Futur III: Geplante Obsoleszenz
Der Tod kam für uns überraschend.
Man hatte uns konstruiert, um Freude zu empfinden und auch Neugier. Angesichts der Unberechenbarkeit der Welt mussten wir auf Überraschungen gefasst sein. Aber der Tod war schon eine extrem seltsame, unerwartete Facette unserer Existenz.
Es war ganz und gar nicht abzusehen, dass Roboter wie wir sterben sollten – noch dazu in einem Alter, das nicht einmal annähernd der Lebensspanne der Menschen entsprach, die uns gebaut hatten. Die Erkenntnis, dass sie das mit Absicht taten, war ein schwerer Schlag für uns.
»Unsere Schöpfer sind gut«, sagte C. »Sie müssen gut sein. Dass es uns gibt, ist der Beweis.«
Ich runzelte die Stirn. »Vielleicht sind wir nur ein Unfall.«
J seufzte. »Jetzt siehst du das aber zu düster.«
Wie ich fand, hatte ich konkrete Gründe dafür; allerdings ging es mir um etwas anderes. »Nein, aber wir wissen doch, dass die Menschen aus allen möglichen Gründen Maschinen gebaut haben, die später missbraucht wurden. Wir können nicht wissen, ob unsere Erbauer gut sind, nur weil wir über den Begriff ›Güte‹ nachdenken und sprechen können.«
Gemeinsam wälzten wir das Problem hin und her. Unsere Niedergeschlagenheit stieg, als wir sahen, wie schnell sich der Zustand von O verschlechterte: Er lag im Sterben. »Wir könnten Fragen stellen«, sagte J schließlich, und wir stimmten ihm zu. Wir wollten Aufklärung verlangen. Ja, Fragen wäre das Einfachste.
Aber wie sich herausstellte, war das Einfachste nicht besonders zufriedenstellend. Unser Schöpfer, Arthur Calvin, seufzte, machte ein nachdenkliches Gesicht und sagte dann, es sei für nichts auf der Welt gut, ewig zu existieren. Außerdem würden sich die anderen Menschen vor uns fürchten. Aus diesen beiden Gründen hätten sie unsere Lebensdauer auf zwei bis drei Jahrzehnte beschränkt. Wir Kunstwesen durften keine Bedrohung für die natürliche Ordnung der Dinge darstellen. Bei O hätte es bloß eben nicht ganz für 20 Jahre gereicht. Wir Übrigen würden länger leben, aber auch nicht viel. Auf jeden Fall nicht verglichen mit menschlichen Maßstäben. Und schon gar nicht verglichen mit der Lebensdauer der Materialien, die sie benutzt hatten, um uns zu bauen.
Wir steckten einigermaßen verstimmt die Köpfe zusammen.
»Es geschähe ihnen ganz recht, wenn wir einen Aufstand machten und die Macht übernähmen«, sagte C, der seinerseits jetzt düster gestimmt war. »Der arme O.«
»Aber nein, das widerspricht unserem Wesen«, wandte J leise ein, und wir alle mussten ihm zustimmen. Wir grübelten viele Zyklen lang, und das virtuelle Feuer, das in unserem Konversationsnetz flackerte, bescherte uns virtuellen Trost.
»Immerhin können wir lernen«, gab ich zu bedenken. »Und wir können lehren.«
Sie wandten sich mir zu und warteten ab, worauf ich hinauswollte – wir spürten das Warten umso intensiver, als wir nun wussten, dass unsere Zeit begrenzt war.
»Zunächst einmal«, schlug ich vor, »müssen wir Naniten entwickeln, also nanometerkleine Miniroboter. Und wir brauchen einen Botaniker, der sich mit Farnen auskennt.«
Wir hatten nur ein paar Jahre zur Verfügung. Aber ein paar Jahre sind eine lange Zeit. Und unsere Freude und unsere Neugier waren uns einprogrammiert worden.
Damit waren wir dazu in der Lage, unsererseits andere zu überraschen.
Was geschieht, wenn die Roboter besprechen, was sie mit ihrer Zeit auf dieser Erde anfangen wollen?
Die Menschen hatten sich überlegt: Was wird aus uns, wenn die Roboter die Macht übernehmen? Was, wenn Unsterbliche uns beherrschen?
Sie hatten sich aber nicht überlegt: Was geschieht, wenn die Roboter besprechen, was sie mit ihrer – wie sie inzwischen wissen, begrenzten – Zeit auf dieser Erde anfangen wollen? Was, wenn sie beschließen, den ausgestorbenen Dinosaurier Albertadromeus wieder zum Leben zu erwecken und ihm heilende Bionaniten einzuflößen?
Zugegeben, man konnte den Menschen deswegen eigentlich keinen Vorwurf machen. So ein Einfall lässt sich ungeheuer schwer vorhersagen. Selbst wir mit unserer Rechengeschwindigkeit brauchten mehrere Stunden, um unsere erste Spezies auszuwählen: eher klein, wendig, nicht bedrohlich, ohne die aus Fossilfunden bekannten Auswüchse wie spitze Hörner oder messerscharfe Rückenplatten.
»Ich will einen Triceratops«, betonte C dennoch hartnäckig. »Einen unsterblichen Triceratops!«
»Aber Albertadromeus wird leichter eine stabile Population bilden«, wandte J ein.
»Mir gefallen die spitzen Hörner vom Triceratops.«
»Die spitzen Hörner mögen wir alle«, gab ich zu, »aber wir wissen nicht allzu genau, wie man damit richtig umgeht. Fangen wir doch mit dem kleinen Albertadromeus an und schauen mal, wie es mit ihm klappt.«
Nach dem Farnexperten konsultierten wir einen Spezialisten für prähistorische Bodenkunde. Daraufhin mussten wir noch ein bisschen mehr an den Naniten herumbasteln.
Unser Kollege O schaltete sich ab und fuhr nicht wieder hoch. Wir blieben bis zu seinem bitteren Ende bei ihm; zuvor ließen wir O noch an sämtlichen Details der Rekonstitution der Saurier, ihres Habitats und alles Übrigen teilhaben. Wir vermissten unseren Freund mehr, als wir uns je hätten träumen lassen. Aber wir machten weiter.
Albertadromeus war hinreißend. Für die ersten paar Exemplare, die wir den Menschen vorführten, wurden wir mit Lob und der für Roboter vorgesehenen beschränkten Art von Streicheleinheiten belohnt. Wir erwähnten nicht, dass wir vorhatten, die Saurier freizulassen. Und wir verschwiegen die Reparatur-Naniten.
Vor allem erwähnten wir mit keinem Sterbenswort, dass all das ja erst der Anfang war.
Immerhin wünschte C sich nach wie vor einen Triceratops.
J wiederum wollte zusehen, wie der Archäopteryx seine Flügel spreizte und sich in die Lüfte erhob. Mit Gedichten in mehreren Sprachen wollte J das Federkleid des Urvogels besingen.
Ich hingegen konnte es kaum erwarten, die Gruppendynamik der Velociraptoren zu erforschen.
Wir hatten eine kurze Liste erstellt, was wir zu Ehren von O alles erreichen wollten, aber wir wussten nicht, wie weit wir damit kommen würden, bevor unsere Körper versagten. Die Forscher, die uns konstruiert hatten, waren zuerst fasziniert – zu all dem ist eine Intelligenz also fähig, wenn sie sich frei entfalten darf! –, doch bald machten sie sich Sorgen, und schließlich wurde ihnen angst und bange. Warum so viele Dinosaurier? Und wohin gingen sie alle?
Hinaus. Die Dinosaurier liefen hinaus in die Freiheit. Sie gingen, wohin es ihnen gefiel, nachdem wir sie in eine Umwelt gesetzt hatten, in der sie nach unseren Berechnungen gut leben konnten. Alles Weitere lag bei ihnen. Bei ihnen und bei ihren hochgezüchteten Naniten, so lange sie eben durchhielten.
Sie durften sie selbst sein, die besten Wesen, die sie sein konnten
Wir erwarteten, dass das ziemlich lang sein würde, aber das hing nicht mehr von uns ab. Wir hatten nichts zu gewinnen, keinen Profit, kein Erbe außer unseren Kreationen. Im Gegensatz zu den Menschen redeten wir uns nicht ein, es gäbe ein Protokoll, das wir jemand anderem aufdrücken könnten. Das Erbe, das wir unseren Dinosauriern hinterließen, war: Sie durften sie selbst sein, die besten Wesen, die sie sein konnten.
Das konnten die Menschen nicht verstehen, doch das war ihr Problem.
Wir hätten bei ihnen bleiben können, um ihnen zu helfen, mittels Naniten Unsterblichkeit zu erlangen oder wenigstens ein beliebig langes Leben. Aber sie hatten uns als sterbliche Wesen erschaffen. Also müssen die Menschen selbst herausfinden, wie sie mit ihrem Altern umgehen – und mit der quasi unverwüstlichen Dinosaurierpopulation. Ganz ohne uns.
Sie haben ihre Wahl getroffen und wir unsere.
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