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Leseprobe »Generation Gen-Schere«: Vorgedanken

Allem Lebendigen liegt ein einfacher Bauplan zugrunde: der genetische Code, molekular niedergeschrieben in der DNA. Seit den 1950er Jahren fangen wir an, diesen Code zu verstehen. Seit den 1970er Jahren können wir ihn gezielt verändern. Seit 1986 gibt es gewollte Freisetzungen gentechnisch veränderter Organismen. Die aktuelle gentechnologische Revolution wurde 2012 eingeläutet, als drei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Natur ein Werkzeug abgeschaut haben, wie sich der genetische Code einfach und präzise verändern lässt: die Genschere CRISPR/Cas. Eine Leseprobe
Gentherapie

Während die Generation Genschere mit der Generation Fossiler-Plastikmüll-Feinstaub in Sachen Klima- und Umweltschutz abrechnet, entstehen in den Laboren der Welt Methoden, die mit gentechnologischem Wissen und gentechnischen Praktiken zum Klima- und Umweltschutz einen Beitrag leisten – oder alles noch viel schlimmer machen – könnten. Spätestens seitdem die schwedische Schülerin Greta Thunberg die Aufmerksamkeit der jungen, aber auch älteren Leute auf die Umweltprobleme unseres Planeten lenkt, ist endgültig klar: Wir, jung wie alt, haben eine Langzeitverantwortung, der wir mehr schlecht als recht gerecht geworden sind. Längst haben wir unserem Erdzeitalter einen eigenen Namen verpasst: das Anthropozän, ein Begriff, den der deutsche Chemiker und Nobelpreisträger Paul Crutzen und der US-amerikanische Biologe Eugene Stoermer im Jahr 2000 populär gemacht haben [1]. Das Anthropozän beschreibt das gegenwärtige Zeitalter, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse geworden ist. Wir beobachten massives Artensterben, einen Rückgang des Permafrosts und ein Abschmelzen von Gletschern und Polkappen sowie die Ausbildung neuer Sedimentschichten, unter anderem aus Plastikpartikeln. Gleichzeitig wissen wir, dass allem Lebendigen auf unserem Planeten ein einfacher, aus nur vier Bausteinen bestehender Code zugrunde liegt: der genetische Code, molekular niedergeschrieben in der DNA (Kap. 2). Kann er uns helfen?

Seit den 1950er Jahren, den Geburtsjahren der Molekularbiologie, fangen wir an, diesen Code zu verstehen. Seit den 1970er Jahren, den Geburtsjahren der Gentechnik, können wir ihn gezielt verändern. Seit 1986 gibt es gewollte Freisetzungen gentechnisch veränderter Organismen (zunächst Pflanzen) und seitdem kann man sagen, dass sich zu unserem ökologischen Fußabdruck auch ein genetischer Fußabdruck gesellt. Die aktuelle gentechnologische Revolution wurde 2012 eingeläutet, als drei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Natur ein Verfahren abgeschaut haben, wie sich der genetische Code noch präziser verändern (editieren) lässt. Stellen Sie sich vor, Sie editieren einen von 3,2 Mrd. Buchstaben – das ist die Zahl der Bausteine des menschlichen Erbgutes. Dieses Buch hier hat übrigens rund 480 000 Zeichen. Das ist die Präzision der neuen Genschere (Abschn. 5.1), die mit Martin Suters Roman »Elefant« auch Eingang in die deutschsprachige Gegenwartsliteratur erhalten hat [2].

Und dann der »Gentech-Hammer«, wie die BILD es schrieb: Am 26. November 2018 kündigte der chinesische Wissenschaftler Jiankui He im Zuge einer wissenschaftlichen Konferenz an, erstmals das Erbgut bei mindestens zwei Menschen, den Zwillingen Nana und Lulu, nachhaltig verändert zu haben [3]. Nachhaltig bedeutet, dass auch die Nachkommen von Nana und Lulu die genetische Veränderung in jeder einzelnen Zelle tragen. Ein Tabu ist gebrochen. Im Anthropozän entsteht das Anthropo-Gen, das vom Menschen gemachte Gen. Wie soll und kann es nun weiter gehen?

Nana und Lulu sind ungewollt nachhaltige Vertreter, aber auch Produkte der Generation Genschere. Mit der Generation Genschere meine ich in erster Linie jene zurzeit lebende Alterskohorte, welche die Zeugung von Nachkommen noch vor sich hat. Diese Generation hat nicht nur eine immense globale Verantwortung in Hinblick auf die Umwelt und das Erdklima, sondern auch auf die Genosphäre [4]. Damit ist die Gesamtheit aller genetischen Systeme gemeint, welche die Existenz, Regeneration und Reproduktion der Biosphäre sicherstellen (Abschn. 7.4). Diese Generation wird spätestens beim schwangeren Gang in die Frauenarztpraxis oder beim kinderwunschgeschwängerten Gang zu Reproduktionsmedizinern vor die Frage gestellt, wieviel gentechnologisches Wissen und gentechnische Praktiken sie einsetzten wollen. Und jene Medizinerinnen und Medizinier und Forschende, die die Genschere zur Verfügung stellen und weiterentwickeln, meine ich an zweiter Stelle als Generation Genschere. Gesamtgesellschaftlich stehen wir vor der Frage: Welche Mittel sind uns recht, um unserer Verantwortung gegenüber dem Planeten und nachfolgenden Generationen nachzukommen? Kann, darf oder muss die Gentechnik gar einen Beitrag zur Lösung leisten?

Das »framing« der öffentlichen Diskussion durch Bedenkenträger schließt diese Möglichkeit scheinbar aus (Abb. 1.1, in dieser Leseprobe nicht enthalten). Wissenschaftler haben es in der heutigen Zeit schwerer denn je, Gehör zu finden. Komplexe Diskurse passen scheinbar nicht in unsere schnelllebige Zeit. Und die Wirtschaft hat mit der Monopolisierung und Kapitalisierung der Gentechnik, insbesondere im Saatgutgeschäft, ganz maßgeblich zur gegenwärtigen, wenn auch sehr vagen, Meinung gegen Gentechnik in der Bevölkerung beigetragen. Hinzu kommt das europäische Trauma der Eugenik, die in England gedanklich formuliert, gemeinsam mit den USA weitergedacht und in der Zeit des Nationalsozialismus fatal missbraucht wurde. Aus diesem Gemenge ist die heutige Furcht entstanden, dass sich die Gentechnik durch die Macht des Kapitals der demokratischen Kontrolle entziehen könnte. Und damit geht es in der Diskussion um Risiken (Abschn. 3.7) der Gentechnologie und Gentechnik meist weniger um die Technik selbst, als vielmehr um deren gesellschaftliche Einbettung. Mein Argument ist nicht, dass die Gentechnik die beste aller Lösungen ist. Aber ich spreche mich klar dagegen aus, dass sie die primäre Schuld an Problemen wie dem Rückgang der Biodiversität oder der Belastung von Ackerflächen mit Pestiziden [5] trägt. Kläranlagen haben nicht deshalb Probleme, weil es Toiletten gibt, sondern weil Menschen in der Toilette ihre Antibiotika entsorgen; Waschmaschinen sind nicht an umweltunverträglichen Waschmitteln schuld; Gentechnik befreit nicht von guter landwirtschaftlicher Praxis. Ich spreche mich aber gegen den vorherrschenden Pauschalisierungsaktionismus aus. Alle Aktivitäten gegen den Klimawandel müssen an ihrer Wirkung auf das Gesamtsystem Erde gemessen werden, wie es der englische Chemiker James Lovelock und die US-amerikanische Mikrobiologin Lynn Margulis schon in den 1970er Jahren mit ihrer Gaia-Hypothese formulierten [6].

Als ich vor einigen Jahren einer Kinderpsychologin von meinem Vorhaben erzählte, ein Buch über die Gentechnik zu schreiben, sagte sie: »Ja, das ist ein wichtiges Thema.« Und dann: »Aber hoffentlich doch gegen die Gentechnik?!« Diese reflexartige Reaktion wider die Gentechnik entspannte sich im weiteren Gespräch, nachdem wir verschiedene Aspekte beleuchtet und Szenarien diskutiert hatten. Aber ich erlebe dies häufig: Ablehnung als Reflex, Beleuchtung des Themas, Differenzierung der Meinung. Es werden dann Fälle des Einsatzes der Gentechnik unterschiedlich bewertet und auch Unterschiede zwischen der Gentechnik und der Gentechnologie deutlich. Das bunt werdende Bild macht eine Entscheidung für oder wider den Einsatz der Gentechnik, auch im Einzelfall, nicht notwendigerweise leichter. Aber die Zeit müssen wir uns nehmen. Dieser Reflex bestärkte auch mein Bedürfnis, dieses Buch als inhaltlichen Beitrag zu dieser Debatte zu liefern.

Im Jahr 2018 erschien eine Studie, welche beschreibt, dass extreme Gegnerinnen und Gegner von gentechnisch veränderten Lebensmitteln einen unterdurchschnittlichen Bildungsstand in Sachen Gentechnik aufweisen [7]. Im Kontrast dazu meinen aber eben diese Menschen von sich selbst, besonders gut informiert zu sein. Diese Beobachtung wurde sowohl in Deutschland als auch in Frankreich und den USA gemacht. In der Einstellung der Befragten gegenüber der Gentechnik und ihrem Wissen um die medizinische Anwendung der Gentechnik als Gentherapie (Abschn. 5.3), kam die Studie zu demselben Ergebnis. Anders beim Thema Klimawandel: Vertreterinnen und Vertreter extremer Position weisen hier eine größere sachliche Kompetenz auf. Die Studie unterstreicht somit einmal mehr die Emotionalität beim Thema Gentechnik. Und sie zeigt das bekannte Phänomen, dass extreme Einstellungen häufig mit einer Abschottung gegenüber anderen und neuen Informationen einhergehen. Ich behaupte, dass dies auch für extreme Befürworterinnen und Befürworter gilt. Dies muss nicht einmal gewollt sein, sondern kann auch im Unterbewusstsein ablaufen. Dieses als Ankerheuristik bekannte Phänomen nutzt unser Gehirn, um neue Informationen an bereits vorhandene anzuhängen. Die Vorstellung etwa, dass der Klimawandel eine reale Bedrohung für die Menschheit darstellt, kann beispielsweise dazu führen, dass wir jegliche Informationen über Naturkatastrophen mit dem Klimawandel in Verbindung bringen. Übertragen auf die Gentechnik kann dies zu dem Schwarz-Weiß-Trugschluss führen, dass es entweder nur mit oder nur ohne sie geht. Und dies erlebe ich immer wieder: Im Februar 2016 habe ich an einer Podiumsdiskussion zum Thema »Grüne Gentechnik: Teufelswerk oder ethisches Gebot?« teilgenommen. Während der Diskussion mit Fachleuten und dem Publikum mahnte ich zur Vorsicht beim Einsatz der damals noch recht neuen Methoden zur Geneditierung mit der Genschere CRISPR/Cas – was das ist, davon später mehr (Abschn. 5.1). Wie allzu häufig, so erlebte ich auch hier wieder einmal Schwarz-Weiß-Malerei. Weder Befürworterinnen und Befürworter, noch Gegnerinnen und Gegner konnten aufeinander zugehen, die Fronten waren festgelegt. Wie zur Bestätigung kam nach dem Vortrag eine ehemalige Kollegin aus meiner Zeit bei der »BASF Plant Science« auf mich zu und warf mir vor, Ängste zu schüren. Sie meinte, dass die neue Technik doch ungeahnte Chancen biete und wir aufpassen müssen, dass wir die Bürgerinnen und Bürger diesmal gut über die Vorteile aufklären, statt zu viel über die potenziellen Nachteile zu sprechen und so unnötige Sorgen zu verbreiten. Da ich die Dame gut kannte, wusste ich was sie meinte. Dem »diesmal« steht ein vergangenes Mal gegenüber: die Einführung der Gentechnik in die Landwirtschaft in den 1980er Jahren. Damals wurde nicht viel aufgeklärt, sondern einfach gentechnisch Machbares umgesetzt. Das gebrochene Vertrauen wird, wie angesprochen, heute von vielen Marktkennerinnen und -kennern als eine Quelle des Widerstands gegen die Gentechnik gedeutet. Mit der neuen Gentechnik, der auf der CRISPR/Cas-Genschere basierenden Geneditierung, könnte ein neuer Versuch unternommen werden, Chancen und Risiken der Gentechnik öffentlich und kontrovers zu diskutieren. Mit kontrovers meine ich aber nicht das Aufeinandertreffen von Fronten, wie wir es bisher erleben. Ich erwarte, dass innerhalb jeder Front kontrovers diskutiert wird. Wir müssen weg von der Schwarz-Weiß-Malerei und bunter denken (lernen).

Dieses Buch sollte eigentlich »Gene, Genome und Gesellschaft« heißen. Zahlreiche internationale Studien der jüngeren Zeit zeigen aber auf, dass die meisten Menschen »gentechnische Analphabeten« sind [8, 9]. Das Wort Genom hat keine klare Bedeutung für sie und wird am ehesten mit Genmanipulation in Verbindung gebracht. Gene sind so abstrakt wie Atome. Und Gene zu manipulieren, das kann nichts Gutes verheißen. Wir lassen uns ja auch ungerne von den Medien manipulieren. Eine genetische Modifikation? Das klingt schon besser. Eine genetische Optimierung? Eine amerikanische Sozialforscherin hat mich, als ich diesen Begriff verwendete, ausgelacht: »Du willst die Natur optimieren?« Sie meinte, dass die Natur doch schon optimal ist. Design? Mit der Genschere können wir Lebewesen designen. Hmm. Im Englischen gibt es das »engineering«, übersetzt Konstruieren. Lebewesen am Reißbrett designen und dann im Labor konstruieren? – Wie weit wir damit sind, zeige ich im Abschn. 6.2. Aber strenggenommen: Züchtung, Züchtigung und Zuchthaus klingen auch nicht toll, oder? Auch ist die Genschere keine Schere, aber in den meisten Ohren ist Genschere wohlklingender als CRISPR/Cas. Also, lassen wir uns nicht von verzerrten Bildern durch konstruierte Namen manipulieren und vereinnahmen! Nehmen wir sie als das, was sie sind: Sinnbilder.

Begleiten Sie mich nach diesen Vorgedanken nun in die auch schlicht und ergreifend faszinierende Welt der molekularen Biologie und Genetik und malen Sie Ihr ganz persönliches Bild.

Literatur

  1. Crutzen PJ, Stoermer EF (2000) The »Anthropocene«. Global Change Newsl 41: 17–18
  2. Suter M (2017) Elefant. Diogenes Verlag, Zürich/CH
  3. Gentechnologie-Forscher: Designer-Babys in China geboren. (2018) In: Bild. Aufgerufen am 23.04.2019: bild.de/news/ausland/news-ausland/gentechnologie-forscher-designer-babys-in-china-geboren-58647586.bild.html
  4. Sauchanka UK (1997) The genosphere: the genetic system of the biosphere. Parthenon Publishing, Carnforth/UK
  5. Klümper W, Qaim M (2014) A Meta-Analysis of the Impacts of Genetically Modified Crops. PLoS One 9: e111629.
  6. Lovelock JE, Tellus LM (1974) Atmospheric homeostasis by and for the biosphere: the Gaia hypothesis. Tellus 26: 2–10.
  7. Fernbach PM, Light N, Scott SE, et al (2018) Extreme opponents of genetically modified foods know the least but think they know the most. Nat Hum Behav 3: 251–256.
  8. Middleton A, Niemiec E, Prainsack B, et al (2018) »Your DNA, Your Say«: Global survey gathering attitudes toward genomics: design, delivery and methods. Pers Med 15: 311–318.
  9. Boersma R, Gremmen B (2018) Genomics? That is probably GM! The impact a name can have on the interpretation of a technology. Life Sci Soc Policy 14: 8.

Weiterführende Literatur

  • Knoepfler P (2018) Genmanipulierte Menschheit. Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg.
  • Hampicke U (2018) Kulturlandschaft – Äcker, Wiesen, Wälder und ihre Produkte. Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg.
  • Jahn A (Hrsg) (2018) Leben bleibt rätselhaft. Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg.
  • Meloni M (2016) Political Biology. Palgrave Macmillan, Hampshire/UK.
  • Kay LE (2005) Das Buch des Lebens. Suhrkamp, Berlin

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