Sex matters: Wie eine Geschlechtskrankheit nicht zum Beziehungsdrama wird

»Mein Freund hat Filzläuse. Zuerst hat er mir das verheimlicht, aber ich habe die Salbe gefunden und dann hat er zugegeben, dass er beim Arzt war. Er sagt, er hätte sich die Filzläuse in einem Berliner Hostel geholt, auf einer Fahrt mit seinem Volleyballteam. Ich glaube, er lügt. Das ist eine sexuell übertragbare Infektion; ich vermute eher, dass er mit den Jungs auf einer Sexparty war. Wir haben uns deswegen furchtbar gestritten. Ich weiß nicht, ob ich ihm noch vertrauen kann.« (Mira*, 26 Jahre, mit Leon*, 24)
Die Vertrauensfrage. Darum geht es bei Paaren meist als Erstes, wenn einer von beiden eine sexuell übertragbare Infektion hat. Oft ist es sogar das Einzige, worüber sie sich Gedanken machen. Deswegen kommen sie zu mir in die Praxis: um zu klären, ob die Person, die sich infiziert hat, gelogen hat. Ob sie nicht doch fremdgegangen ist. Ob sie noch vertrauenswürdig ist. Dabei bräuchten sie eigentlich etwas anderes: Wissen.
Fakt Nummer eins: In Europa steigen die Fallzahlen von STIs (sexually transmitted infections) wie Tripper und Syphilis. In Deutschland erreichte die Zahl der gemeldeten Syphilisfälle laut Robert Koch-Institut 2024 sogar einen Höchststand. Auch HIV-Neuinfektionen haben hierzulande seit 2020 wieder zugenommen. Chlamydien gelten als die am stärksten verbreitete STI, mit jährlich rund 300 000 Neuinfektionen. Filzläuse kommen in Mitteleuropa ebenfalls relativ häufig vor, besonders unter schlechten hygienischen Bedingungen. Da sie nicht meldepflichtig sind, fehlen genaue Zahlen jedoch.
Fakt Nummer zwei: Sexuell übertragbare Infektionen heißen so, weil sie vor allem und am häufigsten über sexuelle Kontakte übertragen werden. Aber eben nicht ausschließlich. Mit STIs kann man sich auch auf anderen Wegen anstecken: über Toilettensitze. Handtücher. Bettwäsche. Sogar eine Übertragung im Schwimmbad ist im Einzelfall möglich. Die Bezeichnung »sexuell übertragbare Infektion« ist also irreführend. Und sorgt in Beziehungen regelmäßig dafür, dass Menschen gar nicht erst über STIs reden – weil sie fest darauf vertrauen, dass Monogamie vor STIs schützt. Tut sie aber nicht.
Geschlechtskrankheiten – eine Vertrauensfrage?
Als Mira und ihr Freund Leon zu mir in die Praxis kamen, erzählte er von der Reise nach Berlin, von einem Gruppenschlafraum, Gemeinschaftsduschen und Handtüchern, die vielleicht aus Versehen vertauscht wurden. Nach meiner Einschätzung eine Situation, in der es gleich mehrere Möglichkeiten gibt, sich Filzläuse einzufangen.
Mira dagegen war sicher, dass ihr Freund sie betrogen hatte. Filzläuse im Hostel? Doch nicht in Deutschland! Außerdem war sie überzeugt, Geschlechtskrankheiten würden immer sexuell übertragen. Leons Erklärungsversuche waren für sie nichts als Ausreden. Warum habe er denn sonst überhaupt versucht, seine Filzläuse zu verheimlichen? Das könne ja wohl nur daran liegen, dass er sie betrogen hatte.
Leons Antwort darauf: Er habe sich nicht getraut, Mira von den Filzläusen zu erzählen. Er befürchtete: »Wenn ich ihr das sage, denkt sie, ich bin fremdgegangen.« Und genau das führt bei vielen Paaren dazu, dass sie lieber gar nicht über Geschlechtskrankheiten reden. Aus Angst vor misstrauischen Verhören verschweigen sie die Infektion lieber, um die Beziehung nicht zu gefährden. All das bloß, weil die allermeisten Menschen fest davon überzeugt sind, dass die Ursache für eine STI immer und ausschließlich Sex ist.
Eine STI-Diagnose sagt nichts darüber aus, wie gut die Beziehung ist
Deswegen beginne ich ein Gespräch über eine STI-Diagnose stets mit der Frage: Was genau wissen Sie eigentlich über Übertragungswege? Dann folgt eine Lektion Sex-Education. Ich erkläre, dass HIV durch Blut und Sperma übertragen wird, Hepatitis dagegen auch durch Urin. Ich zeige auf einem Aufklärungsplakat, das bei mir in der Praxis hängt, dass orale Stimulation und Berührungen zum Beispiel Chlamydien übertragen können. Doch auch Sextoys oder andere Oberflächen können Chlamydien, Tripper oder Trichomonaden übertragen, wenn sie kontaminiert sind. Manchmal können das auch Flächen in Sanitäranlagen sein, wenn es für die Erreger warm und feucht genug ist. Papillomviren, Krätze oder Filzläuse werden sogar über einfache Berührung übertragen. Oder über Handtücher. Oder Bettwäsche.
Ärztinnen und Ärzte sagen zwar: »Wird meistens beim Sex übertragen«, aber viele Menschen überhören das »meistens«. Daraus folgern sie: Mein Partner oder meine Partnerin muss wohl fremdgegangen sein – und schon wird ein medizinisches Problem zum Beziehungsdrama.
- Die Kolumne »Sex matters«
Was ist guter Sex? Was hält mich davon ab? Diesen und weiteren Fragen widmet sich der Sexual- und Paartherapeut Carsten Müller in seiner Kolumne »Sex matters«. Seit 2013 berät er in seiner Duisburger Praxis zu Fragen rund um Sexualität und Partnerschaft. Auch Sie möchten ein Thema für die Kolumne vorschlagen? Dann schreiben Sie eine E-Mail an: Liebe@spektrum.de
- Wer kann weiterhelfen?
Die Kolumne soll dazu anregen, über eigene Bedürfnisse und Grenzen nachzudenken. Sie ersetzt weder eine ärztliche Beratung noch das persönliche Gespräch mit einem Therapeuten. Wenn man allein nicht weiterweiß, kann es helfen, mit jemandem zu sprechen, der sich auskennt. Im deutschsprachigen Raum gibt es zahlreiche Therapie- und Beratungsangebote – hier eine Auswahl:
Eine Übersicht über Beratungsstellen geben die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und die Organisation pro familia. Mit Sextra bieten Teams von pro familia Beratung per Onlineformular und Mail. Therapeutenlisten führen etwa die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung, die Deutsche Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft sowie das Institut für Sexualtherapie. Jugendliche finden Hilfe auf sexundso.de.
Gegen Filzläuse helfen keine Vorwürfe
Bei vielen Paaren läuft das so ab: Einer hat die Infektion, der andere einen schweren Verdacht. Und statt darüber zu sprechen, welche Behandlung nötig ist und wen man noch informieren sollte, wird diskutiert. »Wie konntest du mir das antun?« – »Ich war dir wirklich immer treu!« – »Du hast Chlamydien!« – »Vertraust du mir etwa nicht?!« Drei Stunden später haben sie einander alle erdenklichen Vorwürfe gemacht, die Erreger sind immer noch da, und niemand hat einen Plan, was jetzt eigentlich zu tun ist.
Das ist verständlich, und doch hilft es weiter, die Vertrauensfrage in solchen Fällen hintanzustellen. Nicht weil Vertrauen unwichtig wäre. Sondern weil Vertrauen nicht vor STIs schützt. Egal, wie sehr Sie einander vertrauen – es hindert die Filzläuse nicht daran, im Hotelbett auf Ihren Partner zu krabbeln. Und Sie können einander noch so treu sein: Chlamydien auf dem Toilettensitz interessiert das herzlich wenig. Vertrauen ist großartig, aber gegen Bakterien und Viren völlig nutzlos!
Es hilft vielmehr, Bescheid zu wissen und darüber zu reden – insbesondere in Beziehungen. Welche STIs kennen wir überhaupt? Wie sehen mögliche Infektionswege aus? Und wie verläuft eine Infektion? Manche STIs bleiben viele Monate oder sogar Jahre nach der Infektion symptomfrei. Erreger können in uns schlummern, ohne dass wir sie bemerken. Möglicherweise fand die Infektion lange vor der Beziehung statt.
Und wie können wir uns für die Zukunft schützen? Verwenden wir Kondome oder Lecktücher? Machen wir regelmäßig Tests auf STIs? Es gibt Paare, die das miteinander verabreden. Sie tragen sich einmal im Jahr einen Termin in den Kalender ein und machen gemeinsam Arzttermine. Ohne konkreten Anlass, routinemäßig, zur Vorsorge.
Eine STI-Diagnose ist ein medizinischer Fakt, der nichts darüber aussagt, wie gut die Beziehung ist. Eine Infektion, die behandelt werden muss. Eine Information, die für alle Menschen wichtig ist, mit denen wir engen Kontakt haben – um Übertragungsketten zu unterbrechen. Das ist einfacher, wenn wir STIs endlich als das ansehen, was sie sind: Infektionen, die man sich meistens beim Sex holt, aber eben auch auf allerlei anderen Wegen.
* Namen geändert
Jetzt sind Sie dran!
Entwickeln Sie Ihren persönlichen Präventionsplan. Wann haben Sie und Ihr Partner oder Ihre Partnerin das letzte Mal einen STI-Test gemacht? Falls das lange her oder noch nie passiert ist: Vereinbaren Sie gemeinsam einen Termin. Sprechen Sie auch darüber: Wie würden wir damit umgehen, wenn einer von uns eine STI-Diagnose bekäme? Was bräuchten wir, um in so einer Situation sachlich und ohne Vorwürfe miteinander zu sprechen?
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