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Leseprobe »Leben mit Hirn«: Die eigenen Erzählungen: Wie wir unser Hirn verzaubern

In Stress-Situationen reagiert unser Gehirn mit einer von drei Überlebensstrategien: Angriff, Flucht oder Starre. Die Bereiche, die im Hirn für vorausschauendes Denken, Impulskontrolle, aber auch für Empathie und Mitgefühl zuständig sind, werden »blockiert«. Wir verlieren unseren klaren Kopf. Was können wir tun, um in schwierigen Situationen trotzdem Zugang zu unseren höheren kognitiven Fähigkeiten zu behalten? Eine Leseprobe
Gehirn Hologramm

Es war an einem Samstagvormittag vor einigen Jahren. Mein kleiner Sohn war gerade zweieinhalb Jahre alt. Ich hatte mit ihm an diesem Morgen bisher vieles unternommen, was er sehr mochte: Wir haben in seinem Lieblingsbuch gelesen, haben Pancakes gebacken und passend dazu im Thermomix frisches Apfelmus zubereitet. Er saß glücklich auf seinem Kinderstuhl und war mit den klein geschnittenen Pfannkuchenstückchen beschäftigt. Da klingelte mein Handy. Ich sah die Nummer und den Namen eines Unternehmers im Display. Ihn und seine Firmen unterstütze ich als Berater und Prozessbegleiter bereits seit einigen Jahren bei der Verbesserung der Unternehmenskultur. »Herr Purps-Pardigol, sorry, dass ich am Wochenende störe, aber ich brauche mal ganz dringend Ihre Einschätzung. Ich habe Ihnen gerade ein Dokument gemailt.« Ich schaute zu meinem Sohn, sah die große Menge Essen auf seinem Teller und schätzte, dass er dafür wohl noch fünf Minuten Zeit brauchen würde. »Wir haben drei Minuten«, antwortete ich ins Telefon, um auf der sicheren Seite zu sein. Dann eilte ich die Treppe zu meinem Arbeitszimmer hoch. Nach zwei Minuten und 38 Sekunden war ich mit dem Gespräch fertig. Ich habe das später an meinem Handy überprüft, denn ich wollte wissen, in welch kurzer Zeit ein Kleinkind eine ganze Küche verwüsten kann.

Meinen Sohn konnte ich nicht mehr sehen, als ich wieder hereinkam. Dafür jedoch die Packung mit den nun aufgeplatzten Eiern, die er von der Kücheninsel auf das Parkett heruntergerissen hatte. Er schien versucht zu haben, die glibberige Masse aus der Packung herauszuholen, denn in einem Radius von einem halben Meter sah ich überall Teile des Eigelbs, die durch den Aufprall allein niemals so weit hätten spritzen können. Mit der Reismilch ist er nicht ganz so weit gekommen. Er hatte den auf dem Schrank stehenden Tetra Pak nur umgeworfen. Da ich vergessen hatte, ihn zuzuschrauben, war der Großteil der Milch aus einem Meter Höhe auf den Boden und teilweise unter die Fußleisten geflossen, wie ich später am Tag fluchend feststellte. Dann gab es noch diesen kleinen Mehlberg auf dem Fußboden. Ihm entsprang eine verdächtige Spur um die Kücheninsel herum, die mich zu meinem Sohn führte. Irgendwo hatte er noch eine Schüssel aufgetan. In ihr zermatschte er die erbeuteten Zutaten – so, wie er es aus seiner Kinderküche kannte. Dieses Mal war es jedoch echtes Essen und echtes Chaos.

Ich war ernsthaft enttäuscht. »Er hatte den perfekten Morgen: Ich habe ihm aus seinem Lieblingsbuch vorgelesen, er hat sein Lieblingsessen bekommen, wir haben viel Zeit miteinander verbracht … wieso verwüstet er die Küche?!«, dachte ich mir. Mit genervter Stimme und einem Armschwung, der auf das ganze Chaos hinweisen sollte, stand ich vor ihm und fragte ihn, warum er so ein Schlachtfeld erschaffen habe. Mein kleiner Sohn war jedoch ganz in seiner Welt versunken. Er bemerkte mich nicht einmal. Ich stellte fest, dass ich nicht zu ihm durchdrang und setzte mich neben ihn auf ein kleines, verbleibendes Stück sauberen Boden. Mit ruhigerer und interessierterer Stimme fragte ich: »Kannst du dem Papa erklären, was du da gerade machst?« Als er mich und meine Frage endlich bemerkte, fing er über beide Ohren an zu strahlen. Er schob mir die Schüssel herüber und sagte: »Papa. Essen!« Ich verstand nun, dass mein kleiner Sohn mir Frühstück zubereitet hatte. So wie ich es kurz zuvor an diesem Morgen für ihn getan hatte. Innerhalb eines Wimpernschlags war mein Frust verschwunden.

Unser innerer Zustand kann sich rasend schnell verändern, wenn wir in der Lage sind, Erlebnisse anders zu verarbeiten. Manchmal geschieht das, indem wir durch äußere Einflüsse eine andere innere Perspektive erhalten. Bei mir war es der Moment, als mein Sohn mir freudig strahlend erklärte, dass er mir Frühstück gemacht hatte. Plötzlich konnte ich dem Schlachtfeld in unserer Küche eine andere Bedeutung geben.

Doch auch dann, wenn diese äußeren Impulse fehlen, haben wir wirksame Möglichkeiten, unseren inneren Zustand schnell und nachhaltig zu verändern. So wirksam, dass man die unmittelbaren Verbesserungen sogar neuronal messen kann. Der Philosoph und Neurowissenschaftler Anthony Jack von der Case Western Reserve University in Cleveland hat im Jahr 2012 eindrucksvoll gezeigt, wie sehr unsere Gedanken unsere neuronalen Aktivitätsmuster beeinflussen.

Stellen Sie sich vor, Sie lägen in einem funktionellen Magnetresonanztomografen (fMRT), mit dem man Scans Ihres Gehirns erstellen kann. Anthony Jack bittet Sie darum, zwei unterschiedliche Arten innerer Bilder in sich zu erzeugen. Zuerst wird Jack Sie fragen: »Wenn alles in Ihrem Leben ideal laufen würde – wo sähen Sie sich in zehn Jahren? Wo würden Sie leben? Wie würden Sie Ihre Zeit verbringen? Was wären Sie dann für ein Mensch?« Denken Sie einen Augenblick über die Antworten nach, die Ihnen auf diese Frage einfallen …

Während Sie in Ihren Zukunftsträumen schwelgen, würde der Wissenschaftler Jack mit dem fMRT erkennen, dass Ihr linker präfrontaler Cortex (PFC) aktiver geworden ist. Dieser Teil des menschlichen Gehirns ist von Geburt an mit der Erfahrung von persönlichem Wohlempfinden assoziiert.

Woher man das weiß? In anderen Studien, bei denen man wenige Wochen alten Babys etwas Zuckerwasser auf die Lippen träufelte und dabei die elektrische Aktivität des Gehirns untersuchte, fingen die Kleinen an zu lächeln: Sie freuten sich über den süßlichen Geschmack. Die Wissenschaftler konnten eine höhere Aktivität des linken PFC bei den Babys messen. Der aktivste linke PFC, den man wissenschaftlich jemals erfasst hat, war übrigens derjenige von Matthieu Ricard, einem engen Vertrauten des Dalai Lama. Dieser Mönch hat viel Zeit seines Lebens eine besondere Form der Meditation praktiziert, die zu diesen bemerkenswerten Veränderungen in seinem Hirn geführt haben. Seit den Untersuchungen in einem neurowissenschaftlichen Labor gilt er als »happiest man in the world«. Matthieus Form der Meditation, mit der sich auch Ihr linker PFC mehr aktivieren lässt, lernen Sie in Kapitel 3 kennen.

Doch zuerst zurück zu Ihnen, zu Ihrem aktiven linken PFC und zu Anthony Jack. Letzterer würde in Ihrem Kopf noch etwas anderes entdecken: Einen recht aktiven ventromedialen PFC. Dieser Teil des Hirns ist bedeutsam für die Erzeugung eines sogenannten »safety signal«, eines Gefühls sozial-emotionaler Sicherheit. In weiteren Untersuchungen wäre auch sichtbar, dass Ihr parasympathisches Nervensystem hochgefahren ist. Das ist der Teil des peripheren Nervensystems, der aktiv wird, wenn nach einer Anstrengung der Ruhezustand eintritt. Es verlangsamt Herzschlag und Atmung, erweitert die Blutgefäße und bringt die Verdauung in Gang.

Nun beginnt Phase zwei des Experiments. Anthony Jack bittet Sie, andere innerer Bilder entstehen zu lassen. »Welche Herausforderungen erleben Sie derzeit? Was könnte in Ihrem Leben aktuell schwierig werden? Welche Ängste beschäftigen Sie?« Während Sie sich mit diesen Fragen beschäftigen, kann Jack völlig andere Aktivitätsmuster in Ihrem Gehirn feststellen. Es werden neuronale Netzwerke aktiv, die mit dem sympathischen Nervensystem verbunden sind.

Der Name trügt, denn so sympathisch ist dieses System gar nicht. Wenn es aktiv ist, steigert es Blutdruck und Herzfrequenz, während es die Sekretion von Verdauungssäften reduziert. Es bereitet unseren Körper auf Flucht oder Kampf vor. Während Sie sich weiterhin mit den problemorientierten Fragen des Wissenschaftlers beschäftigen, zeigen die Hirnscans, dass die Aktivität in Ihrem linken PFC gesunken und dafür im rechten PFC gestiegen ist. Dieser Bereich ist eher mit unangenehmen Gefühlen assoziiert. Denken Sie nochmal an die Babys und das Zuckerwasser. Es gab damals einen weiteren Teil des Experiments, bei dem man ihnen etwas Zitronenwasser auf die Lippen träufelte. Die Kleinen verzogen das Gesicht. Die Wissenschaftler sahen eine Erhöhung der Erregung nun in ihrem rechten PFC.

Ob Sie sich nun also etwas unangenehm Schmeckendes in Ihren Mund stecken oder über Probleme in Ihrem Leben grübeln – in beiden Fällen springt Ihr rechter PFC an. Beides fühlt sich nicht gut an.

Durch unsere Gedanken beeinflussen wir unmittelbar, welche Bereiche unseres Gehirns aktiviert werden.

Hätte man an dem Morgen, als mein Sohn mir »Frühstück« zubereitete, bei mir die neuronale Aktivität gemessen, wäre mutmaßlich eine sprunghafte Veränderung sichtbar gewesen: Das stressassoziierte sympathische Nervensystem und der rechte PFC waren vermutlich hochaktiv, als ich zurück in die Küche ging und das Chaos sah. Dann kam der Moment, in dem ich realisierte, dass er das alles getan hatte, um mir Frühstück zuzubereiten. Der linke PFC fuhr hoch und das sympathische Nervensystem fuhr herunter. Mein Hirn beruhigte sich. Ich fühlte mich besser – und geliebt.

Die Auswirkungen unserer Gedanken auf uns sind nicht nur unmittelbar, sondern auch langfristig messbar. So hat beispielsweise der Glaube, eine Bestimmung im Leben zu haben, einen messbaren Einfluss auf Gesundheit, Leben und Tod. Der Kardiologe Randy Cohen vom Mount Sinai Medical Center in New York hat zehn Studien analysiert, die sich mit dem Gefühl der Lebensbestimmung beschäftigen. Er veröffentlichte seine Erkenntnisse in der Studie »Purpose in Life and its Relationship to All-Cause Mortality and Cardiovascular Events: A Meta-Analysis«. Cohen hatte Zugriff auf die Daten von 137 000 Menschen, die untersucht und befragt worden waren. Hatten diese Menschen in Interviews angegeben, eine Bestimmung oder einen Sinn in ihrem Leben zu haben, war die Wahrscheinlichkeit, dass sie an einer Herzerkrankung litten, um 19 Prozent geringer als in den Vergleichsgruppen. Die Langzeitstudien zeigten, dass die Sterblichkeitsrate von Menschen, die ein sinnerfülltes Leben führen, um ganze 23 Prozent niedriger liegt als die der übrigen. »Für Ihr eigenes Wohlbefinden sollten Sie alles dafür tun, eine Bestimmung für sich zu finden«, resümiert Cohen.

Ich habe Ihnen nun erste messbare Auswirkungen unserer Gedanken auf unser Gehirn und den restlichen Körper nähergebracht. Im Folgenden möchte ich Ihnen erklären, wie Sie idealerweise mit unangenehmen Umständen umgehen, damit sich diese nicht ungünstig auf Ihre Gedanken und Ihre innere Welt auswirken.

Lassen Sie uns dafür einige Tausend Jahre in die Vergangenheit reisen und die alt-indische Sprache Sanskrit betrachten. Darin gibt es zwei Begriffe, die bis heute sowohl hinduistische als auch buddhistische Konzepte beeinflussen: »Sukha« und »Dukkha«. »Sukha« bedeutet Glück, Freude und Zufriedenheit. »Dukkha« ist die Beschreibung des Zustands von Stress, Schmerz und Leid. Interessant ist die Herkunft dieser beiden Begriffe. Sanskrit wurde von den alten Ariern (die übrigens ursprünglich Menschen aus dem indo-iranischen Sprachgebiet sind – und für gewöhnlich keine blonden Haare und blaue Augen haben) in den fernen Osten gebracht. Dieses nomadische Volk reiste zu Pferd und mit kleinen Wagen. Gut ausgebaute Straßen fehlten und eine Reise war deutlich beschwerlicher als heutzutage. Die Wege waren damals voller Schlaglöcher. Darum machte die Qualität des Wagens den großen Unterschied, ob es eine angenehme oder weniger angenehme Reise wurde. War die Achse des Wagens nicht zentral ausgerichtet, ruckelte das Gefährt stark oder fiel sogar in den Kurven um. Der damalige Begriff »kha« beschreibt das Loch der Achse. »Su« und »Dus« waren Präfixe und bedeuteten »gut« und »schlecht«. »Sukha« stand daher für die »gute Achse« und »Dukkha« für die »schlechte Achse«. Auf ein und derselben Straße konnte das nomadische Volk mit einer guten Achse eine angenehme und mit einer schlechten Achse eine unangenehme Reise erleben. Nun konnten die Nomaden nicht überall neue Straßen bauen, doch sie hatten Einfluss auf die Qualität ihrer Wagen und deren Achsen.

Buddhistische Konzepte übernahmen den Begriff von »Sukha« und »Dukkha«: Wir können die Qualität der Wege, die wir in unserem Leben gehen, nur bedingt beeinflussen. Doch wie das nomadische Volk der Arier Einfluss auf die Qualität ihrer Achsen hatte, so haben wir Einfluss auf unseren Geist. Ist er in einem schlechten, starren Zustand (»Dukkha«), erleben wir vieles, was uns widerfährt, als Leid und Schmerz. Ist er dagegen in einem guten, flexiblen Zustand (»Sukha«), nehmen wir das, was uns geschieht, mit deutlich mehr Freude und Zufriedenheit wahr – selbst dann, wenn uns eine Menge Schlaglöcher auf unserem Weg begegnen.

Doch wie können wir so einen »Sukha«-Zustand des Geistes in uns stärken? Lassen Sie uns dafür in die Gegenwart zurückkehren und einige neurowissenschaftliche Labore besuchen, in denen in den vergangenen Jahren viele hilfreiche Entdeckungen gemacht wurden. Sie müssen sich all die Namen und Orte nicht merken – Sie werden die Inhalte des Buchs auch dann verstehen, wenn Sie sie ignorieren. Ich habe sie hauptsächlich für all die Leserinnen und Leser aufgeführt, denen diese Details wichtig sind.

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