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Unwahrscheinlich tödlich: Tod durch Hundebussi

Verschmuste Tierhalter aufgepasst: Im Speichel von Hunden und Katzen lauern Keime, die Menschen gefährlich werden können. Zur Übertragung braucht es noch nicht einmal einen Biss. In Einzelfällen reichte bereits ein feuchtes Küsschen, um eine tödliche Infektion zu triggern.
Ein Hund steckt seine Schnauze durch ein gelbes Papier und leckt sich die Nase.
In der eiskalten Schnauze kann so manche mikroskopisch kleine, böse Überraschung lauern.
Eines ist sicher: Irgendwann geben wir alle den Löffel ab. Weniger absehbar ist das Wie. Denn es gibt eine schier unendliche Zahl an Wegen, die einen Menschen ins Grab bringen können – manche von ihnen außergewöhnlicher, verblüffender und bizarrer als andere. In der Kolumne »Unwahrscheinlich tödlich« stellen wir regelmäßig solche Fälle vor, von bissigen Menschen über giftige Reisbällchen bis hin zu lebensgefährlichem Sex.

Ich gestehe: Gelegentlich drücke ich meinen Katzen das eine oder andere Küsschen auf den Kopf. Wie viele andere, die mit Haustieren leben, habe ich eine enge Bindung zu »meinen« Samtpfoten aufgebaut. Bei aller Liebe gibt es aber auch Grenzen – etwa dort, wo die Vierbeiner ihre Zuneigung mit feuchten Bussis zeigen wollen. Meine Katzen gehören zum Glück eher zu den Nasenstupsern. Ich kenne jedoch Hunde, bei denen man sich vor Schlabberattacken kaum retten kann. Viele Halter nehmen das lächelnd hin, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was sich wohl in der Mundhöhle ihrer Lieblinge tummelt. Sie ahnen vermutlich nicht, dass die tierische Mundflora lebensgefährliche Keime enthält. Dazu zählt zum Beispiel das besonders bei Hunden verbreitete Bakterium Capnocytophaga canimorsus.

2018 erfuhr ein 63-Jähriger in Bremen von dieser Tatsache auf die schlimmstmögliche Weise. Der Mann wandte sich mit Fieber und wachsender Atemnot an das städtische Krankenhaus. Sein Gesicht war mit kleinen Einblutungen übersät, die seiner Aussage nach am Vortag erschienen waren. Zugleich berichtete er über Missempfindungen und Muskelschwäche in den Beinen. In den Wochen zuvor war er nicht verreist oder krank gewesen. Als Schlüssel zur Diagnose erwies sich eine recht profane Tatsache: Der Mann hatte einen Hund, der ihm immer wieder Bussis gab – das Tier leckte seine Haut ab, ohne ihn zu beißen oder auf andere Weise zu verletzen.

Dass Tierbisse zu bedrohlichen Infekten führen können, ist hinreichend bekannt. Das gilt aber nicht nur, wenn tollwütige Tiere zuschnappen – wenngleich es dann besonders kritisch wird, denn ohne schnelle Impfung endet die Ansteckung in diesem Fall fast ausnahmslos tödlich. Auch im Speichel von kerngesunden Hunden und Katzen findet man Keime, die Menschen schaden können. Für die Vierbeiner gehören sie zur normalen Mundflora – die Tiere tragen sie in sich, ohne irgendwelche Beschwerden zu entwickeln.

In drei von zehn Fällen tödlich

Capnocytophaga canimorsus ist ein solcher Erreger. Er fühlt sich im Maul vieler Haustiere zu Hause; Fachleute haben ihn bei rund einer von zwei Katzen und drei von vier Hunden nachgewiesen. Es kommt zwar selten vor, dass das Bakterium über Wunden in unseren Organismus eindringt und sich dort vermehrt. Zwischen 2002 und 2019 gab es gemäß einer Übersichtsarbeit 128 registrierte Erkrankungen bei Menschen mit funktionierendem Immunsystem (bei jenen mit Immunerkrankungen sind Ansteckungen wahrscheinlicher). Wenn die Infektion auftritt, endet sie allerdings oft tödlich: In den dokumentierten Fällen erholten sich knapp 30 Prozent der Betroffenen nicht mehr davon.

Der Bremer Patient war eines der unglücklichen Opfer. Als er ins Krankenhaus kam, war noch nicht absehbar, dass er sich mit Capnocytophaga canimorsus angesteckt hatte. Die Erstuntersuchung ergab, dass er bereits eine Blutvergiftung entwickelt hatte und seine Nieren und seine Leber beschädigt waren. Zudem begannen Zellen in seinen Muskeln und in seiner Haut abzusterben. Wegen Verdachts auf eine bakterielle Infektion erhielt er Infusionen mit mehreren Antibiotika. Zugleich wurde sein Blut ans mikrobiologische Labor geschickt, um den Krankheitserreger zu identifizieren. In den Tagen, die bis zu dessen Nachweis vergingen, verschlechterte sich der Zustand des Mannes trotz intensivmedizinischer Behandlung weiter. Er erlitt Hirnschäden und musste wiederbelebt werden.

Erst am vierten Tag des Krankenhausaufenthalts stand Capnocytophaga canimorsus als Auslöser der Beschwerden fest. Zu spät: Der Mann erholte sich trotz angepasster Therapie nicht mehr. Zwar gelang es, einige der anfänglichen Symptome zurückzudrängen. Doch eine Folgeinfektion sowie die bereits erlittenen Schäden veranlassten die Angehörigen und das Behandlungsteam nach rund zwei Wochen dazu, weitere Therapieversuche zu unterlassen. Der Patient verstarb 16 Tage nach der Einlieferung ins Krankenhaus.

Gute Wundhygiene schützt vor Infekten

Dass Capnocytophaga canimorsus ohne Bisswunde zu lebensbedrohlichen Problemen führt, ist ungewöhnlich, aber nicht einzigartig. Im Jahr 2021 etwa gab es einen weiteren Fall, 2025 trat noch einer auf. Beide Betroffene überlebten – letzterer trotz Sepsis und Multiorganversagen. Das verdankte er wohl der aggressiven Therapie, die seine Ärztinnen und Ärzte einleiteten. Insgesamt bekam er im Lauf seiner ersten Woche auf der Intensivstation ein Virostatikum, vier Medikamente gegen Bakterien und eines gegen Pilzinfekte. Nach 16 Tagen konnte er das Krankenhaus verlassen, wegen der bleibenden Nierenschäden benötigt er jedoch seither regelmäßige Dialysen.

Theoretisch kann jede noch so kleine Öffnung dem Keim als Eintrittspforte dienen. Das bedeutet: Vor allem dann, wenn die Haut rissig oder verletzt ist, sollte man Hunde nicht über die betroffenen Areale lecken lassen. Falls es doch einmal passiert, hilft eine angemessene Wundhygiene dabei, Infektionen zu verhindern. Bei oberflächlichen Kratzern und sonstigen Schäden reicht es, die Haut gründlich mit Seife und warmem Wasser zu waschen. Tiefere Wunden sollte man besonders gut ausspülen und zusätzlich desinfizieren. Und falls man nach einem Tierbiss, einem Kratzer oder einem feuchtem Bussi eine Entzündung oder andere Beschwerden bemerkt, wendet man sich besser schnellstmöglich an eine Klinik. Das gilt übrigens auch und gerade dann, wenn man von einem Menschen gebissen wurde! Im Krankenhaus kann die Wunde bei Bedarf chirurgisch gereinigt und die mitunter lebensrettende Therapie eingeleitet werden.

  • Steckbrief: Capnocytophaga canimorsus
    Punktförmiger Hundebiss | So klein und unscheinbar kann ein infizierter Biss wirken. Die schwarze Kruste um die punktförmige Wunde am Zeigefinger der Person enthält nicht nur getrocknes Blut, sondern auch abgestorbenes Gewebe. Ohne Behandlung kann eine solche Verletzung schwere Folgen nach sich ziehen: Bei Wundinfekten nach Tierbissen sind nicht selten Amputationen nötig. Wenn Keime in den Blutstrom geraten, entstehen mitunter tödliche Blutvergiftungen.

    Auslöser: Gramnegatives Bakterium.

    Vorkommen: Im Maul beziehungsweise im Speichel vieler Hunde und Katzen.

    Ansteckung: Meist über Tierbisse, gelegentlich auch über abgeleckte Kratzer und Wunden. Die Symptome starten meist ein bis acht Tage nach der Infektion.

    Krankheitspotenzial: In milderen Fällen löst der Keim lokale Wundinfektionen aus. Breitet er sich im Körper aus, entstehen zum Teil lebensbedrohliche Symptome wie Wundbrand, Gehirnentzündungen, Sepsis und Multiorganversagen. Oft geht die systemische Erkrankung einher mit Fieber, Kopf-, Muskel- und Gelenkschmerzen sowie neurologischen Beschwerden. Etwa 30 Prozent der schweren Fälle enden tödlich; tritt eine Blutvergiftung auf, steigt dieser Wert auf mehr als 50 Prozent.

    Häufigkeit: Schätzungsweise weniger als eine Erkrankung pro Million Menschen und Jahr. 

    Behandlung: Ist der Infekt noch auf ein kleineres Areal begrenzt, kann man dieses chirurgisch reinigen und anschließend medikamentös behandeln. Hat er sich ausgebreitet, braucht es eine rasche, intensivmedizinische Versorgung und eine Breitband-Antibiotikatherapie.

    Prävention: Eine angemessene Wundhygiene verhindert viele Ansteckungen. Tierbisse sollen rasch ärztlich abgeklärt werden. Zusätzlich sollte man den Kontakt von Wunden und Schleimhäuten mit Tierspeichel vermeiden.

    Besonderheiten: In Hunden und Katzen kommt Capnocytophaga canimorsus vor, ohne bei den Vierbeinern Probleme auszulösen. Der Keim ist Bestandteil der normalen Mundflora der Tiere.

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