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Leseprobe »Lassen Sie Ihre Zeit nicht unbeaufsichtigt!«: Die Zeit – alt, relativ und unfassbar wichtig für uns

Das Leben ist eine Achterbahnfahrt mit Höhen und Tiefen und es ist endlich! Wer weiß, wie das Gehirn die Zeit steuert, kann die Gegenwart intensiver leben, konzentrierter arbeiten, heute die Weichen für eine bessere Zukunft stellen und ganz nebenbei auch noch tief entspannen. Eine Leseprobe
Uhr

Der Tag wird kommen

Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. Ich musste raus. Raus aus meiner Wohnung. Im Laub vor mir raschelt etwas. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Bisher war das für mich nur eine Redensart, aber jetzt ist es Realität. Die Luft ist kalt und klar, aber mir ist schwindelig. Es ist 20.33 Uhr, zeigt die Uhr auf meinem Handy. Es ist Dezember 2020, mitten im Corona-Lockdown. Und mir ist gerade klar geworden, dass das alles ein Ende haben wird. Die Pandemie, aber auch alles Leben. Meins natürlich auch.

Vor wenigen Minuten habe ich über die Death-Clock erfahren, wann ich sterben werde. Rein rechnerisch. Neben Geburtstag, Land, Alkoholkonsum und Body-Mass-Index musste ich angeben, mit welcher Einstellung ich aufs Leben schaue. Wenn ich zweimal pro Woche Alkohol trinke – momentan eine optimistische Schätzung – und dem Leben wie im Augenblick pessimistisch gegenüberstehe, werde ich am 7. März 2061, also im Alter von 74 Jahren, fünf Monaten und einem Tag sterben. Meine Deadline. Sehr wahrscheinlich wird es so nicht kommen, aber das Datum war so eindeutig, dass mir kurz die Luft weggeblieben ist.

Kann ich mehr Zeit haben, bitte? Ich tippe mit kalten Fingern auf dem leuchtenden Display meines Handys herum. Verändere ich nur einen Parameter, zum Beispiel meine Lebenseinstellung von »pessimistisch« in »optimistisch«, wird mein letztes Stündlein erst im Jahr 2072 geschlagen haben. Wow! Eine positive Lebenseinstellung schenkt mir demnach mehr als zehn Lebensjahre. Nur: Wo soll ich diese positive Einstellung gerade jetzt herbekommen? Mein Blick fällt auf einen leeren, weggeworfenen Kaffeebecher und mir wird klar: Ich möchte nicht morgens am Küchentisch von meiner Kaffeetasse aufblicken, kurz bevor ich – womöglich im März 2061 – sterben werde, und jammern: »Hätte ich meine Zeit doch nur besser genutzt!«

»Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Das Geheimnis ist die Zeit.«(Michael Ende)

Neben mir huscht wieder etwas durch das Laub, hält kurz inne und schaut mich an. Es ist ein junges Eichhörnchen. »Na, suchst du einen Abendsnack?«, frage ich es leise, dankbar für die kleine Ablenkung. Ach, wie gern würde ich jetzt auch Winterruhe halten, vom nächsten Frühling träumen und keine größeren Sorgen haben, als mich an die Verstecke mit meinen Leckereien zu erinnern. Dem kleinen Nüssesammler ist das Ende seiner Zeit bestimmt nicht so bewusst wie mir gerade. Glückliches Kerlchen!

Unvorhersehbares Auf und Ab – die wilde Achterbahnfahrt namens Leben

Unser Dasein ist physisch an einen einzigen Ort gebunden, das gilt aber nicht für unseren Geist. Dort greifen Raum und Zeit ineinander über, wir können mithilfe unserer Vorstellungskraft so viel umherreisen, wie wir möchten, wir können uns zurückerinnern und vorausdenken. Wir sind quasi im Besitz einer neuronalen Zeitmaschine. Das Problem: Wir nutzen diese Fähigkeiten nicht sehr häufig für die Zukunft, die noch in weiter Ferne liegt. Noch schlimmer: Wir ändern unser Verhalten nicht, obwohl wir meist die langfristigen Folgen unseres Handelns kennen oder zumindest erahnen können.

Die Zukunft haben wir in vielen Bereichen aus den Augen verloren. In Deutschland werden zum Beispiel jedes Jahr fast drei Milliarden Einweg-Kaffeebecher verbraucht. Jeder Einzelne bricht mir ein wenig das Herz, weil dieses Symbol für unsere Wegwerfgesellschaft zeigt, wie sehr wir alle im Jetzt verankert sind. Klar, ein warmer Coffee to go ist zauberhaft, aber was macht all der Müll mit der zukünftigen Welt? Ich weiß, die Themen Umweltschutz und Klimawandel nutzen sich schnell ab. Ich werde Sie daher auch bis Kapitel 11 damit verschonen. Widmen wir uns daher unserem Leben im Hier und Jetzt, der Zeit, die wir haben, und der Zukunft, die wir für uns gestalten wollen.

Um etwas Abstraktes besser zu verstehen und es sich einzuprägen, helfen dem Gehirn immer Bilder. Da unser Leben, ja sogar meist jeder Tag seine Höhen und Tiefen hat, die wir nur bedingt beeinflussen können, kommt mir das Leben oft wie eine wilde Achterbahnfahrt vor: Ein rasantes Abenteuer voller unerwarteter Wendungen und Überraschungen, das uns auch mal ordentlich herumschleudert und durchschüttelt – aber ein klares Ende hat. Die Zeit, das sind die Schienen, der Waggon, das bin ich – oder Sie.

Nach unserer Geburt vergeht die Zeit, während der Achterbahnwaggon nach oben gezogen wird, noch sehr langsam. Doch schon bald geht es los mit den kleinen und großen Höhen und Tiefen des Lebens. Einige Hindernisse können wir mit genug Schwung überwinden, andere scheinen so groß, dass wir unsere Fahrt lieber auf einen leichteren, bequemeren Weg umlenken. Unsere Entscheidungen stellen sozusagen die Weichen auf der Strecke. Begleitet wird diese Fahrt von unseren Sehnsüchten, Träumen und Vorstellungen und der Hoffnung, dass sie sich für uns erfüllen werden. Dabei sind uns während der Fahrt – bewusst oder unbewusst – vor allem zwei Bedürfnisse ganz besonders wichtig und liegen allem zugrunde: der Wunsch nach Geborgenheit und Verbundenheit und das Streben nach Freiheit, Autonomie und Unabhängigkeit. Sie sind das, was alle Menschen miteinander verbindet. Wenn es uns gelingt, uns daran zu orientieren, können wir uns wahrscheinlich gar nicht mehr verfahren.

Mal schnell, mal langsam, aber stets unaufhaltsam

Unser Achterbahnwaggon fährt mal langsamer, mal schneller, aber mit den Jahren gefühlt immer schneller und schneller, er nimmt Tempo auf mit dem weit entfernten Ziel eines guten, zufriedenen, glücklichen, aufregenden, außergewöhnlichen oder bunten Lebens, was auch immer ein gelungenes Leben für den Einzelnen bedeuten mag. Erlebnisse, die mit Freude verbunden sind, scheinen sehr schnell zu vergehen, während Langeweile, wie der Name schon sagt, zur langen Weile führt. Wäre es andersherum nicht viel besser? In gewisser Weise ist das auch so, denn in der Rückschau verkehrt sich der Eindruck oft ins Gegenteil. Hier spricht man vom Zeitparadoxon: Die Wartezeit beim Arzt scheint endlos, im Rückblick aber doch eher kurz. Der Urlaub, der schier verflogen ist, als wir mittendrin waren, wirkt in der Erinnerung ewig lang. Das Corona-Jahr 2020 hatte für mich gefühlt 86 Monate oder noch mehr. Diese Zeitwahrnehmung ist natürlich abhängig davon, in welcher Situation sich jeder Einzelne befunden hat. Viele erlebten das Pandemie-Jahr als unglaublich lang, doch in der Rückschau hat es für sie so gut wie gar nicht stattgefunden, da jeder Tag ähnlich ablief und es kaum besondere Erlebnisse gab. Gleichzeitig scheint die Zeit »vor Corona« ewig lang zurückzuliegen.

Zeitexperiment: Ein Gefühl für die Zeit

Dank unseres Gehirns können wir uns immer selbst wahrnehmen, sogar beim Beobachten der Zeit. Diese Fähigkeit wird auch als »Metakognition« bezeichnet.

Stellen Sie einen Timer auf eine Minute und beobachten Sie einfach, wie die Zeit vergeht – aber ohne dabei auf die Uhr zu sehen. Los geht’s!

Wie war diese Erfahrung für Sie? Was nehmen Sie wahr, wenn Sie die Zeit beobachten? Was passiert, wenn nichts passiert?

Drei große Abschnitte unserer Zeit

Während der Fahrt können wir den Waggon nicht stoppen, denn die Zeit kennt keine Pause-Taste, sie vergeht unbarmherzig weiter. Unsere Achterbahnfahrt lässt sich dabei in drei klare Abschnitte einteilen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die »Vergangenheit« war so, wie sie war. Darauf haben wir keinen Einfluss mehr, aber wir haben die Möglichkeit, sie neu zu interpretieren und zu bewerten. Unser Gedächtnis führt zwar eine Art Fahrtenbuch, es ist allerdings sehr lückenhaft und kann sogar mit der Zeit umgeschrieben werden. Wie unser Leben heute aussieht, ist das Resultat unserer bisherigen Wünsche und Pläne, Erfahrungen und Entscheidungen, also unserem vergangenen Denken und Handeln bis zu diesem Zeitpunkt. Was wir aber konkret und damit ganz bewusst wahrnehmen ist immer nur die »Gegenwart«, der momentane Augenblick. Wir können nur im Jetzt handeln, unser Leben findet im Hier statt, was uns etwas »zukunftsdumm« macht, wie wir in Kapitel 6 noch sehen werden. Unsere »Zukunft« ist ungewiss, doch das, was wir heute denken und tun, wird unsere zukünftige Wirklichkeit mitbestimmen. Die Schienen, auf denen wir morgen fahren werden, beeinflussen wir bereits mit unserem heutigen Handeln. Wenn wir nicht aufpassen, können wir uns also – wie der Autor Pero Mićić schreibt – durchaus an jedem einzelnen Tag die Zukunft versauen.

Ein Tag ist, abzüglich angenommener 8 Stunden Schlaf, 960 wache Minuten und damit 16 Stunden lang – für Leute mit Snooze- Taste etwas kürzer. Mit diesen knapp 1000 Minuten können wir theoretisch tun und lassen, was wir wollen. Klingt nach einer ganzen Menge, fühlt sich nur häufig nicht so an. Wir müssen Geld verdienen, wollen Zeit mit Freunden und/oder der Familie verbringen und haben auch noch einen Haushalt zu schmeißen. Oft kommt es uns vor, als ob die Zeit mit »uns« macht, was sie will. Die schlechte Nachricht: Wir haben tatsächlich nie die volle Kontrolle über unsere Fahrt und unsere Zukunft, dafür gibt es zu viel, das wir nicht beeinflussen können. Die gute Nachricht: Wir bestimmen jeden Tag mit, welche Person wir in Zukunft sein werden.

Dabei haben wir unterschiedliche, teilweise leider sehr ungerechte Startbedingungen. Aber wir allein entscheiden hier und heute, was wir mit der uns zur Verfügung stehenden Zeit anfangen, also wie wir unsere Achterbahnfahrt gestalten wollen, wie weit wir in die Zukunft schauen möchten, wofür wir zu kämpfen bereit sind, welche Loopings wir in Angriff nehmen oder nicht. Kämpfen hört sich vielleicht wild an, aber so ist es doch: Probleme tauchen überall und jederzeit auf – im Job, in Beziehungen, beim Erreichen von Zielen, beim Streben nach Glück und mehr Gerechtigkeit oder bei der Rettung der Welt. Die entscheidende Frage, die Sie für sich beantworten sollten, ist: Wohin sollen die Schienen Ihrer Achterbahn führen und was können Sie tun, um nicht so schnell von den äußeren Umständen aus der Bahn geworfen zu werden? Anders ausgedrückt: Wofür wollen Sie Ihre Zeit einsetzen?

Um diese Frage zu beantworten, ist es wichtig, Ihre Prioritäten und Fähigkeiten zu erkennen, zu wissen, was Sie gerne tun und was Sie zu diesem Zweck noch lernen wollen, um sich dann den Aufgaben und Dingen zu widmen, die wahrhaftige Begeisterung bei Ihnen hervorrufen. Dabei kann die Überlegung helfen, womit Sie sich gerne beschäftigen und welche Probleme sich lohnen, gelöst zu werden. Es macht mich zum Beispiel unfassbar glücklich, ein Buch zu schreiben. Gleichzeitig bereitet es mir auch unglaublich viele Probleme: die Recherche, die Angst vor dem Scheitern, das Kürzen, wenn ich wieder viel zu viel geschrieben habe. Oft ist es ein regelrechter Kampf und manchmal mag ich ihn nicht führen. Aber ich liebe es noch viel mehr, am Ende doch alles auszutüfteln. Und am allermeisten liebe ich das Gefühl, wenn alles geschafft ist und ich mich wieder ein wenig erholen und ausruhen kann. Denn Muße und Nichtstun finde ich am allerschönsten, wenn sie nach einem kleinen oder größeren Erfolg genossen werden dürfen.

Schlussendlich möchte doch jeder sagen können: »Ich habe meine Zeit richtig gut verbracht. Ich habe sie nicht unbeaufsichtigt gelassen – meistens zumindest.« Vieles liegt dabei in Ihrer Hand. Je besser Sie Ihr Gehirn und Ihr Verhalten verstehen, desto (selbst)bewusster, entspannter und zufriedener können Sie mit Ihrer Zeit umgehen, im Hier und Jetzt leben und das Fahrtempo sowie die Höhen und Tiefen Ihrer Achterbahnfahrt des Lebens in Ihrem besten Sinne beeinflussen und sogar Ihre Zukunft besser im Blick behalten. Doch bevor wir unsere Achterbahnfahrt näher in den Blick nehmen, fahren wir einen kleinen Umweg durch die verschiedenen Betrachtungsweisen der Zeit.

Ein uraltes Phänomen und ein Mysterium

Einerseits ist Zeit für uns heute etwas so Selbstverständliches, dass wir kaum darüber nachdenken. Andererseits beschweren wir uns ständig, dass wir viel zu wenig davon haben. Wenn das menschliche Gehirn das komplexeste System im Universum ist, das wir kennen, [...]

Leider endet die Leseprobe an dieser Stelle. Das Buch bietet den Rest des Kapitels und mehr über Ihre Zeit und wie das Gehirn unsere Zukunft formt.

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