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Futur III: Bleib bei mir

Ein Leben zwischen den Welten.
Eine Kurzgeschichte von Oliver Koch
Kunst oder Realität? Schaufensterpuppe schaut aus dem Fenster

Mike kommt nach Hause und tut so, als gäbe es sie nicht. In gewisser Weise hat er auch Recht, das hat Lea inzwischen eingesehen. Sie sieht ihm zu, und es ist alles so vertraut: sein leicht abwesender Blick. Das Ablegen der Tasche. Das Abstreifen der Schuhe. Das Schlurfen durch den Flur.

Lea liebt es, Mike beim Heimkommen zuzusehen. In solchen Momenten ist er ganz bei sich, in seinen Gedanken. Lea findet diese Augenblicke magisch, weil sie hier Mike sieht, wie er wirklich ist. Auf seiner Stirn zeichnet sich eine Sorgenfalte ab, und seine Augen haben dieses Traurige, in das sie sich bereits beim ersten Treffen verliebt hat. Und das sie noch liebt. So glühend wie immer.

Wenn sie ihn früher beim Heimkommen begrüßte und ihm einen Kuss gab, war es stets, als küsse sie fleischgewordene Gedanken, weich, warm, anschmiegsam. Immer war da eine Sorge, immer hat ihn etwas beschäftigt. Es hat ihn so verletzlich gemacht. Für Melancholie hatte sie immer eine Schwäche. Lea hat sich angewöhnt, ihm diese Zeit für sich zu lassen und so zu tun, als sei sie gar nicht da. Sie vermisst die Nähe, die Wärme, das Gefühl, beieinanderzuliegen.

Auf Socken geht Mike in die Küche und leert ein Glas, gedankenverloren, ihr den Rücken zugekehrt. Sie möchte nicht in der Mitte stehen, will nicht aufdringlich sein, und so bleibt sie am Rahmen zurück. Dann dreht er sich lautlos um und blickt zu ihr herüber. »Hallo Lea«, sagt er, Schwere in der Stimme. Er versucht, sie anzusehen.

»Hallo Mike«, antwortet sie. »Wie war dein Tag?«

»Wie immer.«

Natürlich weiß sie bereits, wie sein Tag war. Sie tauschen sich mehrmals täglich aus. Dabei kommt er ins Reden, schaut sie über sein Device an, lächelt, ist witzig, dann ist es so wie früher, so vertraut. Und Mike ist völlig normal, als sei da nichts zwischen ihnen. Lea blickt ihn an und bemerkt wie jeden Abend, wie unwohl er sich fühlt, ihr gegenüberzustehen. »Ich geh mich mal umziehen«, sagt er leise.

Sie fragt sich, ob sein Leid größer ist als ihres, in dem sie den ganzen Tag hier eingesperrt ist. Das ist kein Leben, auch wenn »du tun kannst, was immer du willst«, wie Mike, die Ärzte und die Freunde ihr das Ganze zu Beginn schmackhaft machten. Um sie zu überzeugen, am Leben zu bleiben, trotz allem.

Endlich Zeit zu haben, all die Dinge zu lesen und für all ihre Magazine Artikel zu verfassen, Bücher zu schreiben, anderen Mut zu machen, die so sind wie sie. Sie hat auf diesem Gebiet Karriere gemacht. Doch nun blickt sie Mike hinterher. Dass sie ihm ins Schlafzimmer folgte, liegt lange zurück. Sie weiß, dass er nicht will, dass sie ihm folgt, doch heute Abend muss es sein, um ihm zu sagen, was sie seit Wochen beschäftigt und wozu sie sich entschlossen hat.

Also folgt sie ihm lautlos. Als sie im Schlafzimmer erscheint, erschrickt er. Er dreht ihr den Rücken zu, als er sich das Hemd auszieht. Seine nackte Haut blitzt auf. Es ist lange her, dass sie sie gesehen, sie gespürt hat. Mike beeilt sich, ein Shirt überzuziehen.

»Nicht«, sagt sie. Mike erstarrt und wagt nicht, sich ihr zuzuwenden.

»Es ist so lange her«, sagt sie. »Lass dich wenigstens ansehen.«

»Oh Lea«, presst er heraus und dreht sich zu ihr um.

»Ich weiß. Bitte.«

Er tritt näher. »Ach Lea.«

»Ich sehe dich doch kaum.«

Lea erkennt in seinem Gesicht alle Facetten seines Schmerzes, der ihm keine Ruhe mehr lässt und von dem sie weiß, dass er daran zerbrechen wird. Er bemüht sich, er kommt jeden Tag nach Hause, obwohl sie sagt, er solle ruhig ausgehen, sich mit Freunden treffen, Freunde einladen wie früher. Doch die Freunde bleiben mittlerweile fern, nachdem sie anfangs gegen ihre Beklemmung angelächelt und zu viel getrunken haben.

Er tritt an sie heran und versucht ein Lächeln, aber sie kann Tränen sehen. Er zieht das Shirt aus und zeigt sich ihr. Auf seiner Haut schimmert das Licht. Er sieht so gut aus, der Körper ist so schön. Sie hebt die Hand, doch sie kann ihn nicht erreichen. Er streckt seine Hand nach ihr aus. Und fühlt nichts als Fensterglas. Denn darin lebt sie. Seit ihr Körper nicht zu retten war und sie eine Eve ist: Körperlos hängt sie in dieser Wohnung fest, erscheint als geisterhafte Projektion in einem Fensterrahmen, den sie durch den Raum fahren kann und durch den das Licht des Tages fällt. Als Person ist sie erhalten geblieben, lebt ihr Leben weiter, zwischen den Scheiben.

Mike beginnt zu weinen. »Oh Gott, Lea.« Sie weiß, dass er sie vermisst, wie sie einst war. Ihre Nähe, ihre Wärme, sie spüren zu können.

Beiden schien es eine gute Idee. Diese neue Technologie sei besser als ihr Tod, meinten sie und sagten »unsere Chance«, als sie noch nicht wissen konnten, was es bedeutete, eine Eve zu werden. »Bleib bei mir«, hat er sie angefleht, als ihr Körper zerfiel, und hat ihr in den schönsten Farben ausgemalt, wie ihr Leben weiterginge, weil ihr Geist, ihre Person erhalten bliebe und sie weiterleben könne. Sein »Bleib bei mir« übertönte ihre Sorgen vor einem Leben als digitales Bewusstsein, als neue Art von Mensch. Eines Tages werde man auch reisen können, die eigenen Wände verlassen und überall sein, hieß es damals. Dann wäre es doch fast wie früher, sagte Mike.

Seit Monaten nun schaut sie tagaus, tagein aus diesen Fenstern, die sie nicht verlassen kann, hinunter auf die Straße, auf denen Menschen durch ihr Leben gehen. Sie hört die Schritte und Motoren, folgt den Gängen und den Fahrten bis zu jenen Ecken, hinter denen sie alsbald verschwinden. Sie kennt die Gegend, durch die sie gehen, durch die sie fahren, aber den gleichen Raum kann sie nicht teilen. Sie blickt hinab und möchte springen, den Regen riechen, den sie fallen hört, und möchte spüren, wie die Sonne auf ihr brennt.

Sie möchte den Regen riechen und die Sonne auf ihrer Haut spüren

Mike streichelt sanft das Fenster, wo sich ihre Schulter abzeichnet, und Lea hat ein schlechtes Gewissen. Wenn er weg ist, ist die Illusion perfekt. Er findet Halt darin, sich vorzustellen, sie sei daheim oder in der Stadt unterwegs, und er müsse nur nach Hause kommen, um sie zu um­armen.

Doch heute muss etwas passieren. Sie hält ihre Hand so, dass es aussieht, als würde sie seine berühren und blickt hinüber zum Bett. Noch immer bezieht er es für zwei Personen. Häufig, wenn er schläft, erscheint sie im Fenster, schaut ihm beim Schlafen zu und stellt sich vor, neben ihm zu liegen. Es sind endlose Stunden, aber ist es ihr wichtig, wenigstens nachts an seiner Seite zu sein. Wenn er schläft und sie bei ihm ist, ist die Welt normal. Sie tut einfach so, als sei sie bloß aufgewacht, und liest oder schaut Serien an.

Er streicht die Konturen ihrer Schulter ab, und die Wärme, die er spürt, kommt von der Sonne, die das Glas erhitzt. Sie stellt sich vor, seine Hand zu berühren, seine Haut zu riechen. Sein Verlangen zu spüren. Ihr eigenes Verlangen. Alles ist nur noch Erinnern: zu essen, zu trinken, einen Stuhl unter sich zu haben, die Beine auszustrecken, barfuß durch die Wohnung zu gehen. Mitzumachen, statt nur zuzusehen.

Dann streift sie ihr Kleid ab. Mike erschrickt, als er sie nackt im Fenster sieht. Sie sieht ihm dabei zu, wie er versucht, Herr über seine Emotion zu werden. Sie weiß, wie erniedrigend es für ihn sein muss, eine nackte Illusion zu begehren. Sie hat stets vermieden, diesen Schritt zu gehen, doch heute muss es sein. Sie spürt, wie ihr Magen sich verdreht, obwohl sie keinen hat, sie spürt ihre Hände feucht werden, obwohl es keine gibt, sie schluckt und spürt es tief im körperlosen Rachen.

Am meisten aber nagt an ihr, dass Mike es nicht erträgt, sie so zu sehen. Wie sehr er sich bemüht, nicht fortzulaufen. »Tut mir leid, Mike«, sagt sie schließlich.

»Wofür entschuldigst du dich denn?«, schluchzt er. »Du bist doch da drin und kannst nicht raus.«

»Du doch auch.«

Es ist, als habe sie ihn geohrfeigt.

»Wir müssen reden«, sagt sie schließlich. »So geht das nicht mehr weiter. Für uns beide.«

Sie kennt ihn gut genug, dass sie weiß, dass er es genauso sieht. Er wagt nicht, etwas zu sagen. Für ihn zu sprechen, fiele leicht, aber es wäre ungerecht. »Ich muss hier raus, Mike.«

Er breitet die Arme aus, will etwas sagen, bricht ab.

»Ich brauche Gesellschaft. Ich werde hier verrückt.«

Er blickt sie an. Zum ersten Mal seit langer Zeit sieht er sie an, als stünde ihr Körper vor ihm. »Was möchtest du denn?«

»Es gibt Gemeinschaften von Menschen, die so sind wie ich. Lauter Eves und Adams. Du könntest einfach mitkommen und dort mit uns leben, deine Arbeit tun, der Mensch bleiben, der du bist und bei mir bleiben.«

Er blickt zu Boden, wo alles nun in Trümmern liegt: sein Job, seine Wohnung, all das, was er für sein Leben hält, all die Gründe, aus denen Lea eine Eve wurde.

Sie holt tief Luft, sie spürt es, als wäre es real. »Du kannst mich gehen lassen, aber ich hoffe, du bleibst bei mir. Du kannst aber auch ein Adam werden. Dann bist du wie ich, und es gibt keine Grenzen mehr.«

Da ist es gesagt. Es ging erstaunlich leicht. Nun steht die Zukunft im Raum, gleißend hell. Es gibt nur Weitergehen oder Zurückweichen. Wochenlang hat sie sich diesen Moment ausgemalt und sich überlegt, wie es werden würde. Und wie sie mit den Konsequenzen umgeht. Die Zukunft steht im Raum und hält die Welt in einer Gegenwart, die nie vorüberzieht. So sehr im Jetzt hat sie sich noch nie gefühlt. Ihr Mund ist trocken. Die Wahrnehmung verengt sich zu einem Hoffen.

Sie spürt, dass nun ihr Herz rasen müsste. Sie sieht Mike, umtost von tausend Ängsten und Fragen. Als die Momente sich dehnen, sagt sie: »Bleib bei mir. Ob du nun einfach nur mit mir umziehst und mit mir kommst, oder ob du ganz zum Adam wirst, ist mir nicht so wichtig. Ich will nur nicht mehr so einsam sein wie jetzt. Und bitte bleib bei mir. Das würde ich mir wünschen.«

Mit gesenktem Kopf fragt er: »Und all das hier?«

»Das ist nichts. Glaub mir, das ist gar nichts.«

In jedem Szenario, das sie sich vorgestellt hat, weinte sie. Doch nun weint sie nicht. Sein Nicken ist kurz, aber bestimmt. Sie hat es so sehr gehofft. »Und wie soll das weitergehen?«, fragt er, ohne aufzublicken.

Das Wie ist ihr egal. Hauptsache, er bleibt bei ihr. Sie spürt das Gefühl, vor Freude zu weinen.

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