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Mäders Moralfragen: Zu schlau für diese Welt

Wer gut mit Zahlen umgehen kann, neigt dazu, sich Statistiken zurechtzubiegen. Wie sollen wissenschaftliche Erkenntnisse unter diesen Umständen die politische Debatte bereichern?
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Die vielleicht bitterste Botschaft der Psychologie lautet: du bist der Dumme. All die unschönen Eigenschaften der menschlichen Psyche – der Herdentrieb, die Vorurteile, die irrationalen Entscheidungen – sind nicht nur die Probleme der anderen. Sie sind auch deine Probleme. Wenn du denkst, du stündest über den psychologischen Phänomenen, tappst du gleich in die erste Falle, denn der Eindruck, du hättest deinen Kopf unter Kontrolle, ist trügerisch. Hinterher fallen dir zwar immer gute Gründe ein, warum du so und nicht anders gehandelt hast. Doch deine tatsächlichen Motive sind oft zu profan, um sie zuzugeben.

Einen krassen Fall schildern nun zwei australische Psychologen im Fachmagazin »Environmental Communication«: Menschen interpretieren Statistiken gerne so, dass sie zu ihren politischen Überzeugungen passen. Und das Irritierende daran: der Effekt gilt in erster Linie für Probanden, die zuvor in einem Mathetest bewiesen haben, dass sie es eigentlich besser können. Es sieht ganz so aus, als seien sie sich ihrer Sache zu sicher. Sie wissen, dass sie mit Zahlen umgehen können, und zweifeln daher nicht an ihrem mathematischen Fehlurteil.

Sehen, was man glaubt

Dieser psychologische Effekt zählt zum »motivated reasoning«, also zu einer allzu menschlichen Variante des Schlussfolgerns, in der nicht allein die Logik zählt, sondern auch andere Motive die Schlussfolgerungen beeinflussen. Im Experiment der australischen Forscher Matthew Nurse und Will Grant waren es politische Überzeugungen zum Klimaschutz: Sie haben Probanden rekrutiert, die angekündigt hatten, bei der nächsten Parlamentswahl entweder die Greens oder die konservative Partei One Nation zu wählen. Diese beiden Parteien haben im Wahlkampf über Kohlekraftwerke gestritten. Die Forscher präsentierten den Versuchsteilnehmern dazu eine Statistik, in der sie Städte miteinander verglichen:
  • 223 Städte haben Kohlekraftwerke abgeschaltet, aber ihre CO2-Emissionen sind daraufhin nicht deutlich gesunken.
  • 75 Städte haben Kohlekraftwerke abgeschaltet und ihre CO2-Emissionen sind daraufhin deutlich gesunken.
  • 107 Städte haben keine Kohlekraftwerke abgeschaltet und ihre CO2-Emissionen sind nicht deutlich gesunken.
  • 21 Städte haben keine Kohlekraftwerke abgeschaltet, aber ihre CO2-Emissionen sind dennoch deutlich gesunken.
Diese Zahlen haben die Forscher in sogenannten Vierfeldertafeln zusammengestellt, die man in Abbildung 1 der Studie nachschauen kann. (Die Beschriftungen der Tabellen sind vertauscht. Eine Korrektur sei in Arbeit, schreibt mir Matthew Nurse.) Diese Statistik ist zwar fiktiv, aber sie lässt sich nur auf eine Weise interpretieren: In 75 von 298 Städten, die Kohlekraftwerke abgeschaltet haben, sind die Emissionen gesunken. Das ist eine Erfolgsquote von 25 Prozent. Bei den übrigen Städten sanken die Emissionen nur in 21 von 128 Fällen, die Quote lag dort bei 16 Prozent. Demnach führt das Abschalten von Kohlekraftwerken häufiger zu einem CO2-Rückgang als das Weiterbetreiben der Meiler. Doch das haben nur wenige der konservativen Probanden herausbekommen. Von denjenigen mit den besten Fähigkeiten in Mathe waren es nicht einmal 20 Prozent.

Emotionen schlagen Fakten

Auf diese Studie bin ich durch einen Artikel in der »Süddeutschen Zeitung« aufmerksam geworden. Sie bestätigt einen Versuch von Dan Kahan von der Yale University, über den ich vor einiger Zeit schon einmal geschrieben habe: Bei ihm ging es mit denselben Zahlen um die Frage, ob die Kriminalität sinkt, wenn eine Stadt das Tragen von Pistolen verbietet – ein Thema, das in den USA Demokraten und Republikaner polarisiert. Auch Kahan fand heraus, dass die Unterschiede in den Antworten aus den beiden politischen Lagern bei denjenigen mit den besten Mathekenntnissen am größten waren. In beiden Studien wurde übrigens auch eine Statistik mit dem umgekehrten Ergebnis getestet, mit der die Demokraten und die Grünen-Wähler ihre Schwierigkeiten hatten. Auch hier bogen sich Probanden die Statistik zurecht, damit sie zu ihren politischen Überzeugungen passt.

Was folgt aus diesen Experimenten? Die Autoren raten davon ab, politisch brisante Debatten mit Statistiken klären zu wollen. Denn auch wenn Menschen die Fakten korrekt interpretieren möchten – andere Motive können stärker sein. Sich einem politischen Lager zugehörig zu fühlen ist ein solches Motiv; diese Selbstverortung stellt man nur ungern infrage. Matthew Nurse und Will Grant empfehlen daher, ein neues politisches Lager zu gründen: das Lager der Menschen, die bereit sind, ihre Meinung an der Evidenz zu orientieren. Auch diese emotionale Bindung könne stark sein und es Menschen erleichtern, Fakten zu akzeptieren, die nicht in ihr politisches Weltbild passen.

Doch das greift mir zu weit vor. In den Experimenten haben die Forscher bloß eine fiktive Statistik präsentiert, deren Glaubwürdigkeit die Probanden nicht überprüfen konnten. Allein auf dieser Grundlage muss noch niemand seine Meinung ändern. Auch Wissenschaftler lassen sich schließlich nicht von ihren Theorien abbringen, nur weil ein Kollege eine kritische Studie veröffentlicht. Aus meiner Sicht liegt aber ein anderes Fazit auf der Hand: Gerade Menschen, die gut mit Statistiken umgehen können, sollten sich bewusst machen, wie leicht man Zahlen durcheinander wirft. Ein wenig Demut schadet nie. Sie sollten sich immer wieder selbst überprüfen, denn die Versuchung ist groß, Statistiken so zu lesen, wie man sie sich wünscht.

Die Moral von der Geschichte: Traue keiner Statistik, die du nicht gewissenhaft analysiert hast.

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