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Freistetters Formelwelt: Wie bezeichnet man die Expansion des Weltalls korrekt?

Das Universum expandiert. Seit dem Urknall vor 13,8 Milliarden Jahren wird es immer größer. Daran zweifelt niemand mehr in der Astronomie. Aber es gibt Streit darüber, wie das Phänomen historisch korrekt bezeichnet werden soll.
Karte des gesamten Himmels aus Daten des Gaia-Satelliten

Ende August 2018 haben sich ein paar tausend Astronominnen und Astronomen zur Generalversammlung der Internationalen Astronomischen Union (IAU) in Wien zusammengefunden. Sie haben dort das getan, was man auf solchen Konferenzen tut: Man berichtet einander von den neuesten Forschungsergebnissen, plaudert, diskutiert und freut sich, so viele Menschen aus allen Teilen der Welt treffen zu können. Die IAU-Generalversammlung war aber nicht nur eine normale wissenschaftliche Konferenz. Dort wurden auch Entscheidungen gefällt, die alle in der Astronomie betreffen. Und im Zentrum einer dieser Entscheidungen stand diese Formel:

Hubble-Gesetz
Hubble-Gesetz

Das ist eine der mathematischen Möglichkeiten, um die Expansion des Universums auszudrücken. v ist hier die Geschwindigkeit, mit der sich zum Beispiel eine Galaxie aus unserer Sicht entfernt. D ist die Entfernung dieser Galaxie und H0 bezeichnet einen Proportionalitätsparameter, dessen Wert nach derzeitigen Messungen ungefähr bei 70 Kilometern pro Sekunde pro Megaparsec

liegt.

Diese Formel wird »Hubble-Gesetz« genannt, zumindest derzeit noch. Denn eine Resolution, über welche die IAU-Mitglieder bei der Generalversammlung in Wien abstimmen sollten, schlug vor, sie in »Hubble-Lemaître-Gesetz« umzubenennen.

Historisch wird die Entdeckung der Expansion des Kosmos dem amerikanischen Astronom Edwin Hubble zugeschrieben. In den 1920er Jahren beobachtete er Sterne in anderen Galaxien, und es gelang ihm erstmals, deren Entfernung zu bestimmen. So fand er nicht nur heraus, dass es überhaupt andere Galaxien als unsere eigene Milchstraße gibt, sondern konnte auch zeigen, dass sie sich alle von uns fortbewegen und zwar um so schneller, je weiter entfernt sie sind.

Hubbles Entdeckungen waren revolutionär. Aber er hat sie nicht allein gemacht, sondern in Kooperation mit diversen Kollegen. Die Astronomen Vesto Slipher und Milton Humason steuerten jede Menge Daten bei. Henrietta Swan Leavitt entdeckte die Methode, mit der man die Entfernung der Galaxien bestimmen konnte. Der belgische Astronom Georges Lemâitre publizierte schon vor Hubble seine Ergebnisse, die ebenfalls ein expandierendes Universum nahelegten. Und noch ein paar Jahre zuvor schufen Alexander Friedmann und Albert Einstein die theoretischen Grundlagen, mit denen man einen sich ausdehnenden Kosmos beschreiben konnte.

Wie eigentlich fast immer in der Wissenschaft handelt es sich also auch hier um eine Zusammenarbeit vieler Menschen, die auf zahlreichen früheren Arbeiten aufbaut. Aus dieser großen Gruppe eine Person – in diesem Fall Edwin Hubble – herauszugreifen und das Phänomen der kosmischen Ausdehnung nach ihm zu benennen, erscheint ungerecht.

Die Resolution der IAU und der Vorschlag, die Formel in Hubble-Lemâitre-Gesetz umzubenennen, war ein Versuch, die historischen Gegebenheiten ein wenig fairer darzustellen. Bei den in Wien anwesenden Astronomen löste der Vorschlag allerdings eine heftige Diskussion aus. Einige wehrten sich ganz gegen eine Änderung des Status quo. Anderen ging sie nicht weit genug: Warum nur Lemâitre hinzufügen und nicht auch all die anderen, die beigetragen hatten? Und wenn man einmal mit dem Umbenennen anfängt, wo hört man auf? Beispiele für aus historischer Sicht ungerechte Namensgebung findet man in der Wissenschaft (und nicht nur dort) in großer Menge.

Auf Grund dieser Kontroverse entschied sich die IAU, das Voting vor Ort zu vertagen und in der Zukunft eine umfassende elektronische Abstimmung unter allen Mitgliedern durchzuführen. Während der Diskussion in Wien wurde von einigen Astronomen übrigens auch vorgeschlagen, bei der Benennung ganz auf konkrete Personen zu verzichten. Eine Idee, die mir fast am vernünftigsten erscheint. Am Ende geht es ja doch immer um das, was eine Formel aussagt und nicht, wie sie heißt.

36/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 36/2018

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