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Vorsicht, Denkfalle!: Warum sich Menschen fremdes Leid aneignen

Manche Menschen empfinden sich als Opfer von Verfolgung, obwohl ihre Biografie etwas ganz anderes erzählt. Unser Psychologiekolumnist stellt das rätselhafte Wilkomirski-Syndrom vor.
Silhouetten von Köpfen aus Papier auf einer grauen Oberfläche. Eine der Silhouetten zeigt ein stilisiertes Gehirn in verschiedenen Grautönen, das die Struktur des menschlichen Gehirns darstellt. Die anderen Silhouetten sind ohne Details. Das Bild vermittelt ein Konzept der Anatomie und des Denkens.
Manche Menschen machen fremdes Leid zu einem Teil der eigenen Identität – warum?

Der 1941 geborene Schweizer Bruno Dössekker brachte als »Binjamin Wilkomirski« 1995 ein Buch im Suhrkamp-Verlag heraus. »Bruchstücke – Aus einer Kindheit 1939–1948« behandelt Erinnerungen an ein jahrelanges Martyrium als Kinderinsasse in mehreren KZs.

Die aufwühlende Prosa erregte Aufsehen. Doch dann ergaben Recherchen des Schweizer Journalisten Daniel Ganzfried, dass Wilkomirski gar kein Jude war, sondern das uneheliche Kind einer mit dem Fahrrad tödlich verunglückten Christin. Der Junge kam nach dem Unglücksfall in eine Pflegefamilie, wo ihn die Mutter mutmaßlich misshandelte, und später in ein Heim. Wilkomirski war nie in Majdanek oder Auschwitz inhaftiert gewesen, sondern hatte wohl Erinnerungen an dunkle Kammern und Schläge zu Nazigräueln umgedeutet. War der Mann ein Scharlatan, sein Buch Lüge?

Wilkomirski jedenfalls, der diesen Namen einer jüdischen Violinistin entlieh, beharrt bis heute auf seiner jüdischen Identität. Sein körperliches wie psychisches Leiden angesichts des Traumas lässt das durchaus glaubhaft erscheinen. Binjamin Wilkomirski, sagt Dössekker, sei seine subjektive Wahrheit.

Das »Wilkomirski-Syndrom« war geboren

Das »Wilkomirski-Syndrom« wurde zum Fachbegriff für den verstörenden Reiz des Opfertums. Allgemein formuliert, beschreibt er das Phänomen, dass sich manche Menschen als jüdisch, schwarz, indigen, queer oder anderweitig diskriminiert erklären, ohne dass ihre Biografie diese Behauptung stützen würde. Und zwar nicht unbedingt, um andere zu täuschen – zumindest manche Betroffene scheinen ihr Opfertum authentisch zu empfinden.

Zu den jüngeren Beispielen zählt die Historikerin und Bloggerin Marie Sophie Hingst, die ihre Familie im Holocaust verloren zu haben meinte und deren wahre Identität 2019 vom Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« aufgedeckt wurde. Wenig später beging sie Suizid. Hingst fühlte sich, wie sie dem irischen Journalisten Derek Scally kurz vor ihrem Tod erklärte, durch die Enthüllungen »bei lebendigem Leid gehäutet«.

Der Publizist Fabian Wolff wiederum galt als wichtiger jüdischer Zeitbeobachter, bis er im Sommer 2023 selbst kundtat, dass er doch kein Jude war. Ihm zufolge habe seine Mutter ihn in dem Glauben erzogen, er habe jüdische Wurzeln. Allerdings hatte Wolff bereits Jahre zuvor kursierende Zweifel an seiner jüdischen Identität ignoriert. Glaubte er womöglich, was er erhoffte?

In den USA gibt es für ähnliche Phänomene den unglücklichen Ausdruck »pretendian« – von vorgeben (»pretend«) und indigen (»indian«). Unglücklich ist das, weil es die arglistige Täuschung betont.

Der Reiz, zu den Unterdrückten zu gehören

Doch auch wenn der Fake nicht absichtsvoll und geplant ist, scheint es für Menschen reizvoll zu sein, zu glauben, sie gehörten einer Gruppe an, der Schlimmes widerfuhr. Was macht es so attraktiv, Teil eines unterdrückten Kollektivs zu sein?

Laut der Philosophin Maria-Sibylla Lotter wurde Opfersein – ob psychisch, physisch oder materiell – in der westlichen Gesellschaft zunehmend beliebter, seit sich in den 1970er-Jahren das »therapeutische Narrativ« durchsetzte. Demnach sei es, so wie auch in einer Psychotherapie, grundsätzlich unstatthaft, Leid anzuzweifeln, zu relativieren oder darüber hinwegzugehen. Das Opfer wurde sankrosankt, und allein schon auf womöglich falsche Erinnerungen hinzuweisen, könne retraumatisieren. Leidenden dürfe man Anerkennung niemals versagen.

Doch Leid, wie Schuld, ist individuell. Selbst wenn einem Menschen als Mitglied einer Gruppe Leid geschieht, ob als Frau, Migrant oder Obdachloser, so erleidet die Person dies individuell. Wer Opfertum kollektiviert, so Lotter, tappe leicht in eine Denkfalle. Denn gruppenbezogene Benachteiligung betrifft nicht automatisch jedes einzelne Mitglied. Dieser Trugschluss dürfte wenigstens einen Teil jener Wilkomirskis erklären, die sich ein kollektives Leid zu eigen machen.

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  • Quellen

Lotter, M.-S., Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild, 2026

Diekmann, I., Schoeps, J., Das Wilkomirski-Syndrom. Eingebildete Erinnerungen oder Von der Sehnsucht, Opfer zu sein, 2002

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