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Leseprobe »Das unsichtbare Gepäck«: Mentale Belastungen: das unsichtbare Gepäck

Die Anzahl der Arbeitsausfälle aufgrund psychischer Erkrankungen befindet sich auf einem Rekordniveau. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Führungskraft eine Person im Team hat, die mental stark belastet ist, ist demnach ziemlich groß. Die Unsicherheit im Umgang damit aber auch. Eine Leseprobe
Ein Mann sitzt an seinem Schreibtisch, sichtlich verzweifelt, im Hintergrund ein karges Dachzimmer

Mentale Belastungen: das unsichtbare Gepäck

Jeder Mensch bringt ein mehr oder weniger schweres Gepäck mit an den Arbeitsplatz, die Situationen für mentale Belastungen können vielfältig sein: eine Trennung, ein Einbruch zu Hause, ein Autounfall, Konflikte in der Familie oder am Arbeitsplatz, finanzielle Sorgen, eine schwere Krankheit oder der Verlust einer nahestehenden Person, ein unerfüllter Kinderwunsch, die Sorge über die sich immer schneller verändernde Welt. Manche haben Angst davor, eine Präsentation zu halten, einige mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Andere wiederum sind enttäuscht über die nicht erfolgte, jedoch erwartete Beförderung, manche haben Zeitdruck und einen hohen Anspruch an die eigene Leistung. Mentale Belastungen können vielfältig sein. Manch mentale Belastung wird zu einer ernsten psychischen Erkrankung.

Doch während viele körperliche Erkrankungen meist sichtbar sind, bleiben mentale Belastungen und psychische Erkrankungen häufig unsichtbar im Verborgenen. Man spricht nicht darüber.

Psychische Erkrankungen sind jedoch weit verbreitet. In Deutschland ist mehr als jeder Vierte von einer psychischen Erkrankung betroffen (rund 28 Prozent). Diese Zahl wurde in einer sehr aufwendigen Studie, durchgeführt von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie (DGPPN) im Auftrag des Robert-Koch- Instituts (RKI), ermittelt. Hierfür wurde eine repräsentative Stichprobe von Erwachsenen im Alter von 18 bis 79 Jahren von 2008 bis 2011 im Rahmen der DEGS1-Studie (Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland) in umfangreichen diagnostischen Interviews befragt.

Im Jahr des Studienendes waren laut dem Ergebnis 17,8 Millionen Menschen psychisch erkrankt. Das entspricht etwa der gesamten Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen, unserem bevölkerungsreichsten Bundesland. Die beiden häufigsten psychischen Störungen sind die Angststörungen mit 15,4 Prozent und die sogenannten affektiven Störungen (Depressionen) mit 9,8 Prozent.

Aufschlussreich sind auch die Zahlen der Krankschreibungen der einzelnen Krankenkassen. Diese veröffentlichen regelmäßig, wie viele ihrer Versicherten wegen psychischer Erkrankungen von ihrem Arzt eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) bekommen haben.

Laut des DAK-Psychreport 2025 waren wie schon in dem Jahr zuvor psychische Erkrankungen die dritthäufigste Ursache für Krankschreibungen. Etwas höher lagen nur Muskel-Skelett-Erkrankungen (an zweiter Stelle) und Erkrankungen des Atmungssystems (mit den häufigsten Krankschreibungen).

Bei den psychischen Erkrankungen wurden die meisten wegen Depressionen krankgeschrieben. Zugenommen haben im Jahr 2024 insbesondere kürzere Ausfallzeiten, die Anzahl längerer Krankschreibungen (mehr als 42 Tage) ging zurück. Die Arbeitsunfähigkeit aufgrund psychischer Erkrankungen war auch bei jungen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern recht hoch.

Es wird vermutet, dass sich in der Gruppe mit den Muskel-Skelett-Erkrankungen Versicherte befinden, die eigentlich eine psychische Erkrankung haben, da sich diese manchmal zusätzlich in Rückenbeschwerden zeigen können. Bildlich gesprochen drückt häufig gerade das unsichtbare Gepäck auf unser Kreuz. Und man muss bedenken: Das ist die Anzahl der Krankschreibungen. Nicht alle, die psychisch erkrankt sind, suchen überhaupt einen Arzt auf. Aber auch nicht alle sind arbeitsunfähig.

Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand aus dem eigenen Umfeld mental belastet oder psychisch erkrankt ist, ist demnach recht hoch. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass jeder im Laufe seines Lebens mit einer psychischen Erkrankung konfrontiert wird. Entweder als Angehöriger, als Freund, als Kollege oder als selbst Erkrankter.

Damit wird immer deutlicher, dass Führungskräfte dem Thema mentale Belastung und psychische Erkrankung kaum aus dem Weg gehen können, und sich auch im beruflichen Kontext damit auseinandersetzen sollten. Doch mit der Zunahme der mentalen Belastungen und psychischen Erkrankungen steigt nicht automatisch unser Wissen darüber. Im Gegenteil: Es gibt viele Mythen und falsche Annahmen, die wir über mentale Belastungen und psychische Erkrankungen haben. Im Umgang damit steht auf beiden Seiten – auf der der Betroffenen und der des Umfeldes – jeweils ein schwerer Rucksack aus Unsicherheit und Angst. Doch keiner sieht das Gepäck des anderen. Und so entsteht ein Teufelskreis aus wechselseitiger Verunsicherung, falschen Annahmen und Sprachlosigkeit: Wenn wir vermuten, dass jemand psychisch erkrankt ist, wenn wir vielleicht Anzeichen wahrgenommen haben oder sogar eine Diagnose kennen, fühlen wir uns unsicher, wie und ob wir dies ansprechen sollen. Wir befürchten, dass wir, wenn wir jemanden auf seine Trauer, seine Depressionen, seine Ängste oder Burnout ansprechen, etwas falsch machen könnten. Außerdem haben wir auch Angst vor unseren eigenen Emotionen. So entsteht durch unsere eigene Unsicherheit und Angst eine Schwere, die uns Energie kosten kann.

Doch Unsicherheit und Ängste sind auch auf der Seite der Betroffenen: Auch sie wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Aus Scham und Angst vor beruflichen Nachteilen versuchen viele, ihre Erkrankung zu verbergen. Diese Geheimhaltung, so tun zu müssen als sei nichts, obwohl man krank ist, erfordert zusätzliche Kraft. Kraft, die die Betroffenen oft gar nicht mehr haben. Und damit wird das Gepäck auch auf ihrer Seite immer schwerer. In einer Studie gaben 64 Prozent der Personen, die unter einer Depression leiden, an, im Arbeitsumfeld nicht darüber zu sprechen. Damit nehmen sie sich die Chance, dass sie Hilfe bekommen.

Und so trägt jeder ein unsichtbares Gepäck mit sich herum: die Betroffenen, weil sie zusätzlich zu ihrer psychischen Belastung noch Kraft aufwenden müssen, um ihre Erkrankung vor den anderen zu verbergen; und die Führungskraft und das Team, weil sie nicht wissen, wie sie mit dem Mitarbeiter mit einer mentalen Belastung umgehen sollen. Das Ignorieren des unsichtbaren Gepäcks verschlimmert aber die Situation und hat auch Auswirkungen auf die Arbeitsatmosphäre.

Für körperliche Notfälle gibt es in vielen Unternehmen Erste-Hilfe-Kurse. Ab einer gewissen Größe müssen Unternehmen, öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Kindergärten, Behörden oder auch Sportvereine über ausgebildete Ersthelfer verfügen, die bei diesen Notfällen zum Einsatz kommen: Sie lernen, wie man jemanden wiederbelebt, wie eine stabile Seitenlage funktioniert, wie man einen Defibrillator bedient und wie man eine blutende Wunde stillt.

Wenn eine Person aus unserem Team körperlich erkrankt, wissen wir häufig, was zu tun ist, wir kennen das Gepäck und versuchen, dem Betroffenen etwas Gutes zu tun: Wir wünschen gute Besserung, bedauern denjenigen und schicken je nach Schwere vielleicht noch eine Karte. Wenn die Person dann gesund ist, ist die Erkrankung schnell vergessen.

Aber was ist bei seelischen »Wunden«? Über mentale Erste Hilfe wissen die meisten nichts. Und so lassen wir Menschen mit psychischen Erkrankungen meist aus Unsicherheit allein. Führungskräfte können sehr viel tun, um einen hilfreichen Umgang mit dem Thema mentale Belastungen und psychische Erkrankungen im Unternehmen zu fördern und auch einer Stigmatisierung entgegenzuwirken oder vorzubeugen. Das Unsichtbare sichtbar zu machen, hilft allen Seiten: dem Unternehmen, dem Team und den Betroffenen. Denn je früher psychische Veränderungen erkannt werden, desto früher kann man etwas dagegen tun. Und umso weniger wahrscheinlich ist die Entstehung oder Chronifizierung einer Beeinträchtigung. Eine neue Studie konnte zeigen, dass früh angesetzte Interventionen schon bei ersten Warnsignalen und Symptomen die Entstehung einer Depression verhindern konnten. So können auch Unternehmen zur Prävention von psychischen Erkrankungen beitragen.

Viele Gemeinsamkeiten bei körperlichen und psychischen Erkrankungen

Es wäre für alle Seiten hilfreich, wenn psychische Erkrankungen dabei denselben Stellenwert bekämen wie körperliche. Denn oftmals sind mentale Belastungen auch nicht anders als körperliche Erkrankungen:

Manche körperlichen Erkrankungen heilen von allein, ohne dass man etwas tut. So ist es zuweilen bei psychischen Erkrankungen auch, wie zum Beispiel manchmal bei leichten Depressionen.

Bei manchen körperlichen Erkrankungen benötigt man etwas Unterstützung, um sie zu heilen. Rückenschmerzen kann man eventuell mit Krankengymnastik oder durch Reduzierung des Gewichts entgegenwirken und so nach einer Weile wieder beschwerdefrei leben. So ist es bei psychischen Erkrankungen auch. Bei manchen Depressionen oder Angststörungen ist es sinnvoll, sich Unterstützung zu holen. Wenn man beispielsweise in einer Therapie die aufrechterhaltenden Bedingungen versteht, lernt, was man dagegen tun kann und das Gelernte dann im Alltag umsetzt, können die Depressionen und Angststörungen geheilt werden. Die Chancen dafür sind sehr gut.

Manche körperlichen Erkrankungen werden chronisch, doch man kann sehr gut damit leben, wenn man bestimmte Dinge beachtet. Genau so ist es bei manchen psychischen Erkrankungen auch. Und es gibt aber auch schwere psychische Erkrankungen, genauso wie körperliche.

Festzuhalten ist: Psychische Erkrankungen sind genauso unterschiedlich wie körperliche und man sollte sie differenziert betrachten. Die meisten Menschen mit psychischen Erkrankungen kehren nach Therapie und Stabilisierung vollständig in ihren Arbeitsalltag zurück.

Doch der Unterschied findet oft in unseren Köpfen statt.: Wenn ein Mitarbeiter einen Arm gebrochen hat, wird selten davon ausgegangen, dass er anschließend nicht mehr belastbar ist. Die Erwartung ist klar: Nach der Heilung kann er seine Aufgaben wieder übernehmen. Genau diese Haltung sollten Führungskräfte auch bei psychischen Erkrankungen einnehmen.

Denn da ist es oft so: Kommt der Mitarbeiter geheilt zurück, ist die Erkrankung in unseren Köpfen nicht vergessen. Sie haftet oft noch unsichtbar an dem Betroffenen, und wir sind weiterhin unsicher, wie wir mit ihm umgehen sollen. Oft gibt es die unausgesprochene Annahme: Wer einmal an einer psychischen Erkrankung leidet, bleibt »der Kranke«. Der Mensch wird dann nur noch auf seine ehemalige Erkrankung reduziert. Damit schleppen wir das Gepäck weiter mit uns herum, obwohl es gar nicht mehr existiert.

Diese Sichtweise ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich. Sie führt zu Stigmatisierung und verhindert, dass sich Betroffene öffnen oder rechtzeitig Unterstützung suchen. Führungskräften kommt dabei eine wichtige Aufgabe zu: Sie müssen ein Klima der Offenheit schaffen. Sie spielen eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, betroffene Mitarbeitende zu unterstützen. Ihre Verantwortung liegt hierbei, genau wie im normalen, operativen Geschäft, bei einer angemessenen Mitarbeiterführung im Interesse des Teams, für sich selbst und natürlich auch im Interesse des Unternehmens.

Zwölf Gründe für die Beschäftigung mit mentalen Belastungen im Unternehmen

1. Reduzierung von Kosten und Return on Investment Psychische Erkrankungen können aus unterschiedlichen Gründen erhebliche Kosten für Unternehmen verursachen. Zum einen kann die Arbeitsleistung leiden, wenn Mitarbeitende mental zu belastet sind. Zum anderen können sie zu Fehlzeiten führen, was zusätzliche Kosten verursacht. Psychische Probleme entwickeln sich oft über längere Zeiträume. Führungskräfte, die auf Warnsignale wie Überforderung oder Rückzug achten, können frühzeitig gegensteuern. Eine rechtzeitige Unterstützung, etwa durch Entlastung oder den Verweis auf betriebliche Hilfsangebote, kann unter Umständen verhindern, dass langfristige Erkrankungen entstehen. Je schneller man psychischen Erkrankungen entgegenwirkt, desto besser sind sie heilbar, wie bei vielen körperlichen Erkrankungen auch. Und dies wirkt sich dann wiederum positiv auf die Kosten aus.

Investitionen in die Förderung der mentalen Gesundheit können einen positiven Return on Investment (ROI) erzielen. Hier gibt es in verschiedenen Studien zwar unterschiedliche Ergebnisse, aber alle sprechen dafür, dass es sich lohnt. Eine US-amerikanische Studie ergab beispielsweise, dass Präventionsprogramme für Depressionen und Angststörungen zu verringerten Fehlzeiten, gesteigerter Arbeitsproduktivität und höherer Mitarbeiterzufriedenheit führten.

Eine Untersuchung von Deloitte bei über 3 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verschiedener Unternehmen in Großbritannien zeigte, dass der Zeitpunkt eine entscheidende Rolle spielen kann: Proaktive Interventionen zur Förderung der psychischen Gesundheit wie eine erhöhte Aufmerksamkeit auf mentale Belastungen und ein kultureller Wechsel zu mehr Gesundheitsthemen ergab einen ROI von 5,0:1, während reaktive Maßnahmen, wenn die Gesundheit sich also schon verschlechtert hatte, einen ROI von 3,4:1 erbrachten.

2. Abbau von Präsentismus Psychische Erkrankungen sind häufig mit Stigmatisierungen verbunden. Deshalb versuchen viele, ihre Erkrankung aus Sorge, dass sie von anderen deswegen negativ bewertet werden, zu verbergen. Das kostet sie zusätzliche Kraft, die unter Umständen die Erkrankung verschlimmern kann. Sie können sich dann nicht mehr auf ihre Arbeit konzentrieren und nicht ausreichend effektiv arbeiten. Das heißt, sie sind zwar am Arbeitsplatz anwesend (präsent), können jedoch nicht ihre eigentliche Leistung erbringen.

Untersuchungen haben gezeigt, dass mit Präsentismus ein größerer Produktivitätsverlust einhergehen kann als mit Absentismus (wenn die Mitarbeiter krankgeschrieben sind). Die Zahlen schwanken hier; je nachdem, welche Faktoren einbezogen werden, wird postuliert, dass der Verlust bei Präsentismus zwischen fünf- und zehnmal höher ist als bei Absentismus.

3. Erhöhung der Mitarbeiterbindung. Förderung der Attraktivität des Unternehmens Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beobachten sehr genau, wie das Unternehmen und der direkte Vorgesetzte mit dem Thema psychische Erkrankungen umgehen, ob es beispielsweise ignoriert, belächelt, ins Lächerliche gezogen oder ob offen im Sinne einer betrieblichen Fürsorge damit umgegangen wird. Sie schließen daraus, wie sie vermutlich behandelt würden, wenn sie womöglich einmal selbst mental belastet sind oder eine psychische Erkrankung bekommen. Sich nicht zu kümmern, kann sich direkt negativ auf die Attraktivität des Unternehmens für Bewerber und die Bindung von talentierten Mitarbeitern auswirken. Im Axa Mind Health Survey, bei der 16 000 Personen zwischen 18 und 75 Jahren in 16 Ländern befragt wurden, sagte etwas mehr als die Hälfte der Personen, dass sie kündigen, wenn ihre Arbeit ihre psychische Gesundheit beeinträchtigen würde (52 Prozent). Bei den Jüngeren (18 bis 24 Jahre) waren es sogar etwas mehr als Zwei Drittel (67 Prozent).4 64 Prozent der Arbeitnehmer gaben in einer anderen Studie an, dass sie für eine Tätigkeit, die besser für ihre mentale Gesundheit ist, Gehaltseinbußen in Kauf nehmen würden.5 Die Attraktivität des Unternehmens als Arbeitgeber wird insgesamt erhöht, wenn mentale Gesundheit zum Thema gemacht wird.

4. Positive Auswirkungen auf die psychisch erkrankten Mitarbeiter Je früher psychische Erkrankungen erkannt werden, desto früher kann man etwas dagegen tun. Dies kann sowohl für die Betroffenen als auch das Unternehmen sehr hilfreich sein und sich positiv auf die Arbeitsfähigkeit auswirken.

5. Positive Auswirkungen auf das gesamte Team Psychische Erkrankungen eines Teammitglieds können unter Umständen das gesamte Team belasten, sei es durch erhöhte Arbeitslast oder emotionale Spannungen. Ist ein Teammitglied erkrankt, müssen andere Teammitglieder die Aufgaben übernehmen. So kann auch ein Dominoeffekt entstehen: Dauert die Krankschreibung an, kann diese Mehrbelastung wieder einen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit der anderen Mitglieder haben. Somit geht es nicht um den Einzelnen, sondern um das gesamte Team. Eine Führungskraft, die empathisch und professionell mit solchen Themen umgeht, nimmt Druck von dem gesamten Team und trägt so zu einem gesunden Arbeitsumfeld insgesamt bei.

6. Einfluss auf die Kundenbindung Auch Kunden können wahrnehmen, wie mit den Beschäftigten umgegangen wird. Selbstverständlich machen sie sich Gedanken, wenn ihre Ansprechpartner häufig fehlen. Aber auch ohne Fehlzeiten kann die Belastung von außen erkennbar werden. Patienten erzählen mir immer wieder, dass sie auch von Kunden darauf angesprochen werden, dass diese bemerken, wie hoch die Belastung im Team sei und andeuten, dass sie das nicht gut fänden.

7. Erhöhung der Loyalität Menschen, um die sich gekümmert wird, nehmen die ihnen entgegengebrachte Wertschätzung wahr und sind dem Unternehmen gegenüber auf lange Sicht sehr loyal; sie reden beispielsweise positiv über das Unternehmen und empfehlen es als Arbeitgeber.

8. Nachkommen der gesetzlichen Verpflichtung Auch vom Gesetz her sind Unternehmen verpflichtet, für die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeitenden zu sorgen – festgeschrieben im Arbeitsschutzgesetz. Der Arbeitsschutz umfasst nicht nur physische, sondern auch psychische Belastungen. Führungskräfte, die diese Verantwortung ernst nehmen, schützen das Unternehmen vor rechtlichen Konsequenzen und stärken die Unternehmenskultur (siehe auch Kapitel 19).

9. Positive Vorbildfunktion und Unternehmenskultur Führungskräfte prägen die Unternehmenskultur durch ihr Verhalten und fördern die Gesundheit insgesamt. Indem sie Themen wie mentale Belastungen offen ansprechen, brechen sie Tabus und fördern eine Kultur, in der Schwächen gezeigt und Probleme angesprochen werden dürfen. Dadurch werden auch die Stigmata, die es gegenüber psychischen Erkrankungen gibt, abgebaut, und Mitarbeiter mit mentalen Belastungen suchen sich schneller Hilfe. Viele Betroffene trauen sich aufgrund der Stigmatisierung nicht, sich Unterstützung zu suchen, was ihre Erkrankung verstärkt.

Bei einer Befragung von über 5000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sagten nur rund 15 Prozent, dass sie in ihrem Unternehmen mit der entsprechenden Gesundheitsabteilung oder mit dem HR-Bereich über ihre psychische Erkrankung sprechen würden. Allerdings wünschen sich 70 Prozent, dass ihr Unternehmen und ihre Führungskräfte (68 Prozent) sie mehr hinsichtlich ihrer mentalen Gesundheit unterstützen würden. Hier sollten die entsprechenden Angebote transparenter sein. Durch gesündere Mitarbeitende wird das Unternehmen langfristig insgesamt selbst gesünder.

10. Positive Auswirkung auf die Führungskraft selbst Eine Kultur, in der über mentale Belastungen gesprochen werden darf, bezieht auch Führungskräfte mit ein. Da Führungskräfte unter besonderem Druck stehen, ist es auch für sie förderlich, über diese Themen zu sprechen und auf ihre eigene Gesundheit zu achten, denn auch Führungskräfte sind nicht gefeit davor, psychisch zu erkranken.

11. Erfolgsfaktor in Veränderungsprozessen Unternehmen stehen heute mehr denn je unter dem Druck, sich stetig zu verändern – sei es durch die zunehmende Digitalisierung, neue Marktanforderungen oder gesellschaftliche Entwicklungen. Solche Veränderungsprozesse sind notwendig, um wettbewerbsfähig zu bleiben, doch sie haben häufig Auswirkungen auf die mentale Gesundheit der Mitarbeitenden. Unsicherheit, gestiegene Anforderungen und der Verlust gewohnter Strukturen können zu erheblichem Stress führen. Eine Studie von Fløvik et al. zeigt, dass insbesondere häufige oder parallele Veränderungen, wie Personalabbau, Reorganisationen und Rollenwechsel, mit einem deutlich erhöhten Risiko für psychische Belastungen verbunden sind. Diese Risiken können reduziert werden, wenn Unternehmen sich auch schon vor dem Wandel systematisch mit mentaler Gesundheit befassen und präventive Strukturen schaffen. Wer in ein gesundes Arbeitsumfeld investiert, stärkt nicht nur das Wohlbefinden der Mitarbeitenden, sondern auch deren Fähigkeit, Veränderungen mitzutragen.

12. Moralische Verantwortung Nicht zuletzt hat jedes Unternehmen und damit auch jede Führungskraft die moralische Verantwortung, sich um die ihnen anvertrauten Mitarbeiter zu kümmern. In Zeiten, in denen viele Unternehmen ihre Mitarbeiter – zu Recht – als wichtigstes Kapital ansehen, sollten sie als Vorbilder vorangehen und sorgsam mit ihnen umgehen. Schon allein aus diesem Grund sollten Unternehmen die Themen mentale Gesundheit und psychische Erkrankungen ganz oben auf der Agenda haben und auch mit in die Unternehmensstrategie einbinden.

Leider endet die Leseprobe an dieser Stelle. Das Buch »Krieg der Medien« bietet den Rest des Kapitels und vieles mehr.

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