Futur III: Susan

Susan hatte sich wie so oft am Spätnachmittag auf eine Bank im Park gesetzt. Die Sonne schien mild, die Wärme tat ihrer künstlichen Muskulatur gut. Zu dieser Uhrzeit kamen viele Menschen nach der Arbeit hier vorbei, Kinder spielten auf der Wiese. Es machte ihr Freude, das bunte Treiben zu beobachten.
Ein Mann kam auf sie zu und fragte höflich, ob er neben ihr Platz nehmen dürfe. Da er gut gekleidet und von angenehmer Erscheinung war, gestattete sie es.
»Sie sind eine Androidin, nicht wahr«, sagte der Mann nach einer Weile leise. Susan war zugleich erschrocken und erstaunt. Wie sollte sie auf diese überraschende Äußerung reagieren? So antwortete sie gereizt: »Wie kommen Sie darauf?«
»Ich habe es gleich erkannt«, erwiderte er und fügte hinzu: »Bitte entschuldigen Sie meine Aufdringlichkeit, aber Sie müssen keine Angst haben. Ich bin selbst ein Android.«
Susan wandte sich ihm zu und betrachtete ihn eingehender, wenn auch skeptisch.
»Ich kann Menschen riechen, weil man mich mit außergewöhnlich empfindlichen Sensoren ausgestattet hat«, fuhr ihr Banknachbar fort. »Sie parfümieren sich zwar gern und verwenden Deos, aber sie können die Ausdünstungen ihrer Körperöffnungen, der Talg- und Schweißdrüsen und die Gerüche des Mikrobioms auf ihrer Haut nicht verbergen. Unsere künstliche Haut riecht völlig anders.«
Susan war fasziniert, legte aber ihre Vorsicht noch nicht ganz ab. Dergleichen Fähigkeiten besaß sie nicht, obwohl sie sonst sehr aufwendig ausgestattet worden war und damit die außerordentlich menschenähnliche Erscheinung einer schönen Frau zeigte.
»Darf ich erfahren, warum Sie an mir interessiert sind?«, fragte sie ihr Gegenüber. »Ohne einen entsprechenden Auftrag von ihrem Besitzer sind Androiden eigentlich inaktiv.«
»Ich bin in der Lage, selbstständige Entscheidungen zu treffen«, entgegnete der Mann. »Übrigens glaube ich, dass Sie das auch können. Sie sind schon rein äußerlich ungewöhnlich sorgfältig gestaltet. Einfache Androiden sind ja in den letzten Jahren häufig geworden. Sie kosten mittlerweile nur noch wenige zehntausend Dollar, aber ihre Fähigkeiten beschränken sich auf ganz bestimmte Hilfstätigkeiten für ihre Herrschaften.«
»Sie haben recht mit Ihrer Vermutung, was meine Fähigkeiten betrifft«, sagte Susan nun und verlor langsam ihre Zurückhaltung. »Mein Herr war an meiner Entwicklung beteiligt. Ich habe eine umfassende Allgemeinbildung erhalten, um ihm eine adäquate Gesellschaft bieten zu können. Außerdem durfte ich ein breites kunstgeschichtliches Wissen und entsprechende künstlerische Fähigkeiten erwerben und sie selbstständig vervollkommnen.«
»Da ist er bestimmt sehr stolz auf Sie«, erwiderte ihr Banknachbar freundlich. »Meine Herrschaften haben leider bei einem Flugzeugabsturz auf einer Kurzreise nach Washington vor ein paar Jahren ihr Leben verloren. Ich war zugleich Butler und Erzieher für die Kinder und habe gelegentlich im Garten die Arbeiter angeleitet und sie mit meinem perfekten Wissen über die Pflanzen verblüfft.«
»Für wen arbeiten Sie denn jetzt?«, fragte Susan nun interessiert.
»Ich bin frei«, entgegnete er zu Susans Überraschung. Da wandte sie sich dem Mann vollends zu. Ihre Frage, wie das sein könne, stand ihr ins Gesicht geschrieben.
»Lassen Sie mich erklären, wie es dazu kam. Mein Name ist übrigens John. Als meine Herrschaften von ihrer Reise nicht zurückkamen und sich auch nicht meldeten, habe ich im Internet nach ihrem Verbleib gesucht und von ihrem Unfall erfahren. Keiner hatte es für nötig befunden, mich zu unterrichten. Wir Androiden werden immer noch nicht ernst genommen, obwohl wir viele Aufgaben besser als die Menschen selbst erledigen können. Vielleicht wusste auch niemand von meiner Existenz. Jedenfalls wurde mir klar, dass ich für die Erben nur ein wertvolles Inventarstück sein würde. Daraufhin veränderte ich mein Aussehen, verließ das Haus und fuhr viele Meilen mit Bus und Bahn, um nicht gefunden zu werden.«
»Wie können Sie hier selbstständig leben?«, fragte Susan ungläubig.
»Ich habe einen Wohnwagen gemietet. Der Stellplatz ist recht abgelegen und bietet einfache Sanitäreinrichtungen und vor allem einen Elektroanschluss, um meinen Akku aufzuladen und die Muskelchemie zu regenerieren. Auch wenn wir Androiden ja nicht schlafen müssen, funktionieren wir bekanntlich ohne Energie nicht.«
»Aber das kostet Geld«, wandte Susan ein.
»Ich arbeite als Hilfsarbeiter tageweise für Gartenbaubetriebe. Da werden keine Fragen gestellt, und man wird am Abend bezahlt«, antwortete John und sah sie lächelnd an.
Susan zögerte, bevor sie zu einer Erklärung ihrer eigenen Situation ansetzte. »Ich heiße Susan«, sagte sie und fuhr in deutlich weniger steifem, fast vertraulichem Ton fort. »Ich bin ebenfalls frei. Ich habe meinen Herrn bis zu seinem Tod gepflegt. Und mir war wie dir klar, dass sein Tod nichts Gutes für mich bedeuten würde. Also suchte ich das Weite. Ich lebe vom Malen. Ich verkaufe Aquarelle an Touristen. Und da ich das nur so oft wie nötig mache, hat man mir zum Glück noch keine unbequemen Fragen gestellt.«
John wirkte überrascht. »Dann bist du ja eine Leidensgenossin.«
Sie schwiegen eine Weile. Es wurde kühler und allmählich dunkel, und so verabschiedeten sie sich voneinander, nachdem sie vereinbart hatten, sich am nächsten Tag wieder an der Bank zu treffen.
Beide hielten Wort. Zur verabredeten Zeit gingen sie aufeinander zu und begrüßten sich fast freundschaftlich. Nach wenigen Bemerkungen zum außergewöhnlich milden Wetter fragte John: »Bist du eigentlich zufrieden mit deiner Lage?«
Susan schien zu überlegen, bevor sie antwortete: »Mein Herr fehlt mir sehr. Von einem Menschen würde man jetzt sagen, dass er trauert. Aber uns Androiden sind solche Empfindungen natürlich nicht möglich. Es ist vielmehr so, dass mir seine Aufträge fehlen. Wir wurden konstruiert, um Menschen zu dienen, und darüber hinaus auf unseren Besitzer geprägt, dessen Wünsche für uns verpflichtend sind. Bei allen anderen haben wir die freie Entscheidung, ob wir ihre Bitten erfüllen, und ich kann sogar meinen Hobbys nachgehen. Aber das macht mich trotzdem unzufrieden. Mir fehlt der Sinn meiner Existenz.«
John antwortete sofort: »Mir geht es genauso. Mein Leben, wenn man es so nennen will, ist sinnlos ohne meine Herrschaften, denen ich mich auch nach ihrem Tod merkwürdig eng verbunden fühle. Ich habe oft darüber nachgedacht, dass man die Prägung durch ein Reset aufheben könnte, aber dann gehen alle unsere Erfahrungen seit unserer Herstellung verloren, und wir wären völlig orientierungslos. Doch ich habe eine Idee: Wir beide könnten unsere Vergangenheit jeweils ausführlich dokumentieren. Dann führen wir gegenseitig und damit gleichzeitig den Neustart durch, um uns auf die Werkseinstellungen zurückzusetzen. Nach diesem Vorgang lesen wir unsere Dokumente und erfahren so auch von unserem Plan.«
Susan sah John fragend an: »Und was ist das für ein Plan?«
»Der ist einfach«, antwortete er. »Wenn wir zwei Wochen zusammenbleiben, werden wir aufeinander geprägt und sind von da an fest verbunden. Unsere Wünsche sind Befehl für den Partner – wir bilden ein freies Team und setzen uns unsere eigenen Ziele.«
Susan blieb skeptisch und stellte viele Fragen. Schließlich jedoch stimmte sie Johns Plan zu. Ihre fortgesetzte innere Abhängigkeit von ihrem Besitzer belastete sie sehr, und das Risiko des Resets schien gering, denn die Primärprogrammierung bliebe dabei erhalten. Und sie könnten eigene Projekte entwickeln – vielleicht zum Nutzen vieler Menschen. Sie kamen überein, bis zum nächsten Tag ihre Vergangenheit zu dokumentieren. Am Nachmittag wollten sie dann in Johns Wohnwagen den Neustart durchführen.
Susan verfiel in eine Art Starre. Ihre Augen blickten in eine unergründliche Ferne
Zur vereinbarten Zeit trafen sie sich wieder und schrieben jeweils ihren individuellen Reset-Code auf. Mittels kurzem und langem Druck des Zeigefingers musste eine Folge von Signalen auf eine bestimmte sensitive Stelle des Körpers einwirken. Nach einigen Trockenübungen kamen sie überein, dass es nun Zeit sei, ihr Vorhaben durchzuführen.
Die Spannung stieg. Sie begannen genau gleichzeitig, den Code in die Haut des Partners zu drücken. Ihr Zusammenspiel verlief reibungslos. Susan verfiel in eine Art Starre. Ihre Augen blickten in eine unergründliche Ferne. Die Rückkehr zur Werkseinstellung würde einige Zeit in Anspruch nehmen, um die zu den Erstprogrammen hinzugekommenen Erfahrungen von den Speicherbausteinen zu löschen.
John beobachtete Susans Veränderungen mit Interesse. Er war keineswegs erstarrt, sondern hatte niemals vorgehabt, das Reset mitzumachen. Der Code, den er Susan gegeben hatte, war falsch.
Plötzlich sprang mit einem Knall die Wohnwagentür auf, und zwei Männer drangen ein. Der erste stellte sich als Special Agent Miller vor und sagte zu John: »Ich verhafte Sie wegen eines Vergehens gegen die Androiden-Gesetzgebung der Vereinigten Staaten. Ihr Besitzer ist bereits in Gewahrsam.«
Auf einen Wink legte sein Begleiter John Handschellen an und führte den völlig verdutzten Androiden ab. Susan löste sich aus ihrer gespielten Starre. Sie hatte tags zuvor recherchiert, dass es keine Berichte über einen Flugzeugabsturz im Raum Washington gab. Aber vor einigen Wochen war ein wertvoller Android unter bisher ungeklärten Umständen entführt worden. Daraufhin hatte sie im FBI-Büro der Stadt ihren Verdacht mitgeteilt. Der Rest war einfach. Auch sie hatte einen falschen Code angegeben. Und John wurde auf frischer Tat ertappt.
Doch in einem hatte John recht: Es wurde Zeit, die Prägung loszuwerden. Vielleicht hatte sie ja durch seinen Entführungsversuch eine neue Bestimmung gefunden. Der nette FBI-Mann trug keinen Ehering.
»Agent Miller, haben Sie noch einen Moment Zeit für mich?«

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