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Leseprobe »Ich bin dann mal bei mir«: Slow Art oder: was wäre, wenn du ein Kunstwerk wärst?

Werden wir gelassener, wenn wir für zwanzig Minuten auf ein Bild von Kandinsky schauen? Finden wir wieder zu uns, wenn wir einfach beschließen, uns nicht mehr so zu ärgern? Und hören wir unsere innere Stimme klarer, wenn wir freiwillig mehr verzichten? Eine Leseprobe
Frau blickt auf eine winterliche Seenlandschaft

Annes Aufgabe

Geh in diesem Monat wenigstens zwei Mal in ein Museum deiner Wahl. Betrachte dort die Bilder auf eine etwas andere Weise als normalerweise üblich: Schlendere durch die Räume und suche dir intuitiv ein Kunstwerk aus, das dich anspricht. Verharre dann vor diesem Bild oder der Skulptur 20 Minuten lang – und lass das Kunstwerk einfach auf dich wirken. Nach 20 Minuten löst du dich von dem Bild und suchst dir noch zwei weitere Bilder, vor denen du jeweils 20 Minuten verharrst.

Das Besondere dabei: Es geht nicht um Wissen oder Einordnung des Bildes in Epochen. Schau deshalb nicht auf das Informationsschild, lass das Kunstwerk einfach für sich sprechen und lass es auf dich wirken. Frag dich zum Beispiel, was du siehst, was dich emotional anspricht und was nicht, was sich verändert, je länger du schaust, und auch, was das Bild dir ganz persönlich sagt oder bedeutet. Und: Du brauchst nicht mit der Stoppuhr loszuziehen. Wenn du nach 15 Minuten mit einem Bild fertig bist, kannst du gern weitergehen – aber so lange solltest du das Experiment durchhalten, damit sich die Wirkung wirklich entfaltet.

Liebe Verena,

wir haben schon oft darüber gesprochen, dass Reizüberflutung ein Lebensgefühl unserer Zeit ist. Immer schneller wechseln Menschen heute von einem Medium zum anderen, die Aufmerksamkeitsspanne sinkt. Sogar im Museum, umgeben von Kunst, haben wir es eilig. Laut einer Studie der Zeppelin Universität verbringen Museumsbesucher heute im Durchschnitt nur noch elf Sekunden vor einem Bild, nicht sehr lang, um genau hinzuschauen oder sich bewegen oder inspirieren zu lassen.

Um sein eigenes fahriges Wahrnehmungsverhalten zu verändern, setzte sich der amerikanische Kreativberater Phil Terry bei einem Besuch im Jewish Museum in New York vor ein Bild des abstrakten Malers Hans Hofman und betrachtete es 20 Minuten lang. Seine Erfahrung: Man sieht auf diese Weise sehr viel intensiver, und die Betrachtung eines einzigen Bildes wird ein Erlebnis, eine Reise, die dazu führen kann, dass man beseelt das Museum verlässt. Aus seiner Erfahrung machte Terry dann eine Art Event-Konzept und probierte seine Art der Kunstbetrachtung mit einer Gruppe von Freunden aus, die er zu einem »Slow Art Day« ins Museum einlud. Später verbreitete er die Idee weiter und gewann bereits vor zehn Jahren 16 Museen in den USA und Kanada, die beim Slow Art Day mitmachten und Veranstaltungen dazu anboten.

In den Jahren darauf wurde der Slow Art Day zu einer Erfolgsgeschichte, heute nehmen Museen weltweit daran teil, man kann in jedem Land Veranstaltungen dazu besuchen (aktuelle Termine immer unter slowartday.com).

Nun könnte man sich fragen, was die Betrachtung von Kunst eigentlich mit Selbstfürsorge zu tun hat. Um das zu verstehen, lohnt es auch hier, genauer hinzuschauen. Zahlreiche Studien belegen: Geschwindigkeit und das Springen zwischen verschiedenen Reizen führen zu einem Zustand dauernder Anspannung. So haben beispielsweise Neuropsychologen wiederholt herausgefunden, dass Multitasking vor dem Bildschirm dazu führt, dass der Cortisolspiegel steigt und sich dadurch ein chronisches Stress- und Alarmgefühl in uns festsetzt. Nur wenn wir Pausen machen, in denen der Geist schweifen kann, können wir konzentriert und entspannt bleiben, zeigen alle diese Studien. Die Verlangsamung der Wahrnehmung tut uns gut, das Aufgeben von Multitasking ebenfalls.

Wenn man in einem Museum einfach nur ruhig vor einem Bild sitzen bleibt, für 20 Minuten, ist das also nicht nur eine Auseinandersetzung mit dem Bild selbst, die gesamte Wahrnehmung verlangsamt und intensiviert sich dadurch. Dass Kunstbetrachtung nicht nur einen beruhigenden Effekt hat, sondern auch ein tiefes Erlebnis von Sinn oder Verbindung zur Welt fördert, zeigen auch Studien aus der Psychologie. Ein solcher Effekt tritt natürlich nur ein, wenn man sich während eines Museumsbesuchs nicht in erster Line darauf konzentriert, die bedeutendsten Bilder der Sammlung zu finden, sich selbst mit der »Mona Lisa« zu fotografieren oder möglichst viel Kunst in möglichst kurzer Zeit aufzunehmen. Diese Art von Sightseeing- und Bildungs-Stress fällt durch das Konzept von Slow Art weg. Man lernt, sich treiben zu lassen.

In einer Forschungsgruppe der Harvard Universität haben Wissenschaftler versucht herauszufinden, wie wir unseren Blick auf Kunstwerke so lenken können, dass wir wirklich etwas sehen und wahrnehmen und es zu einer persönlichen Auseinandersetzung mit den Werken kommt. Die Betrachtungsstrategie, die dort entwickelt wurde, nennt sich »see, think, wonder« (also etwa: hinschauen, überlegen, weiterdenken). Das heißt: zuerst ganz ohne Wertung wahrnehmen, was man sieht, die Landschaft, Person oder auch Formen und Farben aufnehmen, nur die Sinne öffnen. Danach kann man im nächsten Schritt anfangen, sich selbst Fragen zu stellen und über das Bild nachzudenken: Welche Stellen sind faszinierend? Was tun die Personen? An welche Gestalten erinnern mich die Formen? In einem dritten Schritt kann man dann überlegen, was einen an dem Bild überrascht und verwundert, woran man hängen bleibt und was für Fragezeichen bleiben. So hat man das Bild oder eine Skulptur quasi von allen Blickwinkeln aus betrachtet. Wichtig an dieser Strategie ist, dass man der Wahrnehmungsphase ohne Bewertung möglichst viel Raum gibt. Sie führt dazu, dass man sich von den eigenen Bewertungen und Gedanken löst und achtsam den Moment wahrnimmt.

Als ich deine Zeilen gelesen habe, Verena, dachte ich, dass diese Art der Kunstbetrachtung nicht nur entspannt und die Wahrnehmung verändert, sondern auch einen inneren Dialog mit sich selbst anregt, der einen wieder näher zu sich selbst bringt. Und das ist ja genau das, worum es uns bei diesen Ausflügen geht.

Herzliche Grüße
Anne

Slow Art für Ihren Alltag

Kreativitätstrainer wie die bekannte US-amerikanische Autorin Julia Cameron empfehlen ihren Kursteilnehmern und Leserinnen, immer mal wieder »kreative Ausflüge« zu machen, bei denen man Dinge betrachtet oder Orte besucht, die man bisher noch nicht kennt oder noch nicht genau angeschaut hat. Das muss kein Museum sein, das kann auch ein Schreibwarenladen, eine Bibliothek oder ein botanischer Garten sein. Mehr als um Erbauung geht es dabei um Offenheit und Neugier für die Umgebung – und das unvoreingenommene Staunen über die Welt, das Menschen zu sich selbst bringen kann. Wenn Sie selbst ausprobieren wollen, wie ein Ausflug wirkt, den Sie ohne jeden Zweck nur für die eigene Seele unternehmen, können Sie sich einfach einen Ort aussuchen, der für Sie gerade passt. Wichtig ist, dass Sie alleine gehen und im Park, im Museum oder wo immer Sie Ihren Ausflug hin unternehmen, einfach nur Eindrücke sammeln.

Auch in anderen Lebensbereichen gibt es seit einigen Jahren den Trend, Tätigkeiten und sinnliche Erlebnisse zu verlangsamen und sie dadurch bewusster zu erleben: Es gibt Bücher zu Slow Sex, eine Universität, an der Slow Eating unterrichtet wird, Lesezirkel, die sich dem Slow Reading verschrieben haben. Erst wenn also Langsamkeit und Genauigkeit die sinnliche Erfahrung begleiten, entfaltet sie eine Wirkung. Sie werden feststellen, dass Sie viel mehr und viel genauer wahrnehmen, dass Sie sich an die Bilder oder die Eindrücke vom Ausflug noch Tage später gut erinnern. Darüber hinaus kann vor allem die Verbindung zur Kunst ein Wegweiser werden, sich mit ihren eigenen Lebensthemen und Wünschen noch mehr zu beschäftigen.

Der genaue und achtsame Blick auf die Kunst hat allerdings seine Grenzen. Zwar profitieren auch Kunst- und Kulturmuffel davon, wenn sie sich gelegentlich auf diese Art der Betrachtung einlassen, aber für kulturaffine Menschen ist sie natürlich attraktiver. Sie ziehen daraus nicht nur Ruhe oder eine gewisse Verbundenheit mit den Kunstwerken, sondern können sich wahrscheinlich noch stärker und tiefer einlassen und genießen, was »das Bild einem sagen will«. Falls Sie sich sehr gern mit Kunst umgeben, probieren Sie diesen besonderen Ausflug unbedingt aus, und experimentieren Sie dann vielleicht auch häufiger damit. Aber auch wenn Sie sonst nicht so viel Berührung mit Gemälden und Kunst haben, gilt: Die Ruhe und Verbundenheit können alle Menschen spüren, wenn sie sich darauf einlassen, ein Bild sehr genau zu betrachten.

Übung: Einfach nur wahrnehmen

Sie haben in diesem Kapitel vielleicht schon eine Ahnung davon bekommen, worum es geht: die Umgebung bewusst und aufmerksam wahrzunehmen. Nicht immer muss man dazu gleich einen aufwendigen Ausflug machen. Sie können auch relativ spontan ausprobieren, in einen anderen Wahrnehmungsmodus zu kommen. Dazu bekommen Sie hier nun zwei kleine Übungen:

  • Nehmen Sie sich etwa 15 Minuten Zeit. Setzen Sie sich dort, wo Sie gerade sind, auf einen Stuhl, und schließen Sie zunächst die Augen. Konzentrieren Sie sich nun erst einmal auf Ihre Ohren, und probieren Sie, fünf Geräusche in Ihrer Umgebung zu differenzieren. Lauschen Sie, was Sie in der Nähe wahrnehmen, was draußen vor dem Fenster zu hören ist, was für Geräusche Sie vielleicht selbst machen. Lauschen Sie jedem Geräusch eine Weile nach. Konzentrieren Sie sich dann auf Ihren Geruchssinn, probieren Sie, fünf verschiedene Gerüche zu unterscheiden und Ihre Wahrnehmung zu sensibilisieren. Dann konzentrieren Sie sich ein paar Minuten auf fünf Körperempfindungen, die Sie spüren: Haben Sie warme Füße, kalte Hände, ein Ziehen im Rücken oder ein Kitzeln in der Nase? Spüren Sie in den Körper hinein. Danach machen Sie die Augen auf und schauen sich noch einmal interessiert in Ihrer Wohnung um. Nehmen Sie fünf visuelle Eindrücke wahr: eine bestimmte Wandfarbe, die Form eines Schranks, der weite Blick aus dem Fenster. Beenden Sie dann die Übung und gucken Sie, ob Ihre eigene Stimmung und Wahrnehmungsfähigkeit sich verändert haben. Häufig wird man durch diese Übung ruhiger und kommt mehr bei sich an. Vielleicht spüren Sie auch einen neuen, etwas neugierigeren Wahrnehmungsmodus?
  • Sind Sie ein visueller Mensch? Dann könnte auch diese Übung für Sie passend sein; Sie probieren damit den Effekt von Slow Art bei sich zu Hause aus: Setzen Sie sich vor ein Bild in Ihrer eigenen Wohnung oder vor ein schönes Bild aus einem Kunstband, und betrachten Sie das Bild fünf Minuten lang. Lassen Sie alle Facetten auf sich wirken, schauen Sie genau. Wählen Sie nach fünf Minuten noch ein weiteres Bild aus und machen Sie es genauso. Nehmen Sie Details wahr, die Ihnen vorher gar nicht aufgefallen sind? Spüren Sie die Verbindung mit dem Kunstwerk? Wenn Sie wollen, können Sie dieses intensive Betrachten innerhalb einer Woche immer mal wiederholen. Sie werden merken, dass es Ihnen immer leichter fallen wird, länger bei einem Bild zu verweilen, und dass Sie etwas aufmerksamer werden.

Reflexionsfragen

  • Haben Sie schon mal ein erhabenes Gefühl gehabt oder waren sehr gerührt, wenn Sie ein Kunstwerk betrachtet haben?
  • Gibt es eine andere Kunstform oder ein Medium (zum Beispiel Musik), das Sie berührt und das Sie lieben?
  • Haben Sie in der letzten Zeit versucht, sehr aufmerksam, ohne jede Ablenkung ein Musikstück zu hören, ein Bild zu betrachten, ein Buch zu lesen? Wie ging es Ihnen dabei?

Welche Alternativen gibt es?

Nicht nur der achtsame und langsame Kunstgenuss schärft die Sinne und bringt uns in Kontakt mit uns selbst. Probieren Sie auch noch mal eine andere Alternative:

  • Slow Reading. Die Idee vom langsamen Lesen besteht darin, ein Buch nicht zu verschlingen, sondern Absatz für Absatz und ohne Ablenkung durch andere Medien zu lesen und zwischendurch über das Gelesene nachzudenken. Es gibt auch einige Lesekreise, die sich zum langsamen Lesen treffen. Oft eignen sich fürs langsame Lesen eher komplexe, dicke Romane, die man mit nur halber Aufmerksamkeit nicht schafft.
  • Slow Food. Das langsame Essen und Konsumieren ist heute ein Teil der Nachhaltigkeitsbewegung. Es wird langsam und natürlich angebaut, gekocht und gegessen. Auf der dazugehörigen Webseite kann man sehen, wie weit sich das Thema schon verzweigt hat (www.slowfood.de). Achtsames und langsames Essen ist noch mal ein gesonderter Punkt. Da geht es vor allem darum, das Essen in Ruhe – also am Tisch und ohne zusätzliche Ablenkungen durch Medien – und mit allen Sinnen zu genießen.
  • Slow Sport. Achtsam Sport machen, joggen, ohne sich zu verausgaben, oder meditatives Gehen – dazu gibt es heute ebenfalls einige Ansätze, die allerdings noch nicht so systematisch zusammengefasst sind wie in der »Slow Food«-Bewegung. Einen Einstieg ins Thema bietet etwa folgendes Buch: Thich Nhat Hanh: Einfach Gehen (Verlag O. W. Barth).

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