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Kennen wir uns?: Was ist Cold Reading – oder: Von Eselsohren und Lachfalten

Der Drang, verstanden und gesehen zu werden, ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft, die wir alle miteinander teilen. Wer anderen das Gefühl geben kann, sie wirklich verstanden zu haben, dem werden sich privat, im Alltag und im professionellen Bereich ohne viel Aufwand eine Vielzahl neuer Türen öffnen.
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Herzlich willkommen in »Kennen wir uns?«, meinem buchförmigen Kurs zur intuitiven Menschenkenntnis. Zuallererst: Danke für dein Vertrauen und für die Zeit, die du schon jetzt mit diesem Buch verbringst. Das ist nicht selbstverständlich. Ich verspreche dir im Gegenzug, mein Bestes zu tun, dir mein System der Menschenkenntnis so effektiv wie möglich nahezubringen. Nach dem Lesen von »Kennen wir uns?« sollte es dir möglichst leichtfallen, dich in andere Menschen hineinzuversetzen, sie zu verstehen und (das ist besonders wichtig) ihnen auch das Gefühl geben, dass du sie tatsächlich verstehst. Der Drang, verstanden und gesehen zu werden, ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft, die wir alle miteinander teilen. Wer anderen das Gefühl geben kann, sie wirklich verstanden zu haben, dem werden sich privat, im Alltag und im professionellen Bereich ohne viel Aufwand eine Vielzahl neuer Türen öffnen.

Bevor wir in wenigen Seiten damit beginnen, uns umfassend mit den Themen Menschenkenntnis und Cold Reading auseinanderzusetzen, möchte ich dir an dieser Stelle einige Wegweiser für deine Arbeit mit meinem Buch geben. Sieh dieses Kapitel als eine Art Briefing, welches dir eine Übersicht über das, was dich erwartet, verschafft.

Dein(e) Lehrer

Vielleicht hast du eine ungefähre Vorstellung davon, wer hier grade zu dir spricht (oder schreibt). Falls nicht, dann wirf ganz kurz einen Blick aufs Cover – das bin ich. Darunter steht mein Name, Timon Krause (weil man das bei Büchern so macht). Falls du meine Arbeit noch nicht kennst, erlaube mir, mich dir hier kurz vorzustellen: Den Großteil meiner Arbeitszeit verbringe ich als Mentalist auf der Bühne. Ich ziehe mit meiner Show durch verschiedene Theater. Menschen können sich dann Tickets kaufen (ich bin immer wieder dankbar und etwas überrascht, wenn da eine Vielzahl an Leuten sitzt, die an diesem Abend auch etwas anderes hätten tun können) und verbringen dann einen Abend mit mir (und meistens zwei Live-Musikern), während ich die PINs ihrer Bankkarten errate, Freiwillige hypnotisiere und versuche, subtil ihre Handlungen zu beeinflussen. Mir macht das unbeschreiblichen Spaß, dem Publikum hoffentlich auch.

Meinen Weg zum Mentalisten habe ich mit 12 Jahren begonnen, als ich eine Hypnose-Show besuchte und das Gesehene unbedingt selbst lernen wollte. Die meisten Ausbilder befanden mich allerdings für zu jung, um an einem Seminar teilzunehmen. Störrisch wie ich war (bin?), machte ich mich auf, die Kunst der Hypnose auf eigene Faust zu erlernen. Dabei lief einiges sehr gut, einiges sehr schief, und vier Jahre später fand ich mich auf einem Auslandsjahr in Neuseeland mit einem religiös motivierten Hypnoseverbot wieder. Wenn du das Vorwort gelesen hast (ich gestehe zu meiner tiefen Schande, dass ich Vorworte selber häufig überspringe), weißt du, dass ich dort einen Handleser namens Richard Webster kennen lernte.

Richard ist Experte im sogenannten Cold Reading – einer Technik, die oft von Wahrsagern, Handlesern und Astrologen genutzt wird, um es so aussehen zu lassen, als hätten sie tiefe Einblicke in dein Leben und deine Psyche. Ich verbrachte das Jahr in Neuseeland als Lehrling von Richard, der mir die psychologischen Techniken des effektiven Cold Reading beibrachte und mir half, zum Ende meines Aufenthalts im Alter von 16 mein erstes Buch für andere Mentalisten zu veröffentlichen. Einer meiner Kampfsportlehrer sagte mir einmal, dass du nur dann richtig gut in etwas wirst, wenn du das Mindset eines Anfängers behältst: offen, neugierig, Neues wie ein Schwamm aufsaugend. Sobald du dich als Meister siehst, stehst du still, und Stillstand ist tödlich für jede Entwicklung. Ich handhabe das seitdem genauso und freue mich, immer weiter lernen zu dürfen. Richard sehe ich immer noch als meinen Mentor.

Heute bin ich 25 (bei Erscheinen dieses Buches 26). Nach meiner Rückkehr aus Neuseeland bin ich nach Amsterdam gezogen, habe dort vier Jahre lang Theater studiert und erst einen Bachelor, dann einen Master in Philosophie erworben und weitere Bücher geschrieben und Shows entwickelt. Manchmal trete ich als Speaker auf und lüfte ein wenig den Schleier meiner Mentalistentechniken. Ab und zu mache ich Musik auf einer meiner Handpans. Wenn du mir irgendwo über den Weg läufst, dann stehen die Chancen gut, dass ich grade in einem Café sitze, lese oder schreibe und obszöne Mengen Kaffee zu mir nehme. Einige Künstlerklischees entsprechen eben einfach der Wahrheit.

Dass ich 25 bin, bedeutet, dass ich mehr als die Hälfte meines Lebens damit verbracht habe, mich dem menschlichen Geist und seinen Prinzipien zu widmen. 13 Jahre sind immerhin 13 Jahre. Es bedeutet aber auch, dass es Menschen gibt, die mehr als dreimal so viel Zeit hatten, über eben jene Themen nachzudenken – zum Beispiel Richard Webster.

Manche von ihnen schreiben Bücher oder lehren in Kursen, manche halten sich aber auch eher bedeckt; ein bekanntes und weit verbreitetes Symptom unter Mentalisten. Ich weiß zwar einiges über Cold Reading und Menschenkenntnis, aber noch lange nicht alles (ich glaube und hoffe, dass das für immer so bleibt – wer seine Neugier verliert, steht still). Deshalb ist es mir eine absolute Ehre, in diesem Buch Cold-Reading-Experten aus aller Welt als deine und meine Gastlehrer willkommen heißen zu dürfen. In mehreren Interviews stellen sie ihre eigenen Techniken und Ansätze vor und teilen großzügig ihre besten Tipps und Tricks zur angewandten Menschenkenntnis. Du hast also nicht nur mich als Lehrer, sondern eine Vielzahl noch erfahrenerer Lehrer, die dir ihre persönlichen Erfahrungen mitgeben.

Was ist Cold Reading?

Jetzt aber mal zur Sache! Cold Reading, Cold Reading, Cold Reading – gefühlt tausendmal habe ich das Wort benutzt, dir aber noch keine Definition geliefert. Das hole ich jetzt nach. Cold Reading bedeutet in direkter Übersetzung das »kalte« Lesen einer Person.

Kalt verweist dabei nicht auf etwaige Temperaturverhältnisse, sondern auf das Fehlen vorheriger Informationen. Unter Mentalisten umschreibt »Hot Reading« nämlich das Lesen einer Person mit Vorabinformationen. Diese Informationen können zum Beispiel über Körpersprache, Aussehen oder Reaktionen der zu lesenden Person erlangt werden. Es kann sich dabei aber auch um handfeste Fakten handeln. Weiß ich zum Beispiel, dass mein Gegenüber männlich ist, als Bäcker arbeitet und leidenschaftlich gerne Saxophon spielt, so habe ich beim Lesen dieser Person schon einen Vorsprung. Meine Analyse, oder mein Reading, dieser Person ist jetzt warm oder »hot«, weil ich schon etwas über sie weiß.

Der Clou bei den Techniken des Cold Reading ist, dass sie auch dann funktionieren würden, wenn wir überhaupt keinen direkten Kontakt zu der anderen Person hätten. Trotzdem ist das gegebene Reading akkurat. Das funktioniert, weil wir beim Cold Reading auf universelle menschliche Erfahrungen zurückgreifen, die wir alle miteinander teilen. Die angewandten Prinzipien liefern uns Menschenkenntnis in seiner reinsten Form. Keine Sorge, wenn das jetzt erstmal verwirrend klingt. Wie solche Techniken genau aussehen und funktionieren, besprechen wir in den nächsten Kapiteln.

Kann jeder Cold Reading lernen?

Das Schöne am Cold Reading ist, dass es in seiner reinsten Form sehr einfach zu lernen und anzuwenden ist. Die einfachsten Techniken verlangen nichts weiter als, verzeih, stumpfes Auswendiglernen (keine Sorge, ich helfe dir dabei, und so stumpf wird es nicht) und erzielen trotzdem schon einen großen Effekt beim Gegenüber. Darüber hinaus gibt es vielseitige Anwendungsmöglichkeiten und Chancen, die Basistechniken des Cold Reading auszuweiten und noch wirkungsvoller zu machen. Es kann also jeder Mensch Cold Reading lernen: garantiert und zu 100 Prozent.

Wieso sollte ich überhaupt Cold Reading lernen?

Gute Frage! Die Vorteile des Cold Reading sind äußerst vielfältig. Im Grunde bietet dir das Cold Reading die Möglichkeit, jederzeit und überall sofort mit deinen Mitmenschen auf eine Wellenlänge zu kommen. Cold Reading lehrt dich zum einen zu verstehen, was in deinen Mitmenschen vorgeht, und zum anderen, wie du deinen Mitmenschen auch zeigst, dass du sie verstehst. In einer Zeit, in der sich viele von uns trotz der immer stärkeren Verbindung über Social Media stets isolierter fühlen, wird es ungemein wertgeschätzt, wenn du deinem Gegenüber das Gefühl geben kannst, es wirklich und innig verstanden zu haben.

Cold Reading hilft dir sowohl im privaten als auch im beruflichen Umfeld. Wir alle möchten uns instinktiv mit Menschen umgeben, die ein bisschen wie wir selbst ticken. Die Menschen, die uns verstehen, sind meistens die, die ähnlich denken wie wir. Wenn du lernst, deine Mitmenschen authentisch zu verstehen, dann wird man wiederholt deine Nähe suchen. Die Vorteile der hier beschriebenen Cold-Reading-Techniken erstrecken sich also vom mühelosen Knüpfen neuer Freundschaften bis zum reibungslosen Beginn geschäftlicher Beziehungen (manchmal wird Cold Reading sogar im Polizeiverhör benutzt, um schnell und effizient die Tür zum Vertrauen des Verdächtigen zu öffnen. Später im Buch treffen wir einen Experten, der regelmäßig der Polizei und dem FBI Kurse in dieser Technik gibt).

Je intensiver du dich mit dem Cold Reading beschäftigst, desto besser werden deine Menschenkenntnis sowie deine zwischenmenschlichen Fähigkeiten werden. Wie die anderen Mentalistentechniken (zum Beispiel das Lernen von Hypnose) lehrt dich Cold Reading obendrein viel über dich selbst und dein eigenes Innenleben. Die Erkenntnisse, die du über andere gewinnst, kannst du immer auch auf dich selbst beziehen.

Was ich dir beibringe (und in welcher Reihenfolge)

In »Kennen wir uns?« zeige ich dir die Basis des Cold Reading, meine Variationen dieser psychologischen Technik und wie ich diese Kommunikationstaktik in den Alltag einbinde, um elegant zwischenmenschliche Türen zu öffnen. Ich werde dir dabei helfen, sogar fortgeschrittene Techniken des Cold Reading in so kurzer Zeit wie möglich zu meistern. Obwohl Cold Reading an sich sehr praxisbezogen ist, ist es manchmal nötig, dass wir uns eine Weile mit Psychologie und der Theorie hinter den verschiedenen Techniken beschäftigen. Mein persönliches Ziel ist es, dir nicht nur zu zeigen, dass Cold Reading funktioniert, sondern auch wie und warum es funktioniert. So erlangst du ein tieferes und intuitives Verständnis der Technik und kannst sie mit größtmöglicher Flexibilität nutzen. Von Zeit zu Zeit gebe ich dir Praxisübungen und lade dich ein, das Gelernte direkt auszuprobieren. Über diese Übungen wirst du zu eigenen Einsichten finden und erkennen, was für dich besonders gut funktioniert.

Außerdem werde ich dir einige Randgebiete des Cold Reading zeigen, insbesondere wie du diese Techniken nutzt, um dich selbst zu lesen. Es geht dabei um Selbsterkenntnis und Selbstreflexion. Du wirst Übungen kennen lernen, mit denen du dein eigenes Unterbewusstsein entschlüsseln kannst, um interne Konflikte zu lösen.

Die vollständige Quellenangabe zu allen wissenschaftlichen Untersuchungen, auf die ich in »Kennen wir uns?« verweise, findest du am Ende dieses Buches.

Wie du das meiste aus diesem Buch rausholst

Du könntest dieses Buch einfach lesen, schließen und seinen Inhalt dann wieder vergessen. Du könntest es auch als Türstopper benutzen oder um deinen wackligen Tisch zu stabilisieren. Das wäre, meiner Ansicht nach, alles sehr schade. Dieses Buch ist, wie schon mein erstes Buch, als Gebrauchsgegenstand gedacht. Mach dir Notizen, klebe kleine Zettelchen rein, nimm es mit auf Reisen, gib ihm Eselsohren (Eselsohren an Büchern sind wie Lachfalten bei Menschen), mal einen Schnurrbart auf mein Gesicht. Aber vor allem: Probiere das, was du lernst, aktiv aus! Mentalismus und Cold Reading sind keine exakten Wissenschaften. Manchmal funktioniert eine Sache für mich gut, die für andere gar nicht funktioniert, oder umgekehrt. Teste die hier gezeigten Techniken in deinem Umfeld, im Alltag und im Beruf. Wenn du dich traust, dann spring direkt ins kalte Wasser. Du wirst dich vielleicht selbst damit überraschen, wie gut Cold Reading für dich funktioniert und wie schnell sich deine Menschenkenntnis verbessert. Wenn du es lieber langsam angehen möchtest, dann lass mich dich Schritt für Schritt in die Praxis leiten. Egal, ob du direkt reinspringst oder lieber langsam immer weiterpaddeln möchtest: Verlass dich nicht nur auf mich, sondern probiere es immer selbst.

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