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Lebensphase hohes Alter: Verletzlichkeit und Reife: Was ist Alter(n)?

Altern ist ein lebenslanger Prozess, der mit der Konzeption beginnt und mit dem Tode endet. Demgegenüber steht der Begriff Alter für eine Lebensphase. Wann diese Lebensphase erreicht wird, ergibt sich nicht unmittelbar aus dem Verlauf des Alternsprozesses.
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Altern und Alter

Am Beginn meiner Beschäftigung mit dem Thema Verletzlichkeit, Reife und Sorgekultur, meiner Betrachtung des alten Menschen als Gebenden und Nehmenden, steht die Auseinandersetzung mit der Frage, was unter Altern eigentlich zu verstehen ist. Ein hohes Alter ist ein Risikofaktor für Erkrankungen und Pflegebedürftigkeit. Gleichwohl bestehen in allen Lebensaltern stark ausgeprägte Präventionspotenziale. Altern kann zu einem guten Teil gestaltet werden, wobei die Gestaltbarkeit von genetischen Grundlagen, der Gesundheit, der Offenheit des Individuums und den sozialen Bedingungen beeinflusst ist. Verluste gehören zum Alter, vor allem Verluste in der körperlichen Leistungsfähigkeit und im sozialen Bereich, zum Teil auch in der geistigen Verarbeitung von Informationen. Dass Verluste zunehmen, ist aber nicht gleichbedeutend damit, dass es im Alter keine nennenswerten Gewinne gäbe. Gerade im seelisch-geistigen Bereich sind auch erhebliche Gewinne möglich, von denen nicht nur die älteren Menschen selbst, sondern auch andere, insbesondere jüngere Generationen profitieren können. Diese Gewinne werden zum Teil gerade auch durch Verluste angestoßen, die ihrerseits eine neue Perspektive auf uns selbst und die Welt, in der wir leben, eröffnen können.

Altern ist ein lebenslanger Prozess, der mit der Konzeption beginnt und mit dem Tode endet. Demgegenüber steht der Begriff Alter für eine Lebensphase. Wann diese Lebensphase erreicht wird, ergibt sich nicht unmittelbar aus dem Verlauf des Alternsprozesses, sondern auch und vor allem aus gesellschaftlicher Konvention. Ein Beispiel: In vielen Gesellschaften werden Menschen mit Erreichen des Rentenalters als »alt« bezeichnet – dies können in dem einen Land 60-Jährige, in dem anderen Land 65-Jährige sein. Zudem wissen wir, dass ältere Menschen heute im Durchschnitt einen deutlich besseren Gesundheitszustand und eine deutlich höhere Selbstständigkeit aufweisen als ältere Menschen in der Vergangenheit. Darüber hinaus ist die Verschiedenartigkeit älterer Menschen in Bezug auf die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit sehr hoch: 70-Jährige, die regelmäßig körperlich und geistig trainieren, können eine höhere Leistungsfähigkeit aufweisen als 50-Jährige, die nur eine geringe körperliche und geistige Aktivität zeigen. Und schließlich fühlen sich viele alte Menschen nicht »alt« – die Relativität von Altersgrenzen zeigt sich also auch dann, wenn man das subjektive Alterserleben berücksichtigt.

Das Alter gehört in allen Gesellschaften neben dem sozialen Status, dem Geschlecht und der ethnischen Gruppenzugehörigkeit zu den zentralen Merkmalen sozialer Differenzierung. Dies heißt: Inwieweit in einer gegebenen Gesellschaft Menschen der Zugang zu sozialen Rollen offen steht oder verwehrt bleibt, ist auch eine Frage des Lebensalters.

Im allgemein biologischen Sinne bezieht sich der Begriff des Alterns auf die Tatsache, dass die lebende Substanz über den gesamten Lebenslauf einer fortschreitenden Wandlung unterworfen ist. Dieser Prozess wird auch als »Biomorphose« beschrieben (Bürger 1960): Unter Altern ist danach jede natürliche, irreversible Veränderung der lebenden Substanz als Funktion der Zeit zu verstehen. Diese für die biologische und psychologische Alternsforschung zentrale Auffassung lässt sich auch mit dem schon in Kap. 1 angeführten Sprachbild umschreiben: »Natura non facit saltum«, die Natur macht keine Sprünge. Mit anderen Worten: Veränderungen in unserem Organismus vollziehen sich allmählich, sie sind gradueller Art. Auf das Verständnis von Alter angewendet, heißt dies: Die Abgrenzung eines eigenen Lebensabschnitts »Alter« ist im Grunde nicht möglich. Vielmehr ist von Alternsprozessen auszugehen, die sich über die gesamte Biografie erstrecken und die im Sinne von graduellen Veränderungen zu interpretieren sind.

Mit Blick auf körperliche und seelisch-geistige Veränderungen im Lebenslauf wird in der gerontologischen Forschung grundsätzlich die Frage gestellt, ob diese eher kontinuierlicher oder aber diskontinuierlicher Natur sind. Im Falle des Ausbleibens von schweren Krankheiten oder von hochgradig belastenden, die Person langfristig überfordernden Lebenskrisen ist eher von kontinuierlichen Veränderungen auszugehen. Bei schweren Erkrankungen, die die Anpassungsfähigkeit des Organismus nachhaltig überfordern und diesen gravierend schädigen, nimmt die Wahrscheinlichkeit diskontinuierlicher Veränderungen erkennbar zu. Dies zeigt sich vor allem bei der Demenz, die zu erheblichen Brüchen (Diskontinuität) in der körperlichen und seelisch-geistigen Entwicklung des Menschen führt (Pantel 2014; Schröder et al. 2004). Aber auch bei traumatisierten Menschen sind nicht selten Brüche in der seelisch-geistigen Entwicklung erkennbar. Die Konfrontation mit hochgradig belastenden Ereignissen führt nicht selten dazu, dass das Individuum zuvor nie hinterfragte Überzeugungen und Gewohnheiten verändert, ja, sich selbst und die Welt, in der es lebt, grundlegend anders sieht als vor Eintritt dieser Ereignisse (Horowitz 1997; Janoff-Bulman 2010).

Gewinne und Verluste im Alter

In der frühen entwicklungspsychologischen Forschung stand die Analyse der Entwicklung im Kindes- und Jugendalter ganz im Vordergrund. Das junge und mittlere Erwachsenenalter wurde als eine Lebensphase interpretiert, in der das Individuum die »Entwicklungsgewinne« früherer Lebensphasen für den Aufbau einer familiären und beruflichen Existenz nutzt und in der es sich selbst verwirklicht. Das Alter wurde hingegen als eine Lebensphase gedeutet, in der sich die Entwicklungsgewinne wieder zurückbilden und in denen Entwicklungsverluste dominieren (zur grundlegenden Kritik an dieser Deutung siehe schon Lehr 1978).

Diese einseitige Sicht von Entwicklung im Alter ist durch die Forschung widerlegt (Kruse und Wahl 2010; Martin und Kliegel 2014; Wahl und Heyl 2015). Zunächst ist es notwendig, zwischen »physiologisch-biologischem«, »psychologischem« und »sozialem Altern« zu unterscheiden. In diesen drei Dimensionen folgen Entwicklungsprozesse sehr verschiedenartigen Entwicklungsgesetzen. In der physiologisch-biologischen Dimension sind mit zunehmendem Alter eher Verringerungen der Anpassungs- und Restitutionsfähigkeit wie auch der Leistungskapazität des Organismus erkennbar: Diese äußern sich in einer erhöhten Verletzlichkeit oder Anfälligkeit des alten Menschen für Erkrankungen. In der psychologischen Dimension finden sich sowohl Gewinne als auch Verluste: Gewinne sind vor allem in jenen seelisch-geistigen Funktionen zu beobachten, die auf Erfahrung und Wissen sowie auf der gelungenen Auseinandersetzung mit Entwicklungsaufgaben in früheren Lebensjahren beruhen. Verluste treten eher in Bereichen auf, die an die Umstellungsfähigkeit von Nervenzellverbänden gebunden sind, wie zum Beispiel das Kurzzeitgedächtnis oder die hohe Geschwindigkeit im Denken. In der sozialen Dimension ist mit Alter auf der einen Seite der Verlust bedeutsamer sozialer Rollen verbunden. Zugleich bedeutet in unserer Gesellschaft das Ausscheiden aus dem Beruf für nicht wenige Menschen eine »späte Freiheit« (Rosenmayr 1983), da sie zu diesem Zeitpunkt nicht nur über eine gute Gesundheit, sondern auch über zufriedenstellende materielle Ressourcen verfügen und die Alterssicherung in unserem Land (verglichen mit jener in anderen Ländern) relativ hoch und stabil (»nachhaltig«) ist. Die soziale Dimension zeigt aber auch, dass der Einfluss kultureller Deutungen des Alters auf den gesellschaftlichen und individuellen Umgang mit Alter stark ausgeprägt ist. Erst allmählich setzt sich in unserer Gesellschaft ein kultureller Entwurf des Alters durch, der die seelisch-geistigen und sozialkommunikativen Stärken älterer Menschen berücksichtigt und in diesen eine Grundlage für die Lösung von gesellschaftlich relevanten Fragen sieht. Zu nennen sind hier die Unterstützung junger Menschen innerhalb und außerhalb der Familie, die Netzwerk-, Verbands- und Vereinsarbeit sowie die Mitarbeit bei der Bewältigung aktueller Herausforderungen unserer Gesellschaft (zum Beispiel die Flüchtlingsarbeit) als Ausdruck gelebter Verantwortung und Solidarität. Zudem tragen Menschen, die über das gesetzlich definierte Renteneintrittsalter hinaus berufstätig sind (und dies auch im Sinne von Mentoren- oder Patenschaft), zu einer Sicherung des Wirtschaftsstandortes und damit des Wohlstandes bei. Auf diesen wichtigen Sachverhalt ist die Sachverständigenkommission zur Erstellung des Fünften, des Sechsten und des Siebten Altenberichts der Bundesregierung (Kommission 2006, 2010, 2016) ausführlich eingegangen und hat zahlreiche Beispiele für die gesellschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten (»Potenziale«) angeführt, die sich aus den psychologischen Stärken im Alter ergeben können.

Neben der Notwendigkeit, zwischen physiologisch-biologischem, psychologischem und sozialem Altern zu differenzieren, ist es wichtig, die positive Beeinflussbarkeit von Entwicklungsprozessen (Plastizität) im Alter aufzuzeigen. Die Plastizität körperlicher und seelisch-geistiger Prozesse im Alter wird heute erheblich unterschätzt. Zunächst: Von den tatsächlich erbrachten Leistungen älterer Menschen (Performanz) darf nicht auf definitive Leistungsgrenzen geschlossen werden, die auch unter motivierenden Bedingungen Bestand hätten (Kompetenz). Schon hier finden sich auch im Alter vielfach große Unterschiede. Doch geht die empirisch nachgewiesene Plastizität noch weit über die Kompetenz hinaus: Sie bezeichnet die Fähigkeit des Menschen, Neues zu lernen und neue Funktionen (einschließlich der zugrunde liegenden neuronalen Netzwerke) auszubilden. Unter fördernden, anregenden und persönlich herausfordernden Umweltbedingungen lässt sich auch im Alter eine bemerkenswerte Plastizität nachweisen (Lindenberger 2014). Zu nennen sind hier die positiven Effekte körperlichen und geistigen Trainings auf die Leistungsfähigkeit, die von einer positiven Beeinflussbarkeit von Entwicklungsprozessen im Alter zeugen.

Mit Blick auf die Gewinne und Verluste im Alter ist das von Ernst Bloch verfasste Werk Das Prinzip Hoffnung (Bloch 1959) bedeutsam, das in seinem Einleitungsteil ausführlich auf das Alter eingeht und dieses zugleich aus einer Lebenslaufperspektive betrachtet. Die Lebenslaufperspektive ist dabei insofern sehr wichtig, als sie deutlich macht, dass die körperliche und die seelisch-geistige Leistungsfähigkeit im Alter nicht losgelöst von Entwicklungsprozessen betrachtet werden darf, die in früheren Lebensphasen stattgefunden haben.

Wie interpretiert Ernst Bloch das Alter? In seiner Schrift Das Prinzip Hoffnung lesen wir:

»Insgesamt zeigt das Alter, wie jede frühere Lebensstufe, durchaus möglichen, spezifischen Gewinn, einen, der den Abschied von der vorhergehenden Lebensstufe gleichsam kompensiert.«
(Bloch 1959, S. 41)

Körperliche Einschränkungen, der Verlust von sozialen Rollen, die wachsende Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit bilden diesem Verständnis nach nur die eine Seite des Alters. Die andere Seite bilden die Gewinne, zu denen vor allem gehören: »Überblick, gegebenenfalls Ernte« (Bloch 1959, S. 41).

»Im Allgemeinen werden derart die Spätjahre eines Menschen desto mehr Jugend enthalten, dem unkopierten Sinne nach, je mehr Sammlung bereits in der Jugend war; die Lebensabschnitte, also auch das Alter verlieren dann ihre isolierte Schärfe.«
(Bloch 1959, S. 41)

Mit diesen Aussagen wird die Notwendigkeit betont, sowohl die möglichen Gewinne als auch die möglichen Verluste im Alter differenziert zu betrachten. Die einseitige Akzentuierung von Gewinnen (zum Beispiel im Sinne einer sich notwendigerweise einstellenden Weisheit im Alter) oder von Verlusten (zum Beispiel im Sinne eines Verlusts aller Fähigkeiten und Fertigkeiten, also eines generellen modus deficiens) würde der Differenziertheit von Entwicklung im Alter in keiner Weise entsprechen.

In welchem Umfang im Alter Entwicklungsprozesse stattfinden, ist – darauf weist Ernst Bloch ausdrücklich hin – nicht allein von der Person abhängig, sondern auch von der Gesellschaft und Kultur, in der diese lebt. Eine »Gesellschaft, die sich verzweifelt auf Jugend schminkt« (Bloch 1959, S. 40) und die als Norm des gelungenen Alters die möglichst weite Annäherung an die Leistungsfähigkeit sowie an die äußere und innere Gestalt des Jugendlichen wählt, erschwert die selbstverantwortliche, persönlich sinnerfüllte und kreative Gestaltung des Alters. Wie kann eine selbstverantwortliche, sinnerfüllte und kreative Gestaltung des Alters aussehen, die die erhöhte Verletzlichkeit genauso wenig leugnet wie die seelisch-geistigen Potenziale und die alte Menschen als Sorge-Schenkende wie auch als Sorge-Empfangende begreift?

»Das gesunde Wunschbild des Alters und im Alter ist das der durchgeformten Reife; das Geben ist ihr bequemer als das Nehmen. […] So gesammelt sein zu können, das verlangt, dass kein Lärm ist. Ein letzter Wunsch geht durch die Wünsche des Alters hindurch, ein oft nicht unbedenklicher, der nach Ruhe.«
(Bloch 1959, S. 42)

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  • Quellen

Bloch, E. (1959). Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt: Suhrkamp.

Bürger, M. (1960). Altern und Krankheit als Problem der Biomorphose. Leipzig: Thieme.

Horowitz, M. J. (1997). Stress response syndromes. New York: Jason Aronson Incorporated.

Janoff-Bulman, R. (2010). Shattered assumptions. New York: Simon & Schuster.

Kommission. (2006). Potenziale des Alters in Wirtschaft und Gesellschaft. Der Beitrag älterer Menschen zum Zusammenhalt der Generationen. Fünfter Altenbericht der Bundesregierung. Berlin: Deutscher Bundestag (Bundestagsdrucksache 16/2190).

Kommission. (2010). Sechster Bericht zur Lage der älteren Generation: Altersbilder in der Gesellschaft. Berlin: Deutscher Bundestag (Bundestagsdrucksache 17/3815).

Kommission. (2016). Siebter Bericht zur Lage der älteren Generation: Sorge und Mitverantwortung in der Komme – Aufbau und Sicherung zukunftsfähiger Gemeinschaften. Berlin: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Kruse, A., & Wahl, H.-W. (2010). Zukunft Altern. Individuelle und gesellschaftliche Weichenstellungen. Heidelberg: Springer Spektrum.

Lehr, U. (1978). Kontinuität und Diskontinuität im Lebenslauf. In L. Rosenmayr (Hrsg.), Die menschlichen Lebensalter: Kontinuität und Krisen (S. 315–339). München: Piper

Lindenberger, U. (2014). Human cognitive aging: Corriger la fortune? Science, 346, 572–578.

Martin, M., & Kliegel, R. (2014). Psychologische Grundlagen der Gerontologie (4. Auf.). Stuttgart: Kohlhammer.

Pantel, J. (2014). Gerontopsychiatrie. In J. Pantel, J. Schröder, C. Bollheimer, C. Sieber, & A. Kruse (Hrsg.), Praxishandbuch Altersmedizin. Geriatrie, Gerontopsychiatrie, Gerontologie (S. 34–49). Stuttgart: Kohlhammer.

Rosenmayr, L. (1983). Die späte Freiheit. Berlin: Severin & Siedler

Schröder, J., Pantel, J., & Förstl, H. (2004). Demenzielle Erkrankungen – Ein Überblick. In A. Kruse & M. Martin (Hrsg.), Enzyklopädie der Gerontologie (S. 224–239). Bern: Huber.

Wahl, H.-W., & Heyl, V. (2015). Gerontologie: Einführung und Geschichte (2. Auf.). Stuttgart: Kohlhammer