Freistetters Formelwelt: Wo beginnt der Norden?

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In einer Dokumentation über Grönland habe ich kürzlich von dem Dorf Siorapaluk gehört, das als nördlichste natürlich entstandene Ansiedlung von Menschen auf der Welt gilt. Ich wollte mehr darüber wissen und bin dabei auf den Begriff der Nordizität gestoßen; ein Index, mit dem sich die Nördlichkeit eines Orts beschreiben lässt.
Das hat mich zuerst verwirrt. Wenn man wissen will, wie nördlich ein Ort ist, dann muss man sich doch nur die geografische Breite ansehen? Je größer sie ist, desto weiter im Norden befindet man sich, und bei 90 Grad Nord hat man am geografischen Nordpol das Maximum erreicht. Der kanadische Geograf Louis-Edmond Hamelin hatte in den 1970er-Jahren aber etwas völlig anderes im Sinn, als er in seiner Arbeit den Nordizitätsbegriff eingeführt hat. Mathematisch könnte man sein Konzept so formulieren:
Das, was heute meistens als Nordizität bezeichnet wird, hat Hamelin »valeurs polaires (VAPO)« genannt, was in diesem Kontext so viel wie Polareinheiten bedeutet. Hamelin wollte die Nördlichkeit von der reinen Geografie lösen und neben natürlichen Umwelteinflüssen vor allem auch menschliche Faktoren in der Beschreibung der Arktis inkludieren.
Er hat dazu zehn Kriterien ausgewählt und die geografische Breite ist nur das erste davon. Zur Berechnung der Nordizität werden auch die Tage berücksichtigt, an denen die Temperatur einen bestimmten Wert übersteigt, außerdem die Anzahl der Frosttage. Das Vorhandensein und die Art des Eises spielen ebenso eine Rolle wie der Niederschlag oder die Vegetation. Neben diesen sechs natürlichen Faktoren hat Hamelin aber zudem Kriterien verwendet, die mit den Menschen zu tun haben, die im Norden leben.
Die Nordizität hängt auch davon ab, wie zugänglich der Ort ist: Kann er nur per Flugzeug erreicht werden oder gibt es andere Möglichkeiten? Wie gut ist die Anbindung an die Verkehrsnetze? Wie viele Menschen leben dort und wie ausgeprägt ist dort die wirtschaftliche Aktivität?
Ein Score für die Nordizität
Für jedes Kriterium können bis zu 100 Polareinheiten vergeben werden. Ist ein Ort im Norden zum Beispiel ohne Flugzeug nicht erreichbar, dann werden die vollen 100 Punkte erreicht. Kann man drei Monate pro Jahr auch anders anreisen, sind es nur noch 55. Und wenn man das sogar über zwei unterschiedliche Reisemöglichkeiten abseits des Flugzeugs tun kann, beträgt die Nordizität in dieser Kategorie nur noch 15 Polareinheiten. Die Summe über alle zehn Kriterien ergibt die gesamte Nördlichkeit, und am Nordpol ist das Maximum von 1000 VAPO erreicht.
Louis-Edmond Hamelin wollte den Norden nicht nur als Ort, sondern vor allem als Konzept verstehen. »Der Norden« wird nicht durch scharfe geografische Grenzen wie zum Beispiel den Polarkreis bestimmt, sondern er ist ein kontinuierliches Spektrum, das ebenso mit den Lebensumständen der Menschen zu tun hat. Eine Stadt im nördlichen Schweden mag zwar rein von der geografischen Breite her mit einer Siedlung im Landesinneren von Kanada vergleichbar sein. Aber definitiv nicht, was die Lebensbedingungen, die wirtschaftliche Aktivität oder die Erreichbarkeit angeht. Der Norden, schreibt Hamelin in seinem Buch »Canadian Nordicity: it's your north too«, ist »eine unbekannte Größe«. Obwohl [Kanadierinnen und Kanadier] ihren Einfluss erfahren, wissen sie nicht, was sie ist, wie weit sie sich erstreckt, wie sie unterteilt werden kann oder welche Zukunft sie haben könnte.«
Der Begriff der Nordizität wird heute in der Humangeografie und der Arktisforschung verwendet. Man benutzt das Konzept aber auch bei regionalen Entwicklungsplänen und politischen Debatten. Denn im Gegensatz zur geografischen Breite ist die Nordizität durchaus veränderbar, je nachdem, wie sich die Bevölkerungsstruktur und wirtschaftliche Aktivität entwickeln. Der Norden ist mehr als eine Himmelsrichtung. Und ihn mathematisch zu klassifizieren, hat sich als höchst hilfreich erwiesen.
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