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Krebs verstehen: Erhöhen Hormonpräparate das Brustkrebsrisiko?

Viele Frauen fragen sich, ob die Pille, eine Hormonersatztherapie in den Wechseljahren oder bestimmte Umweltchemikalien das Brustkrebsrisiko steigern. Welche Hinweise Studien liefern, erklärt Marisa Kurz in »Krebs verstehen«.
Eine Packung mit oralen Verhütungspillen auf einem rosa Hintergrund. Die Blisterpackung zeigt eine Woche mit den Abkürzungen der Wochentage in Deutsch: Mo, Di, Mi, Do, Fr, Sa. Pfeile zeigen die Einnahmerichtung an.
Hormonelle Verhütungsmittel wie die Pille begleiten viele Frauen über Jahre hinweg.

Statistisch gesehen erkrankt fast jeder zweite Mensch im Lauf seines Lebens an irgendeiner Art von Krebs. Weil man selbst betroffen ist oder eine betroffene Person kennt, geht das Thema damit alle etwas an. Gleichzeitig wissen viele Patientinnen und Patienten sowie ihre Angehörigen sehr wenig über die Erkrankung. Was passiert dabei im Körper? Warum bekommt nicht jeder Krebs? Und wie individuell läuft eine Krebstherapie eigentlich ab? Diese und weitere Fragen beantwortet die Ärztin Marisa Kurz in ihrer Kolumne »Krebs verstehen«.

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen: Rund 75 000 erhalten diese Diagnose jedes Jahr in Deutschland. Aber auch Männer können betroffen sein; auf sie entfallen etwa 800 der Neuerkrankungen. Warum sind die Zahlen so hoch? Steigern womöglich Hormone in Medikamenten und der Umwelt das Brustkrebsrisiko?

Man liest und hört immer wieder: Vorsicht vor Hormonpräparaten wie der Pille oder Hormonersatztherapien in den Wechseljahren, sie erhöhen das Risiko für Brustkrebs! Und tatsächlich – wer die Pille nimmt, erkrankt eher daran. In einer dänischen Studie wurden fast zwei Millionen Frauen im Alter von 15 bis 45 Jahren über durchschnittlich zehn Jahre hinweg beobachtet. Jene, die hormonell verhütet hatten, besaßen ein um 20 Prozent höheres Brustkrebsrisiko als jene, die nie Hormone nahmen.

Diese Zahl klingt zunächst alarmierend. Beachtet man allerdings, wie selten Brustkrebs in jungen Jahren ist, ergibt sich ein differenzierteres Bild: Für 20-Jährige, die die Pille nehmen, steigt das Risiko, innerhalb der nächsten zehn Jahre an Brustkrebs zu erkranken, von etwa 0,07 auf 0,08 Prozent. Für 30-Jährige von etwa 0,5 auf 0,6 Prozent, für 40-Jährige von etwa 1,6 auf 1,9 Prozent. Pro 7690 Frauen, die ein Jahr lang hormonell verhüten, tritt ein zusätzlicher Fall von Brustkrebs auf.

Dem Risiko steht allerdings ein klarer Nutzen gegenüber: Die Pille senkt das Risiko für Eierstock-, Gebärmutter- und sogar Darmkrebs. Studien zeigen, dass bei 500 Frauen, die zehn Jahre lang orale Kontrazeptiva einnehmen, zwei Eierstockkarzinome und ein Todesfall durch diese Erkrankung vor dem 75. Lebensjahr verhindert werden.

Zwar bleibt das Brustkrebsrisiko bis fünf Jahre nach Ende der Einnahme leicht erhöht, langfristig ist das Risiko für andere Krebserkrankungen jedoch gesenkt. Auch sterben Frauen, die mit der Pille verhüten, nicht signifikant häufiger an Brustkrebs als andere. 

Steigert eine Hormonersatztherapie das Krebsrisiko?

Viele Frauen leiden in den Wechseljahren oder nach medizinischen Eingriffen, die die Funktion der Eierstöcke beeinträchtigen, an schweren Beschwerden wie Hitzewallungen, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen. Zudem steigt das Risiko für Osteoporose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Übergewicht. Hormonersatzpräparate mit Östrogen, zum Teil kombiniert mit Progesteron, können diese Symptome lindern und einige der Gesundheitsrisiken senken. Solche Medikamente sind höher dosiert als hormonelle Verhütungsmittel. Steigern sie deshalb auch das Brustkrebsrisiko stärker? Ein genauer Blick auf die Daten zeigt: Vor allem das Progesteron, nicht aber das Östrogen, erhöht die Gefahr. In Studien hatten postmenopausale Frauen, die nur Östrogen verwenden, kein größeres Brustkrebsrisiko. Bei jenen, die zusätzlich Progesteron erhielten, stieg das jährliche Risiko dagegen von 0,36 Prozent auf 0,45 Prozent. Die Zahl der Todesfälle durch Brustkrebs unterscheidet sich jedoch nicht signifikant zwischen beiden Gruppen.

Reine Östrogenpräparate erhöhen also nicht das Brustkrebsrisiko, wohl aber solche in Kombination mit Progesteron

Ähnliche Beobachtungen gibt es auch bei jungen Frauen, die nach einer Entfernung der Eierstöcke Hormonersatzpräparate einnehmen. Reine Östrogenpräparate erhöhen also nicht das Brustkrebsrisiko, wohl aber solche in Kombination mit Progesteron.

Sollte man Progesteron in der Hormonersatztherapie daher besser weglassen? So einfach ist es nicht: Östrogen allein regt das Wachstum der Gebärmutterschleimhaut an und kann deshalb das Risiko für Gebärmutterkrebs erhöhen. Wird Progesteron zugesetzt, ist dies nicht der Fall. Eine ausschließliche Behandlung mit Östrogen eignet sich beispielsweise für Frauen, denen die Gebärmutter entfernt wurde.

Letztendlich müssen Nutzen und Risiken immer individuell abgewogen werden. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass Überlebende von Brustkrebs gefahrlos östrogenbasierte Hormonersatztherapien erhalten könnten. Meist wird jedoch darauf verzichtet, um keinerlei Zusatzrisiko einzugehen, dass der Brustkrebs wiederkehrt.

Auch Hormonpräparate im Rahmen von Kinderwunschbehandlungen und künstlichen Befruchtungen stehen im Verdacht, das Brustkrebsrisiko zu erhöhen. Nach aktuellem Wissensstand gibt es dafür aber keine überzeugenden Hinweise.

Gesteigertes Brustkrebsrisiko durch Soja oder Umweltchemikalien?

Neben Medikamenten rückt zunehmend eine weitere Frage in den Fokus: Welche Rolle spielen Stoffe, denen wir im Alltag ausgesetzt sind? Welche Substanzen beeinflussen unseren Hormonhaushalt und erhöhen dadurch eventuell das Brustkrebsrisiko? Soja enthält etwa sogenannte Phytoöstrogene wie Sojaisoflavone, die in ihrer Struktur dem weiblichen Sexualhormon Östrogen ähneln. Hier gibt es Entwarnung für Menschen, die gerne Sojaprodukte konsumieren: Bisher findet sich kein Hinweis darauf, dass sojahaltige Lebensmittel das Brustkrebsrisiko erhöhen. Auch Brustkrebspatientinnen und Überlebende können Sojaprodukte bedenkenlos konsumieren.

Komplexer ist die Lage bei Substanzen, die in den Hormonhaushalt eingreifen. Dazu gehören sogenannte endokrine Disruptoren wie Bisphenol, polychlorierte Biphenyle, Parabene und Dioxine. Sie kommen etwa in Alltagsprodukten wie Kosmetika, aber auch in Lebensmitteln vor und können das Wachstum von Brustgewebe beeinflussen. In Laborversuchen ließ sich zeigen, dass sie die Entstehung und das Fortschreiten von Brustkrebs beeinflussen. Beobachtungsstudien am Menschen zufolge könnten die Substanzen tatsächlich das Krebsrisiko erhöhen.

Doch wir alle nehmen im Lauf unseres Lebens ganz verschiedene endokrine Disruptoren in unterschiedlichen Mengen und Zeiträumen auf. Hinzu kommen zahlreiche andere Risikofaktoren für Krebs, denen wir ausgesetzt sind. Dadurch ist es bisher kaum möglich, den Beitrag einzelner Stoffe zur Entstehung von Brustkrebs zuverlässig zu bestimmen. Ich hoffe sehr, dass künftige Forschung zu dem Thema bald besser erkennen lässt, wie endokrine Disruptoren und Brustkrebs zusammenhängen.

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