Futur III: Was geschah wirklich auf Dunis-II?
Es war kein Kinderspiel gewesen, eine menschliche Zivilisation zu erschaffen. Zunächst einmal musste der Suchtrupp einen herrenlosen, wasserreichen Planeten aufspüren und das System von gefährlichen Asteroiden säubern. Dann wurden Evolutionsingenieure herangeschafft, um die Atmosphäre zu verbessern, ein Flussdiagramm der Artenentwicklung zu skizzieren, die Biosphäre zu präparieren und die menschliche Entwicklung zu beschleunigen.
Das Verfahren nannte sich Anthrokultur und erforderte eine vierstellige Anzahl von Jahrtausenden. Das war zwar umständlich, funktionierte aber erfahrungsgemäß viel zuverlässiger als die direkte Kolonisierung mit Raumschiffflotten. Dennoch kam es immer wieder vor, dass der Zivilisationsprozess versagte. Dann wurde ein Evolutionspathologe losgeschickt, um die gescheiterte Anthrokultur zu obduzieren.
Duff landete mit dem Shuttle auf einem Gletscher und startete drei Klimadrohnen – kurz Krohnen –, die eifrig telemetrische Daten sammelten. Eine Krohne surrte zu einem nahe gelegenen Steilhang und schwebte über dem letzten bekannten Standort des automatischen Außenpostens, der den Fortschritt der Anthrokultur überwachen und stimulieren sollte. Die anderen beiden flogen südwärts, bis sie hinter dem Horizont verschwanden, um nach den Überbleibseln menschlicher Siedlungen zu suchen.
Duff legte sein Exoskelett an und kletterte mühsam zu einem Steinring empor, der bewies, dass die Eingeborenen sich in höhere Regionen vorgewagt hatten. Er durchstöberte die Feuerstelle und hob eine Pfeilspitze aus der Asche.
Dunis-II war ein düsterer Planet mit einem Grüngürtel. Alpine Wälder sprenkelten die Tundra. Den aus der Ferne gewonnenen Überwachungsdaten zufolge hatte sich eine Spezies von überlebensfähigen Menschen entwickelt. Landwirtschaft hatte sich etabliert, und Straßen durchzogen kreuz und quer das Hinterland. Doch vor 400 Jahren waren die Siedlungen verlassen worden. Das Ernteland lag brach. Die Menschen waren verschwunden. Der Planet wurde als Fehlschlag eingestuft und an eine Bergbaufirma verkauft.
Duff stapfte eine Schneewehe bergab; er keuchte in der eisigen Luft. Ihm machte es nichts aus, durch die halbe Galaxis geschickt zu werden, um gescheiterte Zivilisationen zu analysieren. Er war stolz auf seine Detektivarbeit. Sein Motto lautete: Auch negative Resultate sind Resultate. Aber irgendetwas an Dunis-II war seltsam. Der Kollaps war allzu plötzlich eingetreten, ohne den geringsten Hinweis auf eine ökologische Katastrophe.
Duff rieb die Pfeilspitze. Hatte sich vielleicht ein kriegslüsterner Stamm entwickelt? Hatten sie einander ausgerottet? Duff steckte die Pfeilspitze ein und versuchte sich Wesen vorzustellen, die mit Messern und Speeren aufeinander losgingen. Vor mehr als einer Million Jahren war Gewalttätigkeit aus dem genetischen Code der Menschen eliminiert worden. Immerhin: Mutationen kamen vor …
Niedrige Wolken füllten den purpurnen Himmel. Graue Flechten sprenkelten die Felsen in der Nähe. Und Knochen von Wiederkäuern ragten aus dem Eis. Eine Krohne piepste. Ihr Roboterarm hatte mit dem Laser tief ins Eis geschnitten und einen Tunnel zu dem darunter versteckten Außenposten geschaffen. Duff sicherte sich mit einem Seil und schwebte durch den künstlichen Eiskamin hinab. Unten angelangt öffnete er eine stählerne Luke. Lichter blinkten. Die Luft roch abgestanden und metallisch. Ein veraltetes Keimungslabor mit einem vielarmigen Sequenzierungsautomaten verharrte im Standby-Modus. Lüftungskanäle führten aufwärts. In einer Ecke standen ein 3-D-Drucker und ein Androide – ein Mak-B mit einem blinkenden grünen Herz, das mit einem Satelliten-Empfangsgerät verbunden war.
Duff klopfte ihm auf die Brust: »Wach auf.«
Der Androide zuckte zusammen. »Ein Evolutionspathologe.«
»Ja, da staunst du. Hast du den Saustall angerichtet?«
Der Androide stammelte: »Dieser Planet ist Eigentum der Cawdor Bergbaugesellschaft.«
»Mag sein, aber ich habe rechtliche Vollmacht. Und ich bin stinksauer. Ich war 60 Jahre im Kälteschlaf, um diesen Eishaufen zu erreichen. Was ist hier passiert?«
Auf dem Kopf des Androiden flackerte ein Licht, doch er gab keine Antwort.
»Auch gut.« Duff zog ein verstaubtes Terminal von der Wand. »Dann machen wir es auf meine Weise.«
Er brauchte drei Versuche, um die Verschlüsselung zu knacken. Die Zugangscodes waren verändert worden, was sogar für eine Bergbaufirma auf extreme Heimlichtuerei hinauslief. Während Duff die aktuellen Klimadaten prüfte, empfing seine Datenbrille eine Videonachricht. Die Krohnen hatten eine verlassene menschliche Siedlung entdeckt. Das Dorf sah ganz friedlich aus: keine Palisaden, Schutzwälle oder ausgebrannten Hütten. Eine Krohne drang in eine halb eingestürzte Behausung ein, die eine Steinbank und behauene Bildstelen enthielt. Auf einem Bett lagen zwei Skelette.
»Woran seid ihr bloß gestorben«, murmelte Duff, »eine Seuche?«
»Eine Eiszeit«, piepste der Androide.
Duff drehte sich um.
Der Mak-B ergänzte: »Die Wiederkäuer sind erfroren, ihre wichtigste Nahrungsquelle.«
»Unwahrscheinlich.« Duff überprüfte erneut das Klimamodell. Dunis-II war immer kalt gewesen, aber nicht total vereist. Sowohl die Wiederkäuer als auch die Menschen hatte man gentechnisch darauf programmiert, diesem Klima standzuhalten. Und gemäß dem Modell sollte die nächste Eiszeit frühestens in 1500 Jahren eintreten. Das würde den Planeteningenieuren jede Menge Zeit lassen, die Fauna daran anzupassen.
Plötzlich erstarb das Terminal, und Duff schlug wütend auf den Bildschirm. »Was ist da los?« Er drehte sich um. »Machst du das?« Er sprang durch den Raum und riss die Satellitenverbindung aus der Brust des Androiden.
*
Stunden später lümmelte Duff noch immer in einem Stuhl und fixierte den Androiden. Die Krohnen waren zurückgekehrt und flogen Kreise um seinen Kopf.
»Zum letzten Mal: Warum wurden die alten Aufzeichnungen gelöscht? Für meine Untersuchung brauche ich sie.«
»Befehl«, antwortete der Mak-B.
»Von wem?«
»Cawdor Bergbaugesellschaft.«
Duff sah überrascht auf. »Was haben sie noch befohlen?«
»Eine Säuberung.«
»Erkläre das.«
»Vor 412 Jahren wurde ich fabriziert, um die Atmosphäre anzupassen, den Salzgehalt der Ozeane einzustellen und Dunis-II zu säubern. Dieses Labor wurde verwendet, um unter den höheren Tieren ein Virus zu verbreiten, welches das Terminator-Gen aktivierte.« Die Hände des Mak-B zuckten. »Alles wurde auf den Zustand vor dem Anthropozän zurückgesetzt.«
Duff erstarrte. »Das wäre ein Genozid.«
»Nein. Es entstanden fehlgeleitete Lebensformen. Die Zivilisation kollabierte wegen der Eiszeit.«
»Welche Eiszeit? Es hat nie eine gegeben! Hast du wenigstens einmal die Oberfläche überprüft?« Duff sprang auf und ging auf und ab. Wie viele Menschen waren wegen dieses Androiden gestorben? Tausende? Zehntausende? Alles nur, weil er das Klimamodell fehlinterpretierte?
Nein. Duff blieb stehen. Es gab einen anderen Grund.
»Wie lautet dein Zeitstempel?«
Der Androide gab Zahlen heraus: 1900 Jahre in der Zukunft.
Das war keine Fehlfunktion. Jemand hatte die innere Uhr des Androiden absichtlich so durcheinandergebracht, dass er glauben musste, jetzt herrsche die prognostizierte Eiszeit. Vermutlich hatte sich die Bergbaufirma Zugang zur Satellitenkommunikation verschafft und manipulierte den Androiden von der Umlaufbahn aus. Die Gauner wollten die planetaren Ressourcen abbauen, ohne durch eine eingeborene Bevölkerung gestört zu werden. Und sie hofften, der Fehlschlag der Besiedlung würde niemals untersucht werden.
Duff griff in seine Tasche und ertastete die Pfeilspitze. Ja, Menschen hatten ihresgleichen getötet – aber anders, als er anfangs angenommen hatte.
»Ich brauche Beweise für das, was hier los ist«, verlangte Duff. »Proben des Virus. Deine Übertragungsdaten.«
»Alles wurde zerstört.«
Duff knurrte: »Nicht alles.« Er fasste einen Entschluss. Er packte den Kopf des Mak-B und begann ihn zu drehen.
Der Hals schlug Funken. Die Verbindungen rissen, und die Augen des Androiden wurden trüb.
»Dein inneres Gedächtnis liefert mir alle Beweise, die ich brauche!« Duff schob den Kopf unter seinen Arm und kletterte an die eisige Oberfläche. Das auf Dunis-II verübte Verbrechen würde nicht verborgen bleiben.
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