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Leseprobe »Was tun, wenn man nichts tun kann?«: Wie leben in unsicheren Zeiten?

Die großen Krisen der Gegenwart verunsichern viele Menschen fundamental. Was tun, wenn man gefühlt nichts mehr tun kann? Klug und unterhaltsam beschreibt der Philosoph Martin Bartenberger, wie der Philosophische Pragmatismus hilft, gut durch schwere Zeiten zu kommen. Seine Prämisse: Es ist besser, etwas zu tun, als nichts zu tun. Er stellt eine pragmatische Methode vor: ein Denken in 4 Schritten. Eine Leseprobe
Eine Person sitzt auf dem Boden eines Schlafzimmers, lehnt sich an das Bett und genießt das Sonnenlicht, das durch ein Fenster fällt. Die Person trägt einen blauen Pullover und hat die Augen geschlossen, während sie eine Hand auf die Brust legt. Neben dem Bett steht ein kleiner Tisch mit einer Lampe und Büchern. Die Atmosphäre wirkt ruhig und entspannt.
»Naja, ich trinke und kiffe«, hatte die junge US-Amerikanerin gerade auf meine Frage geantwortet. Ich musste lachen, doch ich merkte, wie mir das Lachen im Hals stecken blieb. Es war früher Abend und wir gingen gerade durch eine belebte Straße in Berlin, gemeinsam mit einigen anderen Leuten. Wir alle waren wegen einer Konferenz in der Stadt und nun auf der Suche nach einem Restaurant fürs gemeinsame Abendessen. Beiläufig hatte mir die Amerikanerin erzählt, dass sie in den USA für eine Non-Profit Organisation arbeitet, die versucht, Politiker:innen von der Notwendigkeit gesetzlicher Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen zu überzeugen.

Ich hätte diese Information für belanglosen Smalltalk nutzen können oder um meine verstaubten Kenntnisse des US-amerikanischen Gesetzgebungsverfahrens aufzufrischen. Stattdessen war mir eine Frage durch den Kopf geschossen, die mich in den vergangenen Monaten immer wieder beschäftigt hatte, und ich hatte beschlossen sie zu stellen: »Das muss ja oft ziemlich frustrierend und deprimierend sein. Wie geht es dir denn persönlich damit, wie gehst du mit dieser Belastung um?«

Das war der Punkt, an dem sie mich mit ihrer offenen und entwaffnenden Drogen-Antwort zum Lachen gebracht hatte. Nun kam sie aber schnell zum ernsten Teil. Denn natürlich, erzählte sie, empfinde sie ihren Kampf gegen die Windmühlen der Ölindustrie als frustrierend und belastend und berichtete von Kolleg:innen, die darüber in ernsthafte psychische Probleme geraten waren.

Während wir sprachen, fanden wir und unsere Begleiter:innen ein gemütliches somalisches Restaurant und es wurde schließlich ein schöner Abend. Aber was meine amerikanische Bekannte mir erzählt hatte, ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Auch weil sich dieses Gefühl der Überforderung und Hilflosigkeit so vertraut anfühlte.

Denn um die Belastung, von der sie erzählt hatte, nachvollziehen zu können, muss man nicht den lieben langen Tag versuchen, Trump-verehrende Politiker:innen aus dem Bible Belt von den Gefahren des Klimawandels zu überzeugen. Im Gegenteil: Dafür braucht es gar nicht viel. Es reicht auch hier in Deutschland zu leben, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und ab und zu die Tagesschau einzuschalten.

Denn dass wir momentan in herausfordernden und unsicheren Zeiten leben, würden wir wohl alle unterschreiben. Egal ob Corona, Krieg, Klimawandel oder KI: Derzeit scheint es, als jage eine Krise die nächste, als gerieten sämtliche unserer Gewissheiten ins Wanken, und es entsteht ein latentes Gefühl von Haltlosigkeit.

Mir jedenfalls geht es so. Ich bin 1984 geboren. Wenn ich auf die Zeit seit Beginn der Jahrtausendwende zurückblicke, seit der ich mich aktiver mit dem Weltgeschehen befasse, dann fallen mir als bedeutsame Ereignisse ein: Die Anschläge vom 11. September 2001 und die darauffolgende Welle an Terrorattacken – von Bali über Madrid bis Paris. Die Finanzkrise von 2008 und die daran anschließende Eurokrise. Die Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011. Die Migrationskrise im Jahr 2015 und der bis heute andauernden Entwicklung über Pegida und Wutbürger:innen zur AfD. Der Brexit und das drohende Zerbröckeln der EU. Die wachsenden autoritären Tendenzen überall auf der Welt, von Osteuropa über die Philippinen und Brasilien bis hin zu den USA. Die Klimakrise, die mit Hitzesommern und schneelosen Wintern nun auch in Deutschland angekommen ist. Die weltweite Corona-Pandemie mit zahllosen Toten und tiefgreifenden Eingriffen ins gesellschaftliche Leben. Zuletzt der Krieg in der Ukraine, samt Energiekrise und Inflation, der Krieg in Gaza sowie die eben beginnenden gravierenden geopolitischen Turbulenzen in Folge der zweiten Trump-Präsidentschaft.

Bei dieser Aufzählung kann einem schon schwindlig werden. Klar, Krisen und Katastrophen hat es in der Menschheitsgeschichte immer gegeben, oft in einem viel größeren Ausmaß als die soeben genannten. Denken wir an die Pest, die im 14. Jahrhundert geschätzt ein Drittel der Bevölkerung Europas auslöschte. Oder an das Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755, das Zehntausende Tote an einem einzigen Tag forderte und die westliche Philosophie und Theologie in tollkühne Erklärungsnot brachte (auch weil die Erde ausgerechnet an Allerheiligen bebte und das Rotlichtviertel verschont blieb). Doch etwas ist neu oder anders an der derzeitigen Welle von Krisen und der daraus resultierenden Unsicherheit.

Immer wenn ich die derzeitige Gefühlslage besser einordnen will, versuche ich mich an die Neunzigerjahre zu erinnern, die Zeit meiner Kindheit und frühen Jugend. Eine Zeit der Unbekümmertheit, der der Autor Niclas Seydack in seinem Buch Geile Zeit. Autobiographie einer Generation kürzlich ein eindrückliches Denkmal gesetzt hat. Natürlich gab es furchtbare Ereignisse in diesem Jahrzehnt. Der erste Golfkrieg, die Jugoslawienkriege und der Völkermord in Ruanda fallen mir sofort ein. Sie sind selbst mir als Heranwachsendem nicht entgangen. Trotzdem bleibt das Jahrzehnt meist positiv als die »roaring nineties« in Erinnerung, nicht nur bei mir.1 Nach dem Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs schien die Welt auf eine bessere Zukunft zuzusteuern. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama sprach sogar vom »Ende der Geschichte«.2 Seiner Ansicht nach hatte das westliche Modell aus repräsentativer Demokratie und freier Marktwirtschaft seinen endgültigen Triumph gefeiert und die Menschheit damit die höchste Entwicklungsstufe erreicht.

Heute entlockt uns dieser Gedanke lediglich ein müdes Lächeln. Was hat sich geändert seit damals? Wieso jagt heute eine fundamentale Krise die nächste, sodass kaum Zeit zum Verschnaufen bleibt? Handelt es sich dabei um mehr als selektive Wahrnehmung oder die Verklärung der eigenen Kindheit und Jugend, um mehr als die sentimentale und auch selbstgefällige »Früher war alles besser«- Attitüde, die wohl jede Generation vor sich herträgt?

Ich glaube: ja. Wir haben es heute tatsächlich mit einer anderen Art von Unsicherheit und Ungewissheit zu tun, einer fundamentaleren Art, die wir zumindest in den Jahrzehnten davor so nicht mehr kannten. Das hat vor allem damit zu tun, dass es bei den Krisen der vergangenen Jahre ans Eingemachte geht. Sie sind nicht nur bedauerliche Vorkommnisse oder sogenannte »tragische Einzelfälle «, die bald überstanden sein werden. Vielmehr rütteln die aktuellen Krisen immer mehr an den Grundfesten und Grundüberzeugungen, auf denen wir unser modernes westliches Leben aufgebaut haben. Frieden, Demokratie, Wohlstand, EU, Menschenrechte, die Arbeitswelt, ein für menschliches Leben geeignetes Klima auf dem Planeten. Das alles gerät plötzlich unter Druck und wird in Frage gestellt. Die Zukunft war früher vielleicht ein Ort der Hoffnung und des Fortschritts, heute erscheint sie bedrohlich und unbestimmt. Die eigentliche Crux dabei ist: All das gilt nicht nur für die Politik oder die Gesellschaft als Ganzes. Viele Menschen erleben diese ständige Unsicherheit und die andauernden Umbrüche ganz persönlich als zunehmend belastend, als geradezu bleierne Schwere.

Und damit nicht genug: Die eben geschilderte, alles andere als einfache weltpolitische Gemengelage muss hierzulande von Menschen verarbeitet werden, die sich Sinnfragen stellen und denen Werte wichtig sind, die in weiten Teilen wie nie zuvor versuchen, bewusst zu leben und zu handeln, das »Richtige« zu tun. Doch wie soll das gehen in all diesen Krisen und Umbrüchen?

Das ist das geradezu Ironische, ja man möchte sagen Tragische an der heutigen Situation. Die Weltlage schreit angesichts ihrer scheinbaren Ausweglosigkeit geradezu danach, sich zynisch und egoistisch zu verhalten, sich ins Private oder den ausschweifenden Konsum zurückzuziehen. Doch sie trifft auf eine Generation, die sich in großen Teilen als geradezu anti-zynisch und anti-egoistisch definiert. Die keine »Nach mir die Sintflut«-Mentalität besitzt, sondern ständig ein »Ich bin Teil der Sintflut« reflektiert. Und dabei in die psychologische Zwickmühle gerät.

Sinnstiftende Tätigkeit? Unmöglich oder zwecklos. Wertebasiertes Handeln? Klingt gut, doch auf welche Werte ist noch Verlass? Gesellschaftlichen Zusammenhalt und Gemeinschaft stärken? Scheint unmöglich in einer polarisierten Gesellschaft voller hysterischer Bubbles, die sich nicht einmal mehr über die Trikots der Fußballnationalmannschaft einig sind und – das kommt noch obendrauf – in der populistische Menschenfischer die kollektive Unsicherheit schamlos ausnutzen. Dann zur Erholung vielleicht Urlaub machen, möglichst richtig weit weg? Notwendig wäre es, aber darf man heutzutage angesichts der Klimaerwärmung überhaupt noch fliegen? Dazu hat man vielleicht noch Kinder, bei deren Erziehung man zärtliches Tragetuch-Bonding, selbstgekochten Brei und Chinesisch-Frühförderung unter einen Hut bringen soll. Und selbst die banale Tätigkeit der Ernährung wird zum moralischen Minenfeld: Alles, was ich mir in den Mund stecke, könnte irgendwie falsch oder problematisch sein.

Nun ist es natürlich grundsätzlich gut und wichtig, sich über all diese Dinge Gedanken zu machen. Man kann und sollte das schon Fortschritt nennen. Doch eine Konsequenz ist auch: Viele Menschen hierzulande fühlen sich überfordert, verängstigt und gelähmt von alledem. Seit den 1960er-Jahren stellt das Institut für Demoskopie Allensbach im Rahmen einer Umfrage Menschen in Deutschland regelmäßig folgende Frage: »Würden Sie sagen, wir leben heute alles in allem in einer glücklichen Zeit, oder haben Sie das Gefühl, dass wir ziemlich schwierige Zeiten durchmachen?« Das ernüchternde Ergebnis aus dem Jahr 2023: Nur 16 Prozent glaubten, in einer glücklichen Zeit zu leben, 72 Prozent dagegen waren vom Gegenteil überzeugt. Ein Wert, der seit Beginn dieser Befragungen vor 60 Jahren noch nie so negativ gewesen war.

Ähnlich eine Umfrage unter Beschäftigten aus dem Jahr 2024. Hier berichtete die Hälfte der Befragten von Erschöpfung und davon, aktuell weniger Kraft zu haben als noch vor drei Jahren. Als Ursachen nannten die Befragten die politische Lage, die Vielzahl der Krisen, die wirtschaftliche Situation sowie die Spaltung der Gesellschaft.

Eine gewisse Schwere und Zähigkeit scheinen also unseren Alltag zu erfassen. Und damit passiert etwas Paradoxes: In einer Situation, in der wir über vieles Bescheid wissen und gerne gute und bewusste Entscheidungen treffen würden, fällt uns das immer schwerer. Denn wie soll das funktionieren, wenn jede Entscheidung irgendwie falsch zu sein scheint und man sich gefühlt gerade im weltpolitischen Schleudergang befindet? Und genau das ist das Dilemma.

Die entscheidende Frage unseres Lebens heute scheint mir daher die folgende zu sein: Wie kann man als Einzelne:r trotz dieser Umstände lebensfroh und handlungsfähig bleiben und sich weder von der Angst lähmen noch von einfachen Antworten blenden lassen? Ich denke, auf der Ebene der psychologisierenden Selbstoptimierung (»Sei einfach zuversichtlich«, »Du kannst alles erreichen, wenn du nur willst« usw.), wie sie gerade floriert, ist bei dieser Frage kein Blumentopf zu gewinnen. Da sehe ich auch die Grenzen der derzeitigen Debatte zum Thema persönliche Resilienz. Denn schließlich sind auch die Probleme, die uns zu schaffen machen, nicht auf der rein individuellen Ebene zu finden, sondern sind Teil einer tektonischen Plattenverschiebung, die politische, gesellschaftliche, technische und kulturelle Dimensionen hat.

Wir müssen deshalb tiefer graben – und nichts gräbt so tief und unermüdlich wie die Schaufelradbagger der Philosophie und liefert gleichzeitig Denkanstöße und Handreichungen für unseren Alltag und all die Fragen und Probleme, die uns umgeben. Dies trifft in besonderem Maße auf eine philosophische Strömung zu, die wie dafür gemacht scheint, uns in der heutigen Situation weiterzuhelfen. Sowohl um unsere Lage analytisch zu verstehen, aber auch um ein gutes, gelingendes Leben unter schwierigen Umständen zu führen. Es ist die Philosophie des Pragmatismus, die einer ihrer Vertreter einmal dadurch charakterisiert hat, dass sie erfolgreiches, kreatives und sinnstiftendes Handeln unter Bedingungen großer Unsicherheit erlaubt.5 Klingt doch ziemlich passend im Jahr 2025, oder?

Aber bevor wir uns diesen Pragmatismus aus der Nähe ansehen, lassen Sie uns einen genaueren Blick werfen auf unsere derzeitige »Unsicherheit« und die unzureichenden Strategien, mit ihr fertig zu werden.

Was bedeutet »Unsicherheit«?

Hierzulande bilden wir uns ja viel auf unsere deutsche Sprache ein, nennen sie gern »die Sprache der Dichter und Denker«. Doch manchmal ist sie im Vergleich zu anderen Sprachen erstaunlich unpräzise. So etwa beim Begriff der »Unsicherheit«. Der wird landläufig nämlich in zwei recht unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet. Betrete ich nachts eine dunkle Gasse und höre plötzlich Schritte hinter mir, dann fühle ich mich womöglich unsicher in dem Sinne, dass ich um meine leibliche Sicherheit fürchte. Das ist die erste Bedeutung des Wortes. Stehe ich vor einer Weggabelung und weiß nicht, in welche Richtung ich gehen soll, sprechen wir ebenfalls von »Unsicherheit«. Ich weiß nicht, was ich tun soll, was die richtige Entscheidung ist und wie es in Zukunft mit mir weitergeht. Was wird passieren, wenn ich nach links gehe – und was, wenn nach rechts? Werde ich schnell an mein Ziel gelangen oder umherirren? Das ist die zweite Bedeutung.

In manchen aktuellen Krisen wie dem Krieg in der Ukraine und dem Konflikt mit Russland, dem Klimawandel oder Pandemien sorgen wir uns durchaus auch um unsere körperliche Unversehrtheit. Aber vorrangig ist es die andere Bedeutung von Unsicherheit, die Ungewissheit, die uns Kummer bereitet. Es ist deshalb dieser Aspekt, den ich in diesem Buch thematisiere.

Für unseren westlich geschulten Geist scheint es nun zwei Möglichkeiten zu geben, mit diesem Problem der Unsicherheit psychologisch umzugehen. Wir können uns zum Beispiel einfach für eine mögliche Lösung des Problems entscheiden und diese dann dogmatisch und vehement vertreten.

Belief perseverance (Beharrlichkeit von Überzeugungen) nennt die Psychologie diesen Effekt. Eine der ersten empirischen Untersuchungen dieses Phänomens6 wurde von amerikanischen Psychologen unternommen, die im Jahr 1954 eine Sekte untersuchten, deren Anführerin für den 21. Dezember des gleichen Jahres eine große Sintflut vorhersagte. Als diese Flut am vorhergesagten Datum nicht eintraf, blieben viele Mitglieder der Gruppe überraschenderweise trotzdem treu und versuchten, das Ausbleiben irgendwie mit ihren Überzeugungen in Einklang zu bringen.

Damit konnten die Forscher zeigen, wie beharrlich und hartnäckig unsere Überzeugungen sein können. Es war für viele Mitglieder der Sekte anscheinend einfacher, an den bisherigen (inzwischen offenkundig falschen) Überzeugungen festzuhalten und sich die Welt drumherum irgendwie zurechtzubiegen, als diese fallenzulassen. Denn damit müssten sie eben auch erkennen, dass sie in ihrer bisherigen Glaubensausrichtung irrten.

Neben diesem dogmatischen Zugang ist eine weitere Möglichkeit, mit Ungewissheit umzugehen, zu versuchen, so lange und gründlich darüber nachzudenken, bis man irgendwann ganz »rational « und »objektiv« die Lösung (und also Gewissheit) findet. Beides sind beliebte und verbreitete Strategien, um mit Unsicherheit und Ungewissheit umzugehen. Doch bei näherer Betrachtung entpuppen sie sich als Sackgassen, die uns genau in die Bredouille führen, in der wir uns von der Angst lähmen oder von einfachen Antworten blenden lassen.

Sackgassen Dogmatismus und Rationalismus

Die Strategie des Dogmatismus ist heutzutage eine der verbreitetsten Wege, um mit der uns umgebenden wachsenden Unsicherheit fertig zu werden. Wenn die Lage nicht so ernst und brandgefährlich wäre, könnte man scherzhaft von einem »Revival des Dogmatismus « sprechen. Dogmen sind Aussagen mit Anspruch auf absolute Wahrheit und postulieren sich als unhinterfragbar.

Oft tritt der Dogmatismus dabei als religiöser Fundamentalismus jeglicher Spielart auf, vom radikalen Islamismus in der muslimischen Welt über den Hindu-Nationalismus in Indien bis hin zur evangelikalen Rechten in den USA. Auf der politischen Ebene trägt die Strategie des Dogmatismus meist das Gewand des autoritären Populismus. Autoritäre Populist:innen wie Trump in den USA, Putin in Russland, Erdogan in der Türkei oder Meloni in Italien haben auf schwierige Fragen einfache Antworten parat. Zweifel an diesen Antworten werden nicht zugelassen und wahlweise mit Gewalt, Verhaftung, Entlassung oder Verächtlichmachung der Kritiker beantwortet. Auf die Unsicherheit wird also mit dogmatischen Antworten reagiert.

Dabei ist der Dogmatismus natürlich kein Monopol des rechten politischen Spektrums. Genauso findet man ihn in der marxistischen Linken, in feministischen Kreisen, ja selbst in der so viel beschworenen und sich gänzlich unideologisch und liberal gebenden sogenannten Mitte. Fast scheint der Dogmatismus eine bestimmte Geisteshaltung zu sein, die sich über jeden beliebigen Inhalt legen kann. Diesen Inhalt verteidigt sie dann mit Klauen und Zähnen und duldet keinen Widerspruch. Egal ob es sich bei dem Inhalt um die reine Lehre von Marx und Engels handelt, deren Werke wie gottgesandte Bibeltexte behandelt werden, um eine autoritäre Form falsch verstandener Political Correctness, die zu einer Verengung und Verödung jeglichen Diskurses führt, oder um das neoliberale »Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut« der politischen Mitte.

Allen dogmatischen Ansätzen gemein ist eine unglaubliche geistige Enge: Diskursräume werden verkleinert, vereinfachte Antworten und Assoziationen werden vorgegeben, Dissens wird verhindert oder verfolgt. Gleichzeitig werden einfache Zusammenhänge behauptet und Gleichsetzungen genutzt, die beinahe bildhaft sind. Wenn wir in Richtung der autoritären Populist:innen schauen, dann sind die Bilderketten die sie verwenden zum Beispiel oft die folgenden: Ausländer = Krimineller. Muslim = Terrorist. Suchtkranker = Verbrecher. Gemein ist diesen Gleichsetzungen eine unhinterfragte Verknüpfung von Bildern, die nicht in Zweifel gezogen werden darf.

Mich erinnert diese Art der dogmatischen Gleichsetzung immer an einen Pionier des modernen Spielfilms, den ich sehr bewundere, auch wenn er am Anfang seiner Karriere ebenfalls zu dogmatischen Kurzschlüssen neigte. Im Jahr 1925 erschien der erste längere Film des sowjetischen Regisseurs Sergej Eisenstein. Er trägt den Titel Streik und damit ist die einfache Handlung des Films bereits gut wiedergegeben. Der Film spielt während der russischen Zarenzeit und handelt vom Streik einer Gruppe Fabrikarbeiter gegen die schlechten Arbeitsbedingungen. Was den Film außergewöhnlich macht: Eisenstein setzt zum ersten Mal seine Idee der Attraktionsmontage um, eine Technik, die ihn zu einem der einflussreichsten Theoretiker und Praktiker des Films im 20. Jahrhunderts macht.

Eisenstein erkennt als einer der Ersten, dass die wesentliche Neuheit der Kunstform Film die Montage ist. Im kontinuierlichen Bilderstrom des Films können die Bilder erstmals beliebig aneinandergereiht, also montiert werden. Dies lässt unser Hirn Zusammenhänge und Verbindungen herstellen, die es streng genommen gar nicht gibt.

Als Zuschauer sehe ich zum Beispiel einen Filmausschnitt mit einer Radfahrerin, die eine Straße entlangfährt. Plötzlich stürzt sie. Nun wechselt das Bild im Film, ich sehe das erschrockene Gesicht eines Mannes, der an einem Straßenrand steht. Automatisch nehme ich an, dass der Mann auf den Sturz der Radfahrerin reagiert. Er steht wohl an derselben Straße und hat den Sturz beobachtet. Diese Verbindung ziehe ich blitzschnell und ohne es zu merken, obwohl der Mann auch aus einem ganz anderen Grund erschrocken sein könnte. Allein dadurch, dass eine Sequenz unmittelbar auf die andere folgt und in einem ähnlichen Umfeld zu spielen scheint, verbinde ich beide Szenen zu einem Geschehen.

Für Eisenstein ist diese Möglichkeit, durch Film Verbindungen und Zusammenhänge herzustellen, revolutionär. Im jungen sowjetischen Russland möchte er sie auch revolutionär nutzen. Durch Montage unterschiedlicher Bilder sollen neue Bedeutungen entstehen und das Publikum aus einem veralteten, bürgerlichen Verständnis von Kunst und der Welt befreit werden.

Wie das konkret aussieht, demonstriert Eisenstein in seinem besagten Frühwerk Streik. Als Soldaten beginnen, den Streik gewaltsam aufzulösen und in die demonstrierende Menge schießen, schneidet Eisenstein diese Bilder mit Filmsequenzen aus einem Schlachthaus gegen. Auf Bilder der schießenden Soldaten und der fliehenden Arbeiter folgen immer wieder Bilder einer Kuh, die brutal geschlachtet wird. Die eindeutige und wenig subtile Botschaft: Hier werden Menschen abgeschlachtet wie Vieh.

An anderer Stelle schneidet der Regisseur abwechselnd Bilder eines Fabrikbesitzers, der eine Zitrone ausdrückt, mit Bildern von bedrängten Arbeitern zusammen. Auch hier ist die Botschaft eindeutig. Für meinen Geschmack zu eindeutig. Denn während ich Eisenstein und seine Filme und Schriften unglaublich schätze, so finde ich diese frühe Anwendung seiner Montagetechnik doch zu plump und vor allem zu dogmatisch. Soll heißen: Mit diesen Schnitten in Streik lässt Eisenstein keinerlei Platz für eigene Gedanken oder Interpretationen. Vielmehr wird die eine, richtige Interpretation vorgegeben und ohne jeglichen Zweifel gelassen.

Ganz ähnlich verhält es sich ja mit dem modernen Dogmatismus, wie wir gesehen haben. Er verleugnet die um sich greifende Unsicherheit einfach oder schiebt sie beiseite, indem er sich an feststehende und scheinbar ewig gültige Werte klammert und eindeutige Antworten gibt, die nicht in Zweifel gezogen werden dürfen.

Eisensteins Frühwerk Streik ist in diesem Sinne dogmatisch. Die Bilder von der geschlachteten Kuh und der ausgepressten Zitrone sind eindeutig und lassen nur eine einzige Interpretation zu. Dabei würden wohl auch ohne diese Holzhammermotive die meisten Zuschauer zu dem Schluss kommen, dass den Arbeitern hier großes Unrecht geschieht und das Erschießen wehrloser Demonstrant:innen ein furchtbares Verbrechen ist.

Zur Ehrenrettung von Eisenstein sei abschließend erwähnt, dass er keineswegs ein eingefleischter Stalinist war. In seinen späteren Werken hat er zu einem wesentlich ausgewogeneren Einsatz der Montage gefunden und seine späteren Filme werden nicht umsonst noch immer als Meisterwerke gefeiert. Doch dieses frühe Beispiel erhellt die Schlüsseltechnik des Dogmatismus: das Erzeugen einfacher Bilder und Zusammenhänge, die sich automatisch einprägen und unhinterfragt bleiben – eben als Dogmen.

Leider endet die Leseprobe an dieser Stelle. Das Buch »Krieg der Medien« bietet den Rest des Kapitels und vieles mehr.

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