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Kommentar

Wie realistisch sind Flugtaxis?

Fliegende Autos werden ein Traum bleiben, und zwar zu Recht: Sowohl der Antrieb als auch die Infrastruktur stehen der Technologie im Weg, kommentiert Eva Wolfangel.
Traum vom fliegenden Auto

Mit ihrer Forderung nach Flugtaxis für Deutschland hat nicht nur Dorothee Bär Ahnungslosigkeit bewiesen, sondern auch viele derer, die sie dafür kritisiert haben. Denn Flugtaxis sind keine besonders visionäre Sache, im Gegenteil. Wer jetzt schimpft, dass in Deutschland erstmal das Internet ausgebaut werden muss, bevor so große Dinge wie Flugtaxis gedacht werden können, der übersieht, dass es für fliegende Autos keine Grundlage gibt und dass jene fliegende Infrastruktur, die derzeit beispielsweise in Dubai getestet wird, nicht viel besser ist als eine U-Bahn.

Doch von vorne: Der Traum vom fliegenden Auto ist beinahe so alt wie das Auto selbst. Es gab also reichlich Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wie so ein Auto abheben könnte. Dass es bis heute keine fliegenden Autos gibt, liegt schlicht daran, dass ein geeignetes Antriebskonzept einer Eier legenden Wollmilchsau gleichen müsste.

Wunsch und Wirklichkeit

Wunsch und Wirklichkeit klaffen hier weit auseinander: Es gibt wohl kaum eine schöneren Traum für Autofahrer, als kurzerhand aus dem Verkehrschaos der Innenstädte abzuheben. Aber wie soll ein Auto aus dem Stand im belebten öffentlichen Raum abheben? Das einzige Antriebskonzept, das senkrechtes Abheben erlauben würde, ist das eines Hubschraubers: Rotoren, die die Luft verdrängen.

Doch jeder, der sich schon mal im Umkreis eines startenden Hubschraubers aufgehalten hat, weiß: Alles in näherer Umgebung wird weggeblasen, der Lärm ist ohrenbetäubend. Das geht jedenfalls nicht mitten in belebten Innenstädten – dieser Anwendungsfall ist also vorerst gestorben.

Die Ansätze der Lufttaxi-Start-ups sind realitätsfern

Auch das Modell des Münchener Start-ups Lilium, das wohl technisch eines der am weitesten entwickelten ist und das laut eigener Aussage tatsächlich aus dem Stand senkrecht starten kann, scheitert womöglich – trotz raffinierter Technik – an der Einschränkung, die ein Antrieb via Rotoren mit sich bringt. In einigen Jahren soll das elektrische Flugtaxi zunächst mit Pilot und schließlich autonom Fahrgäste befördern, so die Vision der Gründer. Vom Jungfernflug auf einem Flugplatz bei München gibt es ein Video auf Youtube, das allerdings wenig Einblick in die Technik und die Windverhältnisse zulässt.

Es ist also mehr als unsicher, ob solch ein Flugtaxi tatsächlich im dichten innerstädtischen Verkehr starten können wird. In einer Pressemitteilung schreiben die Gründer, dass ihr Flugtaxi entweder eine kleine Freifläche oder einen Start- und Landeplatz auf einem Gebäude braucht. Das nimmt dem Ganzen die Praktikabilität und die Alltagstauglichkeit: Wo ein Stau ist, ist eben keine Freifläche. Und wer erst zum Flugplatz reisen muss, verliert wieder Zeit.

Warum nicht gleich ein Kleinflugzeug?

Alle anderen bisherigen Konzepte so genannter Flugtaxis oder fliegender Autos scheitern – welch Überraschung – ebenfalls am Start: Ein Flugzeug braucht entweder eine Startbahn oder es nutzt Rotoren. So verkündete beispielsweise das niederländische Unternehmen PalV, dass sein fliegendes Auto bereits im nächsten Jahr ausgeliefert werden soll – man kann es sogar schon bestellen. Es gibt allerdings einen Haken: Man braucht eine Fluglizenz und muss damit auf einem Flugplatz starten. Praktisch und auch preislich (es kostet zwischen 300 000 und 500 000 Euro) hat es damit wohl kaum einen Vorteil gegenüber einem Kleinflugzeug. Das klingt nicht gerade nach einer Revolution.

Und dann gibt es das Konzept der deutschen Firma namens Volocopter, die derzeit in Dubai Testflüge absolviert. Hier sieht man das Problem schon auf den Bildern: Das Antriebskonzept ähnelt dem eines Hubschraubers beziehungsweise einer Drohne mit 18 Rotoren. Wer schon einmal einem Flug einer Spielzeugdrohnen beiwohnen konnte, kennt das Dröhnen und den Wind beim Abheben. Man braucht wenig Fantasie, um zu erkennen, dass ein entsprechend vergrößerter Antrieb kein Konzept für Innenstädte sein kann.

Und tatsächlich: Wie ein Mitgründer im Interview mit futurezone durchblicken ließ, gibt es genau zwei Start- und Landeplätze in ganz Dubai. Damit entspricht das Ganze von der Mobilität her in etwa einem Vorortzug oder einer U-Bahn – nur ohne Haltestellen zwischen Start- und Endstation. Einen Unterschied gibt es allerdings: Die U-Bahn gibt es bereits und macht sich eigentlich ganz gut.

Autonome Fluggeräte sind längst Alltag

Auch die anderen scheinbar revolutionären Eigenschaften, von denen der Mitgründer im Interview schwärmt, sind wenig überraschend: Das Flugtaxi soll autonom fliegen. Flugzeuge fliegen schon heute große Teile eines Flugs im autonomen Modus, und Experten sagen immer wieder, dass das nicht die Herausforderung ist, sondern im Gegenteil: Es ist sicherer, als wenn der Mensch den Steuerknüppel in der Hand hat.

In der Luft lauern zudem deutlich weniger Hindernisse als auf den Straßen, mit denen etwa autonome Autos klarkommen müssen. Und es gibt dort keine unberechenbaren Fußgänger oder Fußball spielende Kinder, die plötzlich hinter Mülltonnen hervorlaufen. Und ja, die Reaktionszeit eines autonomen Systems ist kürzer als die eines Menschen. Diese Erkenntnis ist nicht neu, auch wenn der Volocopter-Mitgründer so tut, als habe sein Unternehmen das erfunden, wenn er behauptet: "Unser System erkennt über Sensoren kleinste Veränderungen innerhalb kürzester Zeit und kann in Millisekunden regieren." Das ist schon fast eine Binsenweisheit.

Ist überhaupt noch Platz da oben?

Nicht zuletzt hat noch niemand davon gesprochen, wie die fliegenden Autos mit den vielen Paketdrohnen, den Überwachungsdrohnen und den Drohnen der Hobbypiloten zurechtkommen sollen, die in Zukunft den Himmel bevölkern. Schon heute scheint es eine Herausforderung zu sein, allein Flughäfen sicher zu halten – dabei sind Drohnen noch ein kleines Phänomen, und Flughäfen gehören zu den am besten überwachten Orten der Welt.

Auch wenn die jüngste Debatte um Lufttaxis in Deutschland anderes vermuten lässt. Das Internet ist tatsächlich das kleinste Problem, wenn es um fliegende Autos geht. Das größere ist, dass es überhaupt kein realistisches Konzept für diesen Traum gibt – weder in Sachen Antrieb noch für die Infrastruktur. Das größte Problem ist womöglich, dass die Vision für die Mobilität schon gelöst ist: In Form der U-Bahn, die heute schon all das kann, was uns die angeblichen Pioniere für ihre Flugtaxis versprechen, nur besser. Aber träumen darf man natürlich weiterhin.

10/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 10/2018

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