technologie, die vielen Menschen in Entwicklungsländern großen Nutzen gebracht hat und noch mehr verspricht. Kürzlich veröffentlichte Daten einer siebenjährigen Studie über indische Landwirte zeigen, dass Bauern beim Einsatz von GM-Pflanzen ihren Ertrag pro Acre (entspricht mit rund 4000 Quadratmetern etwas weniger als einem halben Hektar, Anm. d. Red.) um 24 und den Gewinn um 50 Prozent steigern konnten. Diese Landwirte konnten mehr und qualitativ bessere Lebensmittel für ihre Familien kaufen.

Um Vitamin-A-Mangel zu bekämpfen – wegen dem jedes Jahr 500 000 Kinder erblinden und 250 000 sterben –, haben Forscher den so genannten Goldenen Reis entwickelt, der Beta-Karotin produziert, einen Vorläufer von Vitamin A. Eine drei Viertel volle Tasse Goldener Reis liefert den empfohlenen Tagesbedarf an Vitamin A; verschiedene Tests haben ergeben, dass das Produkt sicher ist. Dennoch streuten Greenpeace und andere Anti-Gentech-Gruppen Fehlinformationen und schürten Hysterie, um die Einführung des Goldenen Reises auf den Philippinen, in Indien und China zu verzögern.

Viele weitere derartige Produkte befinden sich in Arbeit, doch nur mit öffentlicher Unterstützung und Finanzierung werden sie ihren Weg auf die Teller der Menschen finden. Ein internationales Forscherteam hat zum Beispiel eine neue Manioksorte erzeugt – Grundnahrungsmittel von 600 Millionen Menschen –, die 30 Mal so viel Beta-Karotin und vier Mal so viel Eisen enthält wie herkömmliche Varianten, dazu höhere Gehalte an Zink und Proteinen. Eine andere Gruppe produzierte Mais mit dem 169-fachen Gehalt an Beta-Karotin, sechs Mal so viel Vitamin C und doppelt so viel Folsäure.

Momentan befinden sich in 20 US-Bundesstaaten Gesetze zur Kennzeichnung von GM-Inhalten in der Schwebe. Derartige Debatten drehen sich aber um viel mehr, als nur einfache Hinweise auf Nahrungsmittel zu kleben, um damit einen Teil der amerikanischen Konsumenten zu befriedigen. Letztendlich entscheiden wir, ob wir weiterhin eine überaus nützliche Technologie weiterentwickeln wollen – oder sie auf Basis unbegründeter Ängste meiden.

35. KW 2013

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 35. KW 2013

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