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Wissenschaft, Erfahrungswissen, Pseudowissenschaft: Was ist Wissenschaft?

Wenn wir über Gesundheit sprechen und damit über Medizin, dann müssen wir einige Begriffe klären, die damit im Zusammenhang stehen. Wenn Sie nun gleich das Wort »Wissenschaft« lesen, mögen Sie denken, »Oh, das Buch fängt aber öde an«. Ich möchte Sie ermutigen, einen zweiten Blick zu riskieren und den ersten Schritt zu einer spannenden Reise zu tun – von den Anfängen der Medizin bis heute.
Arztbesuch

In unzähligen Diskussionen habe ich erlebt, wie immer wieder die gleichen Missverständnisse und falschen Begriffsdefinitionen über »die Wissenschaft« auftauchen. »Wissenschaft ist doch auch nur eine Religion/ein Weltbild«, habe ich zum Beispiel oft gehört. Mit der Aussage ist wohl gemeint, dass es sich bei der Wissenschaft um ein ähnlich theoretisches Denk- und Glaubensgebäude handeln soll wie bei einer Religion oder Weltanschauung, dass es nicht um etwas wirklich Reales geht und dass man daran glauben kann (Skeptiker, Wissenschaftler) oder auch nicht (alle anderen Menschen). Andere typische Aussagen sind »Wissenschaft ist die verbohrteste Form der Behauptung« oder »Wissenschaft weiß auch nicht alles«, »Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde …!«.

Das zeugt von einem grundsätzlichen Missverstehen dessen, was Wissenschaft wirklich ist. Ganz einfach könnte man nämlich sagen, dass Wissenschaft schon immer eine Methode war, um überprüfbares Wissen zu schaffen. Eine Methode. Kein festgelegtes System, das auf Dogmen, Glaubenswahrheiten oder letzten Gewissheiten beharrt.

Mit »Methode« ist hier ein systematisiertes Verfahren zur Gewinnung von Erkenntnissen gemeint. Mit einer Methode versucht man systematisch herauszufinden, wie etwas funktioniert oder wie etwas ist. »Systematisch« bedeutet, dass man sich vor allem überlegt, wie man zu allgemeingültigen Schlüssen kommt und Faktoren ausschließt, die das verhindern könnten. Man stellt eine Behauptung auf. Wissenschaftlich gesagt nennt sich das eine »Hypothese«. Im zweiten Schritt prüft man, welche Argumente und Belege es für und welche es gegen die Richtigkeit dieser Hypothese gibt. Man diskutiert die Hypothese mit anderen Wissenschaftlern oder in einer wissenschaftlichen Arbeit. Durch diese Diskussion entsteht im besten Fall eine neue Theorie, die auf Erkenntnissen basiert, die mit der beschriebenen Methode nachprüfbar sind. Anders als ein Glaube repräsentiert der Stand der Wissenschaft allgemein anerkannte, überprüfbare Erkenntnisse.

Wichtig zu wissen ist: In den Wissenschaften von der Natur gibt es keine hundertprozentigen Beweise, sondern immer nur eine Reihe von Belegen für eine Hypothese. Irgendwann ist eine Hypothese so schlüssig und mit derart vielen Experimenten belegt, dass sie zum verlässlichen Fundament wird. Sie wird Teil einer Theorie. So gilt beispielsweise die Evolutionstheorie als eine der am besten belegten wissenschaftlichen Erkenntnisse überhaupt. Theorie ist das Maximum, was es in der Naturwissenschaft gibt. Niemand spricht hier von »Wahrheit«, »Beweis« oder »absolutem Wissen« – wenn Sie so etwas lesen, sollten Sie misstrauisch werden.

Immer besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass sich eine solche Theorie irgendwann als falsch erweist, weil neue Erkenntnisse hinzukommen und einzelne Irrtümer aufgedeckt werden. Hier gilt es zu unterscheiden, dass es durchaus sehr sicheres Wissen gibt (»Es gibt keine Einhörner mit magischen Fähigkeiten«) und relativ sicheres Wissen (»Ein Pferd mit einem Horn als biologischer Anomalie wäre sehr unwahrscheinlich, aber möglich«). Durch genau diese Unterscheidung gelingt es der Wissenschaft, sich immer weiter zu entwickeln. Es gilt: Eine Theorie ist nur so lange richtig im Sinne von »stellt den aktuellen Stand der Erkenntnis dar«, wie es keine Experimente und keine Studien gibt, die im Widerspruch dazu stehen.

Wir folgen hier einem Wissenschaftsbegriff, dessen Grundlagen nicht erst gestern gelegt wurden. Bereits Aristoteles (384–322 v. u. Z.) gab sich nicht mit rein empirischem Wissen zufrieden, sondern verlangte Ursachen und darauf aufbauende Kausalität. Dies ist eine in seiner »Metaphysik« immer wiederkehrende Denkfigur. So schreibt er:

Die höchste Wissenschaft jedoch ist die, welche den Zweck erkennt, weshalb jedes zu tun ist; dies ist aber das Gute für jedes Einzelne und im Ganzen das Beste in der gesamten Natur.(Aristoteles 1837, Metaphysik I 2, 982 b 6–10)

Dies entwickelt er in seiner Ursachenlehre (Met I, 4–10) weiter. Im Unterschied zu ungeordnetem (Erfahrungs-) Wissen achtet Wissenschaft nicht nur auf das Dass, sondern auch auf das Warum, also auf die Ursachen der Dinge.

Ist das mit Blick auf unser Thema nicht höchst bemerkenswert? Immanuel Kant definiert aus der Sicht des Erkenntnisphilosophen mit noch größerer Schärfe in seiner Vorrede zu den Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft:

Eine jede Lehre, wenn sie ein System, d. i. ein nach Principien geordnetes Ganze der Erkenntnis, seyn soll, heißt Wissenschaft; …

Und weiter:

… Erkenntnis, die blos empirische Gewißheit enthalten kann, ist ein nur uneigentlich so genanntes Wissen. (Kant 1786)

Das sind deshalb spannende Sätze, weil sie klarmachen, dass es in der Wissenschaft vor allem um Erkenntnis geht, um die Erkenntnis von Ursachen, nicht einfach nur um eine Anhäufung von Fakten und einzelnen Beobachtungen (»bloße Empirie«). Eine Erkenntnis ist eine nachweislich begründbare Aussage. Weiterhin steht damit fest, dass es nicht mit einzelnen Aussagen getan ist, so gut begründet sie auch erscheinen mögen, sondern dass diese Aussagen miteinander ein logisches System bilden müssen (das wird z. B. bei unserer Betrachtung der Alternativmedizin wichtig werden). Von diesem logischen System wird erwartet, dass es sowohl in sich stimmig ist (innere Konsistenz) als auch nicht im Widerspruch zu unwiderlegten wissenschaftlich begründeten Theorien außerhalb seiner eigenen Grenzen steht (äußere Konsistenz).

Wissenschaft wird also verstanden als das Resultat eines methodischen Verfahrens, das zu einem Zusammenhang von Aussagen untereinander führt. Ein drittes Element der Definition besteht darin, dass dieses System eine Struktur haben muss. Das Ganze muss also in sich logisch bleiben. Wissenschaft hat, dementsprechend richtig betrachtet, weder etwas mit Meinungen noch mit Ideologien zu tun (sie ist auch selbst keine), und sie versteht sich auch nicht auf das »In-SteinMeißeln« von Ideen. Eine ihrer wichtigsten Eigenschaften ist, dass sie sich immer weiter entwickelt – und wir Menschen mit ihr.

Wissenschaft denkt in Wahrscheinlichkeiten, sucht Regelmäßigkeiten und Zusammenhänge. Wissenschaft ist das beste Instrument, über das wir Menschen verfügen, um der Wirklichkeit nahezukommen. Auf ihren Erkenntnissen beruht der ständige Fortschritt zu Neuem und Besserem hin. Wissenschaft verwirft immerfort Annahmen, die als falsch oder unvollständig erkannt werden, und setzt Besseres und Vollständigeres an deren Stelle. Wir alle profitieren davon, in vieler Hinsicht, jeden Tag.

Was nicht heißt, dass Wissenschaft in der Medizin eine komplett problemfreie Zone wäre (z. B. Bartens 2012) – schließlich wird sie von Menschen gemacht. Dazu kommen wir noch.

Wozu brauchen wir Menschen Wissenschaft?

Durch die Wissenschaft haben wir gelernt, uns zu trauen, nach Ursachen zu fragen. Wir sehen Krankheiten nicht mehr als Schicksal oder gar Strafe und Schuld, wir erforschen, wie sie verursacht werden und wie man sie heilen kann. Wir haben verstanden, dass Vulkanausbrüche durch tektonische Plattenverschiebungen entstehen können und nicht etwa die Rache erboster Götter sind. Wir wissen, warum und wie Flugzeuge fliegen können, dass es fliegende Teppiche aber nicht geben kann. Wir können früher Unerklärliches heute erklären. Welcher Glaube hat das je getan?

Wenn Sie nun aber trotzdem sagen, »Wissenschaft kann mir gestohlen bleiben«, dann seien Sie bitte konsequent: Trinken Sie den Cappuccino, der neben Ihnen steht, nicht aus, auch nicht den Tee (zumal wenn er mit einem Wasserkocher oder Herd zubereitet wurde), fliegen Sie nicht mehr in den Urlaub, verschenken Sie Ihr Auto, benutzen Sie keinen Lippenstift und keinen Rasierschaum. Und bitte lesen Sie Ihren Kindern keine Bücher über Dinosaurier vor! Lassen Sie sich nach einem schweren Unfall nicht vom Notarzt retten, verzichten Sie auf den Strom zu Hause, auf Brötchen vom Bäcker, TV, Computer, Laptop, Handy, soziale Netzwerke, Fotokameras. Lesen Sie fortan keine Zeitungen mehr, leben Sie ohne Wettervorhersage, winddichte Softshell-Jacken, Powerpoint-Präsentationen und Skype-Gespräche mit Ihrer Tochter auf Auslandsaufenthalt. Verzichten Sie auf das nächste Public Viewing zur Fußball-WM und auf eine Narkose bei einer Zahnwurzel-OP.

Das geht nicht? Klar geht das. Aber wäre Ihr Leben noch das, was es jetzt ist? Mit all seinen Vorteilen und Bequemlichkeiten? Nein, denn Wissenschaft und ihre Technologien erleichtern und verschönern unser aller Leben, ermöglichen unsere alltägliche Kommunikation und lassen uns gesünder und länger leben als jede Generation vor uns. Wissenschaft bedeutet, die Dinge um uns herum zu verstehen und nutzbar zu machen. Letztlich bedeutet sie Aufklärung und Weiterentwicklung. Vielleicht treibt nicht jeder Wissenschaftler das tatsächlich voran; auch Wissenschaftler sind Menschen. Zum Betreiben von Wissenschaft gehören demgemäß auch Irrtum, Zweifel und Fehler. Aber zur Wissenschaft gehören sozusagen auch ein eingebautes Fehlerbereinigungssystem und die Fähigkeit, aus den Fehlern zu lernen (GWUP 2016). Gerade in der Medizin profitieren wir davon erheblich.

Längst ist Wissenschaft international. Die Zeit der isolierten, nationalen oder »exklusiven« Wissenschaften ist vorbei. Weltweit wendet die Gemeinschaft der Forschenden, die Scientific Community, die wissenschaftliche Methode der Falsifizierung von Hypothesen und Theorien an und versucht, bisherige Erkenntnisse zu widerlegen, ganz gleich, von wem oder woher sie stammen. Man könnte sagen, die ganze Wissenschaftsgemeinschaft wartet nur darauf, sich auf neue Hypothesen und Theorien zu stürzen, um deren Schwächen aufzudecken. Das ist der langsam fortschreitende Weg zur Erkenntnis.

Falsifizierung

(Falschbeweisung) ist der heute dem Wissenschaftsbegriff zugrundeliegende Ansatz, nicht durch Beweisversuche, sondern durch den Versuch der Widerlegung von Hypothesen und Theorien Fortschritt zu erreichen. Bestätigende Forschung zu vorhandenen Daten gilt nicht als wissenschaftsadäquat. Falsifizierung als Methode ist ein „Härtetest“ für die zu prüfende Hypothese oder Theorie und schließt von vornherein aus, dass Forschung zu einem selektiven Suchen nach ausschließlich bestätigenden Daten verkümmert. Dieser grundlegende Ansatz geht auf Sir Karl Popper (1902–1994) zurück, der ihn erstmals im Jahre 1934 in seinem Werk Logik der Forschung postulierte (Popper 1934).

Wissenschaft gewinnt ihre Stärke daraus, alles immer wieder zu hinterfragen, neue Erkenntnisse zu sammeln und vor dem Hintergrund des aktuellen Wissens zu betrachten. Der heute durchweg anerkannte und verwendete Wissenschaftsbegriff von Karl Popper (die Falsifizierung) postuliert, dass es für die menschliche Erkenntnisfähigkeit keine abschließende Gewissheit, keine absolute Wahrheit gibt, sondern nur vorläufiges Wissen. Aber gerade deshalb ist das jeweils aktuelle Wissen auch das beste, über das wir überhaupt verfügen können. Wissenschaft ist die Suche nach Erkenntnis. Im Laufe dieser Suche werden viele Ideen vorgeschlagen und auf den Prüfstand gestellt, nur ein Teil davon hat Bestand. Allmählich werden so Erkenntnisse herausdestilliert, die gut gesichert sind. Das ist nicht nur bloße Theorie: Wir erfahren die Errungenschaften der Wissenschaft ganz praktisch und alltäglich – zum Beispiel in Technik und Medizin. Wissenschaftliche Erkenntnisse muss man nicht glauben, man kann sie nachprüfen.

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