Leseprobe »Die Bildungsweltmeister«: Von Babyboxen und Bildungsgerechtigkeit

Jedes neugeborene Kind in Finnland bekommt ein Geschenk vom Staat: eine Pappkiste, 70 Zentimeter lang, 43 Zentimeter breit, randvoll mit Dingen, die ein Baby in den ersten Monaten braucht. Bodys, Strampler, Schlafsack, Windeln, Haarbürste, Fieberthermometer. Insgesamt etwa 40 Gegenstände. Jedes Kleidungsstück, jedes Hygieneprodukt ist von einer Expertenkommission ausgewählt, um gesundheitlichen Risiken vorzubeugen. Die Kiste selbst dient als erstes Babybett, inklusive Matratze. Ein Bilderbuch und ein Kuscheltier sind ebenfalls dabei.
Ursprünglich wurde die Babybox für benachteiligte Familien entworfen. Seit 1949 haben aber alle Eltern Anspruch auf dieses Willkommenspaket. Bis zu 95 Prozent der Eltern, die ihr erstes Kind erwarten, entscheiden sich für die Babybox anstelle der alternativen Geldleistung in Höhe von 170 Euro. Die Box wird unabhängig vom Einkommen vergeben. Es gibt so kein Stigma, keine Hürde. Indem alle Familien Zugang zu diesen präventiv zusammengestellten Hilfsmitteln erhalten, steigt das Gesundheitsniveau für alle, nicht nur für die sozial Schwächsten.
Die Babybox steht exemplarisch für eine Haltung, die in Finnland auch das Schulsystem prägt. Das Grundprinzip: Alle Kinder sollen unabhängig von ihrer Herkunft einen gleichwertigen Start ins Leben haben. Sie sollen gesund aufwachsen können, und Zugang zu Kleidung wie Bildung erhalten. Eine außergewöhnliche Leistung, die das Land zu einem Vorreiter in Europa macht. Laut PISA-Studie gehört Finnland zu den wenigen europäischen Ländern, die sowohl überdurchschnittliche Schülerleistungen, als auch eine überdurchschnittliche Chancengleichheit vorweisen. Wie schafft Finnland das?
»Unser System stempelt die Kinder nicht ab.«
Ein kleiner Gruppenraum in einer Grundschule in Jyväskylä, einer mittelgroßen Stadt im Zentrum von Finnland. Durch das Fenster sieht man die verschneiten Kiefern, die das Backsteingebäude umgeben. Oberhalb des Fensters hängen Plakate mit Zahlenpaaren: 1–9, 2–8, 3–7 … Es sind Zehnerpaare, also Zahlen, die zusammen zehn ergeben – eine Erinnerungsstütze für die Kinder. Links daneben hängt ein Regal voller Knobelspiele, die räumliches Vorstellungsvermögen und logisches Denken schulen. Gerade sind Niilo, Ella und Veera aus der Klasse 3c im Gruppenraum zu Besuch – heute für die Matheförderung. Ella und Veera knobeln gemeinsam an einer Rechenaufgabe. Niilo übt am iPad die Grundrechenarten mit einem digitalen Lernspiel. Sechs Wochen lang trainiert er täglich 15 Minuten an Aufgaben, die sich seinem Leistungsniveau anpassen. Die Sonderpädagogin Sanni Lehtonen, 52, betreut die drei Kinder, steht neben ihnen und erklärt die Aufgaben. Sie ist eine von vielen Sonderpädagoginnen, die Finnlands Konzept des sogenannten Teilzeit-Förderunterrichts umsetzen, einer der zentralen Bausteine des finnischen PISA-Erfolgs. Laut dem finnischen Statistikinstitut erhalten ganze 20 Prozent der Erst- bis Neuntklässler jedes Jahr eine solche Förderung. Was auf den ersten Blick wie einfacher Nachhilfeunterricht aussieht, ist Teil einer Strategie, die auf frühzeitige und flexible Unterstützung setzt.
»Die meisten Kinder, die ich betreue, sind nur ein bis drei Stunden pro Woche bei mir«, erklärt mir Sanni Lehtonen später beim Gespräch in der Pause. Den Großteil der Zeit sind die Schülerinnen und Schüler im Klassenverband. Der Förderunterricht läuft parallel zum regulären Unterricht. Lehtonen betreut mehrere solcher Kleingruppen. »Dieses Schuljahr bin ich für die Kinder aus den dritten und sechsten Klassen zuständig«, sagt sie. Die Schülerinnen und Schüler in diesen Jahrgängen werden von Lehrtonen über ihre gesamte Grundschulzeit begleitet. Ihre Hauptaufgabe ist dabei die Unterstützung in Lesen, Schreiben und Mathematik. Oft bleiben die Kinder nur ein paar Wochen in der Förderung, dann geht es für sie wieder regulär weiter. Die Sonderpädagogen sprechen sich mit den Lehrkräften ab, wissen also, was der aktuelle Stoff ist. Da die Betreuung so individuell ist, kann man diesen gut auffangen. Manche Kinder, die zu Lehtonen kommen, haben eine Diagnose: eine Lese-Rechtschreibstörung, ADHS oder eine Rechenschwäche. Andere waren vielleicht krank oder tun sich mit einem bestimmten Thema aus dem Unterricht schwer. Es wird kein Unterschied gemacht. Sie haben alle gleichwertigen Anspruch auf Unterstützung, ein Grundprinzip des finnischen Schulsystems.
»Die Förderstrukturen, die wir in Finnland in den 1970er-Jahren eingeführt haben, sind ein Schlüssel zu unserem PISA-Erfolg«, erklärt mir Hannu Savolainen, ein Inklusionsforscher an der Universität Ostfinnland, beim Gespräch in seinem Büro. »Vor allem leistungsschwächere Schüler schneiden hier traditionell besser ab als in anderen Ländern.« Und tatsächlich: Zahlreiche empirische Studien aus unterschiedlichen Ländern legen nahe, dass eine regelmäßige, individuell zugeschnittene Förderung in Kleingruppen insbesondere bei benachteiligten Schülerinnen und Schülern erhebliche Lernfortschritte bewirken kann. Oft im Umfang von einem halben bis zu einem ganzen Schuljahr.
In vielen Ländern, auch in Deutschland, gibt es sonderpädagogische Förderung meist nur für Kinder mit diagnostizierten Lernschwierigkeiten oder Behinderungen. In Finnland funktioniert das anders: »Wenn ein Kind in der einen Woche Probleme hat, kann es in der nächsten Woche Unterstützung bekommen, ohne lange auf eine Diagnose warten zu müssen«, sagt Savolainen. »Sonderpädagogen springen schnell und flexibel ein.« Dahinter steckt ein anderes Verständnis von Lernen: Nicht jede Schwierigkeit lässt sich in feste Kategorien pressen, nicht jeder Unterstützungsbedarf ist dauerhaft. Statt zwischen Kindern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf zu unterscheiden, geht das finnische System davon aus, dass jedes Kind irgendwann einmal auf besondere Hilfe angewiesen sein kann – sei es wegen sprachlicher Hürden, einer Krise oder einfach, weil ein Thema schwerfällt.
»Unser System stempelt Kinder nicht ab«, sagt Savolainen. »Wir sprechen nicht von Sonderpädagogik, sondern einfach von Unterstützung für das Lernen und die Schulbildung.« Die Folge: Für die Kinder macht es keinen Unterschied, ob sie von der Klassenlehrerin oder der Sonderpädagogin unterrichtet werden, so normal ist der Wechsel. Niemand wird ausgegrenzt, weil er in die Förderung geht. Diese Haltung zieht sich bis in die höheren Jahrgänge. Mehrere Sonderpädagogen erzählen mir: Oft wollen sogar mehr Schülerinnen und Schüler in die Förderung, als es Plätze gibt.
Adaptive Förderung im Drei-Stufen-Modell
Doch damit nicht genug. Das finnische Modell beruht auf einem umfassenderen Förderangebot, das nicht nur aus dem Teilzeit-Unterricht in Kleingruppen besteht. Bis zu 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler bis zur 9. Klasse erhalten jedes Jahr irgendeine Form von Unterstützung, die über den Standardunterricht hinausgeht. Dieser Anteil ist seit Jahren gleichbleibend. Das Fundament bildet ein dreistufiges Unterstützungsmodell, das zwischen allgemeiner, intensiverer und spezialisierter Förderung unterscheidet.
Die erste Stufe ist die Förderung, die allen Kindern zugutekommt. Alle Lehrkräfte sind angehalten, ihren Unterricht so zu gestalten, dass er verschiedenen Lernbedürfnissen gerecht wird. Sie passen den Inhalt, die Methoden und das Lerntempo an die Bedürfnisse der Kinder an. Zusätzliche Hilfen können niederschwellig erfolgen, etwa durch eine kurze Erklärung nach dem Unterricht. Traditionell gibt es an finnischen Grundschulen nach jeder Unterrichtsstunde, also alle 45 Minuten, eine 15-minütige Pause. Regelmäßig kommen Sonderpädagogen in den normalen Unterricht, um im Team-Teaching die Klassenlehrkraft zu unterstützen.
Doch manchmal reicht das nicht aus. Die Schülerinnen und Schüler fallen im Unterricht zurück. Dann folgt die zweite Stufe, die intensivere Förderung. Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen wie Sanni Lehtonen übernehmen eine größere Rolle. Die Kinder kommen zu ihr in den Förderraum, oder sie begleitet diese häufiger im Klassenunterricht. Eine formale Diagnose ist nicht nötig, die Entscheidung fällt im Dialog zwischen Lehrkräften und pädagogischem Team. Sie tauschen sich regelmäßig aus, ebenso mit den Eltern. Kinder erhalten eine Förderung, solange sie notwendig ist – etwa einige Wochen gezielte Förderung in Mathematik, dann die Rückkehr in den regulären Unterricht.
Für knapp 10 Prozent der Schülerinnen und Schüler genügt auch das nicht. Sie erhalten spezialisierte Förderung, die dritte Stufe des Modells.5 Auch hier braucht es nicht zwingend eine medizinische Diagnose, wohl aber ein pädagogisches Gutachten, das von der Schulleitung oder Schulverwaltung abgesegnet werden muss. Jedes Kind, das in diese dritte Stufe fällt, erhält einen individuellen Lernplan. Die Maßnahmen sind vielfältig: mehr Förderung in Kleingruppen, eine zeitweise Eins-zu-eins-Förderung oder die Einzelbetreuung im Klassenunterricht.
»Volle Inklusion ist es zwar noch nicht«, sagt Hannu Savolainen. Manche Kinder wechseln längerfristig in spezielle Förderklassen mit maximal zehn Schülerinnen und Schülern. Diese getrennten Förderklassen werden in Finnland im Zuge der Inklusion immer seltener, doch fast jede Schule verfügt über mindestens eine. In Ausnahmefällen kann eine der noch wenigen existierenden Förderzentren außerhalb der Schulen eine vorübergehende Lösung sein, doch auch hier ist das Ziel die Reintegration. »Das Gute an unserem System ist, dass es sich an die jeweiligen Bedürfnisse des Kindes anpasst«, resümiert Savolainen. »Mit jeder Stufe bekommt es mehr Unterstützung.«
Förderung im Drei-Stufen-Modell
Stufe 3: Spezialisierte Förderung Einzelförderung bei komplexen Lernbedürfnissen Pädagogische Beurteilung und individueller Lernplan |
Stufe 2: Intensive Förderung Gezielte Einzel- oder Kleingruppenförderung Förderung innerhalb des regulären Unterrichts |
Stufe 1: Allgemeine Förderung Anpassung von Inhalten und Methoden Team-Teaching mit Sondermethoden |
Mehrstufige Unterstützungsmodelle sind kein finnisches Alleinstellungsmerkmal. Auch in Ländern wie Singapur, Kanada oder Australien setzen Schulen auf sogenannte »Response to Intervention«-Systeme – also das Prinzip, auf Schwierigkeiten der Schülerinnen und Schüler mit abgestuften Unterstützungsmaßnahmen zu reagieren.6 Entscheidend ist dabei der Gedanke der adaptiven Förderung. Die drei Stufen sind keine starren Schubladen. Sie umfassen ein Spektrum an möglichen Maßnahmen zur individuellen Unterstützung.
Wenn Kinder zu Sanni Lehtonen in die Förderung kommen, versucht sie im ersten Schritt herauszufinden, wo genau das Problem liegt und welche Art der Unterstützung greifen könnte. Dazu nutzt sie verschiedene Diagnostik-Tools, oft auch digitale Apps wie das interaktive Lernspiel bei Niilo aus der 3c. Sie erhält von der App eine Auswertung über die Fehlertypen, die Niilo in den Grundrechenarten macht. Solche Ausgangsdiagnosen dienen auch dazu, um später zu prüfen, ob ihre Intervention wirkt. Hat sich etwas verändert? Und wenn nicht, warum? Denn nicht immer liegt das Problem allein im Unterrichtsstoff. Oft sind es soziale Spannungen, Konflikte in der Familie oder psychische Belastungen, die dem Lernen im Weg stehen. Zu Wochenbeginn trifft sich Lehtonen mit den Schulpsychologinnen, Sozialarbeiterinnen und der Schulkrankenschwester, um aktuelle Fälle zu besprechen. Gemeinsam entwickeln sie dann mögliche Förderstrategien.
Ein zentrales Merkmal des finnischen Fördersystems: Es setzt früh an. Schon vor der Einschulung wissen viele Sonderpädagogen, welche Kinder voraussichtlich Unterstützung brauchen werden. »Bevor die Kinder in die Schule kommen, besuchen wir die Vorschulen und sprechen mit den Eltern jener Kinder, bei denen bereits Auffälligkeiten erkennbar sind, etwa ein eingeschränkter Wortschatz oder impulsives Verhalten«, erzählt Lehtonen. Im ersten Schuljahr führen Sonderpädagogen flächendeckende Diagnosetests durch, um Schwächen beim Lesen, Schreiben oder Rechnen frühzeitig zu erkennen – idealerweise, bevor sie sich verfestigen. Häufig begleiten sie den Unterricht im Team-Teaching über das ganze erste Schuljahr hinweg. Nicht nur, um Lernlücken aufzuspüren, sondern auch, um jene Kinder kennenzulernen, mit denen sie die kommenden Schuljahre verbringen werden.
Längeres gemeinsames Lernen
In einer Grundschule in Helsinki – eine von sechs Schulen in Finnland, die ich auf meiner Reise besuche – treffe ich auf einen jungen Deutschlehrer, Eero Keskonen. Keskonen hat vor wenigen Jahren selbst mehrere Wochen an Schulen in Deutschland hospitiert. In einer Freistunde erzählt er mir im Lehrerzimmer von seinen Eindrücken: »In Deutschland hatte ich oft das Gefühl: Wenn ein Kind etwas nicht schafft, ist es selbst schuld«, sagt Keskonen. In Finnland dagegen verstehe sich die Schule als »mitverantwortlich für den Lernerfolg«. Wenn ein Kind scheitert, scheitern alle Beteiligten bis zur Schulleitung. »Natürlich gibt es Kinder, die sich nicht so viel Mühe geben – und das ist echt anstrengend«, sagt er. »Aber wir geben ihnen immer wieder eine Chance. Und bleiben dran.« Während seines Aufenthalts in Deutschland lernte Keskonen eine Drittklässlerin kennen, die erst vor wenigen Monaten aus dem Ausland angekommen war. »Es war heftig mitanzusehen. Sie hatte nur 45 Minuten pro Woche Deutsch als Fremdsprache«, sagt er. »Das wäre bei uns deutlich mehr gewesen. Sie hat nicht mal zwei Jahre, um die Sprache zu lernen, bevor die Kinder aufgeteilt werden. Und man weiß eigentlich jetzt schon, dass sie kaum eine Chance hat, in Deutschland auf dem Gymnasium zu landen.«
Dass in Finnland alle Kinder bis zum Ende der 9. Klasse gemeinsam lernen, hält Keskonen für einen der größten Unterschiede zu Deutschland. Und tatsächlich ist unsere frühe Aufteilung nach der 4. Klasse international betrachtet eher die Ausnahme. In vielen Ländern lernen die Schülerinnen und Schüler wie in Finnland bis zum Alter von etwa 15 Jahren gemeinsam. Befürworter des deutschen Systems betonen, dass homogene Lerngruppen einen besser abgestimmten Unterricht ermöglichen. Lehrkräfte könnten gezielter auf den Leistungsstand ihrer Schülerinnen und Schüler eingehen. Kritiker halten dagegen, dass schwächere Schülerinnen und Schüler vom gemeinsamen Lernen mit Leistungsstärkeren profitieren, ohne dass Letztere dabei zurückfallen. Einig ist man sich meist nur in einem Punkt: Eine Abschaffung des gegliederten Schulsystems gilt in Deutschland als politisch kaum durchsetzbar.
Leider endet die Leseprobe an dieser Stelle. Das Buch »Die Bildungsweltmeister« bietet den Rest des Kapitels und vieles mehr.
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