Leseprobe »Zu viel Gefühl«: Zu Beginn: Eine Einfühlung

Gefühle und wie wir damit umgehen können – das ist in den letzten Jahrzehnten ein immer größeres Thema. Das zeigt sich im Alltag in vielen Bereichen, egal ob im Beruf oder in Beziehungen bis hin zur Kindererziehung. Oftmals scheinen die Emotionen, die jemand zu etwas Bestimmtem hat, das Allerwichtigste zu sein – und damit rückt die Auseinandersetzung mit der ursprünglichen Sache in den Hintergrund. Wenn Menschen mir beispielsweise von ihren Herausforderungen im Job erzählen, dreht sich das Gespräch oft schnell darum, wie sie mit ihren unangenehmen Gefühlen umgehen sollen, die eine kritische Rückmeldung ausgelöst hat. Sie fragen sich und mich also, was sie mit ihrem Frust oder ihrer Unsicherheit tun könnten. Viel seltener geht es darum, die Kritik sachlich zu betrachten und zu überlegen, ob daraus zu lernen sei. Anscheinend ist in unserer Gesellschaft mittlerweile der Glaube verbreitet, dass man stets dafür sorgen müsse, ein emotional perfektes Umfeld zu haben, um sich wohlfühlen, entfalten und langfristig psychisch stabil bleiben zu können.
Diese Tendenz manifestiert sich auch auf dem Buchmarkt. Es erscheinen zum Beispiel immer mehr Bücher dazu, wie man optimal für die eigenen Gefühle sorgen kann – auf den Bestsellerlisten tummeln sich Titel zum Umgang mit Gefühlen, zur emotionalen Intelligenz, zur Heilung des inneren Kindes und zur Achtsamkeit. An einigen Schulen etabliert sich mittlerweile Psychologie als Unterrichtsfach und in Kindergärten lernen Kinder, ihre Gefühle zu identifizieren und explizit darüber zu sprechen. In Elterntrainings kann gelernt werden, wie man die Kinder richtig emotional validiert und co-reguliert.
In Appstores, auf Social-Media-Plattformen, überall finden sich massenhaft Inhalte zur Analyse und Verbesserung des eigenen Gefühlslebens. Kampagnen zur Awareness gegenüber Mental-Health- Themen werden über diese Kanäle verbreitet. Dabei wird, um Nutzer zu schützen, regelmäßig gewarnt vor Triggern und belastenden Inhalten. Die Nummer der Telefonseelsorge wird überall höchstfürsorglich angehängt, damit man sich im Zweifel dort Unterstützung holen kann.
Kein Arbeitgeber kommt heute mehr darum herum, sich Gedanken darüber zu machen, was er für die Resilienz, das Workplace-Wellbeing, die emotionale Stabilität oder die Work-Life-Balance seiner Mitarbeiter einerseits und die emotionale Intelligenz seiner Führungskräfte andererseits tut. Gesetzlich wird das dadurch gestützt, dass im Bereich der Arbeitsmedizin mittlerweile für Arbeitsplätze auch eine psychologische Gefährdungsbeurteilung gefordert ist.
Auch in der Gesundheitsversorgung nehmen die emotionalen Themen, insbesondere Psychotherapie und die psychologische Betreuung von Patienten mit chronischen Erkrankungen, einen immer größeren Stellenwert ein. Die entsprechenden Angebote werden erweitert, immer mehr Patienten nehmen diese wahr und die Krankenkassen erstatten hohe Summen dafür. Der Markt der Seminare und Coachingangebote boomt ebenso: Es gibt eine unübersehbare Zahl von Möglichkeiten zum Erlernen von psychologischen Strategien – nicht nur für »Endkunden«, also die Klienten oder Konsumenten solcher Angebote, sondern auch zur Ausbildung von Menschen, die dann selbst als Coach o. Ä. arbeiten wollen.
Wenn man sich ansieht, was in all diesen Bereichen passiert, dann geht es vor allem darum, dass man die eigenen Gefühle genau beobachten, analysieren, verstehen und die dahinter liegenden Bedürfnisse erfüllen solle. Dazu gehört neben einer achtsamen Wahrnehmung der eigenen Gefühle und Bedürfnisse zum Beispiel, sich mit den Traumata der eigenen Kindheit zu beschäftigen und herauszufinden, welche Situationen oder Reize eventuell Trigger dafür darstellen könnten, dass diese Traumata reaktiviert werden. Auch der emotionale Impact von alltäglichen »Mikrotraumata« wird berücksichtigt, um das chronische Stresslevel auf einem möglichst geringen Niveau zu halten. Es wird betont, wie wichtig Selfcare sei, um das körperliche, emotionale und mentale Wohlbefinden zu fördern. Und um nur ja niemanden aus dem Blick zu verlieren und auch Sondersituationen zu berücksichtigen, stellen wir auch in Rechnung, dass Menschen hypersensibel sein können und besonders intensiv auf Reize reagieren.
Im Kontext von interpersonellen Themen wird analysiert, welche Menschen toxisch für uns sind, weil sie uns schlechte Gefühle verursachen. Mit Konzepten wie People Pleasing wird ein Fokus auch darauf gerichtet, wie sehr man die Bedürfnisse von anderen Menschen vor die eigenen stellt und eventuell deshalb negative Gefühle erlebt. Wir lernen, wie wir Narzissten erkennen können und welche Auswirkungen solche Muster wie Gaslighting oder Love Bombing für uns haben können. Ein großes Thema ist dann entsprechend, wie man sich abgrenzen kann von solchen Menschen oder sich aus Beziehungen löst, die einem nicht guttun.
Sehr auffällig ist für mich, dass es dabei vorrangig um negative Gefühle geht, wie Stress, Ängste oder Alleinsein. Die Kinder im Kindergarten sollen wahrnehmen lernen, wann ihnen jemand zu nahe kommt – sie sollen also auf jeden Fall spüren, was sie nicht wollen und was ihnen schlechte Gefühle verursacht. Um einen toxischen Beziehungspartner zu identifizieren, muss ich spüren, wenn mir eine Beziehung nicht guttut. Dass sich Traumatrigger und Mikrotraumata nicht gut anfühlen, ist klar. Im Umgang mit diesen Themen wird viel »Abgrenzung« und Vermeidung vorgeschlagen. Ich soll mich von schädigenden Beziehungen fernhalten oder anderen Menschen sagen, was mir nicht guttut. Alltägliche Belastungen (»Mikrotraumata«) sollen reduziert oder möglichst eliminiert werden. Anstrengenden Lebenssituationen mit vielen Aufgaben soll dadurch begegnet werden, dass man sich von möglichst vielen der Aufgaben »abgrenzt«.
Was soll damit erreicht werden? Wir wollen ein Leben aufbauen, das so authentisch und an den eigenen Bedürfnissen orientiert ist, dass wir langfristig psychisch gesund bleiben und auch unseren Kindern dafür eine gute Basis mit auf den Weg geben. Ziele sind emotionale Heilung, persönliches Wachstum und bessere mentale Gesundheit. Wir wollen es besser machen als die Kriegsgeneration, von der die Pobacken zusammengekniffen wurden, die Bedürfnisse von Einzelnen völlig ignoriert und Konflikte totgeschwiegen wurden. Wie diese vom Krieg traumatisierte und vom Wiederaufbau erschöpfte Generation mutmaßlich viel gelitten und Burnouts und Depressionen unausgesprochen mit ins Grab genommen hat, das wollen wir nicht wiederholen. Kampagnen zur Erkennung von Depressionen und anderen psychischen Störungen sollen dabei helfen, nicht nur sich selbst im Blick zu haben, sondern auch die anderen. Dann ist im Falle solcher Probleme die Schwelle niedrig, Hilfe in Anspruch zu nehmen, um sich besser fühlen und kompetenter mit den Anforderungen des Lebens umgehen zu können.
Sicherlich gibt es auch einen Zusammenhang zur allgemeinen Selbstoptimierung, von der unsere Gesellschaft erfasst ist. Nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch die Lebensführung und der emotionale Zustand können und sollen verbessert werden. Wenn man die eigenen wunden Punkte kennt und berücksichtigt, sollte es einem doch besser gehen! Bin ich dann immer noch nicht glücklich, muss ich mich noch mehr um meine Gefühle kümmern und noch genauer herausfinden, warum ich gerade dieses Unbehagen habe …
Allerdings: Nach geschätzt etwa 20 bis 30 Jahren dieser Entwicklung sieht es nicht so aus, als würden wir diese Ziele erreichen. Wir fühlen uns mehrheitlich nicht besser – im Gegenteil! Berichte über zunehmende Einsamkeit, Ängste und Sorgen fluten die Medien. Besonders die Jugend scheint immer mehr zu leiden – obwohl doch gerade diese Generation so viele Gelegenheiten bekommt, sich mit ihren Gefühlen auseinanderzusetzen.
Wir sehen immer mehr psychische Erkrankungen und Menschen, die Bedarf an Psychotherapie anmelden. Beispielhaft stehen dafür die Zahlen für die Diagnose Depression – sie stieg von 12,5 Prozent aller gesetzlich Versicherten in Deutschland in 2009 auf 15,7 Prozent im Jahr 2017 (Steffen et al., 2019) – das ist also eine Zunahme von 26 Prozent alleine in diesen acht Jahren. Aber auch Angststörungen werden immer häufiger diagnostiziert – in 2012 noch bei 5,8 Prozent aller gesetzlich Versicherten, in 2023 mit 7,9 Prozent etwa ein Viertel mehr (Robert Koch-Institut, 2024).
Und, was ich besonders dramatisch finde, weil es allmählich die Funktionsfähigkeit unserer Gesellschaft ernsthaft einschränkt: Die Arbeitsunfähigkeitszeiten aufgrund psychischer Störungen steigen und steigen … Die Anzahl der Krankheitstage aufgrund psychischer Erkrankungen kennt seit gut 20 Jahren nur eine Richtung: nach oben. Zwischen 2002 und 2022 verdoppelte sie sich von 61 Millionen auf 132 Millionen Krankheitstage pro Jahr. Und alle Statistiken zeigen einen weiter steigenden Trend. Arbeitnehmervertreter rufen deshalb mittlerweile eine ernsthafte Wertschöpfungskrise aus. Und ganz offensichtlich führt das zunehmende Angebot von Psychotherapie ja nicht dazu, dass es besser wird, sondern im Gegenteil immer schlechter. Warum das meiner Meinung nach so ist, werde ich in diesem Buch verdeutlichen – und auch Auswege daraus zeigen.
Zunächst lässt sich also konstatieren: Irgendetwas läuft falsch. Der Weg, den wir gehen, scheint so nicht zu funktionieren. Gleichzeitig kann der Drill der 1950er-Jahre doch nicht besser gewesen sein, oder? Was ist also das Problem? Warum haben uns unsere negativen Gefühle scheinbar immer mehr im Griff, anstatt dass wir sie endlich loswerden?
Als Psychotherapeutin habe ich in den letzten 25 Jahren viele Trends mitbekommen. Teilweise hatte ich auch das Glück, sie mitzugestalten, etwa das Thema »Selbstwertsteigerung und Selbstfürsorge « (Potreck-Rose & Jacob, 2003) oder auch die Verbreitung der Schematherapie (Jacob & Arntz, 2011), in der es viel um die Arbeit mit verborgenen Gefühlen und dem »inneren Kind« geht. Das waren vor zehn bis 20 Jahren noch wichtige, teilweise neue Themen. Sie haben aber überhandgenommen.
Heute beschäftigen wir uns viel zu sehr damit, wann und warum es uns schlecht geht. Das zeigt auch die Studienlage, sofern es dazu Studien gibt, was etwa der Fall ist bei der Wirkung von Kampagnen zur Depressions-Awareness. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Zahl der Suizide verringert, und das ist zweifelsohne eine riesige Errungenschaft dieser Bemühungen. Aber gleichzeitig zeigen groß angelegte Studien, dass sich durch Kampagnen zur Aufklärung über Depressionen das Auftreten dieser Störung massiv erhöht. Für viele scheint es gesünder und ein besserer Schutz zu sein, darüber gar nicht so viel zu wissen und sich nicht groß damit auseinanderzusetzen. Eine Fokussierung auf ihre negativen Gefühle und mögliche depressive Symptome verstärkt sonst offenbar ihr Leiden (Goldney et al., 2010).
Doch was sollen wir also tun mit unseren und für unsere Gefühle? Denn sie einfach zu ignorieren, als wäre nichts gewesen, das hält wohl keiner für den richtigen Weg. Genau um diese Frage geht es deshalb in diesem Buch.
Ich möchte dafür zunächst darauf eingehen, wie der Fokus auf negative Gefühle vielleicht eine Realität erschafft, die nur eine Seite der Medaille ist – und andere, sehr wichtige Facetten völlig ausblendet. Vielleicht geht es uns allen gar nicht so schlecht, wie wir häufig denken, oder zumindest ist das nicht die einzige mögliche Sichtweise.
Im ersten Teil des Buches möchte ich dann genauer beleuchten, was Gefühle eigentlich sind und welche Bedeutung sie in unserem Leben haben: Was sagt die Wissenschaft dazu? Es wird deutlich, dass es recht verschiedene Perspektiven auf Gefühle gibt und insbesondere, dass Emotionen durch ganz unterschiedliche Mechanismen entstehen und sich verändern. Außerdem wird es darum gehen, warum es uns viel leichter fällt, uns schlecht zu fühlen als gut, und wie es kommt, dass negative Emotionen sich so leicht verbreiten und uns in den Griff bekommen können.
Ich verwende die Begriffe Gefühl und Emotion übrigens synonym. Mich überzeugt die hierbei manchmal vorgenommene Unterscheidung nicht – warum, wird in Teil 1 unter wissenschaftlichem Blick spätestens ab dem Unterkapitel Konstruktivistische Ansätze klar.
Natürlich muss das wichtigste Ziel dieses Buches sein zu untersuchen, wie wir besser mit unseren Emotionen zurechtkommen können. Dazu müssen wir verstehen, worauf unsere Gefühle uns verweisen (siehe Teil 2 ) – dann können wir sie einordnen und entsprechend angemessen mit ihnen umgehen. Was können wir tun, um das Ruder unserer Gefühle selbst in die Hand zu nehmen? Und welche Wege führen uns wirklich dahin, dass wir uns emotional ausgeglichen und mental gesund fühlen? Darum geht es dann im dritten Teil.
Da Gefühle von verschiedenen Faktoren beeinflusst werden, gibt es auch verschiedene Mechanismen, um sie selbst stärker zu steuern. Und es wird auch darum gehen, dass es manchmal Konflikte oder Schwierigkeiten gibt, die es durchzustehen gilt – und wie das vielleicht etwas leichter ist. Oder dass man manchmal lernen muss, schwierige Entscheidungen zu treffen oder mit Widersprüchen zu leben.
Ich behaupte also nicht, dass ich dir den einen simplen Trick anbieten kann, den du nur beherzigen musst, und alles wird gut. Vielmehr geht es mir darum, dass du Gefühle in ihrer Breite verstehst und zu steuern lernst. Vielleicht entdeckst du dann an der ein oder anderen Stelle, dass du dich mit bestimmten Ideen genauer auseinandersetzen möchtest – dann freue ich mich, dass ich dir Anregung geben konnte, auch noch in andere Bücher oder Quellen hineinzulesen.
Mir ist es wichtig, noch einmal zu betonen: Es geht hier nicht um psychische Erkrankungen. Wenn man so depressiv ist, dass man es nicht mehr schafft, die Spülmaschine einzuräumen, oder dauernd an Suizid denkt, dann muss man dringend Hilfe in Anspruch nehmen und vielleicht sogar eine Weile in einer Klinik geschützt werden. Es geht hier um die normalen Gefühle, die sich manchmal wirklich mies anfühlen und bei denen man sich dann vielleicht auch fragt, ob das jetzt schon eine Depression sein könnte – mit denen man aber prinzipiell noch gut in der Lage ist, das eigene Leben zu leben.
Weg vom Fokus auf Negatives
Ich habe bereits die These in den Raum gestellt, dass wir uns immer mehr und häufig viel zu viel um unsere negativen Emotionen drehen. Das trägt mit dazu bei, dass wir uns von diesen immer stärker gelenkt und überwältigt fühlen. Auch schon in meinem letzten Buch Leben geht nur vorwärts (Jacob, 2024) ging es darum, dass wir uns manchmal zu sehr der Innenschau unserer negativen Empfindungen widmen, zu oft auch im Rahmen einer Psychotherapie. In Zu viel Gefühl möchte ich nun allgemeiner emotionale Mechanismen thematisieren – um deren negative Tendenzen umwenden zu können. Dann gelingt es uns, vermehrt Freude zu fühlen und das zu leben, was wir auch erleben wollen.
Schauen wir also genauer hin, wie und wieso es dazu kommt, dass häufig der Versuch, die unangenehmen Emotionen zu »bearbeiten «, die Perspektive dahingehend beeinflusst, dass sich die negativen Gefühle noch weiter vertiefen – und so am Schluss das Gegenteil des Erwünschten erreicht wird.
Teilweise war ich vom Ausmaß, in dem wir auf negative Gefühle fokussieren, beim Schreiben dieses Buches selbst noch einmal überrascht. Medien berichten ja zum Beispiel immer wieder, wie viel ängstlicher, einsamer oder gestresster wir uns fühlen. Dazu werden dann alle möglichen Umfragen herangezogen, die das angeblich belegen. Beim Prüfen solcher Umfragen fiel mir überraschenderweise auf, dass diese den Schluss, dass wir uns alle immer schlechter fühlen, oft eigentlich gar nicht zulassen. Es scheint eher fast so zu sein, dass negative Emotionen Konjunktur haben: Obwohl es vielleicht gar nicht immer so schlimm ist, werden solche katastrophisierenden Nachrichten gebracht, einfach, weil sie viele Klicks bringen.
So höre und lese ich zum Beispiel immer wieder Meldungen darüber, dass es Schülerinnen und Schülern angeblich immer schlechter geht. In dieser Weise medial aufgebauscht wurde aktuell unter anderem etwa der DAK Präventionsradar (DAK Gesundheit, 2024), in dem regelmäßig Schüler zu ihrem Befinden befragt werden. Wenn man sich jedoch die Reports über die letzten zehn Jahre genauer ansieht, verändert sich da nicht viel. Und auch im letzten Report berichten weniger als 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler von psychischen Problemen. Kein großer Unterschied zu den Jahren vorher!
Ähnlich machte kürzlich eine Umfrage Pressekarriere, nach der »die Deutschen immer mehr Angst vor Erkrankungen haben« (forsa, 2024). Auch das ist eine jährliche Umfrage, die es schon lange gibt. Ich wollte dann Näheres wissen und stellte erstaunt fest, dass die Angst vor fast allen Erkrankungen über die letzten Jahre im Schnitt gleich geblieben ist! Die einzige Ausnahme bildete interessanterweise die vor psychischen Erkrankungen, die mit 36 Prozent 2024 ihren Höchstwert hatte und damit etwa vier Prozent über dem Schnitt der vergangenen Jahre lag. Das ist keine massive Steigerung, aber könnte natürlich dennoch einer der Gründe dafür sein, dass immer häufiger Depressions- und Angstdiagnosen vergeben werden. Denn wer Sorge vor etwas hat, geht vielleicht auch eher zum Arzt oder Psychotherapeuten und muss, um dort behandelt zu werden, so eine Diagnose gestellt bekommen. In der Folge wird er oder sie sich sicher noch vulnerabler erleben und dadurch eine Verstärkung der eigenen negativen Emotionalität erleben müssen.
Diese Übertreibung unserer angeblich so miesen emotionalen Grundstimmung ist ungeheuer schädlich. Denn je mehr wir glauben, dass es allen schlecht geht, desto mehr Unterstützung scheint nötig. Das kostet uns einerseits viel Geld. Schwieriger aber finde ich, dass es suggeriert, dass wir dringend therapiebedürftig seien und im Leben nicht allein zurechtkommen könnten. Dann bekommen wir Angst vor der Überforderung, uns dem Leben selbst stellen zu müssen. Und das vermehrt ja wieder die negativen Gefühle, die wir eigentlich von Anfang an schon überwinden wollten.
Damit möchte ich nicht sagen, dass die ganze Unterstützung, die Psychotherapeuten, Psychiater, Beratungsstellen etc. bieten, nicht nötig sei – ganz im Gegenteil! Diese Menschen machen teilweise großartige Arbeit und verhelfen vielen Menschen zu mehr Gesundheit und einer besseren Lebensqualität. Wir sollten ihre Dienste aber für jene aufheben, die sie wirklich benötigen, etwa weil sie tatsächlich unter schweren psychischen Erkrankungen leiden oder schwere Traumata erfahren haben. Die vielen anderen, denen es zum Glück nicht so schlecht geht, sollten wir ermutigen und unterstützen, ihre negativen Gefühle selbst in den Griff zu bekommen, anstatt sie in eine Behandlung zu tragen, die womöglich mehr schadet als hilft. Wenn wir allerdings die ganze Zeit darüber diskutieren, wie schlimm alles geworden ist und wie sehr wir alle gefühlsmäßig leiden, dann hat diese Ermutigung ja gar keinen Raum mehr.
Auch andere gesellschaftliche Debatten, die oft unter dem Begriff der Identitätspolitik subsummiert werden (z. B. Mounk, 2024), fördern meines Erachtens diesen ungünstigen Fokus auf negatives Erleben. Hier geht es darum, die Erfahrungen marginalisierter Gruppen (etwa Migranten oder queere Personen) wertzuschätzen und Maßnahmen zu ergreifen, um sie zu überwinden. Dieser Ansatz, der hohes moralisches Ansehen genießt, hat zumindest in der aktuellen Diskurspraxis den großen Nachteil, dass er sehr einseitig auf negative Erfahrungen fokussiert. Es geht nahezu ausschließlich darum, welches Leid die marginalisierten Gruppen erfahren (haben) und wie wenig die nicht marginalisierten Gruppen (vor allem alte weiße Männer) überhaupt in der Lage sind, das nachzuvollziehen.
Das Konzept der Mikroaggression etwa hat hier Konjunktur. Als Mikroaggression werden Bemerkungen bezeichnet, die im weitesten Sinne als antifeministisch, rassistisch oder in anderer Weise gegen Minderheiten gerichtet empfunden werden können. So wurde mir kürzlich vorgeworfen, mich mikroaggressiv antifeministisch geäußert zu haben, als ich sagte, dass ich es ganz toll fände, dass ein zehnjähriges Mädchen sich auf die Wakeboard-Anlage traue. Denn schließlich würde ich damit implizit ausdrücken, dass ich das Mädchen oder Frauen eigentlich nicht zutraue … Es ist also permanente Awareness dafür gefordert, nur ja nichts zu sagen, das – wenn auch um zwei Ecken gedacht – einen anderen verletzen könnte. Das führt aber im Lichte unserer Lern- und Erwartungsmodelle natürlich zur Wahrnehmung solcher Mikroaggressionen. Mit vielen Themen erscheint ein entspannter und konstruktiver Umgang so gar nicht mehr möglich.
Solche Entwicklungen lassen sich auch aus anderen Perspektiven beobachten. In ihrem Buch über die »vulnerable Gesellschaft« (Rostalski, 2024) beschreibt die Juristin Frauke Rostalski, wie wir einen immer stärkeren Fokus auf die Verletzbarkeit und die Schutzbedürftigkeit von Menschen haben, der beispielsweise dazu führt, dass immer kleinere Vergehen strafrechtlich relevant werden. Zum Beispiel wird mit dem 2021 neu eingeführten Straftatbestand der verhetzenden Beleidigung aus einer einfachen Beleidigung (z. B. »du Idiot!«) eine weitaus schwerere Straftat, wenn eine Person nicht nur individuell, sondern in ihrer Eigenschaft als Angehöriger einer vulnerablen Gruppe (z. B. »du schwuler Idiot«) beleidigt wird. Dafür mag man spontan Sympathie entwickeln – das tue ich übrigens auch. Allerdings suggeriert es, dass die Gesellschaft diskriminierte Gruppen besonders schützen müsse und nimmt ihnen damit auch etwas von ihrer Freiheit, sich selbst zu behaupten.
Einen besonderen Fokus legt Rostalski dabei auf die »Diskursvulnerabilität «. Das bedeutet, dass auch in Diskussionen dauernd die Frage gestellt wird, wen eine bestimmte Position jetzt verletzen könnte und inwieweit sie deshalb überhaupt noch geäußert werden darf. Das erschwert und erhitzt diese Debatten gleichermaßen zusätzlich. Zumal fast jeder sich irgendwie einer marginalisierten Minderheit zurechnen kann, außer den alten weißen heterosexuellen Männern – die allein dadurch ja auch zur diskriminierten Minderheit werden …
Versteh mich dabei bitte nicht falsch: Natürlich sind die Rechte von Minderheiten wichtig. Dieser Fokus verengt die Sichtweise aber teilweise in eine Richtung, in der sich irgendwann alle nur noch schlecht, betroffen, vulnerabel fühlen und jedes Wort auf die Goldwaage legen. Dann wagt man kaum mehr, im Umgang mit anderen seine Meinung nach bestem Wissen und Gewissen zu äußern und sich so in die Diskussion einzubringen, auf dass alle weiterdenken können.
Soziale Medien haben wir schon kurz angesprochen. Sie sind ein weiterer gesellschaftlicher Faktor, der vermutlich auch eine Rolle für die übermäßige Entstehung von und Beschäftigung mit negativen Gefühlen spielt, insbesondere Instagram oder TikTok. Denn zum einen sind hier massiv viele Inhalte zu Mental-Health-Themen vertreten. Gerade zu Modethemen wie ADHS oder Autismus (oder neuerdings: AuDHS) findet sich eine Flut an Beiträgen, die dazu einlädt, sich den Betroffenengruppen unbedingt anzuschließen. Je mehr man sich damit auseinandersetzt und beschäftigt, ob man etwa ADHS haben könnte, desto mehr erlebt man die vermeintliche Symptomatik an sich auch – zumal aus solchen Foren oft völlig irrelevante Kleinigkeiten als Hinweis auf psychische Erkrankungen verbreitet werden.
Dadurch beanspruchen immer mehr Menschen für sich, psychisch gestört oder bedürftig zu sein. Dies ist ein großes Ärgernis für wirklich ernsthaft Betroffene. Sie fühlen sich nicht mehr ernst genommen, wenn gefühlt fast jeder solche Störungen bei sich selbst diagnostiziert. Man denke nur an die Hochkonjunktur des Trauma- und Triggerbegriffs, über den wir noch sprechen müssen. Menschen mit echten Traumatisierungen wie Vergewaltigungen oder Kriegserfahrungen werden in ihren Erfahrungen absolut entwertet, wenn viel geringere Belastungen ebenfalls als Traumata bezeichnet werden.
Social-Media-Inhalte können aber auch noch auf anderem Wege dazu führen, dass wir uns schlecht fühlen: weil sie uns suggerieren, alle anderen hätten ein perfektes Leben, sähen top aus und würden dauernd unter Palmen am Strand leckere Drinks schlürfen und mit ihren Freunden oder ihrer Familie um die Wette strahlen. Bei diesen Vergleichen kann man sich nur wie eine Versagerin fühlen und unrealistische Vorstellungen an das eigene Leben und Aussehen entwickeln. Mittlerweile zeigt beispielsweise eine Vielzahl von Studien, dass intensiver Social-Media-Konsum bei jungen Leuten die Gefahr für Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und das Risiko für Essstörungen und andere Schwierigkeiten mit der psychischen Gesundheit vergrößert (Dane & Bhatia, 2023).
In der COVID-Pandemie verschärften sich diese Phänomene, da sich durch den erzwungenen Rückzug und die fehlenden echten Sozialkontakte auch der Social-Media-Konsum erhöhte – dessen schädliche Wirkungen waren aber auch schon davor beobachtet worden.
Leider endet die Leseprobe an dieser Stelle. Das Buch »Zu viel Gefühl« bietet den Rest des Kapitels und vieles mehr.
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