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Soziales und Unsoziales : Willkommen, Kommunarden

Die ökologische Krise ist beinahe da. Und Schuld trägt diesmal nicht die Erderwärmung, sondern der gemeine Single. Denn seine unwirtschaftliche Lebensweise, entdeckte eine neue Studie, führt uns über kurz oder lang in den Ressourcen-Ruin. Umdenken ist daher angesagt.
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Liebe Singles, die goldene Ära des Individualismus scheint ein für alle Mal vorbei. In Zeiten der Ressourcenknappheit können wir uns die Selbstbestimmung über Schlafzimmer, Küche und Kühlschrank schlicht nicht mehr leisten. Es gibt inzwischen einfach zu viele Singles – und zu wenig Sozialität.

Dreißig Prozent der Haushalte im Vereinigten Königreich beherbergten im Jahre 2001 nur jeweils eine Einzelperson, errechnete Jo Williams von der Bartlett School of Planning der Universität London. Alles Menschen, die egoistischer Weise nur für sich selbst heizen, kochen, fernsehen. Und im Supermarkt die Single-Packungen kaufen. Was für eine Ressourcenverschwendung! Ist doch der große Familienbecher Joghurt viel kostengünstiger als der Mini-Danone – und das bei weniger Verpackung.

Knappe 120 Kilogramm Packungsmüll produziert so ein Single laut Williams pro Jahr – 50 Kilo mehr als Mitglieder in einem Mehrpersonenhaushalt. Das liegt allerdings nicht nur an den kleinen Portionen, die der Individualist in seinem Einkaufswagen legt. Er konsumiert insgesamt auch etwa 60 Prozent mehr als Menschen in Wohngemeinschaften. Alleine leben ist also nicht nur schlecht für die Umwelt – es kommt auch dem Geldbeutel und der Figur nicht zugute.

Nun könnten Gutgläubige uns mit dem Hinweis zu beschwichtigen versuchen, dass für viele Solisten die Single-Bude nur ein Zwischenstopp auf dem Weg ins glückliche Familienleben sei. Doch weit gefehlt. Denn nur die Hälfte derer, die einmal in den Genuss der ungestörten Ruhe eines Einzel-Haushaltes kamen, würden im Laufe ihres Lebens jemals wieder mit Anderen zusammen wohnen, ermittelte die britische Forscherin. Manch einer habe eben schlicht keine Lust auf geteiltes Bett und gemeinsamen Kühlschrank – aller Generationenverträge zum Trotz.

Neben solchen "glücklichen Individualisten" gebe es aber auch Menschen, die eher unfreiwillig in die Einsamkeit der Ein-Zimmer-Wohnung gedriftet seien. "Reumütige Eigenbrötler" nennt die Wissenschaftlerin jene. Und genau sie sind die Zielgruppe, an die sich der besorgte Naturfreund nun wenden muss. Resozialisierung ist das Stichwort der Zeit.

Warum nicht etwa mehr Rentner-Kommunen schaffen? Die Ressourcen-Ersparnisse bei Wohngemeinschaften liegen laut Williams immerhin zwischen 20 und 40 Prozent – schließlich werden nicht nur die Lebensmittel, sondern auch Staubsauger, Telefon und Stromrechnung geteilt. Und wenn sich mehrere Menschen in einem Wohnraum befinden, muss man auch nicht so viel heizen.

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Auch auf der sozialen Ebene würde sich vieles verbessern: Die Singles müssten sich nicht mehr verabreden, um sich mit anderen Menschen zu treffen – sie hätten stattdessen spontane soziale Abenteuer zu Hause – beispielsweise beim Streiten über den Putzplan oder das mysteriöse Verschwinden von Kühlschrankinhalten.

Um die Einzelwohner schneller von den finanziellen und sozialen Vorteilen des Zusammenlebens zu überzeugen, schlägt Williams eine Wohnraum-Belegungs-Steuer vor, die insbesondere Single-Haushalte belasten würde und so einen finanziellen Anreiz schaffen könnte, sich in neue Wohnprojekte zu begeben. Und wenn das nicht hilft, dann sorgt womöglich das schlechte Gewissen für den Rest. Denn welcher Deutsche will sich schon einen Umweltsünder und Ressourcenverschwender schimpfen lassen? Ich für meinen Teil habe die Koffer schon gepackt.
02.08.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 02.08.2006

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  • Quellen
Environment, Development andSustainability 10.1007/s10668–006–9068-x (2006)

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