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Futur III: Die Einberufung

Schweißtreibender Einsatz für die Allgemeinheit.
Ein Kraftwerk von oben

»Und ab wann gilt die neue Verordnung?« Die Denkfalten zwischen den Augen der alten Frau gruben sich tiefer. Sie hatte Kriege und Weltkrisen überlebt, experimentelle politische Regime, Umweltkatastrophen und drei Inflationen. Gutgeheißen hatte sie davon kaum etwas, alles musste sie hinnehmen. Die neue Regelung, um der weltweiten Energiekrise entgegenzuwirken, erschien ihr allerdings wirklich absurd, geradezu unmenschlich. Es gefiel ihr überhaupt nicht, dass Maddie mit zu den ersten Menschen gehören sollte, die sich dem Gesetz unterwerfen mussten. Sie fühlte sich schuldig.

»Ab 1. 6. 2106«, antwortete ihr Enkelkind.

»Vielleicht übersehen sie dich.«

Müde stemmte sich Maddie vom Tisch hoch. Sie hatte ihre letzte Nachtschicht in diesem Monat hinter sich gebracht und würde ab übermorgen wieder tagsüber im Krankenhaus arbeiten.

»Das ist unwahrscheinlich, Oma. Du musst dich um die Kinder kümmern. Ich werde zwei, drei Jahre weg sein, vermutlich länger.«

»Das muss doch mit eingeplant werden. Alleinerziehende sollten befreit sein.«

»Nur Personen mit weiblichen Anlagen unter 45 Jahren oder solche mit Kindern, die unter zwölf sind, bleiben befreit. Zumindest so lange, bis sie das passende Alter erreicht haben.«

Maddie drückte auf die Kaffeetaste. Der Materie-Synthesizer kredenzte ihr einen Milchkaffee mit Schaum.

»Hast du die Einberufung schon erhalten?«

»Nein, aber das ist nur eine Frage der Zeit.« Sie trank einen Schluck Kaffee und leckte sich den Schaum von den Lippen.

Wenn sie nicht in diesem Jahr eingezogen werden würde, dann im nächsten. Der Einberufung konnte sie nicht entgehen. Und das war auch richtig so; sie fühlte sich nur nicht bereit, ihre Kinder allein zu lassen.

»Das ist übergriffig, das geht doch nicht!«

Maddie schwieg und beobachtete den Schaum in ihrer Tasse. Ihre Großmutter bewohnte die untere Etage des Hauses, in dem Maddie mit ihren Kindern lebte. Sie hatte sich für ein Leben ohne Partner, aber mit Kindern entschieden und hatte es nicht bereut. Tinny war 15, Lilo zwei Jahre jünger.

»Es ist, wie es ist. Die Föderation hat das Gesetz verabschiedet und europaweit sofort umgesetzt.«

»Aber die wissenschaftlichen Berater hatten doch aus ethischen Gründen abgeraten.«

»Ja, aber die Politiker folgten eben den Auswertungen der künstlichen Intelligenzen.«

Die alte Frau schwieg. Viele Jahre ihres Berufslebens hatte sie als Softwarearchitektin für die KI-Entwicklung gearbeitet und war sich der Fehlerquote bewusst. Es gab keine. Nur eins war ihr und den Kolleginnen weltweit nicht gelungen: Empathie und Emotionen zu vermitteln. Binäre Zahlen fühlten nicht.

»Wir können die Welt mit dieser Regelung nicht retten. Das weiß eine KI nicht, aber der Mensch müsste es wissen, Schatz.«

»Der Mensch soll frei von KI-Entscheidungen handeln?« Maddie stutzte. Das hatte ihre Generation so nicht gelernt.

»Wir haben die Befehle erarbeitet. Zuerst waren wir skeptisch, dann begeistert«, erwiderte ihre Großmutter traurig. »Damals erkannte ich, ob Texte von Menschen oder einer KI geschrieben worden waren. Heute schreiben die Menschen nicht mehr.« Wieder schaute sie zu Maddie, doch ihr Blick ging weit in die Vergangenheit. »Die Entscheidungen der Menschheit berufen sich auf Statistiken, und die KIs sorgen dafür, dass diese Statistiken exakt werden. Für euch, die Kinder, die Welt. Damit ihr versteht.« Sie spielte an ihrem langen, geflochtenen grauen Haarzopf, der ihr über die Schulter hing. Seit zwei Jahren saß sie im Rollstuhl. Eine unkomplizierte Operation hätte die Lähmung ihrer Beine beseitigen können, doch sie hatte sich geweigert. Sie wollte keinen Roboter an ihrem Körper schrauben lassen, den sie nicht selbst programmiert hatte.

Maddie schüttelte den Kopf. »Ich verstehe nicht, worauf du hinauswillst.«

Die Greisin seufzte, fuhr mit dem Rollstuhl zum Fenster und seufzte erneut. Sie blinzelte der untergehenden, glühenden Sonne zu. Die Nacht würde die Temperaturen um einige Grad senken. Weit genug, um nach draußen gehen zu können. »Wir vertrauen auf künstliche, empathielose Intelligenzen. Ein Fehler. Wir haben die Menschlichkeit, die Kunst, das Gefühl, die Liebe vergessen.« Sie sah ihre Enkelin einen Moment lang traurig an. »Den gesunden Menschenverstand haben wir den KIs nicht vermittelt. Und nun muss deine Generation darunter leiden. Es tut mir leid.«

Maddie antwortete nicht. Sie hatte Angst vor der Einberufung, und doch war es ihre Pflicht für die Allgemeinheit, eine durch künstliche Intelligenz generierte Entscheidung des Gesetzgebers. Zweifel kamen ihr nicht, sie wollte nur nicht von ihren Kindern weg. Sie würde ihre Aufgabe für das Land erfüllen, und zwar mit Stolz. Die Bedenken ihrer Großmutter irritierten sie.

»Ich bin sicher, es könnte helfen«, sagte sie schließlich. »Mir erscheint es logisch.«

Omama, wie die Kids sie manchmal nannten, war eine nostalgische, alte Frau, dem alten Leben nachweinend. Maddie lächelte. »Es ist alles gut, du und deine Generation habt uns das Leben ermöglicht, wie es heute ist. Ich freue mich auf meine Verantwortung.«

Ihr Gegenüber lächelte sie an. »Ich weiß. Mach dir keine Sorgen, ich kümmere mich um die Kinder. Wobei«, sie schmunzelte, »sich die zwei eher um mich kümmern müssen. Und ihr werdet in Kontakt bleiben.«

Maddie nickte. »Das hoffe ich.«

Vor allem Stimmungsschwankungen, von Wutanfällen, Weinkrämpfen bis hin zu Depressionen, gehörten zur Tagesordnung

Drei Wochen später erhielt Maddie ihre Einberufung und wurde wenige Tage darauf abgeholt.

»Danke für deinen Dienst«, flüsterte ihre Großmutter, als sie sich ein letztes Mal umarmten.

Maddie gehörte zu der ersten Gruppe, die ins Werk einzogen. Täglich trafen weitere Frauen ein, und die Zahl der Bewohnerinnen wuchs schnell auf mehr als 1000. Jede hatte einen eigenen winzigen Raum und ging ihrem Job nach. War dies nicht möglich, wurde ihr eine andere Tätigkeit zugewiesen. Die Einberufenen durften Ausbildungen oder ein Studium beginnen und ihrem Leben eine neue Richtung geben.

Maddie arbeitete als Ärztin auf der Krankenstation und übernahm ähnliche Aufgaben wie früher im Krankenhaus. Der Job war allerdings deutlich stressärmer. Keine Nachtschichten, keine Verletzungen nach Schlägereien, keine Schusswunden. Manchmal behandelte sie eine Schnittwunde, zugezogen in der Küche oder im Garten. Mehr Blut floss nicht. Vor allem Stimmungsschwankungen, von Wutanfällen, Weinkrämpfen bis hin zu Depressionen, gehörten zur Tagesordnung. Sie verschrieb dann leichte Schlafmittel und mitunter Antidepressiva. Maddie mochte ihre Arbeit und fühlte sich fit und stabil. Nur die sozialen Kontakte waren ihr häufig zu viel. Dann zog sie sich in ihrer Freizeit zurück und genoss die Ruhe. Es fehlte ihr an nichts, außer an der eigenen Familie, der Heimat. Ein Opfer für die Welt.

Täglich musste sie sich an einer Sportart beteiligen: Tanzen, Joggen oder Schwimmen. Der ihr zugeteilte Androide Ferdy sorgte dafür, dass sie sich dem Pflichtprogramm nicht entzog. Er war gewissenhaft, emotions- und gnadenlos. Als Sportmuffel brach Maddie dabei jedes Mal in Schweiß aus. Aber das war gewünscht. Einmal hatte sie Ferdy gefragt, warum sie ihre Kinder nicht bei sich haben dürfte. Seine Antwort fiel wenig befriedigend aus: Kinder seien für die Aufgabe nicht von Nutzen.

Um frühzeitige Entartungen festzustellen, wurde den Personen im monatlichen Rhythmus Blut abgenommen. Im ersten Jahr durften sie das Haus nicht verlassen. Wände, Böden und Decken waren mit Sensoren und Wärmeabsorptionsplatinen ausgestattet. Später erhielten die Bewohnerinnen eine Unterarmmanschette, die alle körperlichen Veränderungen aufzeichnete und aufsaugte. »Hitzevampir«, nannte das Bine, die sich mit Maddie angefreundet hatte. Sie verbrachten die freien Abende miteinander und philosophierten über das Kraftwerk, in dem die biologische Weiblichkeit schwand. Überall auf der Welt entstanden weitere solcher Siedlungen. Nach zwei Jahren schien das Projekt erste Erfolge zu verzeichnen, hieß es in den Online-Netzwerken, aber konkrete Zahlen fehlten.

»Wie geht es deinen Kindern?«, fragte Bine. »Hat Tinny die Klausur gut überstanden?«

»Ja, sie meint, es wäre alles prima gelaufen. Ich bin froh, wenn ich die zwei wieder in die Arme schließen kann.«

Bine lächelte schwach. »Ich bin froh, dass wir keine Kinder haben. Ich glaube, wenn ich hier endlich rauskomme, bin ich zehn Kilo schwerer, und mein Mann wird mich nicht mehr anschauen.«

»Wie kommst du darauf?«

»Ich glaube, er geht fremd. Kann ich ihm ja kaum verübeln. Seit einem Jahr bin ich nicht mehr da, und wenn ich wiederkomme, sind alle weiblichen Hormone verbrannt. Was ist das für ein Scheiß? Haben die das eigentlich gewusst?«

»So weit hat niemand gedacht. Tut mir wirklich leid mit Eddie. Hast du ihn mal drauf angesprochen?«

»Klar, gestern, aber er druckst nur blöd rum.« Bine trank einen Schluck Wasser. »Ich würde töten für ein Glas Wein.«

»Ja, ich wäre dabei.« Maddie lachte. »Du wirst ein bisschen zunehmen, habe ich auch, dafür bleiben wir beweglich.«

Bine grinste. »Ja, und haben die Welt gerettet.«

Sie lebten in einer freien, weiblichen Gefangenschaft für die globale Gemeinschaft. Längst zweifelte Maddie die Entscheidung an; sie war bereits über drei Jahre im ÖKW, und ihren aktuellen Blutergebnissen nach müsste sie noch eine Weile bleiben.

»Kannst du mir nichts geben? Du kommst doch an alles ran«, fragte Bine ihre Freundin, aber Maddie schüttelte den Kopf. »Nein, es gibt hier nichts, was gegen Beschwerden dieser Art hilft. Jede Hitzewallung ist ein Schritt gegen die Energiekrise.«

Maddie lachte und sah auf ihr Armband, das von Orange auf Rot wechselte, noch bevor sie es spürte. Das Hormonfeuer begann im Kopf, erst wie ein Druckgefühl, das jeden Gedanken hemmte und die Konzentration zersplitterte, dann kam die heiße Welle, die sich rasend schnell über den gesamten Körper ausbreitete, überhitzt wie in einer Sauna, bis zum Schluss nur feuchter Schweiß übrig blieb.

Sie wischte sich über die Stirn. »Ich hasse es.« Sie schaute auf das Display ihres Armbands und las den Satz, den sie in den letzten drei Jahren schon so oft gelesen hatte:

IHRE HITZEWALLUNG WURDE ABSORBIERT UND WIRD IN ENERGIE UMGEWANDELT. DANKE FÜR IHREN BEITRAG.

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