Futur III: Jenseits der Unendlichkeit
»Also, was hältst du davon?«, fragte ich Dou.
Er lehnte sich zurück, und der kastanienbraune Lederüberzug der Couch knarzte unter seinem Gewicht. Sein strahlend weißes T-Shirt spannte sich über seinem üppigen Bauch. Ich konnte sehen, wie er seufzte, aber das Atemgeräusch ging im Klirren des Porzellangeschirrs am Nachbartisch unter.
Warum mussten solche Begegnungen immer in Cafés stattfinden? Warum nicht in Supermärkten, an Schwimmbecken oder direkt neben wild aufschäumenden Stromschnellen hoch oben in menschenleeren Bergwelten?
Ließen sich Kaffeestuben leichter darstellen? Brauchte man dafür weniger komplizierte Polygonnetze? An den Gerüchen konnte es nicht liegen. Ein Schwimmbecken roch einfach nach Chlor, ein Café nach tausend unterschiedlichen Düften.
Vielleicht machte ich mir allzu viele Gedanken.
»Ich glaube, es wird nicht funktionieren«, sagte Dou, und ich liebte ihn für diese Antwort.
Nicht dafür, dass er meiner Idee keine Chance gab, das hatte ich erwartet, sondern dafür, dass er mich nicht für verrückt erklärte oder aufsprang und hinaus auf die Straße rannte oder gar die Polizei rief. Was natürlich alles ohnehin gar keinen Sinn gehabt hätte.
»Ich spreche nicht von einem Virus«, erklärte ich.
»Ja, ein Virus würde es nicht bringen«, nickte Dou. »Das horrende Ausmaß von Ressourcenverbrauch, das du dir vorstellst, würde allen unangenehm auffallen, bis zur letzten Großmutter.«
»Das ist der Grund, warum sie sich ganz von selbst nichts sehnlicher wünschen müssen, als es zu benutzen«, sagte ich. »Oder es wird nicht funktionieren.«
»Es wird nicht funktionieren«, wiederholte Dou.
Hatte er das so gemeint? Oder war die Wiederholung eine Systemstörung? Würde ich überhaupt den Unterschied bemerken? Konnte er etwas davon merken? So viele Fragen – und nur eine einzige Antwort. Falls es funktionierte …
»An diesem Punkt kommst du ins Spiel«, betonte ich. »Du bist das Genie. Also los, du Genie, sorge dafür, dass es klappt.«
Er lehnte sich vor, der Lederbezug gab wieder ein lautes Geknarze von sich, und sein T-Shirt beulte sich dort, wo es den Tisch berührte, nach innen. Das Ausmaß an Rechenleistung, das allein nötig war, um die nahtlosen Übergänge des Schattenspiels auf seinem Bauch zu erzeugen, ließ meine Idee lächerlich erscheinen.
Aber jetzt hatte ich Dou am Haken.
»Du wirst etwas Spektakuläres brauchen«, sagte er eifrig. »Ich meine, allein die Simulation von so etwas…« Er hob seine Tasse mit dem darin schwappenden Kakao, auf dem eine winzige Scholle aus langsam schmelzender Sahne herumwirbelte.
»Das ist der Grund, warum es nutzlose Berechnungen sein müssen«, betonte ich. »Etwas, das die Ressourcen ordentlich beansprucht, aber zur Simulation nichts beiträgt.«
»Sofern es sich überhaupt um eine Simulation handelt«, wandte Dou ein. »Das hast du ja noch nicht bewiesen.«
»Es ist nicht zu beweisen, solange du nicht außerhalb des Universums stehst und hereinschaust«, versetzte ich.
An irgendeinem Punkt würde der Rechenaufwand der Simulation an seine Grenzen stoßen
Er hob seine Hände hoch, als wollte er sagen: Ich geb’s auf. Feine Haare sprenkelten seine Haut; sie waren blond und so winzig, dass man sie fast nicht wahrnahm. Ich rückte meine Brille zurecht. Trotzdem: Ich konnte sie kaum erkennen.
War das die Ursache dafür, dass die menschliche Sehschärfe mit der Zeit schlechter wurde? Zu viele Beobachter? Zu vieles, was dargestellt werden musste? An irgendeinem Punkt würde der Rechenaufwand der Simulation an seine Grenzen stoßen. Sogar das Universum musste irgendwo ein Ende haben.
»Also bitte. Wenn es unbeweisbar ist, dann gibt es für dich nichts, was du beweisen kannst«, erwiderte Dou und blockierte mit erhobenem Zeigefinger meine möglichen Einwände. Der Nagel war gründlich abgekaut. »Aber ich mag dich, und ich mag die Herausforderung.«
»Also wirst du mir helfen?«, rief ich. »Damit wir einen Trick finden, mit dem sich die Algorithmen auf genügend viele Computer verteilen?«
»Du musst gar nicht tricksen«, widersprach Dou. »Mach es einfach sexy.«
»Pornos?«, fragte ich ungläubig. Das kam mir einfach blöd vor. Es gab ja schon längst eine Unmenge Pornografie im Internet.
»Nein, du Schwachkopf«, sagte er. »Sexy, geil, attraktiv. Wie Geld, wie Technik, wie Medienstars.«
»Aber um Technik dreht sich die ganze Sache doch eh schon«, wandte ich ein. Ich überlegte. »Wahrscheinlich könnte ich irgendeine Berühmtheit dafür bezahlen, es zu promoten.«
»Wenn du das könntest, würdest du mich nicht brauchen«, versetzte Dou. »Außerdem: Bezahlen ist nicht sexy. Du willst das Gegenteil: Die Leute sollen dir dafür Geld geben.«
Das hörte sich zugegebenermaßen sexy an. Aber …
»Wie soll ich das schaffen?«, fragte ich.
Dou setzte sein patentiertes Teufelskerl-Grinsen auf.
»Erfinde eine tolle Geschichte«, schlug er vor. »Irgendeine mysteriöse Entdeckung, einen nebulösen Erfinder, einen unermesslichen Schatz. Denk an Indiana Jones, die Anfangsszene, wo er von einer gigantischen Felskugel gejagt wird. Endlich hat er den Schatz gefunden, aber gleich verliert er ihn wieder.«
Ich blinzelte angestrengt. Verlorener Schatz. Das erinnerte an …
»Spitzenmäßig«, rief ich. »Du installierst das Programm auf deinem Computer, und damit gehst du dann auf Schatzsuche.«
»Aber du findest den Schatz nicht«, ergänzte Dou. »Jedenfalls fast nie.«
Geschenktes Geld ist sexy
»Aha, ein Glücksspiel«, überlegte ich. »Man muss der Erste sein, der mit seinen Kalkulationen Erfolg hat. Die Leute werden Rechenleistung hineinpumpen wie verrückt.«
Dou hob seine Tasse zum Salut. Dann schlürfte er die letzten Tropfen Kakao heraus, schmatzte mit dicken Lippen und schnalzte mit der Zunge.
»Du musst dafür sorgen, dass ein paar Leute echt steinreich werden«, sagte er. »Mach es am Anfang nicht zu kompliziert. Geschenktes Geld ist sexy.«
»Aber mit der Zeit muss es immer schwieriger sein«, fügte ich hinzu. »Du musst immer mehr Rechenaufwand für jede weitere Belohnung verlangen. Begrenze die Verfügbarkeit. Wie seltene Sammlerstücke. Münzen oder alte Schwerter.«
Die Leute sollten danach verrückt werden. Sie würden die gesamte Rechenleistung, die ihnen zur Verfügung stand, hineinbuttern wollen. Wenn das die Simulation nicht abstürzen ließ, gab es überhaupt nichts Menschenmögliches, was das zuwege bringen konnte.
»Magie«, sagte Dou.
»Wie bitte?«, fragte ich.
»Nicht bloß simple Münzen«, erklärte er. »Magische Wertkarten. Vergiss deine Geschichte nicht. Du musst eine großartige Story anbieten. Und du brauchst einen Namen, der sexy ist. Eine Bezeichnung, die etwas Technisches enthält und Macht ohne Ende verspricht.«
»Ich glaube, so etwas hab’ ich schon gefunden«, antwortete ich. Ich ergriff seine Tasse, hielt sie vors Gesicht und nahm einen tiefen Atemzug. Der Duft von Schokolade und Zimt stieg mir in die Nase. »Wir werden es Bitcoin nennen.«
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