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Futur III: Alien, geh nach Hause!

Daheim ist es doch am schönsten. Eine Kurzgeschichte von Filip Wiltgren.
AlienLaden...

Henry James starrte das Schriftzeichen an, das »abgelehnt« bedeutete. Er war sich zumindest ziemlich sicher, dass das der Sinn der Glyphe war. Die Schrift des Blaschs sah aus wie Spagettiportionen, die nebeneinander auf einen Langhaarteppich gekippt worden waren. Aber der nach links weisende Haken bedeutete in der Regel »nein«, und die zwei gegensätzlich drehenden Wirbel standen für »offiziell«, »Macht« und gelegentlich für »Betätigen der Wasserspülung«.

»Aber warum?« fragte er. Er hoffte, dass er sich halbwegs verständlich ausdrückte. Blisch-blosch war eine Körper- und Zeichensprache, die normalerweise darin bestand, dass der Blasch mit seinen zahlreichen tintenfischähnlichen Armen wedelte und klatschte. Henry behalf sich, indem er mit der Zunge schnalzte, mit den Lippen flatterte, in die Hände klatschte und energisch Nasenschleim hochzog. Dabei war eine Erkältung ungemein hilfreich, aber die Blaschs duldeten auf ihren Raumstationen keine infizierten Aliens. Glücklicherweise erzeugte das Schnüffeln von Chilipfeffer und gemahlenen Senfkörnern eine fast ebenso reichlich rinnende Nase.

»Abgelehnt«, sagte der Blasch, ein purpurner, 86-armiger Vertreter des mittleren Managements mit zwei Dellen in seinem Kopfsack, die ebenso viele Beförderungen anzeigten. Er sprach bemüht langsam, machte extra große Wellenbewegungen mit den Armen und knallte sie besonders laut und kräftig zusammen.

Die Schrift der Blasch sah aus wie Spagettiportionen auf einem Langhaarteppich

»Aabbeerr wwaarruumm?«, artikulierte Henry, wobei er sich fast den Arm ausrenkte. Er blickte kurz zu dem Übersetzer, der am Rand des Arbeitsteichs saß, in dem der Blasch schwamm. Das Gerät war ein umgebautes Standardmodell: an einem Ende Mikrofon und Lautsprecher, am anderen eine Gruppe wellenförmiger Arme. Leider war der Übersetzer außer Betrieb.

Der Blasch glaubte anscheinend, die Integration von Aliens ließe sich am besten fördern, indem man sie zwang, möglichst schnell Blisch-blosch zu lernen. Dem galaktischen Protokoll zufolge musste zwar bei allen offiziellen Begegnungen zwischen intelligenten Aliens ein Übersetzungscomputer zur Verfügung stehen. Der Blasch interpretierte diese Bestimmung allerdings in ganz wörtlichem Sinn. Kein Passus im galaktischen Gesetz schrieb vor, dass der Übersetzer eingeschaltet sein müsse.

Henry konnte den Übersetzer aktivieren, aber das war ihm nur für insgesamt 11,2 Minuten pro Blasch-Arbeitszyklus von 22 Tagen erlaubt. Wenn er mehr verlangte, musste er dafür mit einem Arm und einem Bein bezahlen – und zwar buchstäblich, denn bei den Blaschs wuchsen abgetrennte Arme nach, und sie aßen alles, was ihnen unterkam, sich selbst eingeschlossen.

»Keine Gefahr«, gestikulierte der Blasch. »Kein Asyl nötig. Krieg zu Ende. Mensch, geh nach Hause!«

»Aber wohin?«, versetzte Henry.

»Nnaachch hhaauussee«, wiederholte der Blasch, wobei er seine wedelnden Arme so langsam bewegte, als wollte er sich einem Neugeborenen verständlich machen.

»Aber die Erde ist zerstört!«, schrie Henry. Dann beruhigte er sich so weit, dass er dasselbe in Blisch-blosch formulieren konnte.

Der Blasch machte große Augen, indem er die zehn lichtempfindlichen Kugeln ein Stück weit aus seinem Kopfsack hervortreten ließ; das bedeutete Zustimmung.

»Jawohl«, meinte er. »Kein Krieg.«

»Kein Zuhause!«, antwortete Henry.

»Zuhause«, erwiderte der Blasch und zeigte auf ein Hologramm-Video des Sonnensystems. Die Sonne bildete darin eine verwirbelte rote Wolke; über ihre Ränder trieben Flecken kühlerer Materie, jeweils größer als Jupiter, die sich langsam erhitzten. Soweit Henry in den Nachrichten gesehen hatte, war das eine Folge des Beschusses mit Gravitationsgranaten.

Merkur streifte den Außenrand der Sonnenkorona – ein Klumpen geschmolzenen, glühenden Gesteins. Venus sah weitgehend unverändert aus, ebenso Saturn mit seinen Ringen. Die Erde hatte sich allerdings in eine Masse von Gesteinsbrocken und Staub verwandelt, die sich langsam in die Umlaufbahnen mehrerer Planeten ausbreitete.

Henry unterdrückte die aufsteigenden Tränen. Er war auf der Erde zur Schule gegangen, bevor er seine Tests in der Schwerelosigkeit bestanden und sich auf den Weg in die Galaxis gemacht hatte. Er versuchte, nicht an seine Familie zu denken. Das misslang ihm.

»Kein Essen im Amt«, signalisierte der Blasch. »Salz verboten.«

Er zeigte auf die Träne auf Henrys Wange. Schnell wischte Henry den Tropfen mit einem neutralisierenden Tuch ab, das die Menschen auf Befehl der Blaschs jederzeit bei sich haben mussten. Auf der Wange blieb ein schmutziger, juckender Streifen zurück.

»Kein Zuhause«, sagte Henry und deutete auf die Wolke von Asteroiden, die dort dahintrieben, wo einmal die Erde gewesen war.

»Gestein«, sagte der Blasch. »Menschen leben Gestein.«

»Doch nicht so!«, schrie Henry. »Nicht auf einem Eisenklumpen ohne Luft und Leben.«

Er durfte nicht erwarten, dass sein wildes Gestikulieren irgendeinen Sinn auf Blisch-blosch ergab. Dennoch musste der Blasch seine Aufregung einigermaßen verstanden haben. Er vergrößerte das Bild der Materiewolke, aus der vormals die Erde bestanden hatte.

»Gestein«, sagte der Blasch und zeigte auf ein Bruchstück der Erdoberfläche. Dort stand das Fragment einer Arkologie, einer autarken Superstadt, die sich einst kilometerhoch in den Himmel erhoben hatte. Es musste sich dabei um ein gewaltiges Stück handeln; dafür sprach jedenfalls der Größenvergleich mit einer gleich daneben abgestürzten Korvette der United Space Force.

Und in der Arkologie brannte tatsächlich Licht: Einige Zimmer hatten Strom!

»Erde Gestein«, sagte der Blasch. »Kein Krieg. Keine Gefahr.«

Er deutete auf die Glyphe auf dem Formularschirm vor Henrys Nase. Flüchtlingsstatus verweigert.

»Alien, geh nach Hause!«, erklärte der Blasch abschließend. Dann winkte er mit seinen zahlreichen Armen den Sicherheitsbeamten, damit sie Henry abtransportierten.

Juli 2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft Juli 2020

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