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Artenschutz: Wiederansiedelung und Wiederbelebung von Arten

Wenn man die alte Vorstellung von der Harmonie einer unberührten Natur aufgibt, ist der Weg für eine Form des Umweltschutzes frei, die erheblich stärker auf Eingriffe setzt. Schon bisher haben die Menschen an einer planlosen Gestaltung der Natur mitgewirkt. An die gleiche Aufgabe könnten sie ohne Weiteres auch umsichtiger und gezielter herangehen. Nach Ansicht von Paul Crutzen müssen die Menschen entscheiden, was Natur ist und sein sollte. Manche Ökologen sind nur allzu gern bereit, diese Gelegenheit beim Schopf zu packen.
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Nachdem die Auswirkungen des von Menschen gemachten Klimawandels nur allzu deutlich geworden sind, wird auch klar, dass viele biologische Arten schlicht und einfach verkochen werden, wenn sie in ihren angestammten geographischen Verbreitungsgebieten bleiben. In Großbritannien beispielsweise verschieben sich die Linien der gleichen jährlichen Durchschnittstemperaturen mit nahezu fünf Kilometern pro Jahr nach Norden. Manche Lebewesen, die unter dem Klimawandel leiden, können relativ einfach »ihre Sachen packen« und in Regionen mit geeigneterem Klima umziehen. Wenn man Flügel oder muskelbepackte Beine besitzt und sich relativ flexibel ernähren kann – denken wir nur an eine Elster oder einen Fuchs –, verlegt man das Verbreitungsgebiet unter Umständen einfach und ohne große Schwierigkeiten jedes Jahr ein paar Kilometer weiter nach Norden. Wenn Lebewesen dagegen Wurzeln haben oder in einer abgelegenen Gebirgsregion zu Hause sind, können sie nichts Übereiltes tun, und eine Wanderung mit der erforderlichen Geschwindigkeit kommt nicht infrage. Die meisten Bäume können sich beispielsweise durch die Verbreitung ihrer Samen nicht mehr als einige hundert Meter im Jahr nach Norden ausbreiten. Noch schlechter haben es die Regenwürmer. Diese Humus-Liebhaber können angeblich ihr Verbreitungsgebiet unter manchen Umständen um kaum mehr als eineinhalb Kilometer pro Jahrhundert verschieben. Solche Arten werden schlicht und einfach nicht in der Lage sein, dem Klimawandel davonzulaufen.

Durch die neue Form des Umweltschutzes kühner geworden, äußern Biologen zunehmend die Ansicht, man solle solchen ums Überleben kämpfenden Arten eine helfende Hand reichen. Wenn die Verbreitungsgebiete der Arten ohnehin bereits durch Eingriffe des Menschen signifikant verändert wurden, wie Fred Pearce es dokumentiert hat, und wenn es moralisch und ökologisch vertretbar ist, wäre es vielleicht keine große Anstrengung, gefährdete Arten vorsorglich in Regionen umzusiedeln, in denen sie bessere Überlebensaussichten haben. Eine solche unterstützte Migration – die von manchen ihrer Vertreter angesichts der politisch aufgeladenen Bedeutungen des Wortes Migrant lieber als gemanagte Umsiedlung bezeichnet wird – ist eine neue Methode zum Umgang mit dem Klimawandel, die viele traditionelle Umweltschützer in tiefe Verwirrung gestürzt hat.

Der Biologe Chris Thomas von der Universität York strahlt eine Energie aus, mit der er bemerkenswert einigen der von ihm untersuchten Insekten ähnelt. Der schlanke Mann mit der Metallbrille und dem kurz geschorenen Kopf strahlt, wenn er auf Schmetterlinge zu sprechen kommt. Wie viele erfolgreiche Wissenschaftler, so geht auch er in seiner Leidenschaft für sein Forschungsgebiet völlig auf. Kürzlich wurde er zum Mitglied der britischen Royal Society gewählt. Seine Forschungsinteressen kreisen um die ökologischen und evolutionären Reaktionen auf den Klimawandel, darunter die Zerstückelung von Lebensräumen und die Invasion neuer Arten. Seine Sorge gilt insbesondere der Frage, wie sich das immer wärmere Klima auf Vögel, Pflanzen und Insekten auswirkt, und er bemüht sich um eine Klärung der Frage, welche Naturschutzstrategien zu ihrer Rettung notwendig sind.

Aber wer mit Thomas an einem Sommernachmittag eine ungezwungene Unterhaltung führen will, sollte aufpassen. Mitten im Gespräch verfolgt er unter Umständen mit den Blicken einen vorüberfliegenden Schmetterling, wobei sein Kopf sanft auf und ab geht, während er den Weg des Insekts am Himmel im Blick behält. Wenig später merkt man, dass er nicht mehr zuhört – dann blickt man sich vielleicht ebenfalls um und versucht das Insekt ausfindig zu machen, das seine Aufmerksamkeit gefesselt hat. Sobald man ihm nur die geringste Gelegenheit gibt, ist Thomas plötzlich weg: Er läuft quer über das Feld, wobei er sich mit seinen langen Armen und Beinen bewegt wie eine Heuschrecke, die ihre Beute verfolgt. Wenig später bückt er sich, nimmt die Brille ab und mustert aus wenigen Zentimetern Entfernung das Tier, dem seine Aufmerksamkeit gilt.

Vor einigen Jahren nahm Thomas zusammen mit seinem Kollegenpaar Jane Hill und Steven Wills eines der ersten Experimente zur gemanagten Umsiedlung in Angriff.2 Sie machten sich Sorgen darum, was der Klimawandel für die Zukunftsaussichten zweier lokaler Schmetterlingsarten – des Schachbretts und des Braunkolbigen Braun-Dickkopffalters – bedeuten könnte, und deshalb entschlossen sie sich, etwas Besonderes auszuprobieren. Sie luden ein paar Schachteln mit jeweils rund 500 Exemplaren der beiden Spezies in den Kofferraum eines Autos und machten sich auf der Autobahn auf den Weg in Richtung Norden.

Schmetterlinge, so könnte man meinen, sollten in der Lage sein, selbst ihren Schwierigkeiten davonzufliegen, wenn ihr angestammtes Verbreitungsgebiet sich immer stärker erwärmt. Aber das ist nicht immer möglich. Manchmal machen Hindernisse wie große städtische Gebiete oder ein dazwischenliegender Lebensraum mit dem falschen Nahrungsangebot eine solche selbstständige Umsiedlung unmöglich. Manche Schmetterlingsarten sind außerdem bodenständig und wandern nicht gern. Eine Kombination solcher Faktoren ließ es besonders unwahrscheinlich erscheinen, dass gerade diese beiden Lepidoptera-Arten der zunehmenden Wärme aus eigener Kraft entkommen würden.

Nach einer kurzen Fahrt über die Autobahn A-1 in den Nordwesten Englands wurden die Schmetterlinge in zwei Steinbrüchen, die nach den Feststellungen von Hill, Willis und Thomas einen geeigneten Lebensraum boten, freigelassen. Da es sich bei den Steinbrüchen um aufgegebenes Industriegelände handelte, brauchte man keine Sorge zu haben, dass die zugewanderten Arten irgendeine unberührte natürliche Ordnung durcheinanderbringen würden. Als Berater zogen die Wissenschaftler lokale Naturschutzexperten hinzu, und Schmetterlinge beiderlei Geschlechts wurden wenige Stunden, nachdem man sie in ihrem weiter südlich gelegenen Lebensraum mit Netzen gefangen hatte, in jedem Steinbruch an der gleichen Stelle freigelassen. Anschließend überließ man sie sich selbst und ihrem Schmetterlingsleben.

Gewissenhafte Untersuchungen haben in den zehn Jahren seit der Umsiedlung gezeigt, dass die beiden Spezies in ihrer weiter nördlich gelegenen Heimat nicht nur überlebt haben, sondern die Bestände sind sogar gewachsen und haben sich so verbreitet, wie man es von einer gesunden Schmetterlingspopulation erwartet. Die gemanagte Umsiedlung hatte also funktioniert, und zwar gut. Es war eine billige, offensichtlich ungefährliche und wirksame Maßnahme.

Aus Thomas' Sicht zeigte dieser kleine Versuch, dass die gemanagte Umsiedlung ein vielversprechendes Hilfsmittel des Naturschutzes sein kann, wenn man die Auswirkungen des Klimawandels auf langsam wandernde Arten abmildern will. Wenn es mit Schmetterlingen klappt, so Thomas’ Überlegung, könnte es auch mit anderen Arten klappen. Damit wächst die Hoffnung, dass man Arten, die durch den Klimawandel bedroht sind, die benötigte Unterstützung zum Überleben gewähren kann; Thomas würde argumentieren, dies sei ein Beispiel für klimagerechten Naturschutz.

Leider ist die Geschwindigkeit, mit der sich die Arten an der neuen Stelle verbreiten, nach den Feststellungen der Wissenschaftler zwar recht typisch für die Verbreitungsgeschwindigkeit anderer Schmetterlingsarten, aber sie liegt erheblich niedriger als die Geschwindigkeit, mit der sich die Linien gleicher Temperatur in Großbritannien nach Norden bewegen. Einerseits hat eine derart langsame Verbreitung zur Folge, dass die Schmetterlinge sich nicht wie eine Seuche ausbreiten und in ihrer neuen Heimat nicht zu einer Landplage werden. Andererseits lässt sie aber auch vermuten, dass man Schmetterlinge und ähnliche Arten in den nächsten Jahrzehnten mehrmals wird umsiedeln müssen, wenn sie mit dem Klimawandel Schritt halten sollen. Solche Eingriffe werden zunehmend zum Normalfall werden.

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