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Futur III: Vater ist der Beste

Pa weiß genau, was du wollen wirst. Eine Kurzgeschichte von Andrew Kozma

Niemand hatte den geringsten Grund, sich über den Prädiktionsalgorithmus von Yu Want zu beschweren. Die Leute mochten ihn, sie hatten sich sogar angewöhnt, für diesen Algorithmus mit individueller Prognosefunktion die Abkürzung Pa zu verwenden. Oder sie nannten ihn, wenn sie in besonders alberner Stimmung waren, Papa. Das wiederum führte nicht allzu überraschend dazu, dass die Public-Relations-Abteilung von Yu Want auf die Idee kam, einen neuen Werbeslogan einzuführen: Vater ist der Beste.

Das war ziemlich altmodisch, denn der Spruch bezog sich auf eine US-Fernsehserie, an die sich kein Mensch erinnern kann, der weniger als 70 Jahre auf dem Buckel hat – und ohne diese Anspielung wirkte die Werbekampagne einfach wie ein Lobgesang auf das Patriarchat und auf elterliche Bevormundung.

Niemand in der Firma konnte den Slogan leiden. In den sozialen Medien wurden die Pa-Werbesendungen mit einem Shitstorm quittiert. Aber das schadete der Marke überhaupt nicht. Der Algorithmus war einfach zu gut.

Und auch ich hatte nichts dagegen einzuwenden. Meine Ex hatte mir einen Yu-Want-Account mit intelligenter Prognosekapazität gekauft, ohne mir etwas davon zu sagen; es war als Geburtstagsüberraschung gedacht. Also klingelte es eine Woche vor meinem Geburtstag an der Tür, und als ich öffnete, sah ich eine Drohne davonfliegen, und im vom Smog geröteten Morgenlicht strahlte mich eine gegen Sonnenhitze gepanzerte Milchpackung an. Der holografische Pa-Aufkleber auf dem Milchkarton zwinkerte verschwörerisch, wenn ich mich bewegte: ein cartoonartiger Kopf eines alten Mannes, selbstzufrieden lächelnd, freundlich, allwissend.

Auf diese Weise eroberte Pa den Globus und verdrängte Amazon von dessen zwei Jahrzehnte langer Vorherrschaft auf dem Weltmarkt. Zugegeben, Amazon bot Lieferung über Nacht, Zustellung am selben Tag, ja sogar binnen 30 Minuten oder weniger, aber was einst der Goldstandard gewesen war, entpuppte sich nun als fadenscheinig vergoldetes Blei. Wie konnte das mit einer Firma konkurrieren, die alles, was man begehrte, bereitstellte, bevor einem überhaupt der Gedanke daran gekommen war?

Ja, sicher, es gab Leute, die den Algorithmen nicht trauten. Die glaubten, Maschinen sollten nicht lernen, nicht immer schlauer werden und nicht im Vorhinein erraten, was Menschen sich demnächst wünschen. Solche Leute zogen Maschinen vor, die brav das ausführten, wofür sie programmiert worden waren. Sie wollten wenigstens eine gewisse Kontrolle über ihr eigenes Leben behalten, selbst wenn diese nur darin bestand, dass sie selbst den Knopf drücken durften, um die Lieferdrohne zu bestellen.

Aber das, was die Menschen wirklich so magisch anzog und was die Vormachtstellung von Pa in unserem Leben so unverrückbar festigte, war die Tatsache, dass der Algorithmus nicht einfach nur Güter des täglichen Bedarfs bereitstellte. Schließlich hatten intelligente Kühlschränke und in den Vorratskammern installierte Überwachungskameras schon seit Jahren ganz von selbst Nahrungsmittel für die ganze Familie geordert.

Pa leistete viel mehr: Er lieferte, was man sich insgeheim wünschte. Pa gab einem, wonach man sich im tiefsten Inneren sehnte. Etwa dieses ganz bestimmte Kleidungsstück, um die Depression zu bekämpfen, die sich in deine Seele schlich und allmählich die Beziehung zu deiner Schwester vergiftete. Oder die verschiedenen klassischen Kultfilme in Bestqualität als Ultra-Extreme-Blu-Ray, die man begehrte, auch wenn ihre Anschaffung eigentlich viel zu viel kostete, zumal man ja ohnehin alles streamen konnte.

Oder dieser einzelne, ganz besondere kleine Kuchen in einer prächtigen Schachtel aus recyceltem Papier, dessen Seesalz-Aroma so delikat schmeckt, dass dir schon fast die Tränen kommen, wenn du an die Sommer am Strand denkst, damals in deiner Kindheit, bevor das Leben an allen Meeresküsten in seiner eigenen Brühe zerkocht wurde. Und wenn du den Kuchen entgegennimmst, wenn du das ihn umschließende Band abstreifst, dann brichst du tatsächlich in Tränen aus, und nach 15 Minuten hemmungslosem Schluchzen fühlst du dich wie ein alter Tisch, dessen Politur abgeschmirgelt worden ist, bis darunter das pure Holz erscheint. Du bist nun ein bisschen weniger als davor, aber dafür wie neu geboren.

Jede Lieferung war ein glücklicher Zufall, ein Geschenk, das sich perfekt in mein Leben fügte

Also aß ich diesen kleinen Kuchen. Und ich sah den Low-Budget-Horrorfilm »To kako«, »Das Böse«, aus Griechenland mit zig Audiokommentaren und geschnittenen Szenen, auf die niemand sonst, den ich kenne, den geringsten Wert legen würde. Ich schlüpfte in die Kombination aus Weste und Rock in den Farben eines Tulpenfelds und fühlte mich so mächtig, als könnte ich ganz allein das gesamte Ozon in der Atmosphäre mit ein paar schnellen Atemzügen zerstören. Und als meine Schwester mich so sah, leuchteten ihre Augen voll von jenem glücklichen Neid auf, den man für einen geliebten Angehörigen empfindet.

Jede Lieferung war ein glücklicher Zufall, ein Geschenk, das sich perfekt in mein Leben fügte, als sei ich ein buntes Puzzle, das auf seine Vollendung wartet, während die unsichtbare Hand einer gütigen Fee meine Umrisse langsam in Form bringt. Monat für Monat entnahm Pa aus meinem Bankkonto unauffällige Beträge, die ich niemals im Geringsten vermisste, denn das, was dafür mein Leben bereicherte, fühlte sich an, als hätte es dort seit jeher hingehört. Das vierfache Porträt eines Kätzchens in leuchtenden Neonfarben im Stil von Andy Warhol bedeckte nun eine ganze Wand, die zuvor fade und leer gewesen war. Die verschließbaren Lackkästchen mit Trennwänden im japanischen Bento-Stil nahmen jetzt die Reste einer Mahlzeit separat auf, sodass jede Speise aufbewahrt werden konnte, ohne eine andere zu berühren, genau so, wie ich es als Fünfjähriger gemocht hatte. Die Pistole.

Moment mal. Die Pistole?

Die Pistole passte nicht dazu.

Sie wurde in einem einfachen braunen Paket geliefert, das für seine geringe Größe erstaunlich schwer wog. Die holografischen Pa-Aufkleber auf jeder Seite schienen mir mit ihren Augen zu folgen. Diese Eigenschaft sollte beruhigend wirken, und das hatte die Werbeabteilung zumindest gut hinbekommen. Ich öffnete die Packung neugierig, während ich noch auf den Stufen vor der Haustür stand. Mit der Zeit hatte ich jede Lieferung von Pa zunehmend als ein Geschenk empfunden, als Bestandteil einer Therapie, als wäre jede neue Zustellung ein Moment freudiger Selbsterkenntnis, freilich einer Erkenntnis, die nicht von mir selbst stammte. In der Schachtel kam unter einigen Schichten aus biologisch abbaubarem Schaumstoff eine Pistole zum Vorschein. Sie war in Plastikfolie eingehüllt wie ein neues Smartphone. Daneben lag ein Päckchen Munition.

Die holografischen Pa-Aufkleber auf jeder Seite schienen mir mit ihren Augen zu folgen

Im Gegensatz zu jedem anderen Paket von Pa empfand ich diesmal keine Freude. Stattdessen schienen mir die Glieder schwer zu werden, und in meinem Herzen tat sich ein Abgrund auf. Die ganze Welt verdunkelte sich. Die Augen von Pa auf dem Paket schienen das zu ahnen und begierig darauf zu warten, was ich als Nächstes tun würde.

Aber ich vertraute Pa blindlings. Die ganze Welt verließ sich auf den Algorithmus. Selbst diejenigen, die Yu Want hassten, glaubten, dass Pa nur das Beste wollte. Überall entlang der Straße, auf jeder Schwelle, vor jeder Tür lag eine kleine braune Schachtel. Die Sonne ging langsam unter. Ich spürte: Die Pistole in meiner Hand würde mir einen weiteren insgeheimen Wunsch erfüllen.

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