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Storks Spezialfutter: Wohlstand frisst Klimagewissen

Wie können wir umweltbewusst leben, wenn uns das Konsumieren so leicht wie nie gemacht wird? Zeit für die Politik, endlich die entscheidende Stellschraube zu drehen.
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Eigentlich sind die Ergebnisse der aktuellen Umweltbewusstseinsstudie, die alle zwei Jahre vom Umweltbundesamt herausgegeben wird, glasklar: 64 Prozent der Deutschen sehen im Umwelt- und Klimaschutz im Jahr 2019 sehr große Herausforderungen für die Gesellschaft. 72 Prozent wünschen sich eine übergeordnete Rolle von Umwelt- und Klimaschutz in der Energiepolitik. Bei der Landwirtschaft sind es immerhin 68 Prozent. Nur 14 Prozent der Befragten kommen in der repräsentativen Umfrage zu dem Schluss, dass die Regierung genug für Umwelt und Klima tut.

Auch sich selbst stellen die Befragten ein eher mäßiges Zeugnis aus. Nur 19 Prozent finden, dass die Bürger genug für die Umwelt tun. 2012 war noch etwa die Hälfte der Bevölkerung mit dem Klimaeinsatz von Regierung und Bürgern zufrieden. Der empfundene Handlungsdruck ist demnach deutlich gestiegen.

Warum aber wächst auch der Müllberg?

Man könnte also sagen: »Alles klar. Endlich ist im Bewusstsein der Gesellschaft angekommen, wie gefährlich der Klimawandel ist!«

Die Ergebnisse stehen allerdings im krassen Widerspruch zu einer weiteren Statistik des Bundesumweltamtes: Mit 18,72 Millionen Tonnen Müll lag der Verpackungsverbrauch für das Jahr 2017 so hoch wie nie zuvor. Die Zunahme zum Vorjahr beträgt stolze 561 000 Tonnen. Rund 320 000 Tonnen davon allein bei den Privathaushalten.

Wie kann es sein, dass der Müllberg parallel zum Umweltbewusstsein wächst? Dass die Gesellschaft Klimawandel und Umweltverschmutzung als Gefahren zwar ernst nimmt, ihr Konsumverhalten aber trotzdem nicht anpasst?

Ob Menschen ihr Umweltverhalten ändern, hängt vom Verhältnis zweier Faktoren ab: Wie motiviert bin ich? Und was kostet mich das? Der Motivation, für das Klima häufiger aufs Fahrrad umzusteigen, stehen die Verhaltenskosten gegenüber: Ich werde eventuell pudelnass. Und wenn ich für den Familienurlaub auf Flugreisen verzichten will, ist das zwar gut für meinen ökologischen Fußabdruck, aber nicht unbedingt für den Familienfrieden. Solche Abwägungen findet man natürlich nicht nur bei umweltbewusstem Verhalten. Wer immer nach dem neuesten Trend gekleidet sein möchte, musste früher Fahrten in die nächst größere Stadt auf sich nehmen und tief in die Tasche greifen. Inzwischen ist das dank Onlineshopping viel schneller, einfacher und preiswerter geworden.

Wohlstand macht das Neinsagen viel schwiergier

Das ist keine Ausnahme: Seit Jahrzehnten greife in diesen grundsätzlichen Konflikt der Wohlstand zu Gunsten des Konsums ein, sagt Florian Kaiser von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, der für das Bundesumweltamt an einer Studie über das Umweltbewusstsein der Deutschen mitgewirkt hat. Je wohlhabender die Menschen, desto niedriger die Verhaltenskosten für Konsum: »Das macht Nein sagen viel schwieriger«, sagt Kaiser. Wir kaufen also Mobiltelefone, Autos, Flugreisen, klimaschädliches Fleisch und andere Dinge, auch weil wir sie uns einfach leisten können.

Und haben wir uns einmal an einen Konsumstandard gewöhnt, fällt es schwer, wieder dahinter zurückzufallen. Wer sich ein neues Auto zulegt und es sich leisten kann, entscheidet sich sehr wahrscheinlich für ein Modell, das komfortabler ist als das alte. Vielleicht ist so zu erklären, dass unter den Neuzulassungen 2019 die SUVs und Geländewagen den größten Zuwachs verzeichneten. Oder dass die Zahl der Billigflugstrecken ab Deutschland inzwischen auf Rekordniveau gestiegen ist. Wer will schon auf den Jahresurlaub unter südlicher Sonne verzichten, wenn er dazu noch spottbillig ist? So gesehen wäre eine ausgewachsene Wirtschaftskrise ziemlich gut fürs Klima. Andererseits würde sie nicht nur das Konsumverhalten zwangsläufig verändern, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes weiter destabilisieren.

Theoretisch hat die Politik alle Instrumente, um unser Verhalten in die richtige Richtung zu lenken: »Sie könnte die Rahmenbedingungen so setzen, dass sich die Verhaltenskosten für klimaschädliches Verhalten deutlich erhöhen und für klimafreundliches Verhalten deutlich reduzieren«, sagt Kaiser. Sie könnte zum Beispiel in sichere und schnelle Radwege und in pünktliche, nicht überfüllte Züge investieren. Sie könnte auch teureres Benzin und teurere Flugpreise durchsetzen. Macht sie aber nicht oder nur mit gebremsten Elan: Das Klimapaket ist immer noch weichgespült und ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen immer noch undenkbar.

Der Hilferuf der Grünen-Wähler

Für wirklich einschneidende Veränderungen in der Klimapolitik scheint der Handlungsdruck einfach noch nicht groß genug. Bei den Politikern steht die Wählergunst an erster Stelle. Erst danach kommt die Abwehr möglicher Bedrohungen. Das ist weniger zynisch, als es klingt. Ohne Mehrheit kann eine Partei in einer Demokratie eben keine schärferen Klimaschutzmaßnahmen durchsetzen. Wer es ernst meint mit dem Kampf gegen den Klimawandel, kann im Privaten zwar mehr Fahrrad fahren oder weniger Fleisch essen. Ändern wird sich aber erst dann etwas, wenn die Mehrheit die Politik dazu zwingt, strenger zu regulieren.

Noch ist es nicht so weit, aber es gibt Hoffnung: So viele Wähler wie nie fühlen sich zu den Grünen hingezogen, obwohl die notorische Verbotspartei den Konsum, dem ihre Sympathisanten frönen, deutlich einschränken würde. Dieses vordergründig paradoxe Verhalten ist ein Hilferuf an die Politik, doch bitte endlich Verantwortung zu übernehmen und regulierend einzugreifen, selbst wenn das kurzfristig persönliche Nachteile mit sich bringt.

Dass die Müllberge wachsen und der Konsum weiter steigt, ist also weniger Beleg dafür, dass die Bevölkerung ihr Verhalten nicht ändern will, sondern für ein System, dass wenig Veränderung zulässt. Das zu erkennen und zu ändern, ist ein klassisches Aufgabenfeld der Politik.

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