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Grams' Sprechstunde: Wie sich Abwehrkräfte stärken lassen

Herbst und Winter ist Erkältungszeit. Die Parole: Stärken Sie das Immunsystem! Doch nur wenige Mittel taugen, um der Krankheit vorzubeugen. Nein, auch nicht Vitamin C, schreibt unsere Kolumnistin.
Die Immunabwehr lässt sich nur bedingt stärken.Laden...

Die Erkältungssaison hat begonnen. Gleichzeitig sind die Coronavirus-Fallzahlen seit September stark angestiegen. So mancher hat sich nach dem dritten Schnupfen schon gefragt, welch Kräutlein gegen Viren, Husten und Niesen gewachsen ist. Franzosenkraut vielleicht? Sanddorn womöglich? Oder ist es vielleicht besser, einfach richtig viel zu trinken, Zink oder andere Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen?

Einige Alternativmediziner werben: »Aktivieren Sie Ihr Immunsystem mit Produkt XY, um gesund durch Herbst und Winter zu kommen – wirkt garantiert!« Vermeintlich auch noch nebenwirkungsfrei, weil natürlich. Doch, Sie ahnen es vermutlich schon: So einfach ist es nicht, die eigenen Abwehrkräfte zu stärken.

Generell ist es kaum möglich, ein normales gesundes Immunsystem zu stimulieren. Egal ob Vitamine, Mineralstoffe oder spezielle Kräuterextrakte, der wissenschaftliche Nachweis für eine solche Wirkung ist häufig sehr viel geringer als die mitgelieferte Hoffnung. In einigen Fällen lässt sich ein Vitamin- oder Mineralstoffmangel ausgleichen. Aber so etwas liegt viel, viel seltener vor als gemeinhin angenommen. Das Versprechen der Immunstimulation ist tatsächlich oft überzogen. Und das ist sogar gut, weil eine Immunstimulation bloß in sehr seltenen Ausnahmen überhaupt sinnvoll ist.

Was kann die moderne Medizin leisten? Nutzt die Homöopathie? Was macht einen guten Arzt aus, und welche Rolle spielt der Patient? Die Ärztin und Autorin des Buchs »Was wirklich wirkt« Natalie Grams diskutiert in ihrer Kolumne »Grams' Sprechstunde« Entwicklungen, Probleme und eklatante Missstände ihrer Zunft. Alle Teile lesen Sie hier.

Trainingscamp für die Immunabwehr

Streng genommen stimulieren nur Schutzimpfungen sinnvoll und wirksam. Mit Hilfe von abgeschwächten Erregern oder Teilen davon lernt das Immunsystem, den echten Krankheitserregern besser zu begegnen. Es ist nach der Behandlung gewissermaßen vorgewarnt und potenziell aktiviert. Auch derzeit entwickelte Impfstoffe gegen Sars-CoV-2 setzen darauf, dem Immunsystem bestimmte Virusanteile oder -merkmale so zu präsentieren, dass der Körper Abwehrstoffe produziert, die dann gegen die umherschwirrenden Keime schützen.

Solch ein Trainingscamp für unser Immunsystem unter kontrollierten Bedingungen ist eine feine Sache. Viel öfter ist es jedoch nötig, die natürliche Immunreaktion abzuschwächen. Das Abwehrsystem kann sich nämlich völlig unverhältnismäßig auf harmlose Fremdstoffe – wie Pollen oder Nahrungsmittelbestandteile – einschießen. In seltenen Fällen richtet es seine Abwehr sogar gegen uns selbst, weil es Körperstrukturen nicht als eigen erkennt und Autoimmunkrankheiten auslöst.

Beim »Zytokin-Sturm« im Zusammenhang mit der Covid-19-Erkrankung, einer Entgleisung des Abwehrsystems unseres Körpers, lässt sich die Notwendigkeit des Ausbremsens unseres Immunsystems auch verstehen. Es kommt sonst mitunter zu tödlich endenden Entzündungsreaktionen und schweren Gewebeschäden. Dann braucht es immundämpfende und entzündungshemmende Therapien, um gesund zu werden. Also das Gegenteil von Stimulation. Im Grunde ist es also gut, dass die allermeisten Mittelchen zur »Stärkung des Immunsystems« wirkungslos sind.

Es geht weniger um Vitamin C als um Sport, Entspannung und Ernährung

Aber wenigstens Vitamin C hilft doch, Erkältungen vorzubeugen? Leider nein. Auch für Vitamin D ist der Nachweis längst nicht so klar wie oft kolportiert. In einem Artikel auf »Medizin transparent« heißt es: »Wahrscheinlich keinen vorbeugenden Effekt hat zusätzliches Vitamin D gegen Infektionen mit Erkältungs-, Schnupfen- und Grippeviren.«

Das gilt dem jetzigen Kenntnisstand nach zumindest für Menschen mit normalem oder mäßig erniedrigtem Vitamin-D-Spiegel im Blut. »Besteht ein gravierender Mangel, dürfte das Immunsystem von einer Behandlung mit Vitamin D allerdings profitieren«, schreiben die Autoren weiter. Doch Vorsicht: Prüfen, ob solch ein Mangel vorliegt, sollte nur der Hausarzt oder die Hausärztin.

Wer nun befürchtet, machtlos zu sein, irrt. Der Immunbooster-Einfluss von Sport, Ernährung, genügend Schlaf und sozialer Eingebundenheit ist zwar bekannt, aber nicht ganz so gut quantifizierbar wie im Fall von Medikamenten. Es ist schwer, solche Untersuchungen doppelblind durchzuführen. Denn man merkt ja, ob man Sport getrieben hat oder nicht. Dennoch gibt es durchaus Verhaltensweisen, mit denen sich nachweislich das Risiko senken lässt, sich mit Viren zu infizieren, die für Erkältung, Grippe oder gar Covid-19 verantwortlich sind: regelmäßiges und gründliches Händewaschen mit Seife, Hust-und-Nies-Etikette beachten, Abstand halten und eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen. Vorsicht ist in diesem Fall also die beste Maßnahme, sich selbst und das Immunsystem zu schützen.

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