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Futur III: Der Eindringling

Eine Kurzgeschichte von Uwe Hermann
Digitale VerschlüsselungLaden...

Der Alarm der Rauchmelder weckte mich. Ich brauchte eine Sekunde, bevor ich die Bedeutung des nervtötenden Lärms erfasste. Dann sprang ich aus dem Bett und eilte aus dem Schlafzimmer. Hinter mir richtete sich meine Frau Yvonne verschlafen auf. »Was ist los?, fragte sie. Ich war bereits an der Tür. »Der Feueralarm!«, rief ich. Dann stand ich schon auf dem Flur. Alles schien in Ordnung. Ich roch weder Rauch noch schlugen mir Flammen oder Hitze entgegen. Stattdessen umgab mich Dunkelheit. Meine Hand tastete sich an der Wand entlang bis zum Lichtschalter und knipste das Licht an.

Yvonne trat in den Flur. Aus dem Kinderzimmer kam unser siebenjähriger Sohn Lukas, sein Kuscheltier fest umklammert, und rannte verängstigt in ihre Arme. Sophie, unsere zwölfjährige Tochter, die sich am Wochenende sonst nie vor zehn Uhr aus dem Bett bequemte, öffnete vom Lärm aufgeschreckt die Tür ihres Zimmers. »Was ist passiert«

Noch immer quiekte der Feueralarm. »Das ist der Rauchmelder«, antwortete ich.

Sophie schaute sich um. »Brennt's?« Sicher überlegte sie, welches ihrer vielen elektronischen Geräte sie als Erstes retten musste.

Über uns an der Decke blinkte die rote Warnleuchte des Rauchmelders. Dieser war per WLAN mit identischen Geräten in den anderen Zimmern vernetzt. Wurde ein Alarm ausgelöst, gab er ihn an die anderen Geräte weiter. Wir suchten Raum für Raum ab, ohne einen Grund für den Alarm zu finden.

»Fehlalarm«, sagte ich, nachdem wir wieder auf dem Flur standen. Ich holte mir vom Esstisch einen der Stühle, um die Rauchmelder auszuschalten. Mir fiel auf, dass alle Jalousien heruntergelassen waren. Kein Licht drang von draußen herein. »Wie spät ist es eigentlich«

Yvonne warf einen Blick auf die Uhr in der Küche. Sie stutzte. "Keine Ahnung. Die Anzeige steht auf 99:99.«

Ich ging zu einem der Fenster hinüber und drückte auf den elektrischen Schalter der Jalousie. Nichts! Auch als ich einen der anderen Knöpfe betätigte, hoben sich die Rollläden keinen Millimeter. Dafür klingelte es an der Haustür. Wir zuckten zusammen.

»Ich geh schon.« Yvonne holte ihren Morgenmantel aus dem Badezimmer und eilte die Treppe hinunter.

Sophie wollte wieder in ihrem Zimmer verschwinden und fortsetzen, was Jugendlichen so am Wochenende trieben. Ich hielt sie zurück: »Nimm Lukas mit, bis wir wissen, was los ist.«

Sie verdrehte die Augen. Ihr Bruder ebenso. »Muss das sein? Ich bin doch kein Babysitter.« »Ich brauche auch keinen Babysitter!« Lukas verschränkte beleidigt die Arme. Bevor die Diskussion in einem Streit enden konnte, kehrte meine Frau zurück. Ich sah sofort, dass etwas nicht stimmte. »Was ist los?« Sie schluckte und versuchte ein Lächeln, das ihr völlig misslang.

»Die ... die Tür hat sich nicht geöffnet. Wir sind eingeschlossen.«

Ich runzelte die Stirn. »Was meinst du? Der Computer entriegelt sie doch automatisch. Standest du auch dicht genug vor der Kamera«

Ihre Augen funkelten zornig. »Glaubst du, ich weiß nicht, wie man eine Tür öffnet? Aber weder die Stimm- noch die Gesichtserkennung hat funktioniert!« »Und wer hat geklingelt« »Keine Ahnung, die Tür hat sich doch nicht geöffnet!« Sie knirschte ärgerlich mit den Zähnen und verlangte mit ihrem Blick, dass ich nachschauen solle. Also ging ich die Treppe hinunter, in der Absicht, die massive Haustür selbst zu öffnen. Yvonne hatte Recht: Auch bei mir blieb die Authentifizierung erfolglos.

Lukas sah mich bange an. »Müssen wir jetzt für immer im Haus bleiben« »Glaub nur nicht, dass das ein Grund für dich ist, am Montag nicht zur Schule gehen zu müssen.«

Er schaute enttäuscht. Dann hatte er eine neue Idee. »Darf ich fernsehen« »Meinetwegen.« Unser Sohn stürmte sogleich los Richtung Wohnzimmer. Ich zog und drückte am Türgriff, während ich immer wieder in die Kamera schaute und die Haustür aufforderte, sich zu öffnen, doch nichts geschah.

Sophie schaute amüsiert zu, wie ich an der Tür versagte. »Vielleicht hat der Hausrechner einen Kurzschluss? Es ist ja ungewöhnlich, dass so viele Geräte zur gleichen Zeit ausfallen«, sagte sie.

Ich dachte an die Jalousien und an die Zeitanzeige der Küchenuhr. »Könnte sein. Hat es letzte Nacht ein Gewitter gegeben«

Yvonne zuckte mit den Schultern. »Ich habe nichts gehört. Aber du weißt ja, wenn ich mal schlafe ...«

Lukas tauchte hinter mir auf und zog an meinem Ärmel. »Papa, ich brauche deine Kreditkarte, sonst läuft der Fernseher nicht.«

Wir eilten ins Wohnzimmer. Anstatt eines Senders zeigte der Fernseher einen Text, der verkündete, dass er unter Kontrolle des Intruder-Virus stand und erst nach Eingabe einer Kreditkartennummer sein Programm fortsetzen würde.

Mein Mund klappte auf. Sophie schaute entsetzt. Nur Yvonne blieb ruhig. Sie ging zum Fernseher hinüber und löste das Problem auf ihre Art: Sie schaltete ihn ab.

»Du kannst ein Buch lesen«, sagte sie zu Lukas. Unser Sohn ließ sich schmollend in einen der Sessel fallen, ohne seinen Büchern in der Spielecke unseres Wohnzimmers auch nur einen Blick zuzuwerfen.

Dann sprang plötzlich das Urlaubsbewässerungssystem auf den Fensterbänken an und berieselte die Blumenkästen.

Ich kratzte mich am Kinn. Mir fiel ein, dass ich noch meinen Schlaf-anzug trug. »Schauen wir uns den Hausrechner an!«

Gemeinsam verließen wir das Wohnzimmer. Lukas schloss sich uns an. Offensichtlich wollte er nicht mit einem virenverseuchten Fernsehgerät allein bleiben. Der Serverraum befand sich im Keller, doch so weit kamen wir nicht. Auch das elektrische Schloss der Kellertür blockierte.

»Wir könnten am Sicherungskasten den Strom ausschalten. Dann sollte sich die Tür öffnen lassen.« »Ohne Strom kriegen wir doch die Tresortür des Servers nicht mehr auf«, mischte sich Sophie ein. »Was verstehst du denn davon, kleine Dame?«, fragte ich, ärgerlich, dass sie meinen Plan anzweifelte. »Immerhin habe ich Informatik in der Schule.« »Ich dachte, da erstellt ihr nur Powerpoint-Präsentationen«

Yvonne stand bereits am Sicherungskasten und legte den Hauptschalter um. Nichts geschah. Dennoch eilten wir zur Haustür, nur um festzustellen, dass sie noch immer verschlossen war. Ich blickte in die ratlosen Gesichter meiner Familie. »Familienrat in der Küche!«, befahl ich.

Unser Kaffeevollautomat war ebenso verseucht wie der Kühlschrank, der laut Display in der Vordertür palettenweise Jogurt bei einem Online-Supermarkt bestellte. Kurz dachte ich daran, meine Kreditkarte zu benutzen, und überlegte, wie viel Geld mir ein Kaffee wert war.

Sophie kam herein. »Keines unserer Telefone funktioniert noch. Auch die Tablets sind verseucht. Das muss ein systemübergreifender Virus sein, sonst könnte er sich nicht so schnell verbreiten.«

Ich zog den Stecker des Küchenradios, aus dem nur noch klassische Musik dudelte. »Hilft uns diese Erkenntnis irgendwie weiter«

Sophie schwieg beleidigt.

Yvonne seufzte genervt. »Herrgott, dann benutzen wir eben unsere Kreditkarte. Hauptsache, wir kommen aus dem Haus.« »Das funktioniert nicht«, erwiderte ich kopfschüttelnd. »Der Intruder-Virus ist Ransomware, ein Erpressungstrojaner. Selbst wenn wir das Lösegeld bezahlen, schalten sich nur die kleineren Systeme wieder ein. Die Haustür oder die Jalousien öffnen sich nicht. Der Hacker wird uns nicht aus dem Haus lassen, bis wir pleite sind.« »Was machen wir jetzt?«, fragte Sophie.

»Vielleicht können wir eine Jalousie hochschieben?«, schlug Yvonne vor.

Sofort räumten wir die Fensterbank leer. Sophie holte ein Messer aus der Schublade in der Küche und reichte es mir. Ich schob die Klinge zwischen Fensterbank und untere Kante und schaffte es, die Rollläden einen Spalt hochzuschieben. Hastig klemmte ich den Griff des Messers darunter. Von draußen hörte ich ein Geräusch. Durch den Spalt unterhalb der Jalousie sahen wir, wie sich das elektrische Tor der Autogarage öffnete. Die Scheinwerfer unseres autonomen E-Mobils leuchteten auf. Dann raste es aus der Garage und krachte führerlos gegen den Baum neben unserer Einfahrt.

Wir sprangen zurück. Yvonne sah mich fassungslos an. »Hat der Virus gerade unser Auto zerstört«

Lukas presste seine Nase gegen die Scheibe. »Immerhin hat er vorher das Garagentor aufgemacht.«

Die Deckenbeleuchtung über uns erlosch. Lukas stieß einen Schrei aus, Yvonne schnappte nach Luft. Einen Moment später flammte ein Feuerzeug auf. Ich fragte nicht, warum Sophie ein Feuerzeug besaß. Dieses Thema würde ich ansprechen, wenn wir das derzeitige Problem gelöst hatten.

Wir folgten Sophie ins Wohnzimmer, wo Yvonne mehrere Kerzen aus einem der Schränke nahm und anzündete.

»Wir müssen Hilfe holen!«, sagte sie nachdrücklich, nachdem sie mir Lukas' Taufkerze in die Hand gedrückt hatte. »Und wie«

Sie deutete zur Decke. »Vom Dach aus. Dort oben gibt es den Ausstieg für den Schornsteinfeger. Du könntest hinauskriechen und um Hilfe rufen!« Ich kannte diesen Tonfall. Den schlug sie immer an, wenn etwas kein Vorschlag war, sondern ein Befehl.

»Versuchen kann ich es ja.«

Wir stiegen die Treppe hinauf, bis zur Dachluke. Ich zog sie an dem Lederriemen herunter, klappte die Leiter aus, und wir stiegen die Stufen hinauf.

Auf dem Dachboden roch es muffig. Durch ein fleckiges Fenster fiel Sonnenlicht herein. Ich öffnete die Verriegelung und zwängte mich hinaus. Ein paar Sekunden lang kämpfte ich mit Höhenangst, bevor ich hinauf auf den Dachfirst kletterte.

»Siehst du jemanden?«, fragte Yvonne. Ich hob beide Hände ... und senkte sie wieder. Auf den Dächern der umliegenden Häuser saßen Menschen. Einige winkten mir zu, andere hielten Schilder mit der Aufschrift »Hilfe« in den Händen.

Meine Schultern sackten herab. Wie hatten wir nur glauben können, wir wären die einzigen Opfer des Intruder-Virus?

Ich beugte mich zu Yvonne hinunter, die unter mir aus dem Dachfenster schaute. »Nimm die Kreditkarte und zieh uns zwei Kaffee. Und schalte Lukas den Fernseher ein!«, rief ich. »Bis Hilfe eintrifft, wird es noch einige Zeit dauern!«

Februar 2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft Februar 2018

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