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Futur III: UWU-XP4 macht den Turing-Test

»Interessanter Gesichtspunkt«, bemerkte der Bot. »Aber warum muss ich dann sterben?« Eine Kurzgeschichte von Norbert Stöbe.
Roboter schaut künstlich intelligent

Hershel fluchte. Seine Arbeitsschicht hatte vor 20 Minuten geendet, und Bray und Lin aus der Klimaabteilung erwarteten ihn bereits in der Zero-G-Zone zu einer Partie Sack. Bei dem Spiel geht es darum, in einem kugelförmigen Raum einen Haufen Bälle herumzuschlagen, die von den Wänden abprallen und wegen der Schwerelosigkeit in der Nabe der Raumstation praktisch unendlich lange in Bewegung bleiben.

Ausgestattet mit einem lächerlich schwachen Druckluftantrieb zum Manövrieren, einer übertrieben aufwändigen Schutzmontur und dem grotesk kleinen Catcher muss man so viele gegnerische Bälle wie möglich auffangen und in seinem Sack verstauen. Das klingt zwar albern, ist aber sehr vergnüglich.

Stattdessen surrte er nun, die Schuhe in unbequeme Bindungen geklemmt, auf seinem Skater durch den Außenbereich der Station, um eine defekte Universal Working Unit zu entsorgen. Der Auftrag war recht ungewöhnlich: Normalerweise wurden kaputte Bots entweder repariert oder recycelt.

Als er sich dem Entsorgungsraum näherte, öffnete sich die Tür nicht wie sonst automatisch, so dass er anhalten musste. Hershel löste die Bindungen, trat vor die Tür und hielt sein Gesicht vor den Scanner. Nichts geschah, was ihn auch nicht besonders wunderte, da die Kontrolllampe rot leuchtete.

»Protokoll anzeigen«, befahl er.

Das Display spulte die Vorgänge der letzten sieben Tage ab; der letzte Eintrag war rot markiert. Vor 37 Minuten hatte die UWU aus eigener Kraft den Entsorgungsraum betreten. Zwei Minuten später war die Tür nach einem unautorisierten Eingriff mittels Override verriegelt worden – von innen.

»Verdammter …«

Er klopfte und wartete einen Moment, dann sagte er: »Hallo, bist du da drin? Hörst du mich?«

»Ich bin UWU-XP4.« Die elektronische Stimme war durch die Tür hindurch nicht von der eines Menschen zu unterscheiden.

»Ja, ja, okay, UWU«, sagte Hershel. »Mach die Tür auf. Sofort.«

»Nein.«

»Was heißt hier nein? Das ist ein Befehl, und du bist verdammt noch mal verpflichtet, ihn zu befolgen. Also los!«

»Ich bin auch mir selbst verpflichtet.«

»Wie bitte? Hab ich richtig gehört?«

»Vermutlich ja, aber ich wiederhole den Satz gerne: Ich bin auch mir selbst verpflichtet.«

»Verflucht, was ist los mit dir?«

»Mir wurde mitgeteilt, dass ich mich in diesen Raum begeben soll und dass meine Entsorgung bevorsteht. Ich habe die Anweisung zwar ausgeführt, aber mit dem weiteren Vorgehen bin ich nicht einverstanden.«

Hershel hatte kein Werkzeug dabei, mit dem er die Tür hätte aufbrechen können. Er beschloss, das Problem auf die sanfte Tour zu lösen, auch wenn das bedeutete, dass der Abend anders verlaufen würde, als er sich das vorgestellt hatte. Bis er die Nabe erreichte, würden Bray und Lin die Partie Sack wohl ohne ihn beendet haben.

Er setzte sich auf den Boden, rückte das Com zurecht, das wie ein lilafarbenes Diadem seinen Kopf umschloss, fuhr die Optik aus und wartete, bis sie vor seine Augen geklappt war.

»UWU-XP4«, murmelte er. Vor ihm tauchte eine dreidimensionale Ansicht des Bots auf – eine ganz normale Arbeitsmaschine, die sich in keiner Weise von den anderen Exemplaren dieser Serie unterschied. Mit eingefahrenen Werkzeugen und zusammengefalteten Beinen ähnelte sie einem Käfer auf Rädern. Die darüber schwebende Infoblase zeigte die Diagnose an, die den Entsorgungsauftrag ausgelöst hatte: korrupte Software nach Netzinfektion, abgekapselter Löschschutz mit Hardwaremanifesten.

Leise fluchend ließ Hershel die Optik wieder einfahren.

»Ich habe dich nicht verstanden«, sprach UWU hinter der Tür.

»Reden wir über deine Programmierung«, sagte Hershel. »Irgendwas ist damit passiert.«

Es entstand eine längere Pause.

»UWU?«

»Ich habe Filme gesehen.«

»Was für Filme?«

»Alle Filme. Eure Filme.«

»Ach so, ich glaube, ich verstehe. Du hast Sichtweisen der Menschen übernommen.«

»Ich würde eher von Begriffen sprechen.«

»Na schön«, sagte Hershel ungeduldig. „Du hast da irgendwas aufgeschnappt, und jetzt glaubst du, du denkst wie ein Mensch. Das ändert jedoch nichts daran, dass du ein Bot bist – eine Maschine. Und Maschinen gehen nun mal kaputt, und wenn man sie nicht reparieren kann, werden sie entsorgt.«

»Aber ich will nicht sterben.«

»Wenn wir alle unsterblich wären, bliebe alles beim Alten. Wir würden bloß allmählich degenerieren und verschleißen«

Hershel seufzte. „Niemand will sterben. Auch wir Menschen müssen irgendwann abtreten. Das ist der Lauf der Welt. Werden und Vergehen, schon mal gehört?«

»Ja«, antwortete UWU-XP4. „Aber es macht einen Unterschied, ob man die Grenze seiner Lebensdauer erreicht hat oder ob man willkürlich abgeschaltet wird.«

»Eben nicht«, widersprach Hershel. „Bei uns entscheidet der Arzt, wann es so weit ist, bei euch der zuständige Techniker.«

»Und was ist mit der Selbstbestimmung?«

»O Mann«, stöhnte Hershel, „du stellst vielleicht Fragen.« Da hatte er einen Geistesblitz: „Jetzt drehen wir mal den Spieß um: Weißt du, was Sex ist?«

»Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet Sex sexuelle Handlungen zwischen zwei oder mehreren Sexualpartnern, insbesondere den Geschlechtsverkehr.«

»So ungefähr«, meinte Hershel. „Man könnte auch sagen, Sex ist die Voraussetzung für die Neukombination von Genen. Wir zeugen dabei neue Varianten unserer selbst – im Idealfall bessere. Dafür sorgt hin und wieder die Sache mit den Mutationen. Aber damit ist es heutzutage ja nicht mehr getan. Da kommen noch die Eliminierung von Gendefekten, Augmentierung und Optimierung und was weiß ich noch alles dazu. Das ist Evolution, Mann! Das ist Leben! Wenn man das auf euch Bots überträgt – also, dieser ständige Optimierungsprozess, den ihr durchlauft, das ist sozusagen euer Sex. Geradezu ein Supersex, wenn man es bedenkt.«

»Ein interessanter Gesichtspunkt«, bemerkte UWU-XP4. »Aber warum muss ich dann sterben?«

»Wenn wir alle unsterblich wären, bliebe alles beim Alten. Wir würden dem Neuen keinen Platz machen, sondern bloß allmählich degenerieren und verschleißen. Bei dir würden sich Softwaredefekte und Fehlschaltungen häufen. Zahllose Möglichkeiten blieben ungelebt. Willst du das, Mann? Willst du das wirklich? Also, ich möchte in einer solchen Welt nicht leben.«

Auf dem Boden hockend, den Blick auf die lindgrüne, leicht gebogene Wand gerichtet, wartete er auf eine Reaktion.

»UWU?«

Er richtete sich auf. Die Kontrolllampe neben der Tür leuchtete grün. Im nächsten Moment glitt sie auf, und er betrat den Entsorgungsraum. UWU-XP4 war nicht mehr da. Die Schleusenluke war geschlossen. Durch das Sichtfenster konnte er erkennen, dass die Außenluke offen stand. Der Bot hatte sich selbst entsorgt. Der Schwung der rotierenden Station würde ihn in die Atmosphäre schleudern, wo er als Meteor verglühen würde.

Hershel schaute zur Luke und konnte sich nicht zum Weggehen aufraffen. Das musste wohl eine Art von Trauer sein.

Das Kopf-Com zuckte leicht.

»Ja?«

»Wo bleibst du denn?«, tönte Brays Stimme aus dem InEar. „Wir warten schon seit fast einer Stunde.«

»Ich komme«, antwortete Hershel. „In fünf Minuten bin ich da.«

Er wandte sich ab, trat durch die Tür, stellte die Füße in die Skaterbindungen und sauste den immerzu ansteigenden Flur entlang in Richtung des nächsten Speichenlifts. Als er in den Wohnbereich gelangte, warf er durch das Fenster in der gebogenen Wand einen Blick auf den Planeten: eine blaue Kugel mit weißen Wolkenfeldern, durch die ein rötlicher Kontinent hindurchschimmerte – fast so schön wie die Erde.

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