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Politik: Wie sicher ist Wählen per App?

In West Virginia können Wahlberechtigte bei den US-Zwischenwahlen per mobiler App abstimmen. Cybersicherheitsexperten haben jedoch Bedenken.
US-Wahl

Zugegeben: Die Idee ist so simpel wie genial. Statt im Wahllokal ein Kreuz auf einem Papierstimmzettel zu machen, wählt man einfach per App auf seinem Smartphone. Was nach einer etwas zu kühn geratenen Ambition einer Start-up-Konferenz klingt, ist in den USA Realität: Dort können Wahlberechtigte im Bundestaat West Virginia bei den Zwischenwahlen (»midterm elections«) im November, die als wichtiger Stimmungsbarometer für Trumps Präsidentschaft gelten, via Smartphone wählen. Die Stimmabgabe erfolgt über eine mobile App, die über die Blockchain-Technologie abgesichert ist – ein kryptografisches Verfahren, das man sich wie ein digitales Kassenbuch vorstellen kann. Statt mit Wahlunterlagen und Personalausweis authentifiziert sich der Wahlberechtigte per Selfie-Video. Das besondere Wahlrecht ist zunächst Militärdienstleistenden im Ausland vorbehalten.

Vorstellbar wäre, dass das mobile Wahlrecht als Option ähnlich wie das Briefwahlrecht für alle Bürger gilt und auch in anderen Bundesstaaten eingeführt wird. Das Smartphone ist heute mehr als ein Kommunikationswerkzeug: Es ist mobile Arztpraxis, Wahlhilfe, Navigationsgerät, Lexikon, Kummerkasten, Jukebox, Schrittzähler und Wahlhilfe in einem. Warum sollte es dann nicht auch ein mobiles Wahllokal sein? Die niedrige Wahlbeteiligung wird in der Politikwissenschaft häufig als Achillesferse der Demokratie ausgemacht. Bei den US-Präsidentschaftswahlen 2016, bei der die demokratische Bewerberin Hillary Clinton absolut mehr Stimmen erhielt als ihr Rivale Donald Trump, gingen lediglich 58,9 Prozent der Wahlberechtigten zur Urne. Mit einer mobilen Wahlmöglichkeit könnte man die Wahlbeteiligung und mithin die Legitimation des politischen Systems signifikant erhöhen.

Sicherheitsexperten bereitet dieser Gedanke allerdings Bauchgrimmen: Cyberkriminelle oder Agenten aus dem Ausland, so ihre Befürchtung, könnten die Programmierschnittstelle hacken und die Stimmabgabe manipulieren. »Mobiles Wählen ist eine schreckliche Idee«, sagte der Cybersicherheitsexperte Joseph Lorenzo Hall gegenüber »CNN«. »Es handelt sich um eine Internet-Wahl auf den hochgesicherten Geräten der Bürger über unsere furchtbaren Netzwerke über Server, die ohne physische Aufzeichnungsblätter schwer zu sichern sind.« Zwar betont die Softwarefirma Voatz, welche die App entwickelt hat, dass das Verfahren sicher sei und die Stimmen anonymisiert würden. IT-Experten haben daran jedoch Zweifel.

Seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten steht der Verdacht im Raum, dass russische Hacker die Wahl manipuliert haben könnten. Im Oktober 2017 ergaben interne Ermittlungen von Facebook, dass russische Regierungs-Trolle über 80 000 Politanzeigen in dem sozialen Netzwerk schalteten, die bis zu 126 Millionen US-Wähler erreicht haben könnten. Das viel größere Sicherheitsrisiko für die US-Demokratie ist nicht die Software, sondern die Hardware: Millionen US-Bürger wählten bei der letzten Wahl auf papierlosen elektronischen Maschinen. Das Department of Homeland Security (DHS) gab 2017 bekannt, dass bei der Präsidentschaftswahl 2016 die Wahlsysteme in 21 Bundesstaaten zur Zielscheibe von Cyberattacken wurden. In Arizona gelang es russischen Hackern, ein Passwort sowie einen Nutzernamen zu knacken, in Florida wurden Angriffe auf die Wählerverzeichnisse registriert. Zwar konnten die Angriffe größtenteils abgewehrt werden. Doch die Sorge ist groß, dass sich die Attacken wiederholen könnten.

Wie einfach Wahlcomputer zu hacken sind, demonstrierten Sicherheitsforscher auf der Hackerkonferenz Defcon. Dem IT-Professor Carsten Schürman gelang es, über die WLAN-Verbindung eines Laptops Zugriff auf einen Wahlcomputer zu erlangen. Andere funktionierten die Maschinen in eine Jukebox um. Ein peinlicher Vorgang für ein Hochtechnologieland, das sich der Robustheit seiner Institutionen rühmt.

Die Politik ist alarmiert. Die demokratischen Senatoren Amy Klobuchar und Jeanne Shaheen forderten die führenden Hersteller der Wahlcomputer dazu auf, mitzuteilen, ob sie ihren Kode mit russischen Organisationen geteilt haben. Der demokratische Parteitag warnte Politiker indes, keine Geräte der chinesischen Handy-Hersteller ZTE und Huawei zu verwenden, weil Cyberkriminelle Schwachstellen ausnutzen und sensible Informationen abgreifen könnten.

Das Problem der elektronischen Stimmabgabe, die rein digital, also ohne Papierausgabe stattfindet, besteht darin, dass eine manuelle Auszählung der Stimmzettel später unmöglich ist. Das heißt, die Wahlleiter können einen etwaigen Wahlbetrug im Nachhinein nicht oder allenfalls mit ausgefeilten computerforensischen Methoden feststellen. Nach Schätzungen gibt jeder fünfte Amerikaner seine Stimme bei den Zwischenwahlen auf dem Touchscreen eines Wahlcomputers ab, der keinen Papierbeleg ausdruckt. Auch bei der Wahl-App in West Virginia soll es keinen Durchdruck geben. Zwar handelt es sich bei den Militärs im Ausland um eine kleine Wählergruppe. Doch selbst die geringste Manipulation kann zur Anfechtung der Wahl führen. Noch nie schien die US-Demokratie so verwundbar wie im Digitalzeitalter.

Angesichts der Cybergefahren kehren Organisationen zum Papier zurück. So lässt die US Navy ihre Marineoffiziere nach alter Seemannstradition wieder mit Kompass, Papier und Stift navigieren. Das computergestützte Navigationssystem führte in der Vergangenheit häufiger zu Problemen; Schiffe kamen auf Grund von GPS-Hacks vom Kurs ab. Wenn sich eine Demokratie so leicht wie ein Passwort knacken lässt, ist man vom Systemabsturz nicht mehr weit entfernt. Womöglich ist die analoge Wahl mit Bleistift und Papier am Ende doch die sicherste.

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