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Hirschhausens Hirnschmalz: Eben nicht wie bei Muttern

Wie motiviert man Menschen dazu, weniger Fleisch zu essen? Unser Kolumnist Eckart von Hirschhausen spielt verschiedene Optionen durch – und denkt unter anderem über ein Luxusgemüse nach.
Mann hält Korb mit GemüseLaden...

Ein kleiner Witz vorweg: Stehen zwei Schweine vor dem Trog. Fragt die eine Sau: »Weißt du, was es heute zu Mittag gibt?« Raunt die andere: »Bloß nicht schon wieder Perlen!« Damit habe ich meine Pflicht, als Kolumnist Unterhaltsames zu liefern, schon erfüllt – und kann mich wieder ernsten Themen widmen. Etwa den Schweinereien rund um die Tierhaltung und vor allem der Frage, wie wir »planetary health diet« zum Standard machen statt zur Ausnahme. Wie eine aktuelle Studie unter Mitwirkung der Psychologen Sibel Eker und Gerhard Reese nahelegt, brauchen wir neue soziale Normen, um Treibhausgase und andere Nebeneffekte des globalen Fleischverbrauchs wirkungsvoll zu reduzieren.

»Fleisch ist ein Stück Lebenskraft«? Von wegen! Als Kind habe ich diesen Slogan inhaliert und immer geglaubt, dass einen nur Fleisch »groß und stark« macht. Dabei hätte ich es schon damals besser wissen können: Der beste Spieler unseres Hockeyteams war Vegetarier. Damals war das so exotisch, dass wir ihn nur »Pflanze« nannten. Heute ist man exotisch, wenn man noch kritiklos Fleisch isst. Wobei dieses Bild eher aus der Filterblase urbaner Besserverdiener stammt, denn die realen Verbrauchszahlen nehmen ja kaum ab. Selbst wenn Meldungen über Covid-19 bei Schlachthofmitarbeitern auftauchen und die »Bild« entsetzt titelt: »Grüne wollen UNSER Fleisch teurer machen.« Kurze Korrektur: Es geht immer noch um das Fleisch der Tiere.

Für meinen Vater war ein Essen nur dann Essen, wenn es etwas »Richtiges« gab, sprich Fleisch. Das war seine späte Rache an den Kriegs- und Nachkriegsjahren, als seine Generation hungern musste. Vielleicht hätte er mit weniger Fleisch auch keinen Herzinfarkt bekommen. Oder später. Wir essen uns und die Erde krank an billigem Fleisch und halten das auch noch für Luxus! Wenn jetzt alle diskutieren, ob 7 oder 19 Prozent Mehrwertsteuer den Kohl fett machen – oder die Roulade –, dann wird leicht vergessen: Fleisch war schon mal viel teurer als heute, was am Verbrauch aber wenig änderte. Früher gab man einen viel größeren Teil des Haushaltseinkommens für Essen aus, heute dagegen kaufen wir billig ein und zahlen (oft notgedrungen) mehr für Miete als für unsere Mitgeschöpfe. Haben wir nicht einmal mit uns selbst Erbarmen?

Schätzungsweise zehn Millionen vorzeitige Todesfälle ließen sich jährlich vermeiden, wenn wir, metaphorisch gesprochen, öfter ins Gras beißen würden und mehr Grünzeug äßen. Vernunft steuert allerdings kaum das Verhalten, wirksamer ist laut Simulationen die Anerkennung durch Peergroups für das neue Essensmuster – und die Selbstwirksamkeit, also das Gefühl, das selbst hinzubekommen. Mein Verdacht: Fleisch wird von Männern so kultisch verehrt, weil man dafür nicht kochen können muss. Heiß machen reicht.

Was mir zur Motivation fehlt, ist ein Luxusgemüse. Im Ernst: Keiner würde doch Austern essen, wenn die nicht so teuer wären, oder? Statt die Fleischpreise zu erhöhen, sollten wir Fenchel verteuern, bis ein vegetarisches Gericht das teuerste auf der Karte ist. Die Kartoffel scheidet imagetechnisch aus. Aber ich teile sofort mein erstes Food-Porn-Okraschoten-Shooting auf Instagram, wenn es die Welt retten hilft. Wer macht mit?

8/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 8/2020

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