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Futur III: Kurz vor Pi

Eine Kurzgeschichte von Uwe Post
WirtschaftLaden...

Sie kennen mich nicht, daher darf ich mich kurz vorstellen: Maxime Psaal, Junior-Operatorin bei der Weltbankenaufsicht, zuständig für die Überwachung von Echtzeit-Wertpapiertransaktionen.

Dass der angegebene Name nicht mein echter ist, sondern ein Pseudonym, wird Sie hoffentlich nicht stören. Würde ich Ihnen meinen richtigen Namen verraten, stünde mein Job auf dem Spiel. Und mein guter Ruf. Ich wohne in einem Dorf.

Im Moment bin ich nicht im Dienst, ich sitze im Schlafanzug auf dem Sofa. Es ist kurz vor Pi, bis zum nächsten Schichtbeginn habe ich also noch ein bisschen Zeit. Deshalb chatte ich gerne ein wenig mit Ihnen, obwohl ich Sie gar nicht kenne und aus naheliegenden Gründen sehr vorsichtig sein muss.

Worin mein Job besteht?

Nun, es ist natürlich verzeihlich, dass Sie das nicht wissen. Nicht jeder kann Experte für globale Geldbewegungen sein. Sie haben vielleicht schon davon gehört, dass der globale Finanzmarkt durch Algorithmen bestimmt wird, die bei steigenden Kursen innerhalb von Sekundenbruchteilen Aktien oder Wertpapiere kaufen und bei fallenden Kursen wieder verkaufen. Klitzekleine Unterschiede summieren sich zu Millionengewinnen.

Tja, und seit der letzten Finanzkrise vom Oktober 26 wurde eine Kontrollinstanz eingeführt. Richtig. Ich und meine Kollegen. Damit so etwas nicht noch einmal passiert. Immerhin konnte nach dem Crash Amazon ganz Griechenland für einen Euro kaufen, und das auch nur, weil Nordkorea eine halbe Sekunde langsamer war.

Natürlich ist das menschliche Gehirn viel zu langsam für die Milliarden an Transaktionen, die die Algorithmen in wenigen Sekunden erzeugen. Aber eine humane Kontrollinstanz war nun einmal politisch gewünscht, folglich wurde mein Gehirn wie das meiner Kollegen zur Hälfte durch einen Hochleistungsrechner mit 64 Prozessoren ersetzt. Der prüft das Geschehen und schlägt bei Bedarf Alarm in meinem Innenohr.

Mein Privatleben?

Erstaunlich, dass Sie danach fragen. Sind Sie auf eine Affäre aus? Wie kommen Sie darauf, dass ich eine alleinstehende Frau bin? Vielleicht bin ich in Wirklichkeit sogar ein Mann, das können Sie ja gar nicht wissen. Haha. Offen gesagt habe ich im Moment hauptsächlich Sex mit negativen Exponentialfunktionen.

Fragen Sie nicht.

Nein, für private Angelegenheiten darf ich meinen eingebauten Computer nicht benutzen. Es läuft ohnehin kein moderneres Spiel als Tetris darauf; das Betriebssystem ist gegen jegliche App-Installation abgesichert. Nein, das root-Passwort für meine digitale Gehirnhälfte kenne ich nicht. Stellen Sie sich vor, Hacker würden sich darin einnisten und beispielsweise meine Rechenkapazität für Cryptomining verwenden. Oder meine Warnmechanismen umgehen, um heimlich verbotene Hochgeschwindigkeitsgeschäfte hinter dem Rücken der Überwachung abzuwickeln. In meinem Kopf, aber hinter meinem Rücken. Nicht auszudenken!

Außerhalb der Arbeitszeiten läuft der Rechner im Energiesparmodus, um Sicherheitsfunktionen aufrechtzuerhalten und um jederzeit Updates einspielen zu können. Das passiert zum Glück nicht allzu oft, denn das Gejaule der WLAN-Verbindung ist wirklich kaum zu ertragen. Klingt wie acht Hiphop-Songs gleichzeitig, abgespielt mit ungefähr zehnfacher Geschwindigkeit.

Natürlich hätte ich ohnehin keine Lust, zu Hause den obligatorischen knallengen Helm mit Wasserkühlung zu tragen, um die Verlustleistung meiner Prozessoren abzuführen. Auch das dicke Kabel im Nacken wäre auf Dauer ganz schön unpraktisch. Es ist nicht einmal lang genug, um im Dienst aufs Klo gehen zu können. Und mal eben ausstecken, das geht natürlich nicht. Obwohl ich für den Fall einer kurzen Unterbrechung der Stromversorgung einen Akku hinter dem Innenohr trage.

Nein, explodieren kann der nicht, soweit ich weiß. Aber das ist schon eine berechtigte Frage, da haben Sie völlig Recht.

Normalerweise bekomme ich nicht mit, was der Computer in meinem Kopf während der Arbeit genau tut. Es kribbelt ein bisschen, wenn er vorübergehend die Rechenleistung hochfährt. Die elektromagnetische Strahlung zaubert bisweilen fraktale Scheinbilder in mein Sichtfeld. Gelegentlich fühlt es sich so an, als würde jemand hinter mir stehen. Wenn ich den Kopf dann zu schnell drehe, purzeln Zahlen und Formeln durch mein Sprachzentrum. Es kann passieren, dass mir vor lauter Potenzen und Vektoren schlecht wird und ich Logarithmen kotze.

Fragen Sie nicht.

Außerdem komme ich gelegentlich sogar mit einfachen Zahlen durcheinander. Deshalb ist es wirklich furchtbar nett von Ihnen, dass Sie mir die ganze Zeit über einen Nebenkanal aussichtsreiche Lottozahlen hochladen, aber ich würde sie garantiert durcheinanderbringen und statt der 49 die Wurzel aus –1 ankreuzen.

Doch, die steht auf dem Lottoschein. Sie müssen nur wissen, wonach Sie suchen.

Ach, das sind keine Lottozahlen? Sondern ein Foto von Ihnen im Binärformat? Natürlich sind Sie attraktiv. Das würde ich nie anzweifeln. Ich hoffe, das Foto ist nicht unanständig. Meine Filtersoftware ist in dieser Hinsicht gnadenlos.

Stimmt genau, Pornos konsumieren kann ich deswegen auch nicht. Ich erwähnte ja schon die Exponentialfunktionen, oder?

Nein, es nützt rein gar nichts, mich zu entführen. Sobald Sie mir den Kopf mit einer Knochensäge öffnen, finden Sie nichts als verkohlte Elektronik. Der Selbstzerstörungsmechanismus ist an meine Körperfunktionen gebunden. Sobald mir etwas zustößt, verbrennt sich die Platine selbst.

Was meinen Sie? Nein, ich stelle mir das nicht besonders angenehm vor.

Aber, wissen Sie, mein Job ist gut bezahlt. Ich bekomme sogar Boni für pünktliches Erscheinen. Die Behörde zahlt für mich in eine Arbeitsunfähigkeitsversicherung ein, und Kopfschmerztabletten sind ohne Limit gratis.

Außerdem lernt man bei der Arbeit interessante Leute kennen. Natürlich darf ich darüber nichts Näheres erzählen. Die Kolleginnen und Kollegen kommen aus der ganzen Welt. Es gibt einen Australier, der zuvor einfacher Schalterbeamter in einer langweiligen Bankfiliale war. Das nenne ich einen Aufstieg! Ich selbst war früher bei einem Pflegedienst. An sich arbeite ich ja gerne mit Menschen. Aber das Finanzgeschäft ist einfach lukrativer, und man bekommt es seltener mit Exkrementen zu tun.

Wir machen hier einen verdammt wichtigen Job. Dafür muss man gewisse Opfer bringen, finden Sie nicht?

Gut, ein paar Kollegen haben schlimme geistige Schäden erlitten. Aber solange kein Arzt sie für arbeitsunfähig erklärt, kommen sie weiterhin zum Dienst.

Es gibt da zum Beispiel die kleine Französin, die immer kichert, wenn der Kurs der Aktie eines ganz bestimmten Rüstungskonzerns um mehr als ein Prozent steigt. Beschwert sie sich? Nein.

Oder den Isländer, der einmal versucht hat, eine Cryptomining-Software in seinem Kopf zu installieren. Er hätte es fast geschafft.

Nein, sie haben ihn nicht fristlos entlassen. Sie haben ihm allerdings mit einem Software-Plugin den freien Willen genommen. Seitdem trägt er Windeln.

Fragen Sie nicht.

Wir haben sogar ein Recht auf 30 Tage Urlaub und erhalten regelmäßig Hotelgutscheine. Ich freue mich schon sehr auf meine Ferien in Griech ... äh, Neu-Amazonien. Nur noch drei Tage arbeiten, dann endlich Sonne, Strand und massig Produktproben gratis!

Einen Augenblick ... warten Sie.

Etwas ist seltsam. Hinter meinem Gaumen kitzelt eine Differenzialgleichung. Mindestens vierter Ordnung. Das ist ... ungewöhnlich. Sie scheint sich quer durch meinen Kopf zu integrieren und dabei irgendwelche Zahlen nach außen zu funken. Das WLAN hat sich soeben von selbst aktiviert! Ich hasse diesen Multi-Rap auf Speed!

Guten Morgen, Operator #72, hier spricht Ihr Teamleiter. Bitte trennen Sie sofort Ihre Verbindung! In einer der Chatnachrichten, die Sie gerade erhalten haben, war Schadsoftware enthalten.

Wie? Das muss ein Missverständnis sein. Natürlich haben Sie nichts damit zu tun. Wie gesagt, mein System ist hundertprozentig abgesichert gegen irgendwelche Angriffe von außen.

Und ich bin doch gar nicht im Dienst und demzufolge nicht mit dem System verbunden. Es ist doch erst kurz vor Pi, und ich sitze zu Hause im Schlafanzug auf dem Sofa.

Ha, jetzt weiß ich es! Die Meldung kam gar nicht von meinem Teamleiter. Es war ein Angriff, der so tut, als wäre er eine Abwehr. Ganz schön perfide. Aber ein alter Hut. Schon vor 20 Jahren gab es Würmer, die sich als Virenschutzsoftware tarnten.

Bitte, Nummer 72, trennen Sie Ihre Verbindung, sonst muss ich die Notabschaltung vornehmen. Um Gottes willen! Sie haben eine neuartige Schadsoftware im Kopf! Ich habe gerade Ihre Chatnachrichten überflogen: Sie sitzen nicht zu Hause auf der Couch, sondern im Büro!

Wirklich hinterhältig, dieser Hackerangriff. Was? Ja, natürlich ignoriere ich ihn einfach. Obwohl ... ein bisschen Angst habe ich jetzt aber doch. Vor einer Weile gab es mal eine ddos-Attacke auf unsere Abteilung. Zehn Minuten lang waren wir dem Dauerfeuer von Milliarden Sex-Anfragen ausgesetzt.

Ja, genau.

Anscheinend eine Sicherheitslücke in einer Dating-App. Allen Nutzern dieser App auf der ganzen Welt wurde gleichzeitig vorgegaukelt, wir seien ihr idealer Partner. Die Bilder und Clips, die uns da in die Köpfe gehämmert wurden ...

Fragen Sie nicht. Sind Sie eigentlich noch da?

Achtung, Notabschaltung in zehn Sekunden. Operator #72, es geht nicht anders. Tut mir leid. Sie sind Opfer eines Hacks. Wir verlieren die Kontrolle. 14 Länder in Afrika sind schon pleite, und gerade hat Russland Somalia für einen Rubel gekauft. Sie gefährden gerade die ganze Weltwirtschaft! Sie wissen, was dazu in Ihrem Vertrag steht!

Ich frage mich, warum es hier plötzlich nach fraktaler Schokolade riecht. Die Alufolie knistert multidimensional. Ist das da eine negative Determinante? Warum antworten Sie nicht mehr?

Augenblick.

Es fühlt sich gerade so an, als würde die Rechenleistung hochgefahren werden. Aber das ist unmöglich. Das kann nur passieren, wenn ich angeschlossen bin. Auf der Arbeit.

Aber es ist doch erst kurz vor Pi, meine Schicht beginnt erst noch!

Sagen Sie bitte etwas, gerade haben wir noch so nett geplaudert.

Mir ist heiß ... Mindestens e!³ Grad. Was ist das ... warum steckt das Kabel in meinem Nacken ... ich ...

Das würde ja bedeu ...

Verbindung unterbrochen, bitte versuchen Sie es erneut!

Oktober 2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft Oktober 2018

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