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Futur III: Der neue Prometheus

Diesmal brachte er zu viel Feuer. Eine Kurzgeschichte von Alex Shvartsman
Endzeitkitsch-Landschaft mit Trockenrissen im Vordergrund, dunklen Hügeln im Hintergrund und ominösen Wolken.

Dass die erste Begegnung zwischen Mensch und Klln mit Gewalt und Tod endete, hätte ich als böses Vorzeichen erkennen sollen.

Nachdem ich weit entfernt von ihren größeren Ansiedlungen eine Bruchlandung hingelegt hatte, wollte ich rasch die nötigen Reparaturen ausführen und den Planeten verlassen, bevor ich der dominanten Lebensform begegnete, aber die Schäden waren schlimmer als erwartet. Also musste ich mich auf einen längeren Aufenthalt einrichten. Diese Welt war viel versprechend; es gab essbare Pflanzen, und das Wasser ließ sich nach einfacher chemischer Behandlung trinken. Ich war gerade auf Nahrungssuche, als ich angegriffen wurde.

Die attackierenden Klln waren ein Furcht erregender Anblick. Dutzende insektenähnlicher Wesen, jedes so groß wie ein Cockerspaniel, liefen auf mich zu. Ihre Zangen klapperten hastig. Die Geräusche, die sie ausstießen, glichen dem Kratzen von tausenden Fingernägeln auf einer Schultafel. Da ich nicht schnell genug zurück zum Schiff rennen konnte, schoss ich zweimal in die Luft und hoffte, der Lärm würde sie abschrecken. Leider nicht! Sie kamen näher. Ich geriet in Panik und feuerte in den Schwarm. Kugeln durchschlugen ihre Körper und töteten mehrere Angreifer. Unverhofft hielt der Schwarm endlich an. Sie untersuchten ihre Toten und zogen sich in sichere Entfernung zurück.

Danach sahen immer einige Klln von Weitem zu, wenn ich es wagte, das Schiff zu verlassen. Ich hatte Angst, beschloss aber, meine Arbeit fortzusetzen. Und eines Tages brachten mir die Klln eine Gabe. Zwei von ihnen näherten sich dem Absturzort, ganz langsam, als wollten sie mich gebührend vorwarnen. Sie trugen eine Hand voll der essbaren Pflanzen, bei deren Einsammeln sie mich früher beobachtet hatten. Die Klln legten ihr Geschenk vor die Luftschleuse und entfernten sich.

Das ging einige Zeit so weiter, bis ich den Mut fasste, sie zu besuchen. Als ich näher kam, schnatterten die Klln aufgeregt, wobei sie dasselbe Geräuschmuster immerfort wiederholten. Betroffen erkannte ich, dass es sich um eine echte Sprache handelte.

Mit Hilfe des Schiffscomputers war ich bald im Stande, mit den Insektenähnlichen zu kommunizieren. Ich erfuhr, dass sie sich Klln nannten. Ihre Spezies stand an der Schwelle zur Steinzeit: Sie lernten gerade den Gebrauch von Werkzeugen und entwickelten zügig ihre Sprache, indem sie neue Ideen aufnahmen und zu abstraktem Denken fähig wurden. Sie gewährten mir uneingeschränkten Zugang zu ihrer Siedlung und halfen mir, wo sie nur konnten, bei der Suche nach Rohmaterial für meine Reparaturarbeiten. Da konnte ich doch gar nicht anders, als mich zu revanchieren.

Ich machte Vorschläge, wie sie ihren Ackerbau verbessern konnten, und lehrte sie, mit Speeren zu jagen, die speziell für den festen Zugriff ihrer Zangen konstruiert waren. Und dann war da noch das Rad … Die Siedlung der Klln brauchte bloß Tage, um sich neue Technologien und Konzepte anzueignen, mit denen wir Menschen uns einst wohl viele Generationen lang herumgeschlagen hatten. Ich war stolz, einen kleinen Beitrag zu ihrer aufblühenden Zivilisation zu leisten. Würden sie sich noch nach Jahrtausenden vage an meinen Besuch erinnern? Waren einst auf ähnliche Weise die irdischen Sagen von Prometheus und Quetzlocoatl entstanden?

Ich war stolz, einen kleinen Beitrag zu ihrer Zivilisation zu leisten

Vier Monate später brach ein Krieg aus. Eine der größten Siedlungen, die ich vor der Landung beobachtet hatte, begann sich gewaltsam über diesen Teil des Kontinents auszudehnen. Hunderttausende Klln überfluteten das Umland und vernichteten die kleineren Ansiedlungen der Einheimischen. Doch da die hiesigen Klln gelernt hatten, mit Werkzeugen umzugehen, konnten sie trotz ihrer dramatischen Unterzahl erbitterten Widerstand leisten. Ich versteckte mich im Schiff und sah mittels Überwachungsdrohnen entsetzt zu, wie die Klln einander mit einer Bösartigkeit und Wildheit massakrierten, die alles übertraf, was ich je erlebt hatte.

Die Invasoren erlitten zwar schwere Verluste, passten sich aber sofort an die Taktik ihrer Gegner an. Sie hoben die Speere und Faustkeile der gefallenen Klln auf, und damit war der einzige Vorteil der Verteidiger dahin. Dennoch kämpften die Ansässigen bis zum letzten Krieger. In jeder Klln-Schlacht, deren Zeuge ich wurde, hatte das Leben des Einzelnen wenig Wert, und niemand trat jemals den Rückzug an. Es gab kein Pardon, und Gefangene wurden nicht gemacht. Binnen Stunden war die gesamte Siedlung, mit der ich mich angefreundet hatte, ausgelöscht.

Angesichts dessen fragte ich mich, wieso sich diese furchtlosen Kreaturen anfangs durch ein paar Pistolenschüsse abschrecken ließen. Ich begriff, dass mich nicht ihre Furcht gerettet hatte, sondern ihre Neugier: Da ich Werkzeug und Wissen besaß, das ihnen fehlte, war ich ihnen nützlicher, wenn ich am Leben blieb. Dass sie sich solche Gedanken machen und in der Hitze des Gefechts danach handeln konnten, war ein weiterer Beweis ihrer bemerkenswerten Intelligenz.

Auch die Eroberer tolerierten meine Anwesenheit im Austausch für mehr Wissen – und ich, in unglaublicher Hybris blind vor Eitelkeit, verschaffte es ihnen. In nur zwei Jahren gelangten die Klln aus der Steinzeit ins Industriezeitalter. Sie perfektionierten die Metallverarbeitung und erfanden – ganz ohne mein Zutun – das Schießpulver. Wie ein an seinen Felsen geketteter Prometheus sah ich hilflos zu, wie die Zivilisation der Klln rund um mich wuchs und gedieh. Bei vorsichtiger Schätzung vermute ich, dass sie in weiteren 20 Jahren ihr erstes Raumschiff starten werden.

Nacht für Nacht wache ich schweißgebadet auf. In Angstträumen werden bösartige, methodische und superintelligente Käfer auf das Universum losgelassen – und schuld daran ist meine Einmischung. Lange bevor meine Warnsignale über viele Lichtjahre hinweg die nächsten menschlichen Kolonien erreichen können, werden die Klln ihre Heimatwelt verlassen haben. Ich war so verliebt in die Idee, für diese Spezies die spendable Gottheit zu spielen, dass ich damit möglicherweise die eigene Gattung ins Verderben stürze.

Aber es gibt noch eine Chance, die Katastrophe abzuwenden. Ich liefere den Klln weiterhin ausgewählte Proben menschlicher Wissenschaft, die ihr Interesse hoffentlich auf andere Forschungsgebiete lenken und sie vielleicht noch eine Weile davon abhalten, Flugtechniken zu entwickeln. In einigen Jahren werden sie fähig sein, chemische und biologische Waffen zu erzeugen – und damit, wenn ich Glück habe, die eigene Spezies ausrotten, bevor sie eine Methode ersinnen, den Planeten zu verlassen.

Mit diesem Ziel vor Augen wird der neue Prometheus bis dahin also fortfahren, seine Geschenke zu verteilen.

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  • Quellen

nature

© Springer Nature Limited

www.nature.com

Nature 566, S. 420, 21. Februar 2019