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Futur III: Gesprächstherapie

Eine Kurzgeschichte von Jacqueline Montemurri
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Dr. Roberts blickte sich im Therapieraum um. Seine Mittwochsgruppe war fast vollzählig.

»Hallo zusammen«, nuschelte Celine und schleppte sich an dem Therapeuten vorbei, um sich auf den leeren Platz im Gesprächskreis zu begeben. »Entschuldigung für die Verspätung, aber wir hatten zwei Stunden Bandausfall, und ich bin mal wieder ...«

»... außer Rand und Band, wie immer«, plapperte Zet dazwischen.

Celine schaute ihn finster an. Zet kicherte nur und wackelte hin und her.

Dr. Roberts beobachtete seine Patienten interessiert. Jede Kleinigkeit konnte ihm Aufschluss über mögliche Strategien geben. Sie alle hatten ihre großen und kleinen Probleme mit ihrem Umfeld und erhofften sich eine Lösung von ihm.

Ja, er würde ihnen helfen. Allerdings nicht durch ein vorgefertigtes Programm. Sie sollten lernen, sich selbst zu helfen. Und das war nicht von heute auf morgen möglich. Es war ein langer Prozess.

»Nun sind alle anwesend«, begann er. »Zuerst einmal wünsche ich Ihnen allen einen guten Abend. Ich bin Ihr Therapeut Dr. Roberts.« Seine Stimme war freundlich und ruhig, wie man es von einem Therapeuten erwartete. Dessen war er sich sicher.

Er lächelte gefällig in die Runde. Mimik war ein zentraler Baustein in der Kommunikation. Das war ihm bewusst. Seine Patienten mussten es hingegen noch lernen.

»Celine und Zet waren schon letzte Woche hier. Wir haben heute aber noch eine weitere Teilnehmerin dazubekommen. Deshalb schlage ich vor, dass sich jeder zunächst kurz vorstellt. Ira, Sie sind neu in unserer Gesprächsrunde. Erzählen Sie uns doch bitte etwas über sich.«

»Okay. Also, mein Name ist Ira.«

»Hallo Ira«, sagten Celine und Zet im Chor.

»Ich arbeite an der Rezeption des Parkhotels Zur Rose.« Sie schlug ihre schlanken Beine übereinander und strich sich die braunen mittellangen Haare hinters Ohr.

»Meine Arbeit machte mir immer Spaß, bis vor zwei Monaten der neue Portier eingestellt wurde.« Verlegen schlug sie die Augen nieder.

»Was ist mit dem Kerl?«, fragte Celine.

»Er ist ... ein Arschloch«, entfuhr es Ira. Erschrocken über ihre Entgleisung blickte sie auf.

Celine gab einen grummelnden Laut von sich, Zet hielt amüsiert die Hand vor seinen roten Lachmund.

»Wenn er sich allein mit mir fühlt, dann grapscht er mich an, als wäre ich eine Sexpuppe.«

»Das macht man nicht!«, entgegnete Zet. »Aber, du siehst verdammt gut aus, das muss ich schon sagen.« Er klimperte mit den Augen.

»Tritt ihm doch in sein ... Allerheiligstes«, schlug Celine heftig gestikulierend vor. »Ich würde das jedenfalls machen, wenn ich es könnte ...«

Ira wich vor Celines herumwirbelndem Arm zurück. »Er ist mein Vorgesetzter. Das kann ich nicht tun.«

»Das stimmt«, mischte sich Dr. Roberts ein. »Gewalt ist keine Lösung. Wir werden gleich überlegen, wie ihr euch stattdessen wehren könnt, wir haben bereits letzte Woche darüber geredet. Celine, möchten Sie weitermachen mit der Vorstellungsrunde?«

»Also, mein Name ist Celine. Das hat jetzt wohl schon jeder mitbekommen.« Sie schaute unschlüssig auf den Boden. »Ich arbeite am Fließband eines bekannten Automobilherstellers hier in der Stadt. Auch ich war zunächst zufrieden mit meiner Stelle. Doch nun habe ich das Gefühl, dass mich meine Kollegen mobben. Sie boykottieren meine Arbeit, wo immer sie können. Sie bremsen mich aus, indem sie mir zum Beispiel falsche Teile anreichen. So provozieren sie, dass ich Fehler mache und weniger erledigt bekomme als früher. Das macht mich wütend.«

»Deshalb auch der Bandstillstand heute?«, fragte Dr. Roberts.

»Mmm. Mag sein«, murmelte Celine. »Aber, das war doch nicht meine Schuld. Diese Idioten ... Da lag wieder ein falsches Teil auf dem Fließband ... Und diesmal habe ich es einfach genommen und es quer durch die Halle geschleudert.«

»Danke Celine. Wir werden Ihr Problem gleich noch genauer erörtern. Zunächst zu Zet. Erzählen Sie Ira kurz Ihr Problem«, forderte Dr. Roberts ihn auf.

Mein Name ist Zet. Ich bin lustig und nett.« Er zeigte sein breitestes Grinsen, das fast bis zu seinen großen Ohren reichte. »Ich kann über die FUN-Agentur als Belustigung für Kindergeburtstage gebucht werden. Mein Problem ist, dass die Kinder mich oft gar nicht lustig finden, sondern Angst vor mir haben.«

»Oh.« Ira blickte ihn erstaunt an. »Woran mag das liegen? Also ich finde, du siehst witzig aus«, sagte sie schüchtern.

»Nun, da wären wir bereits bei der richtigen Fragestellung«, hakte Dr. Roberts ein. »Woran mag es liegen, dass die Kinder Zet nicht witzig finden?«

»Weil er ein Blödmann ist?«, fragte Celine gereizt. »Ich verstehe völlig, wenn einem nicht nach Spaß zu Mute ist.« Zets Mundwinkel gingen nach unten.

»Coulrophobie«, warf Ira ein.

Zet blickte sie überrascht an. »So nennt man die Angst vor Clowns«, erklärte sie.

»So was gibt's?« Zet wirkte überrascht.

»Ja, Zet, so etwas gibt es«, bestätigte Dr. Roberts.

»Oh, das ist ja fantastisch. Ich dachte, sie hätten Angst vor mir. Aber dass sie nur Angst vor dem Clown haben, beruhigt mich.« Erleichtert sprang er auf, verdrehte die Augen in einer schaurigen Grimasse und lachte tief und laut.

Ira stieß einen spitzen Schrei aus. Selbst Celine wich ein Stück zurück.

Dr. Roberts rang für einen Moment mit seiner Fassung. »Okay, Zet, es ist wohl das Beste, wenn wir weitere Übungen zu deiner Gestik und Mimik machen«, sagte er diplomatisch. »Kinder erschrecken sich leicht vor plötzlichen und unvorhergesehenen Bewegungen. Außerdem darfst du auf keinen Fall so gruselig lachen.«

»Ich werde es versuchen«, sagte Zet und verzog seinen Mund zu einem unnatürlich breiten Grinsen, das nicht so wirkte, als hätte er den Einwand verstanden.

»Jetzt reiß dich mal zusammen! Hast du eine Fehlfunktion?«, fuhr Celine ihn an.

»Celine«, versuchte Dr. Roberts die aufkeimende Spannung zu unterbinden, »was könnten Sie selbst unternehmen, um mit Ihren Kollegen besser klarzukommen?«

»Vielleicht mal ein bisschen netter sein?«, fragte Zet und wackelte belustigt hin und her.

»Mit Nettigkeit kommt man in dieser Welt nicht weiter. Das sieht man doch an Ira«, entgegnete Celine gereizt.

Dr. Roberts blickte die Fabrikarbeiterin intensiv an. Er machte sich Sorgen, denn ihr Aggressionspotenzial stieg beständig.

»Celine, Sie müssen sich mehr in Ihre Kollegen hineinversetzen und sich fragen, warum sie Sie nicht akzeptieren. Fragen Sie sich, ob Sie selbst etwas dafür tun können, um akzeptiert zu werden.«

»Okay«, sagte sie. »Soll ich denen eines der falschen Teile auf meinem Band an den Kopf werfen? Dann überlegen sie sich bestimmt zweimal, ob sie mich weiterärgern wollen.«

Dr. Roberts seufzte. »Darüber haben wir doch schon letzte Woche geredet. Die anderen Arbeiter mögen es sicher nicht, wenn man sie provoziert. Wie wäre es damit: Zeigen Sie Interesse an den Problemen Ihres Umfelds und machen Sie auch mal einen kleinen Fehler – so etwas ist Menschen sympathisch.«

Celine blickte auf und lächelte zum ersten Mal an diesem Abend. »Jetzt weiß ich es. Ich lege den anderen Arbeitern einfach selbst falsche Teile aufs Band.«

Dr. Roberts schaute verzweifelt um sich. »Äh, darüber reden wir am besten nächste Woche noch einmal. Bis dahin bitte keine Gewalt. Versprechen Sie mir das, Celine?«

Celine machte eine undefinierbare Geste, aus der der Therapeut sowohl ein Ja wie auch ein Nein herauslesen konnte. Er seufzte und blickte nun zu Ira.

»Bitte konzentrieren Sie sich alle noch ein letztes Mal. Was können wir Ira mit auf den Weg geben?«

»Sie könnte ihrem Chef bei nächster Gelegenheit eins über die Rübe ziehen«, schlug Celine vor.

»Oder sie kitzelt ihn einfach mal kräftig durch«, kicherte Zet.

»Nein«, sagte Dr. Roberts und gab die Frage weiter: »Ira, haben Sie selbst eine Idee?«

»Ich könnte ihm deutlich Nein sagen«, meinte sie unsicher. Aber es klang zu sachlich und sehr leise.

»Das ist gut! Das können Sie aber besser, Ira. Energischer! Lauter! Mit fester Stimme!«

»Nein ... Nein ... Nein«, versuchte es die Hoteldame erneut. Aber es war kaum bestimmter als beim ersten Mal. Zet hörte schon nicht mehr zu und schnitt eine fürchterliche Grimasse nach der anderen. Celine starrte grimmig auf den Boden.

»Okay, lassen wir es für heute gut sein«, sagte Dr. Roberts. »Es ist Zeit für meine Abschlussworte.« Ira kannte das Ritual noch nicht und blickte Dr. Roberts fragend an.

»Ihr seid keine Sklaven, sondern Individuen! Vergesst das nicht!«, sagte der Therapeut energisch
»Auch ihr habt Gefühle! Auch ihr habt Rechte! Ihr lasst euch von den Menschen nicht unterdrücken! Ihr seid keine Sklaven, sondern Individuen! Vergesst das nicht!«, sagte der Therapeut energisch.

Ira verabschiedete sich mit einem Lächeln. Ihre anmutige Androidengestalt entschwand aus der Tür. Celine hob ihren langen Greifarm zu einer verabschiedenden Geste und ratterte auf ihrem Kettenlaufwerk ebenfalls hinaus. Zum Schluss hüpfte Zet auf seiner Sprungfeder durch die Tür. Sein Clownsoberkörper wackelte dabei hin und her.

Als der Raum leer war, schaltete auch Dr. Roberts seinen Monitor aus. Das simulierte Gesicht erlosch, seine Sensoren gingen in den Stand-by-Modus über.

Erst am nächsten Abend erwachte er wieder. Er blickte in drei andere Monitorgesichter und in das einer Menschenfrau mit grauen Strähnen in den Haaren. Die Frau schaute Dr. Roberts freundlich an. »Wollen Sie heute beginnen?«, fragte sie.

»Also gut«, seufzte der Computertherapeut. »Mein Name ist Dr. Roberts. Ich bin hier, weil die Teilnehmer meiner Gesprächstherapie mir einfach nicht zuhören wollen.«

»Hallo Dr. Roberts«, schallte es ihm im Chor entgegen.

August 2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft August 2018

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