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Futur III: Ich und ich und ich und die Zeit

Wettlauf mit einem chronisch boshaften Widersacher. Eine Kurzgeschichte von Uwe Schimunek
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Noch 20 Minuten bis zu meiner Realzeit. Ich programmiere die Zeitkapsel und steige aus. Beim Start sieht die Kapsel beinahe aus wie ein normaler Aircar – sie verschwindet nur schneller und saust zurück in mein Labor.

Ich schlage den Kragen meiner Jacke hoch; durch die Fußgängerzone bläst der Wind, als wolle er die Stadt leer fegen. Aber das hält mich nicht auf. Womöglich bin ich der Letzte, der Frotzki stoppen kann.

Die App in meiner Smart-Brille meldet eine Time-Switch-Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent. Die Chancen stehen also halbe-halbe, dass ich eine Veränderung im Zeitverlauf verhindern kann. Die Anzeige daneben bestätigt, dass ich den Mindestabstand zu meinem T-Null-Ich habe. Deswegen machen mir die Überwachungskameras keine Sorgen.

An der Straßenecke leuchtet die Sub-Tube-Station. Vor dem Eingang schwirren ein paar Drohnen herum. Ich greife in die Manteltasche, finde eine Münze und lasse sie fallen. Beim Aufheben aktiviere ich die virtuelle Maske an meiner Smart-Brille. Irgendwann entdecken mich Frotzkis Algorithmen trotzdem. Doch vorher sitze ich längst in der Tube zum Campus.

Ich betrete die Rolltreppe und versuche, möglichst beiläufig an den Passanten vorbei nach unten zu eilen. Niemand beachtet mich. Die Augen zucken hinter den Gläsern der Brillen, folgen vermutlich Nachrichten- oder Unterhaltungsprogrammen. Auf der Plattform schwingen die Tubes aus den Röhren. Ich steige ein. In der Tube sitzt nur ein Mann. Ist das einer von Frotzkis Leuten?

»Bitte Platz nehmen, wir starten«, sagt eine Frauenstimme, bevor ich den Mann näher betrachten kann. Es zischt. Die Beschleunigung wirft mich in den Sessel. Nur einen Wimpernschlag später dreht sich der Sitz. Nun drückt mich das Abbremsen ins Polster.

»Universität«, sagt die Frauenstimme. Ich stehe auf. Der Mann ebenso. Anscheinend zeigt ihm seine Brille erst jetzt an, dass ich existiere. Er lässt mir den Vortritt. Gut, denn ich habe es eilig. Noch 15 Minuten bis zur Realzeit. Ich eile die Rolltreppe hinauf. Der Campus liegt menschenleer im Dämmerlicht. Im Laborgebäude sehe ich einen Schatten. Frotzki?

»Mobile Polizeieinheit. Routinekontrolle! Bitte weisen Sie Ihre T-Zeit aus!« Die Normstimme des Sicherheits-Bots kommt von hinten. Ich gehe weiter. So kann ich den Bot nicht abschütteln, aber Zeit und ein paar Meter gewinnen. Die Einheit schwebt an mir vorbei, deaktiviert meine Maske und versperrt mir den Weg. »Bitte weisen Sie Ihre T-Zeit aus!«, wiederholt der Bot. Ich weiche ihm aus und frage: »Meinen Sie mich?«

»Ja.« Der Blechkamerad schwebt wieder vor meine Füße und fährt die Greifer mit den Tasern aus. »Das ist eine Warnung vor den Folgen nichttödlicher Gewaltanwendung. Die Stromstöße sind schmerzhaft und können bei gesundheitlich beeinträchtigten Personen medizinische Behandlungen nötig machen.«

Ich bleibe stehen und krame in der Manteltasche nach der ID. Was nun? Wenn ich die Karte zeige, nimmt der Kerl mich fest. Vorher wird er mir einen Vortrag über die Gesetze zum zeitmanipulativen Reisen halten. Ich kenne die Ausführungen, denn ich habe sie verfasst. Also nicht die rechtssicheren Formulierungen, sondern die Inhalte. Schließlich hat mein Team die Zeitkapsel entwickelt.

Nachdem die Kollegen aus der Physik das Hawkingsium mit der negativen Masse entdeckt hatten, mussten wir Ingenieure damit nur noch eine Maschine bauen. In ihrem Inneren wird das Raumzeitgefüge so stark gekrümmt, dass man an einen Punkt in der Vergangenheit zurücktunneln kann. Damit nutzt man die Unschärfe der körnigen Quantengravitationseinheiten aus, sagen die Experten. Allzu weit zurück geht’s leider nicht. Aber die eine oder andere Stunde ist schon drin.

Diese Details kennt der Sicherheits-Bot natürlich nicht, er ist eine Basisausführung für den Streifendienst. Er steht vor mir mit seinen Tasern und ahnt nichts vom Ärger mit der Zeit. Denn schon mit Reisen in die jüngste Vergangenheit lässt sich allerhand Unsinn anstellen.

Frotzki zum Beispiel hat mit der Zeitkapsel eine steile Karriere gemacht. Es ist ein offenes Geheimnis, dass er mehrere Mitglieder der flugs eingesetzten parlamentarischen Zeitreise-Kommission mit dem Doppelten-Mann-Trick übertölpelt hat.

Erst hat er politische Gegner zu heiklen Absprachen in Hinterzimmern überredet. Dann ist er genau dorthin zurückgereist, um ebendiese Deals mit der Kamera zu dokumentieren und seine Gegenüber zu erpressen. Am Ende hatte er genug Kommissionsmitglieder in der Hand und wurde zum Institutsleiter und Chefberater der neuen Aufsichtsbehörde ernannt. Seitdem kontrolliert er sich selbst.

Und mich. Ich musste die Regeln in seinem Auftrag formulieren: Mindestabstand zum eigenen T-Null-Ich halten, mit der Zeitkapsel stets wenige Sekunden nach der Startzeit zum Ausgangsort zurückkehren. Ausgerechnet Frotzki und seine Männer sollen das überwachen.

Deswegen habe ich das Time-Switchometer konstruiert. Das Gerät zeigt mir die Wahrscheinlichkeit von Zeitmanipulationen an – sowie den Ort und den Zeitpunkt, an dem sie ausgelöst wurden. Darum stehe ich jetzt hier. Den Daten nach hat es jemand auf das Time-Switchometer abgesehen. Ich wette, es handelt sich um Frotzki. Nur mein Gerät kann ihn noch in Schach halten.

Der Bot ruht vor mir, einzig seine optischen Sensoren zeigen, dass er nicht in den Standby-Modus geschaltet hat. Der lässt mich wahrscheinlich bis morgen in meinen Taschen kramen. So viel Zeit habe ich aber nicht.

»Ich muss meine ID im Büro vergessen haben«, sage ich.

»In diesem Fall begleiten Sie mich bitte zwecks T-Zeit-Überprüfung auf die Dienststelle.«

»Das Büro ist gleich dort im Gebäude.«

»Die Vorschriften ordnen eine Überprüfung auf der Dienststelle an.«

Ich seufze. Der Bot vibriert. Zwischen seinen optischen Sensoren sprühen Funken. Es knistert und riecht nach verbranntem Plastik. Die Blechkiste kippt zu Boden; es scheppert, als würde eine Mülltonne umfallen.

Hinter dem Schrott-Bot tauche ich auf und sage: »Wow!« Ich sehe die Augen meines Ichs leuchten. Der Stromschocker in der Hand qualmt noch.

»Bist du mein T-Null?«, frage ich.

»Quatsch, T-Zwei.«

Also ist die Zeitkapsel rechtzeitig im Labor angekommen und mein T-Null-Ich ist kurz vor meiner kleinen Zeitreise noch einmal gestartet, denke ich. Umso besser. Zu dritt kommen wir mit Frotzki sicher klar. In meinem Display sinkt die Time-Switch-Wahrscheinlichkeit prompt auf 25 Prozent.

»Schnell!«, ruft mein anderes Ich. Es steckt den Schocker ein und sprintet los. Ich bin nicht besonders gut in Form. Nach ein paar Schritten fehlt mir die Luft. Zum Glück ist mein Büro im Erdgeschoss. Wir stürmen ins Labor.

Frotzki steht mit dem Rücken zu uns an der neuen Konsole. Ich sehe den faltenfreien Anzug, den Politiker und Manager als Uniform tragen. Frotzki scheint uns nicht zu bemerken. Seine Finger fliegen über die Befehlszeilen auf dem Touchdisplay meines Zeit-Switchometers. Wir müssen eingreifen. Er braucht allenfalls noch ein paar Sekunden, um die Software auf dem Gerät zu löschen.

Mein T-Zwei-Ich zieht den Elektroschocker aus der Tasche. Ich schaue ihn an und schüttle den Kopf. T-Zwei verdreht die Augen.

»Hey!«, rufe ich.

Frotzki dreht sich um und erstarrt. Sein Mund steht offen, er sagt aber nichts. Nur seine Augen gucken abwechselnd zu T-Zwei und mir. Für einen Moment surren nur die Lüfter der Computer im Labor. Mein T-Zwei findet zuerst Worte und ruft: »Finger weg!« Dazu winkt T-Zwei mit dem Schocker.

Frotzki tritt langsam von dem Gerät weg. Sein Gesicht sieht aus wie ein Fragezeichen. Er murmelt: »Wo kommt ihr eigentlich her? Ich hätte das Gerät gleich zerstört! Wieso konnte es euch warnen?«

»Ich habe eine Kopie als App laufen«, antworte ich und tippe auf meine Brille. »In die Synchro ist ein Fallback programmiert, das die Werte auch bei einer Manipulation des Switchometers variieren lässt.« Die Anzeige vermeldet immer noch eine Wahrscheinlichkeit von zwölf Prozent.

Hinter mir öffnet sich die Tür. Ich trete ein. Also mein T-Null-Ich, das eigentlich zu spät kommt, um Frotzki davon abzuhalten, das Switchometer zu sabotieren. Es schaut ziemlich verdattert. Kein Wunder, schließlich wird es mich und T-Zwei erst in ein paar Minuten auf den Weg schicken – nachdem Frotzki das Switchometer sabotiert hätte.

»Das Spiel ist noch nicht vorbei!«, ruft Frotzki trotzig. »Ich habe auch eine Zeitkapsel und kenne den Doppelten-Mann-Trick. Wenn ich in ein paar Minuten nicht zurück in meinem Büro bin, startet mein T-Null erneut und macht dieses Teufelsding eben noch früher kaputt. Ich weiß, dass Sie mit der Zeitkapsel auch umgehen können, und bin darauf vorbereitet!«

Nicht provozieren lassen, denke ich.

Mein T-Null-Ich scheint mittlerweile die Lage verstanden zu haben und sagt: »Also! Wir haben es gehört. Sein T-Null muss im Büro bleiben und darf die Zeitmaschine nicht benutzen.« Mein T-Null zeigt auf Frotzki. »Dann verschwindet der da von allein.«

»Jo!«, ruft T-Zwei, zückt den Schocker und macht sich bereit zum Gehen. Wieso ist der so aggressiv? Steckt das in mir?

»Nicht du.« Mein T-Null guckt zu mir. Ich? Offenbar sehen alle meine fragende Miene, denn mein T-Null erklärt: »T-Zwei muss gleich in die Kapsel und die Zeitreise starten. Dann bin ich allein im Büro. Wie ursprünglich. Danach steige ich in die Kaspel. So sollte diese Aktion den geringstmöglichen Einfluss auf den Zeitverlauf haben. Und ab meinem Start gibt es wieder nur einen von uns«, sagt mein T-Null und zeigt auf mich. »Dann übernimmst du.«

»Aber ich bin doch als Zweites …«, sagt T-Zwei und guckt verzweifelt den Schocker an.

»Aber vorher, denn für T-Eins bin ich später und weiter zurückgereist«, sagt mein T-Null.

»Dann hab ich nur die paar Minuten?«, fragt T-Zwei.

»Du bist ich!«, entgegnet T-Null.

Ich verstehe. Also wir. In der Anzeige sinkt die Wahrscheinlichkeit für einen Time-Switch auf vier Prozent – unser Plan scheint zu funktionieren.

»Na gut«, sagt T-Zwei und klingt resigniert. »Ich passe auf diesen Frotzki auf, bis er weg ist.« Er drückt mir den Elektroschocker in die Hand. »Denk dran, Frotzkis T-Null darf nicht aus seinem Büro raus …«

»… bis die Time-Switch-Wahrscheinlichkeit bei null liegt«, ergänze ich.

Auf dem Weg zur Tür stecke ich den Schocker in die Tasche. Ich kläre das mit Worten. Das kann ich viel besser. Oder?

Februar 2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft Februar 2020

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