Leseprobe »Daten sind Macht«: Reise ins Neuland

In einer Welt, die von Unsicherheit und Informationsflut geprägt ist, sind Daten zur wichtigsten Entscheidungsgrundlage und manchmal auch zur schärfsten Waffe – geworden. Zu Beginn nehme ich Sie mit auf meine persönliche und berufliche Reise durch Krisen, Triumphe und Grenzerfahrungen . Dann reisen wir zusammen in die Geschichte. Was verbindet Fußball, Astrologie, Hygiene und Bierbrauen mit aktueller transatlantischer Politik?
Na klar: die Statistik. Schon als Verwaltungswerkzeug ist sie politisch, später wird sie zum flexiblen Instrument der Erkenntnis und Einflussnahme und prägt bis heute unser Bild von Wahrheit, Gerechtigkeit und politischem Wandel. Gemeinsam sehen wir uns an, wie Herrscher, Wissenschaftler und Visionäre Daten nutzen – mal zur Sicherung von Macht, mal zur Befreiung der Schwächeren. Schließlich schlagen wir die Brücke zwischen der Statistik und der KI, genauso wie zwischen Daten und Intuition: Was unterscheidet Mustererkennung von kausalen Analysen? Wie prägen Daten unser heutiges Verständnis von Führung? Und was hat das alles mit Nachhaltigkeit und Fairness zu tun? Ein mutmaßlicher Mörder taucht in diesem ersten Kapitel auf, aber auch mehrere Nobelpreisträger, Angela Merkel und Papst Franziskus spielen eine Rolle. Am Ende verstehen Sie, warum Data & AI Literacy unerlässlich ist, damit Sie als Führungskraft nicht nur kompetente, sondern auch ethische Entscheidungen treffen.
Meine persönliche Expedition in die Welt der Daten und der KI
Meine Reise ins Neuland beginnt am 13. März 2020, ein paar Wochen vor meinem 43. Geburtstag. Es ist ein Freitag. Ich leite zu diesem Zeitpunkt ein kleines Beratungsunternehmen für Statistik, das ich während meines Studiums gegründet habe. Im Jahr 2003, als mein Unternehmen STAT-UP noch ein Start-up war, haben die meisten Leute ungläubig den Kopf geschüttelt: »Was machst du? Statistikberatung? Wer braucht denn so was?«
Ich bin unerschütterlich davon überzeugt, dass jeder Statistik braucht – auch wenn er es noch nicht weiß. Die Überzeugungsarbeit entpuppte sich allerdings als deutlich schwieriger als gedacht. Meine ersten Beratungsstunden verkaufte ich über eBay und durchsuchte stundenlang auf der Business-Plattform Xing (damals noch OpenBC) die Foren, um Mitglieder zu finden, die auf der Suche nach Hilfe in Sachen Datenanalyse waren. Im Durchschnitt war ich erfolgreich – aber mit hoher Volatilität. Das bedeutete, immer wieder wochenlang durchzuarbeiten, weil etwa die interne Beratungsgesellschaft eines bekannten Automobilherstellers auf den allerletzten Drücker Datengrundlagen für ihren Marketingplan brauchte. Oder weil eine Großbank ein spezielles Modell zur Analyse von Börsendaten implementiert haben wollte, um auf dieser Basis komplexe Finanzprodukte zu bauen. Von diesem Modell, für das zwei Wirtschaftswissenschaftler kurz zuvor einen Nobelpreis bekamen, hatten ich und meine beiden damaligen Mitgründer anfangs aber noch herzlich wenig Ahnung (obwohl wir das natürlich niemals zugegeben hätten).
Und dann gab es lange Phasen, in denen wir drei einfach nur auf unseren Bürostühlen vom Wertstoffhof herumsaßen, in einem tristen Industrieviertel nördlich der Münchner Rotlichtmeile, im kleinen, schmuddeligen Eckbüro, das uns ein Freund kostenlos überlassen hatte, und nicht wussten, wie wir weitermachen sollten. Aufgrund dieses Dauerstresses zwischen Burn-out und Bore-out sind meine beiden Partner letztlich ausgestiegen, nachdem sie ihre Doktorarbeit abgeschlossen hatten. Der eine ist Professor geworden und der andere Vorstand eines Energieversorgers. Immerhin kann man mit STAT-UP Karriere machen.
Gut zehn Jahre – bis etwa 2015 – vergingen ohne große Aufregung. Wenn man mal davon absieht, dass ich in dieser Zeit mein viertes Kind zur Welt brachte, astrologische Analysen für keinen Geringeren als den weltbekannten Playboy, Unternehmer und Mathematiker Gunter Sachs durchführte, mit dem Chemie-Nobelpreisträger Kary Mullis zusammenarbeitete, einem mutmaßlichen Mörder zum Freispruch verhalf – und nebenbei Studierende an rund einem Dutzend deutscher Hochschulen für Statistik zu begeistern versuchte. Fünf Mitarbeiter waren an meiner Seite, dazu ein paar Praktikanten und Werkstudenten.
Im Jahr 2020 hatte STAT-UP schon fast zwanzig Berater, und endlich fühlte es sich an, als würde ich ein richtiges Unternehmen leiten. In weniger als fünf Jahren hatte sich unser Geschäft sehr positiv entwickelt, und wir mussten uns keine Sorgen um die Auftragslage machen. Denn das Zeitalter der Daten hatte begonnen. Der Satz »Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts« schien endlich das alte Vorurteil abzulösen, dass man keiner Statistik glauben könne, die man nicht selbst gefälscht habe. Kleine und auch ganz große Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen meldeten sich bei mir und fragen nach, ob wir ihnen helfen könnten, Muster in ihren Daten zu verstehen, Vorhersagen zu machen und Handlungsoptionen zu evaluieren. Das Beste daran: Wir mussten nicht einmal etwas dafür tun.
Nun ja, fast nichts. Denn ich lasse wenige Gelegenheiten aus, darüber zu sprechen, wie wichtig Statistik als Mittel zur Entscheidungsfindung unter Unsicherheit ist. Das macht Spaß und fühlt sich selten nach Arbeit an, weil es mich schon immer begeistert hat, wie viel man aus Daten lernen kann, wenn man Statistik vernünftig anwendet: über Menschen, Wirtschaft, Sport, Börsen, die Umwelt und das Klima – einfach über alles. Außerdem bin ich neugierig – und wenn irgendwo Neuland ist, bin ich eine der Ersten, die sich für eine Expedition dorthin rüstet.
Über all das Faszinierende, das mir auf meinen Statistikexpeditionen begegnet, schreibe und rede ich überall und ständig: Ob in meiner Radiosendung Das Statistik-Gespräch, in der ich seit fünf Jahren jede Woche eine Statistik erkläre – und die meine späteren Unstatistik-Kollegen Thomas Bauer, Gerd Gigerenzer und Walter Krämer in ihrem Bestseller Warum dick nicht doof macht und Genmais nicht tötet wärmstens empfehlen. In meinem eigenen Buch Statistik und Intuition, das – wie der Untertitel schon sagt – statistische Alltagsbeispiele kritisch hinterfragt. Als Gastautorin und später als feste Koautorin der Unstatistik des Monats. Und nicht zuletzt im Vorstand der Deutschen Statistischen Gesellschaft, zu dem mich ausgerechnet Walter Krämer, ein vehementer Gegner des Genderns, überredet hat mit den Worten: »Du musst unbedingt kandidieren, es gibt nur eine Frau im Vorstand, und die brauchen da oben mal frischen Wind.«
Das ist genau meins: Die Statistik aus dem Elfenbeinturm holen, rein ins richtige Leben, wo sie herkommt und auch hingehört! Nicht jeder meiner Vorstandskollegen ist glücklich darüber, dass ich ständig darauf dränge, sich stärker mit anderen Disziplinen und Praktikern, insbesondere aus der Informatik, zu vernetzen. Aber mein Dickkopf lässt sich davon nicht beirren: Auf der Jahrestagung der Gesellschaft in Linz im Jahr 2017 hielt ich den Plenarvortrag und fragte ins Publikum, wer die aktuelle Studie des Stifterverbands zu den Data-Science-Studiengängen in Deutschland gelesen habe. Data Science – das ist schließlich im Kern Statistik, dachte ich. Aber die Studie listet ausschließlich Informatik-Fakultäten auf, und kein Statistiker kennt sie! Vor lauter Empörung beschloss ich, mich für die Folgestudie zu bewerben, die das Thema »Datenkompetenzen« näher beleuchten sollte. Keiner der renommierten Statistik-Professoren, die ich als mögliche Koautoren anfragte, wollte sich daran beteiligen. Also schrieb ich mehr oder weniger im Alleingang den ersten umfassenden Kompetenzrahmen für Data Literacy, der den Ausschlag dafür gab, dass ich im Jahr 2021 die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel traf und drei Jahre später Papst Franziskus.
Am 13. März 2020, dem besagten Beginn meiner Reise, meldet sich ein großer bayerischer Automobilhersteller. Seit zwei Jahren haben wir mit ihm einen Rahmenvertrag, der uns jeden Monat eine planbare Summe einbringt. Bis dahin jedenfalls. Denn jetzt herrscht Corona, und die Türen sind für Externe verschlossen. Am Montag darauf schreibt uns der zweite Großkunde, eine Versicherung: »Berater dürfen die Gebäude nicht mehr betreten, Remote-Arbeit ist nicht vorgesehen.« Dann bricht das nächste Standbein weg: Schulungen, die wir seit Monaten akquiriert und vorbereitet haben, werden abgesagt, weil es keine technischen Möglichkeiten gibt, sie per Videokonferenz durchzuführen. Außerdem haben unsere Auftraggeber jetzt ganz andere Probleme als die mangelnden Statistikkompetenzen ihrer Mitarbeiter.
In den folgenden Tagen werden die Nachrichten immer schlimmer. Ich spüre Panik. Was sollen wir nur machen? Braucht denn niemand mehr Statistik? Oder anders gefragt: Braucht eigentlich niemand seriöse Statistik?
Der Zukunftsforscher John Naisbitt hat 1982 in seinem Buch Mega-trends geschrieben: »Wir ertrinken in Informationen und hungern nach Wissen.« In der Corona-Krise überfluten mit einem Mal Statistiken das Land: Fallzahlen, Inzidenzen, Reproduktionsraten. Sie dominieren die Schlagzeilen, bestimmen Maßnahmen, Diskussionen, Ängste. Am 18. März 2020 halte ich es nicht mehr aus. Ich muss mich ablenken von den quälenden Gedanken, dass mein Unternehmen womöglich bald nicht mehr existiert. Statt in düsteren Prognosen zu versinken, wie lange uns das Geld noch reichen wird, prüfe ich die verfügbaren Informationen zu den Corona-Fällen. Es ist für mich offensichtlich, dass die veröffentlichten Statistiken auf völlig ungeeigneten Daten beruhen und daher wenig zum Wissen über die Ausbreitung des Virus beitragen können. Denn getestet werden zu diesem Zeitpunkt in erster Linie Menschen mit Symptomen – wer keine hat, kommt in den offiziellen Zahlen gar nicht vor. Statistik als Rettung?
Ich bin überzeugt: Das muss besser gehen. Mit einem Freund und Kollegen schreibe ich ein Plädoyer für einen vernünftigen Umgang mit Statistik, um datengestützte Entscheidungen zu treffen. Zwei Tage später erscheint unser Beitrag auf dem kontroversen Online-Portal Tichys Einblick4, dessen leitender Redakteur mein Onkel ist. Welche Folgen das haben könnte, darüber habe ich nicht nachgedacht – die Botschaft musste doch raus! Statistik kann helfen!
In der folgenden Nacht finde ich kaum Schlaf, weil mich die Idee, Statistik zum Wohl unseres Landes einzusetzen, nicht mehr loslässt. Anstatt uns von verzerrten Zahlen treiben zu lassen, könnten wir eine repräsentative Zufallsstichprobe aus der Bevölkerung testen – Symptomunabhängig, so wie es Island macht. Damit ließe sich seriös hochrechnen, wie stark das Virus schon verbreitet ist und wie schnell es sich ausbreitet. Mit meinem Kollegen schreibe ich ein Konzept für die Stadt München und frage einen Freund im Stadtrat, ob wir darüber einmal sprechen können. Doch die Antwort ist ernüchternd: Obwohl im Süden von München ein großes Pharmaunternehmen Corona-Tests produziert, gibt es nicht genug davon, weil sie exportiert werden. So absurd es klingt – wir haben noch nicht einmal ein Erkenntnisproblem, sondern ein handfestes (Daten-)Produktionsproblem.
Merkwürdigerweise sind die Reaktionen eher verhalten. Ich kann mir gar nicht erklären, warum niemand sonst von dem Gedanken begeistert ist, gute Daten bereitzustellen. Heißt es nicht, Daten seien das neue Öl? Gilt das in einer Krise nicht? Ich muss etwas tun.
Am 22. März veröffentliche ich eine Petition auf dem Portal Change. org und fordere den bayerischen Ministerpräsidenten auf, sich der Sache anzunehmen: »Führen Sie systematisch repräsentative SARS-CoV-2-Tests durch, um die Pandemie zu stoppen!« Innerhalb weniger Tage unterschreiben Tausende Menschen die Petition. Markus Söder ist nicht dabei. Pausenlos drücke ich den Reload-Button der Webseite, völlig berauscht vom Erfolg. Und gleichzeitig kriecht die Angst in mir hoch: Will ich diese Aufmerksamkeit überhaupt? Jeder zynische Kommentar – und daran soll es in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten nicht mangeln – untergräbt mein Selbstbewusstsein. Ganz schön naiv, oder?
Dann greifen die ersten Medien das Thema auf. Focus Online bittet mich um einen Gastbeitrag.6 Es bleibt nicht bei einem, hinzu kommen Interviewanfragen in Radio und Fernsehen. Ich fange an, die Beiträge auf meinem LinkedIn-Profil zu teilen, wo ich zuvor eher als stille Mitleserin unterwegs war. Plötzlich bin ich sichtbar. Die Kommentare sind, nun ja, aufschlussreich. »Wer ist die überhaupt?« – »Marketing für die eigene Firma!« – »Sie wollen sich doch nur profilieren.« Und manchmal auch: »Wer so hübsch ist, darf ja ruhig was fordern.«
Als wäre LinkedIn eine Dating-Plattform. So ist das offenbar, wenn man sich als Frau im Netz zu politischen Themen äußert. Aber allmählich gewöhne ich mich daran, eine Stimme zu haben – und die Gegner wohl auch. Im August 2020 gebe ich für die BILD-Zeitung eine Prognose darüber ab, mit welchen Fallzahlen man im Herbst werde rechnen müssen. Die Reaktion: »Panikmache!« Ein anonymer Leser schreibt uns eine E-Mail: »Ihre Chefin redet sich um Kopf und Kragen!« Im Oktober 2020 trifft meine Prognose ein. BILD schreibt: »Das ist die Statistikerin, die im August die Fallzahlen vorausgesagt hat!«
LinkedIn ernennt mich zur Top Voice, zusammen mit dem Investor Carsten Maschmeyer, dem ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder, dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und dem Fußballstar Thomas Müller. Ich schreibe und schreibe, lege mich mit jedem an, der mir widerspricht. Zu sehr bin ich emotional involviert, immer noch in der Hoffnung, dass Deutschland zu einem Land der Daten und Denker wird, dass die Statistik endlich als das wahrgenommen wird, was der indische Statistiker C. R. Rao ein »Mittel zur Entscheidungsfindung unter Unsicherheit« nennt.
Im Herbst 2021 lädt mich Servus TV zu meiner ersten Talkshow ein. Ich soll einschätzen, wie sich die Fallzahlen im zweiten Corona-Winter entwickeln könnten. Akribisch bereite ich mich auf die Sendung vor, nur nicht darauf, dass zwei Corona-Leugner ihre eigenen Zahlen dazu mitbringen. Ich versuche sachlich zu bleiben, zu erklären, was eine Stichprobe ist, was ein exponentieller Verlauf bedeutet, warum Testanzahl und Fallzahl zusammengehören. Jedes zweite Wort wird mir im Mund herumgedreht. Als ich sage, dass wir die Daten nicht für vorausschauende Planung genutzt hätten und daher in der nächsten Welle wieder nur im Blindflug unterwegs seien, eskaliert die Diskussion völlig. Danach bin ich fix und fertig. Und mein Postfach ist voll: mit Hassmails, aber auch mit Danksagungen und neuen Interviewanfragen. Auf Twitter/X werde ich gefeiert, verspottet, zitiert, beschimpft. Beim Vorwurf, ich sei eine »Kinderschänderin und Faschistin«, ist mein Maß voll. Zum ersten Mal gehe ich wegen einer Nachricht zur Polizei und erstatte Anzeige, obwohl mir viele davon abgeraten haben. Fast zwei Jahre später wird der Absender verurteilt.
Plötzlich verstehe ich, was es bedeutet, Daten nicht nur zu analysieren, sondern öffentlich für ihre Botschaft einzutreten. Ich habe »Skin in the Game«. Man kann mit Daten Haltung zeigen – und damit etwas bewegen, wenn man bereit ist, eine Angriffsfläche zu bieten, wenn es darauf ankommt. Denn Daten sind nicht neutral. Sie sind ein Mittel zur Macht – zur Aufklärung oder zur Manipulation. Ein Mittel, das Wahrnehmung, Meinungen und Politik verändert. Und ein scharfes Schwert, wenn sie missbraucht werden. Ein Missbrauch von Daten und Statistiken ist im Kern ein Missbrauch von Macht. Daher ist der verantwortungsbewusste Umgang mit Daten – und den Werkzeugen, die sie nutzen, insbesondere künstliche Intelligenz (KI) – keine technische, sondern eine ethische Aufgabe, vor der Sie als Führungskraft heute und in Zukunft stehen. Die Fragen, die Sie stellen, bestimmen Ihren Blick auf die Daten. Die Daten bestimmen die Wahl der Werkzeuge für ihre Analyse. Von den Werkzeugen hängt es ab, welche Prognosen Ihnen zur Verfügung stehen, und diese Prognosen leiten Ihr Handeln. Sie verändern die Welt.
In seinem Buch Out of the Crisis, das längst zu den Klassikern der Management-Literatur gehört, schreibt W. Edwards Deming: »Die Hauptaufgabe einer Führungskraft ist es, Prognosen zu machen.« Sie als Führungskraft müssen wissen:
- Wozu brauchen Sie diese Prognosen? Was ist das richtige Ziel?
- Welche Daten und Werkzeuge setzen Sie zu ihrer Gewinnung ein?
- Wie leiten Sie aus den Analysen und Prognosen Entscheidungen und Handlungen ab?
- Wie tun Sie das Richtige, um dieses Ziel zu erreichen?
Diese vier Punkte – Zielsetzung, Daten, Analyse, Entscheidung – bilden den roten Faden meiner Überlegungen. Aber ich muss Sie warnen: Die Macht der Daten zu nutzen ist nicht bequem. Deming, der als Statistiker mit dem Konzept des Total Quality Managements das Denken unzähliger Manager auf den Kopf gestellt hat, macht unmissverständlich klar: »Die Furchtsamen und Zögerlichen und die Menschen, die schnelle Ergebnisse erwarten, sind zur Enttäuschung verdammt.«
Ich bin seit fast 25 Jahren Statistikerin und Unternehmerin. Fast 25 Jahre lang habe ich Machtinstrumente für andere bereitgestellt. Leicht war es selten, furchtsam und zögerlich war ich oft. Die Pandemie hat mir nicht nur beruflich alles abverlangt. Sie hat mir gezeigt, wie schnell Daten zur Waffe werden können und wie wichtig es ist, mit ihnen verantwortungsvoll umzugehen. Diese Zeit war für mich nicht nur fachlich eine Grenzerfahrung, sondern auch persönlich ein Wendepunkt. Ich hatte plötzlich eine Stimme in einer Debatte, die über das Fachliche hinausging. Und ich musste lernen, diese Stimme zu nutzen – engagiert, aber ohne zu missionieren. Denn es ist ein schmaler Grat zwischen Aufklärung und Selbstvergewisserung. Besonders, wenn einem – ob man will oder nicht – auf einmal eine moralische Deutungshoheit zugeschrieben wird, nur weil man Statistiken einordnen kann.
Dabei war mein Anliegen nie, recht zu haben, sondern dafür zu sorgen, dass wir in dieser Krise nicht an der Wirklichkeit vorbeientscheiden. Dass wir differenzieren statt zu polarisieren. Dass wir Daten nicht dazu verwenden, unsere Narrative zu bestätigen, sondern um unsere Entscheidungen zu verbessern. Wenn schon niemand genau weiß, wie es weitergeht – dann sollten wir wenigstens wissen, was wir wissen können und was nicht.
Dass ich damit nicht nur Zustimmung ernten würde, war mir klar. Aber wie stark Emotionen hochkochen, wenn es einfach nur um Zahlen geht, hätte ich nicht erwartet. Ich glaube, das liegt auch daran, dass Daten heute oft mit einer falschen Autorität auftreten – als wären sie unbestechlich und objektiv. Dabei sind sie das Ergebnis menschlicher Entscheidungen: Wer erhebt was, warum, mit welchen Zielen, unter welchen Annahmen? Statistik ist nicht neutral – sie ist politisch. Und jeder, der mit ihr arbeitet, ist Teil dieses politischen Raums.
Für mich bedeutet das eine große Verantwortung, aber auch eine große Chance, Dinge zu bewegen. Nicht als Aktivistin, sondern als Expertin, die es gewohnt ist, mit Risiko und Unsicherheit zu arbeiten. Genau das ist aus meiner Sicht die zentrale Kompetenz für Führungskräfte in der datengetriebenen Welt: mit Ambivalenz umzugehen, Komplexität zu reduzieren, ohne zu simplifizieren. Und Entscheidungen zu treffen, die effizient und zugleich ethisch tragfähig sind. Um zu führen, brauchen Sie einen Kompass. Im Zeitalter von KI stellt Datenkompetenz diesen Kompass dar. Sie beginnt mit der Bereitschaft, genau hinzusehen und das Naheliegende kritisch zu hinterfragen. Damit Sie Ihrem Job, gute Prognosen für gute Entscheidungen zu treffen, gerecht werden können.
Gute Entscheidungen erkennt man nicht nur daran, dass sie sich richtig anfühlen, sondern daran, dass sie mit guten Gründen getroffen wurden, auf Basis von Daten, die mithilfe von Algorithmen zu Faktenwissen werden. Diese Gründe zu erkennen, zu prüfen und transparent zu machen, und nicht zuletzt zu entscheiden, wann Daten Ihnen nicht weiterhelfen und Sie Ihre Intuition brauchen – dabei hilft Ihnen Data Literacy, also Datenkompetenz in einem sehr breiten Sinne. Nicht als technisches Add-on, nicht als bloßes Toolset oder Skillset, sondern vor allem als Mindset wird sie zur Kernkompetenz für die Gestaltung der Zukunft.
Leider endet die Leseprobe an dieser Stelle. Das Buch »Krieg der Medien« bietet den Rest des Kapitels und vieles mehr.
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