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Futur III: Wie wir das All eroberten

Jedes Ende ist ein neuer Anfang. Eine Kurzgeschichte von Val Nolan
Ein junger Planet schluckt Gas. Das Bild ist eine Illustration.

Viele fragen sich, wann wir aufhörten, wirklich menschlich zu sein. War es, als wir uns das erste Mal gegen Vakuum, Röntgenstrahlung und kosmische Partikel so weit abhärteten, dass wir im Weltall existieren konnten? Oder vielleicht, als wir uns physiologisch umformten, um das Sternenlicht für Fotosynthese zu nutzen? Oder noch später, nach dem Erlöschen der Sterne, als unsere Münder und Lungen wie hungrige Staustrahltriebwerke interstellaren Wasserstoff aufzusaugen begannen? Im Lauf der Gigajahre haben uns Ingenieurkunst und künstliche Evolution befähigt, erst Dunkle Materie zu verzehren und später Dunkle Energie, und das beschleunigte natürlich unsere Expansion unermesslich. Das Universum ist jetzt erfüllt von Menschen, die frei durchs Dunkel ziehen. Zu guter Letzt sind wir doch noch eine wahrhaft interstellare Spezies geworden.

Zunächst ernährten wir uns von den Monden und Planeten auf unserem Weg; wir sogen die Asteroiden und Kometen auf sowie alle vagabundierenden Objekte. Schließlich verdauten wir die Sterne selbst – alle, die es in unserer Milchstraße gab und alle in den mit uns kollidierenden Galaxien. Wir sind die ultimativen Selbstreplikatoren. Wir haben das Universum, seiner brutalen Leblosigkeit zum Trotz, in unzählige Kopien von uns selbst verwandelt. Unser exponentielles Wachstum erfüllt jeden Winkel des lokalen Weltraums. Ja, wir können noch immer Eis und Gase und kosmische Strahlen aus dem interstellaren Medium konsumieren, aber größtenteils beziehen wir unsere Energie nun aus tiefen Schichten der Realität, von denen unsere äffischen Vorfahren keine Ahnung hatten.

Zu guter Letzt sind wir doch noch zu einer echt interstellaren Spezies geworden

Doch vom Aussehen her ähneln wir weiterhin jenen fernen Ahnen. Ich vermute darin eine gewisse Sentimentalität unsererseits. Eine Marotte, die seit Äonen andauert. Obwohl wir vielleicht schlaksiger sind. Ausgedehnter. Wir schlängeln uns zwischen den Sternenhülsen durch, nicht wie Primaten, sondern eher wie die Meeresbewohner, die ihnen evolutionär vorausgingen. Wir haben größere Köpfe und breitere Hände als alle unsere Vorgänger, und wir suchen damit Kontakt, wenn wir einander begegnen. Wir melden uns in einfacher Gebärdensprache, denn wir mögen zwar in unserer Entwicklung ein Optimum erreicht haben, aber ganz unendlich werden wir nie. Weder können wir ein Universum vollständig ausfüllen noch können wir jemals hoffen, den Abstand zwischen uns restlos zu überwinden. Wie jene blechernen Von-Neumann-Maschinen aus uralter Zeit sind wir ein sich selbst fortpflanzendes System mit einem unauslöschlichen Fehler: Niemals werden wir das Pochen der menschlichen Einsamkeit beheben.

Selbst wenn wir so nah beisammen dahintreiben, dass wir einander berühren können, reicht das nicht aus, die künstlerischen Höhenflüge, die mathematischen Abstraktionen oder die Gedichte in unserem Kopf mitzuteilen. Also verflechten wir uns. Wir schweben durch den Raum als Knoten von Gliedern und als Bündel von Körpern. Zuerst paarweise. Dann in immer größeren Verbänden. Komplizierte Gemeinschaften aus Sehnsucht oder Annehmlichkeit, die mit der Zeit sogar für Eigenbrötler unwiderstehlich werden und selbst die Abweisendsten anziehen. Schließlich bilden wir Billionen Körper, die zusammen rotieren. Große Nebel aus Fleisch, so riesig, dass ihre fernsten Ränder verblassen.

Auf diese Weise sind wir gemeinsam über die Grenzen der chemischen Elemente hinausgewachsen. Wir haben Quantenfluktuationen und physikalische Keimbildungsprozesse überstanden. Nur mit der guten alten Schwerkraft werden wir nicht fertig. Hartnäckige und brillante Geister erforschen die Geheimnisse der Gravitation, aber dafür müssen sie sich noch enger, noch dichter verbinden. Ihr geballtes Wissen versucht just von jener Kraft, die sie im Bann hält, die befreiende Antwort zu erzwingen. Komplexe Urteile flackern wie elektrische Entladungen über die Scheiben aus rotierenden Körpern. Minuziöses Gebärdenspiel organisiert sich, bildet Institutionen und debattiert über Millionen und Abermillionen von Jahren hinweg. Inspiration und Mutmaßung befeuern die Geister. Leuchtende Augen öffnen sich wie unzählige Sonnen in strahlenden Gedankengalaxien.

Solche Vereinigungen schenken uns Träume von unerwarteter Schönheit, aber wenn wir überleben wollen, müssen wir wieder lernen, uns abzustoßen. Wir müssen beginnen, uns voneinander zu lösen, sonst erliegen wir dem unablässigen Druck der Schwerkraft. Davon zeugen die neuen Sterne, die am Himmel aufscheinen. Wo einst wirbelnde Wolken von Tanz und Freude kündeten, brennen jetzt junge Sonnen. Wir alle erzittern unter einer Welle von Sorgen. Tausende von Umdrehungen lang überlegen wir, was zu tun ist. Wir müssen Berechnungen anstellen. Doch im Gefolge des heißen Lichts der neuen Sterne erreichen uns die verkohlten und unförmigen Körper, die bei ihrer Geburt ausgestoßen wurden. Verheerend schlagen sie in unsere eigenen unermesslichen Schwärme ein. Die Kollisionen bringen unsere Scheiben aus dem Gleichgewicht. Wir haben zu lange gezögert, und nun folgt eine Kettenreaktion von Kollaps, Destabilisierung und weiterem Zusammenbruch – auch eine Form von Selbstfortpflanzung!

Manche Ränder unserer Verbände verflüchtigen sich, aber die Mehrheit bleibt durch Schwerkraft gebunden. Für immer vereint und niemals zu trennen, so wie wir es wollten. Und so setzen wir unseren eigenen Kollaps in Gang. Unser Radius nimmt ab. Unsere Temperatur steigt. Der Wasserstoff, mit dem wir einst unser ursprüngliches Blut ersetzten, heizt sich auf und entweicht schließlich. Wir werden wieder fadenförmiger. Verrenken uns. Strecken uns weiter aus. Altern auf neue, ungewohnte Weise. Sehen zum ersten Mal seit unvordenklichen Zeiten dem Tod ins Auge. Unsere Gruppierungen werden deformiert, ordnen sich um und verlieren erneut ihre Form. Ich strecke meinen Arm aus, um den meines Nächsten zu fassen. Dann schließt sich uns noch jemand an. Dann noch einer und noch einer und noch einer. Wir werden zusammen dahingehen, wir werden Hand in Hand den letzten Augenblicken entgegentaumeln. Einwärtsfallen. Mit den Händen der anderen Muster bilden. Die Gesten für Hoffnung und Furcht machen. Für Stolz und Trauer. Aber kein Bedauern. Niemals Bedauern. Denn wir werden dem Universum etwas zurückgeben. Wir werden sehen, wie neue Lebensformen in unserem künftigen Licht gedeihen. Wir werden erneut strahlen.

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