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Futur III: Das Treueversprechen

Eine Kurzgeschichte von D. A. Xiaolin Spires
Auge sieht HologrammLaden...

Teller und Tassen türmten sich im Waschbecken zu einem wirren Haufen. Ich sah zu, wie der Autosorter sie einzeln in die Spülmaschine zog und ultraschallgerecht stapelte, während ich noch über den Anruf aus der Schule nachdenken musste: »Meiling hat wieder Ärger gemacht.« Stumm artikulierte ich »Los!«, und der Geschirrspüler begann zu summen; zugleich breitete sich Zitronenduft aus. Durch die transparente Hülle sah man die hypnotisch wirkenden, abgezirkelten Bewegungen des smarten Superspülers: Mechanische Gliedmaßen tanzten wie Spinnen über mein Porzellan und sangen es unhörbar sauber.

Die sonore Stimme der Eingangskontrolle riss mich aus meinen Gedanken: »Meiling ist angekommen.« Laut fiel die Tür ins Schloss, jemand trampelte die Treppe hinauf.

»Meiling, komm hierher!«, schrie ich. Die Schritte stoppten, dann hörte ich, wie sie wieder herunterkamen. Stampf, stampf. Treppab und durchs Esszimmer in die Küche.

Auf ihrer Baseballkappe prangte »Just 4 UR Evite«, der letzte Schrei auf dem Musikmarkt. Wie hießen die Typen noch? Josh, Kick und Enlai? Oder war das die Boygroup, die in der vorigen Woche noch in gewesen war?

»Nimm das Ding ab und schau mich an«, sagte ich. Sie schüttelte sich so heftig, dass das Hologramm auf dem Kappenschirm, der ihre Augen verbarg, bunte Schlieren zog.

Ich riss ihr die Kappe vom Kopf. Sie kreischte. Ihr schwarzes Haar sträubte sich unfrisiert. Wann hört die Pubertät endlich auf?

Während sie zornig mit den Armen herumfuchtelte und sich beklagte, das sei unfair, sah ich, dass etwas an ihrem Hals baumelte.

»Was ist das?« Das Zeug war fleischfarben und leicht matschig, es glich einem toten, embryonal zusammengekrümmten Nacktmull.

Schlagartig strahlten Meilings Augen vor Vergnügen. Ihr Trotzanfall war wie weggewischt.

An der Halskette hing eine Art unförmiges, bleiches Medaillon.

Sie nahm das Ding in die Hand und quetschte es ein wenig. Der Anhänger deformierte sich unter dem Druck ihrer Fingerspitzen.

»Du findest doch, ich soll nicht immer so materialistisch sein, Mama«, spottete Meiling. »Na, das hab ich Kyle erzählt. Er möchte ja schon länger mit mir gehen und wollte mir deshalb ein Geschenk kaufen. Ich sagte ihm also: Du sollst mir nichts kaufen, aber wenn du echt auf mich stehst, warum schenkst du mir nicht dein rechtes Ohr?«

Meine Tochter lachte. Für mich klang das wie ein grausames Spiel.

»Drauf er: Ohr? Meinst du, ich soll für dich hören? Ich könnte einen Chip installieren und dir in der Spanischstunde beim Übersetzen helfen. Und ich: Nein danke, meine Schularbeiten mach ich selber. Ich will dein Ohr, ganz im Ernst. Er grinste, als wär's ein Witz.«

»Sein Ohr?«, stammelte ich ungläubig.

»Ja, Mama, bleib locker«, sagte sie und verdrehte die Augen. Ihre Finger streichelten die runden Fugen und Falten der blassen, elastischen Masse an ihrem Hals.

»Also, er hat es getan. Er gab es mir wirklich. Ich fand das echt romantisch, das ist irgendwie fast wie bei dem van Gogh im Kunstunterricht.«

»Das hier ist sein eigenes Ohr?« Mir wurde speiübel. Ich sah die Muschel, das Läppchen. Jedes Geräusch erstarb. Nur der Superspüler summte vor sich hin.

»Aber nein, Mama, sei doch nicht blöd.«

»Wie sprichst du mit deiner Mutter?!« Ich griff zögernd nach ihrem Anhänger und scheute dann doch vor dem weichen Knorpel zurück.

»Er hat es gezüchtet. Eigentlich war es als Übung für den Leistungskurs gedacht, aber er machte extra eines für mich. Auf seinem Arm. Trotz der Sommerhitze trug er lange Ärmel, weil er mich überraschen wollte. Es wuchs auf seinem Unterarm, knapp über dem Handgelenk.«

Sie zeigte auf ihre eigenen Hände. Ich strich darüber, unwillkürlich auf der Suche nach seltsamen neuen Noppen.

»Das macht die Sache nicht besser.«

»Er meint, die Muschel kann noch nicht hören, aber er arbeitet am Trommelfell und möchte damit dann akustische Informationen in sein Zimmer übertragen. Auf die Weise können wir Kontakt halten.«

Ich weiß, dass Teenager spezielle Balzrituale haben, doch das ging mir nun wirklich zu weit.

»Gib das her.« Verärgert riss ich an ihrer Halskette.

»Nein!«, kreischte sie. Sie hielt die Kette fest. »Das ist doch sein Treueversprechen.«

Wir kämpften minutenlang miteinander. Sie schrie »Du hast mich nie verstanden!« und »Warum hab ich dir überhaupt davon erzählt!« und »Hätte ich nur gelogen!«.

Ich brüllte zurück »Alles nur, damit ich mich aufrege!« und »Na bitte, das hast du erreicht, aber jetzt wirf dieses eklige Stück Menschenfleisch endlich weg!«. Immer stärker erfüllte der frische Zitronenduft das Zimmer, und zugleich wuchs der Lärmpegel unseres Streits.

»Mama, das verstehst du nicht. Du bist nicht mit DNA-Tausch und Hautplastik aufgewachsen, du weißt einfach nicht, wie viel das bedeutet!«
»Mama, das verstehst du nicht. Du bist nicht mit DNA-Tausch und Hautplastik aufgewachsen, du weißt einfach nicht, wie viel das bedeutet!« Sie drehte sich abrupt herum und wollte davonlaufen.

Dabei flatterte ihr Hemd hinten kurz hoch, und für einen Augenblick sah ich einen kugeligen Auswuchs auf ihrem Rücken.

»Was ist das?«, fragte ich ungewöhnlich leise und mit drohend gesenkter Stimme.

Den Ton kannte Meiling. Jetzt wurde es ernst. Wenn sie mich weiter reizte, würde sie es wochenlang bereuen. Keine Holofonate, keine Nachtausflüge zum Kiosk, kein Kredit fürs E-Mobil.

»Das ist bloß eine Dekoration. Nur vorübergehend.« Sie strich ihr Hemd glatt.

Ich trat näher und inspizierte die Sache genau. Die Lippen meiner Tochter bebten.

Es war ein Auge. In Hüfthöhe sprang rechts neben der Wirbelsäule ein einzelner Augapfel vor.

»Nein, nein, nein ...«

»Versteh doch, ich kann ihn ja nicht so einfach hängen lassen. Liebe funktioniert gegenseitig. Und er sagt immer, ich hätte schöne Augen.« Meiling wand sich kokett.

Ich betrachtete die Pupille, die unverwandt meinen Bewegungen folgte. Dann blinzelte das Auge kurz. Seine kräftigen Adern erinnerten mich irgendwie an die mechanischen Beine des Superspülers. Wie Spinnenfäden strahlten sie über Meilings Rücken aus. Ich griff nach dem Holofon, artikulierte »Hautarzt« und fragte mich, was der chirurgische Eingriff kosten würde – und was er für die Beziehung zu meiner Tochter bedeutete. Hoffentlich bekam ich noch einen Termin vor den Sommerferien.

September 2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft September 2018

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