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Angemerkt!: Wolff im Schafspelz

Daniel Lingenhöhl
Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch der Streit um Schöpfungsmythos und Evolutionstheorie mit Macht über den großen Teich schwappt. Denn früher oder später finden alle US-amerikanischen Diskussionen den Weg nach Europa und Deutschland – von Katalysator-Technik bis Nichtraucherschutz. Verwunderlich ist deshalb eigentlich nur, wie lange es tatsächlich gedauert hat, bis auch hierzulande die nachdrückliche Forderung nach Vermittlung von biblischer Schöpfungsgeschichte und wissenschaftlicher Lehre im Biologieunterricht der Schulen aufkam.

Was bislang in Deutschland meist nur ein Schattendasein in der öffentlichen Wahrnehmung fristete, brachte kürzlich die hessische Kultusministerin Karin Wolff in die bundesweiten Schlagzeilen. Die ehemalige evangelische Religionslehrerin forderte, die biblische Schöpfungsgeschichte gleichberechtigt in den Biologieunterricht einzuführen. Das Ziel: Schüler dürften nicht allein mit der Evolutionslehre im Biologieunterricht konfrontiert werden, Darwin und seine Kollegen nicht getrennt werden von der "Schöpfungslehre der Bibel". Und schließlich sei auch "noch eine andere Sicht" notwendig als nur die der Naturwissenschaft.

Eifrig sekundiert wird sie von Bischöfin Cordelia Kopsch, der stellvertretenden Kirchenpräsidentin Hessen-Nassaus, sowie dem Augsburger Bischof Walter Mixa, der häufiger mit erzkonservativen Aussagen von sich reden macht. Letzterer verstieg sich sogar zu der Aussage, das Festhalten an der Evolutionstheorie im Schulunterricht habe "etwas Totalitäres" und das sei "auch und gerade aus Sicht der Wissenschaft unvernünftig".

Droht damit ein neuer Kulturkampf zwischen rückwärtsgewandten Kräften, die den wissenschaftlichen Fortschritt mit einem Federstrich tilgen möchten, und der Forschung, die eng mit dem Zeitalter der Aufklärung und der Emanzipation von religiösen Alleinherrschaftsfantasien verbunden ist? So weit ist es dann doch noch nicht ganz, schließlich legen Wolff und ihre Verbündeten die Bibel nicht wörtlich aus, wonach die Erde und ihr Leben während weniger tausend Jahre entstanden seien.

Ministerielle Denkfehler

Vielmehr sympathisieren sie mit dem so genannten "Intelligent Design" (ID), das die grobe Erdgeschichte und selbst die Mikroevolution anerkennt. Komplexe Evolutionsschritte – etwa der Schritt vom Dinosaurier zum Vogel oder die Entwicklung des Auges – lehnen die Anhänger dagegen ab und bringen an dieser Stelle einen intelligenten Macher ins Spiel. Der biblische Gott wird dabei nicht namentlich erwähnt, doch lässt das Gedankenwerk von ID kaum einen anderen Schluss zu. In den USA lehnten Richter deshalb die Vermittlung des Intelligent Design im Biologieunterricht ab, da dies der verfassungsgemäßen Trennung von Staat und Kirche zuwiderlaufe.

In ihren Forderungen unterliegt die Ministerin – und zuvor schon der Thüringer Ministerpräsident Dieter Althaus – ohnehin einigen Denkfehlern, die eigentlich altbekannt sind und offensichtlich dennoch immer wieder wiederholt werden müssen. Kritiker der Lehren Darwins stoßen sich beispielsweise oft an dem Begriff Evolutionstheorie, der in ihren Augen den unbewiesenen Charakter eines abstrakten Denkgebäudes unterstreicht. In den Naturwissenschaften gehört der Ausdruck "Theorie" jedoch zu den höchsten Stufen des Erkenntnisgewinns, der auf belegbaren Fakten basiert. Diese haben sich seit der Veröffentlichung von Darwins wichtigstem Werk immer wieder bewährt und wurden durch immer neue Forschungsergebnisse verfestigt.

Lücken in Evolutionstheorie werden kleiner

Natürlich gibt es in dieser Theorie noch wissenschaftliche Lücken, doch werden diese zunehmend durch die Forschung geschlossen – vor allem die Genetik schickt sich an, viele der restlichen Verständnisprobleme aufzuklären. Paläontologen finden zudem immer mehr fossile Bindeglieder zwischen wichtigen evolutionären Zwischenschritten wie die Versteinerung des Ichthyostega als vielleicht erster zeitweise an Land lebender Amphibie, oder des Urzeit-Säugers Yanoconodon allini, der einen Zwischenschritt in der Entwicklung des Säugetiergehörs dokumentiert.

Zahlreich sind auch die Funde von Hominiden-Knochen, die den Stammbaum von uns Menschen und unserer nächsten Primatenverwandtschaft immer enger verwurzeln und auf einen gemeinsamen Urahnen zurückführen. Und selbstverständlich findet heute noch Tag für Tag Evolution statt, wenn beispielsweise Bakterien resistent gegen Antibiotika werden oder sich die Schnäbel der berühmten Darwin-Finken von Galapagos in Zeitraffer weiter entwickeln, um neue Nahrungsquellen zu erschließen.

Ein reines Beharren auf den Lücken der Evolutionstheorie ist zudem kein Beleg dafür, dass sie falsch sein könnte und stattdessen so etwas wie Intelligent Design oder gar Kreationismus richtig ist – kein seriöser Wissenschaftler kann derartig argumentieren. Auf der anderen Seite bleiben ID-Verfechter jeglichen wissenschaftlichen Beleg ihrer Thesen schuldig, und generell mangelt es ihnen an nachprüfbaren Daten, wie sie Biologie und Geowissenschaften haufenweise liefern. Die Lücken in ihrem eigenen Gedankengebäude werden stattdessen mit einer höheren Macht erklärt, die es von Anfang an auf so etwas Komplexes wie das Auge oder Gehirn abgesehen und sie damit sogleich zu Beginn des Lebens angelegt hat. Warum dann aber trotz der intelligenten Planung im Laufe der Erdgeschichte so viele Fehlschläge auftraten und folglich viele Arten ausstarben, können sie nicht beantworten.

Ausdruck des Unbehagens?

Stattdessen machen sich die ID-Vertreter das Unbehagen einiger Menschen zunutze, die sich nicht mit Schimpansen und Co in eine Verwandtschaftslinie stellen wollen. Oder die – mitunter berechtigte – Angst vor einer Wissenschaft haben, die die technischen Fähigkeiten entwickelt, tief in das Erbgut des Menschen eingreifen zu können. Hier liegt ein Betätigungsfeld für die Forschergemeinde, den Menschen diese Bedenken zu nehmen. Daneben wächst in Deutschland wie in Europa aber auch der religiöse Fundamentalismus aller Art, sodass sich laut der letzten greifbaren Meinungsumfrage zum Thema aus dem Jahr 2005 bereits ein Fünftel der Deutschen als Kreationisten begreift, die die Evolutionstheorie strikt ablehnen und die Schöpfungsgeschichte für bare Münze nehmen.

Diese Zahlen sind kein Wunder, denn tatsächlich kommen die meisten Schüler schon frühzeitig in der Grundschule mit der Schöpfungsgeschichte in Kontakt, während die Evolutionstheorie erst in höheren Klassen intensiver vermittelt wird. Womöglich auch deshalb fallen die Gedanken der Kreationisten und IDler hierzulande zunehmend auf fruchtbaren Boden und untergraben mehr als zwei Jahrhunderte der Aufklärung. Ein Mehr an Evolutionstheorie im Biologieunterricht wäre also gefordert, nicht ein Weniger – wer dies verkennt, ist als Kultus- oder Wissenschaftsminister fehl am Platz.

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