Futur III: Starship Methusalem

»Morgenappell auf Deck 7«, donnerte die synthetische Stimme der Drohne.
Walther beeilte sich. Die Schwerkraftgeneratoren des Schiffs surrten, während sich die Reihen der Soldaten auf dem polierten Metallboden formierten. Hydraulische Exoskelette in den Kampfanzügen, die mehr lebenserhaltende Apparaturen waren als Rüstung, stützten ihre Körper. Alle Sensoren in Walthers Visier blinkten grün: Die Schmerzmitteldepots waren gefüllt, der Herzschrittmacher synchronisierte sich mit dem Kampfmodus.
In der Mitte des Appellplatzes im »Starship Methusalem« schwebte eine Kommandodrohne. Auf der Oberfläche ihres sphärischen Körpers flackerte das Hologramm eines Generals mit heroischem Blick. »Infanterie-Einheit 5G, antreten zum Sühnenappell«, dröhnte der KI-General. Menschen hatten keine Entscheidungsbefugnis mehr, sie übernahmen heutzutage lediglich Verantwortung.
Die Rekruten begannen, ihre Meldungen herunterzurattern. Walther hasste das demütigende Ritual. Dann ertönte Oma Hildes zackige Stimme: »Hilde Thyssnelda Krupper. Ehemals leitende Waffeningenieurin bei Orion Combat Solutions. Verantwortlich für die Entwicklung autonomer Zielerfassungssysteme und adaptiver Sprengköpfe. Schuldanerkennung: direkte technische Mitverantwortung für zivile Kollateralschäden in interstellaren Ressourcenkonflikten.«
Walther hörte ihren lauten Atemzug, der einem Seufzer glich. Er wusste gar nicht, dass Hilde in der gleichen Firma wie er gearbeitet hatte.
»Bereit zur aktiven Frontsühne«, fügte Hilde selbstsicher hinzu.
Der Mann neben Walther vermeldete: »Rheiner Stahl. Ehemals Vorstandsvorsitzender des Interplanetary Arms Consortium. Verantwortlich für strategische Waffenverkäufe an konkurrierende Seiten unter Missachtung ethischer Exportregularien. Schuldanerkennung: maßgebliche Beteiligung an der militärischen Destabilisierung der äußeren Kolonien … Bereit zur aktiven Frontsühne.«
Den letzten Satz hatte Rheiner nur noch gemurmelt, und Walther wunderte sich, dass die KI das nicht beanstandete. Nun war er an der Reihe. Mit mulmigem Gefühl holte er tief Luft und stammelte: »Pepeka … äh … Walther Pepeka. Ehemals CEO von Orion Combat Solutions. Verantwortlich für Lizenzgeschäfte, politische Einflussnahmen und Subventionserschleichung bei Waffenforschung und Prototypenentwicklung. Schuldanerkennung: Schlüsselrolle in der Eskalation der Vesta-VII-Krise.« Der Kloß im Hals erzwang ein Räuspern. »Bereit zur aktiven Frontsühne.«
Sein Exoskelett nötigte ihn zu einem militärischen Gruß. Der freie Wille wurde im Krieg überbewertet und war vielleicht auch kontraproduktiv.
Menschen hatten keine Entscheidungsbefugnis mehr, sie übernahmen heutzutage lediglich Verantwortung
Nach dem Appell bellte die Drohnen-KI: »Stillgestanden! Rechts um! Abmarsch zum Einstieg ins Landemodul!«
Die Reihen der gepanzerten Senioren gehorchten.
»Na, Rheiner, wer hätte gedacht, dass wir mal gemeinsam an die Front dürfen«, spottete Walther beim Marschieren.
»Wie schön war die Zeit, als Rentner ihren wohlverdienten Ruhestand auf der Terrasse verbringen konnten«, erwiderte Rheiner trocken. Seine Stimme klang immer noch wie damals, als sie sich vor 40 Jahren bei Rüstungsverhandlungen mit Paragrafen und manchmal auch mit Kugelschreibern beschossen hatten.
»Und die Enkel im Gefecht verheizt wurden …«, murmelte Walther.
Rheiner verdrehte die Augen. »Zufrieden, wenn du jetzt selber randarfst?«
»Nee, aber vielleicht hätten wir früher …«
Oma Hilde drehte sich zu ihnen um. »Los jetzt, ihr Weicheier! Wir haben es verbockt, also müssen wir es jetzt auch wieder richten!«
»Wenigstens müssen meine Jungs nicht in den Krieg«, murmelte Walther leise beim Einsteigen. Über seinem Ohr vibrierte das Chat-Implantat, und auf dem Helmvisier las er: »Opa, morgen ist Mathetest. Quadratische Gleichungen! Hilfe!«
Walther flüsterte: »Leon, ich melde mich nach der Schlacht.«
Die KI seines Helms wandelte die Worte in eine Textnachricht um und setzte eigenständig einen Winke-Emoji dahinter, was Walther mit einem genervten Schnaufen kommentierte. Nichts konnte man mehr selbst entscheiden. Ständig wurde alles optimiert.
Die Kommandodrohne drehte sich abrupt zu ihm. »Schütze Pepeka! Keine Privatkommunikation während des Einsatzes!«
Walther knirschte lautlos mit den Kunststoffzähnen. Umso geräuschvoller ließ er den Sicherheitsbügel einrasten. Die Kapsel vibrierte leicht, während sie in den Startschacht glitt. Wahrscheinlich hätte sich Walthers Puls jetzt erhöht, doch die Anzugs-KI korrigierte seine Biodaten mit geeigneten Medikamenten. Er spürte ein Kribbeln in der Armbeuge, wo der Portkatheter angedockt war.
»Abwurf in fünf Sekunden«, informierte die freundliche feminine Stimme der Bord-KI.
»5 … 4 …«
»Ich habe es damals gehasst, diese Kapseln zu verkaufen«, murmelte Rheiner neben ihm. »Es ist nur ein verdammter Mehrweg-Abwurfcontainer. Genial für die Bilanz, aber total unbequem. Menschen waren eben immer schon die günstigste Ressource.«
»3 … 2 …«
»Dafür liefen deine Reparaturverträge besser als meine«, konterte Walther und konnte sich trotz der absurden Situation ein Grinsen nicht verkneifen.
»1 … Ausklinken!«
Ein Ruck ging durch Walthers Knochen, und das Gefühl von Schwerelosigkeit durchflutete ihn. Fast wäre es schön gewesen – wenn er die Gedanken an das, was folgen sollte, hätte ausblenden können.
»Es ging halt um Nachhaltigkeit.« Rheiners Antwort kam spät, und seine Stimme wabbelte unsicher durch die Luft.
Hilde schnaufte. »Ihr beiden Manager-Trottel könntet mal langsam die Klappe halten. Schließlich ist Krieg kein Businessmeeting.«
Fast wäre es schön gewesen – wenn er die Gedanken an das, was folgen sollte, hätte ausblenden können
Die Vibrationen in der Kapsel nahmen zu. Durch ein kleines Bullauge betrachtete Walther die Feueraura, die sich beim Eintritt in die Atmosphäre von Vesta VII gebildet hatte, als ihn plötzlich das vibrierende Chat-Implantat aus seinen Gedanken riss: »Opa, Opa!« Die Textnachricht erschien auf dem Visier. »Noch eine Frage: Was ist die Mitternachtsformel?«
»Landung in zehn Sekunden!«, kommentierte die KI.
Walther hatte das Gefühl, dass sein Magen nach oben gedrückt wurde.
»Leon! Nicht! Jetzt!«, flüsterte er, während er gegen den Brechreiz ankämpfte.
»10 … 9 …«
Er vernahm, wie auch Oma Hildes Chat-Implantat vibrierte und sie daraufhin flüsterte: »Ja, ich bring’ dir wieder so einen coolen Alienknochen mit, wenn noch einer übrig bleibt, Schätzchen!«
»8 … 7 …«
Hilde lachte. »Jetzt Oma mal schnell was erledigen muss.« Sie ahmte die Stimme eines grünen Filmwesens mit großen Ohren nach, dessen Name Walther momentan entfallen war. So ähnlich wie Joghurt.
»6 … 5 …«
Die Kommandodrohne meldete: »Bereit machen zum impulsoptimierten Bodenkontakt!«
»4 … 3 …«
Rheiner lachte bitter auf. »Du meinst ›unkontrolliert harten Aufprall‹!«, grummelte er.
»2 … 1 …«
Heftig schlug das Landemodul auf. Metall quietschte und knirschte, die Kapsel schleuderte durch den aufgewirbelten Staub, der gegen das Bullauge klatschte. Einer der Soldaten erbrach sich in einem Schwall. Die Sicherheitsbügel fuhren nach oben.
»Planetare Landung auf Vesta VII erfolgt. Zwei Verluste wegen Herzinfarkt registriert«, informierte die Kommando-KI unnötigerweise. »Kolonie ist rohstoffrelevant. Die Operation ist ethisch optimiert und nachhaltig bilanziert. Ziel: Niederschlagung der Separatistenbewegung.«
Stöhnend wuchtete sich Walther hoch.
»Früher hätte ich denen wenigstens die Waffen verkauft«, knurrte Rheiner.
»Hast du wahrscheinlich«, antwortete Oma Hilde.
Aus seinem Gesicht war der Zynismus des Topmanagers gewichen und machte blankem Entsetzen Platz
Die Luke sprang auf.
Feuer. Rauch. Schüsse. Explosionen donnerten ihnen entgegen. Chaos.
Walther stolperte aus dem Landemodul. Das Exoskelett kompensierte automatisch seine wackeligen Schritte. Der Qualm ließ keine Sicht zu, wurde aber von seinem Helm aus der Atemluft gefiltert.
Vor ihm rannten schemenhafte Gestalten und feuerten in alle Richtungen. Walther hielt sein Gewehr im Anschlag, erkannte jedoch nicht, wer Freund und wer Feind war. Er stolperte über einen Körper. Durch das zerborstene Visier starrten ihn tote Augen an. Walther wankte weiter und stieß mit einem Menschen in improvisiertem Kampfanzug zusammen. Die Augen aus dessen jugendlichem, blutverschmiertem Gesicht blickten ihn ängstlich an. Kein Alien, ein Junge. Walther entsicherte die Waffe, war aber nicht in der Lage, den Abzug zu drücken. Panisch verschwand der Junge in Rauch und Chaos. Raketen schlugen ein, meterdicke Staubfontänen stiegen auf.
»Deckung!«, brüllte Rheiner plötzlich neben ihm.
Walther warf sich hinter einen zerborstenen Versorgungstank. Wo er aufschlug, lag ein Mensch, zerfetzt und röchelnd. Vielleicht ein Rebell – oder war es nur ein verirrter Zivilist oder gar der Junge von eben?
Neben ihm tauchte Rheiner wieder auf. Aus seinem Gesicht war der Zynismus des Topmanagers gewichen und machte blankem Entsetzen Platz. Schlagartig schleuderte ihn eine Explosion mehrere Meter durch die Luft. Schnaufend robbte Walther zu ihm hinüber.
Rheiner keuchte. Blut lief ihm aus dem Mundwinkel. »Scheiß … Management … Entscheidungen«, krächzte er.
Reflexartig griff Walther nach der Hand des einstigen Konkurrenten und versuchte ein beruhigendes Lächeln. Rheiner nickte wie zum Abschied und schloss die Augen.
Walther schluckte berührt, blinzelte eine Träne weg und hob benommen den Kopf. Er registrierte, wie Oma Hilde an ihm vorbeigehastet kam, das Gewehr im Anschlag. Eine Explosion verschluckte sie und ließ sein Trommelfell bersten. In der aufsteigenden Staubwolke schlug vor ihm ein rauchendes Metallteil ein. Ein Trümmerstück der explodierten Rakete. Wie eingefroren starrte er auf das eingravierte Logo, als wäre es ein Spiegel seiner Schuld.
ORION COMBAT SOLUTIONS
Er konnte sich nicht abwenden, hörte nur noch das nahe Pfeifen weiterer Einschläge und dann das Vibrieren seines Chat-Implantats. Auf dem Helmvisier blinkte eine Nachricht: »Opa? Bist du noch da?«

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