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Psychologie der Märchen: Die Prinzessin auf der Erbse von Hans Christian Andersen (1837)

Das Buch, aus dem wir dieses Kapitel ausgewählt haben, bringt zwei Dinge zusammen, die Menschen faszinieren: Märchen und Psychologie. Ein Autorenteam rund um den bekannten Sozialpsychologen Dieter Frey analysiert berühmte Märchen aus Sicht der wissenschaftlichen Psychologie: Märchen befassen sich seit jeher mit zentralen Fragen und Schwierigkeiten des menschlichen Lebens und der Entwicklung – wie auch die Psychologie!
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6.1 Inhalt des Märchens

Es war einmal ein Prinz, der wollte eine Prinzessin heiraten. So reiste er um die ganze Welt, um eine passende Gemahlin zu finden. Er konnte aber nie herausfinden, ob es sich bei den vielen Prinzessinnen, die er traf, auch wirklich um echte handelte, da stets irgendetwas nicht stimmte. Traurig kehrte er nach Hause zurück.

Am Abend eines furchtbaren Sturmes klopfte es auf einmal an der Tür. Eine Frau, vom Sturm zerzaust, bat um Einlass, denn sie, so ihre Behauptung, sei eine echte Prinzessin. Die alte Königin ließ sie hinein, war aber sehr skeptisch, da sie so durchnässt gar nicht wie eine schöne Prinzessin aussah. Die Königin bereitete ihr eine Schlafkammer vor und nahm, um die vermeintliche Prinzessin zu testen, zwanzig Matratzen und zwanzig Daunendecken und legte ganz nach unten eine kleine Erbse.

Am nächsten Morgen fragte sie die Prinzessin, wie sie geschlafen hätte. Die Prinzessin antwortete: »Ganz furchtbar. Etwas Hartes war in meinem Bett, ich konnte kaum ein Auge zu machen und bin ganz blau und grün.« Nun wusste die Königsfamilie, dass die Prinzessin die Wahrheit gesprochen hatte, denn so feinfühlig konnte nur eine echte Prinzessin sein. Der Prinz nahm sie zur Frau, und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende.

(Andersen 2010)

6.2 Die Charaktere

In dem recht kurzen Märchen »Die Prinzessin auf der Erbse« werden die Charaktere nicht sehr eingehend beschrieben, sondern der Verlauf der Geschichte durch ihr Handeln und letztlich Empfinden bestimmt.

Der Prinz sucht eine geeignete Partnerin und ist dabei sehr wählerisch. Dem sozialen Stand der Auszuwählenden kommt dabei eine große Bedeutung zu: Es muss eine Prinzessin sein. Da er keine passende Frau für sich finden kann, gibt er seine Suche traurig auf

Eine geeignete Prinzessin erscheint durch Zufall direkt an seinem Tor. Ihre äußere Erscheinung und das fehlende Gefolge lassen ihre Behauptung, eine Prinzessin zu sein, ausgesprochen unglaubwürdig erscheinen – trotzdem gewährt man ihr Obhut im Schloss. Ohne ihr Wissen absolviert sie erfolgreich einen Test, bei dem ihre über alle Maße ausgeprägte Sensibilität gefragt ist.

Der Königin fällt die Rolle zu, den Test mithilfe von zwanzig Matratzen und zwanzig Daunendecken, unter denen sie eine Erbse platziert, durchzuführen.

6.3 Psychologische Phänomene und Implikationen

Ein zentrales Thema des Märchens ist die Suche des Prinzen nach der »Richtigen«. Viele Menschen beschäftigen sich mit der Suche nach der Märchenprinzessin oder dem Märchenprinzen. Wonach wir unsere Partner auswählen (und was uns in Beziehungen dann glücklich macht) wird in Abschn. 6.3.1 thematisiert.

Die alte Königin war der Prinzessin gegenüber zunächst skeptisch und testete sie aus diesem Grund mit einer Erbse. Der Test erscheint zunächst seltsam. Einigen von Ihnen dürfte auch schon der eine oder andere Test im Leben über den Weg gelaufen sein, von dem Sie insgeheim gedacht haben, dass er nicht zu schaffen oder wenig sinnvoll sei. Der Abschn. 6.3.2 soll daher den Sinn und die Funktion von Tests behandeln.

Anschließend rückt die Prinzessin in den Fokus. Wer Kinder hat oder welche kennt, wird möglicherweise folgende Frage hören: »Warum kann denn die Prinzessin die Erbse spüren und ich nicht?« Nun, es scheint, dass die Prinzessin auf der Erbse eine außergewöhnliche Feinfühligkeit besitzt. In Abschn. 6.3.3 werden in diesem Zusammenhang das Phänomen der Sensibilität und Sensitivität näher erläutert.

6.3.1 Partnerwahl

Der Prinz reiste durch die ganze Welt, um »die Eine« zu finden. Letztendlich hat immer etwas nicht gepasst.

Was führt eigentlich dazu, dass wir jemanden auf den ersten Eindruck anziehend finden und was ist für Langzeitbeziehungen wichtig? Hierzu wird im Folgenden eine Auswahl psychologischer Phänomene vorgestellt.

Physische Attraktivität

Der Effekt »What is beautiful is good« (Wer schön ist, ist auch gut) beschreibt, dass attraktive Personen allgemein positiver bewertet und behandelt werden (Dion et al. 1972; Smith u. Mackie 2007). Auch die Prinzessin wird – in ihren durchweichten Kleidern und mit durch den Regen verunstalteter Frisur – zunächst misstrauisch beäugt. Attraktivität scheint ein wichtiges Merkmal einer echten Prinzessin (respektive der »Richtigen«) zu sein.

Universelle Kriterien für Schönheit sind z. B. glatte Haut sowie ein symmetrisches und durchschnittliches Gesicht, das genetische Gesundheit indiziert und durch die häufige Wahrnehmung als positiver bewertet wird. Bei Männern werden dominante Gesichtszüge wie eine markante Kinnlinie als universell schön empfunden. Männern ist physische Attraktivität in der Partnerwahl wichtiger als Frauen (Buss u. Barnes 1986). Bei Frauen gilt als schön, was jung aussieht, z. B. ein rundes Gesicht, da ein jüngeres Alter für eine höhere Fertilität spricht.

Entscheidend für lange Beziehungen ist jedoch, dass das Attraktivitätsniveau von Partnern zusammenpasst, also ähnlich ist, und nicht, dass es möglichst hoch ist. Für Langzeitbeziehungen sind zudem ähnliche Einstellungen und wünschenswerte Persönlichkeitseigenschaften wichtiger als Attraktivität (Regan et al. 2000).

Positive Interaktionen

Häufige positive Interaktion führt ebenfalls dazu, dass wir jemanden mögen bzw. anziehend finden. Interaktion mit anderen Menschen hilft uns nicht nur, die Welt besser zu verstehen, sie führt auch dazu, dass unser Bedürfnis nach Verbundenheit erfüllt wird (Smith u. Mackie 2007). Da wir Menschen, mit denen wir häufig interagieren, positiver wahrnehmen, ist es wahrscheinlicher, dass wir uns in unseren Kollegen/Kommilitonen/Nachbarn verlieben als in einen Fremden.

Etwas von sich Preis zu geben (Selbstoffenbarung), z. B. persönliche Erlebnisse, Gedanken oder Gefühle, führt letztendlich dazu, dass Intimität entsteht (Aron et al. 1997). Und Intimität ist sowohl wichtig für das Gefühl der Verliebtheit wie auch den Erhalt der Liebe (Aron u. Westbay 1996).

Ähnlichkeit

Es muss eine echte Prinzessin sein, denn schließlich ist auch er ein echter Prinz – und wir mögen Menschen, die uns ähnlich sind. Ähnlichkeit führt dazu, dass wir unser Gegenüber als attraktiver wahrnehmen (Smith u. Mackie 2007).

Wenn wir Aktivitäten ausführen, die uns wichtig sind oder Spaß machen, ist es wahrscheinlich, dort auf Menschen zu treffen, denen es ähnlich geht. Wir nehmen außerdem an, dass Menschen, die uns ähnlich sind, uns mögen; das wiederum ist der stärkste Grund, jemanden ebenfalls zu mögen.

Hinzu kommt positive Selbstbestätigung, indem wir Werte und Annahmen des anderen als wünschenswert erachten, wenn wir eben jene auch aufweisen. Frauen wie Männer präferieren bei ihrer Partnerwahl zudem Menschen mit ähnlichen Persönlichkeitseigenschaften.

Persönlichkeit

Frauen sind prinzipiell anspruchsvoller als Männer, was die Persönlichkeit ihres Partners angeht – evolutionsbiologisch ist das sehr gut nachvollziehbar, da sie sich darauf verlassen müssen, dass sie z. B. nicht schwanger alleine gelassen werden. Sie bevorzugen Männer, die sozial erwünschte Eigenschaften aufweisen und z. B. sehr freundlich, fair, ambitioniert, extrovertiert, großzügig, intelligent und offen sind.

Prinzipiell wünschen sich Männer und Frauen emotional stabile, intelligente, verträgliche und gewissenhafte Partner. Tatsächlich sind Paare in ihrer Ehe und sexuell zufriedener, wenn ihre Partner insbesondere verträglich und emotional stabil sind sowie offen und intelligent (Botwin et al. 1997).

Implikationen für die Lebensgestaltung

Der Prinz hat letztendlich nach dem Prinzip der Ähnlichkeit gewählt, wobei aus der Geschichte lediglich hervorgeht, dass sie ebenfalls eine Adlige ist (was sie durch ihre Feinfühligkeit bewiesen hat). Ob der Prinz die Erbse ebenfalls gespürt hätte, können wir nur spekulieren. Allerdings können wir und der Prinz davon ausgehen, dass die Prinzessin in einem ähnlichen Umfeld wie der Prinz aufgewachsen ist und beide daher ähnliche Eigenschaften aufweisen.

Sowohl physische als auch psychische Ähnlichkeit können ein Prädiktor für glückliche Beziehungen sein. Geeignete Partner lassen sich anscheinend vor allem in unserer direkten Umgebung finden – sie sind uns vertraut und vermutlich auch ähnlich. Ähnlich zu sein bedeutet natürlich nicht, gleich zu sein. Es gibt daneben sich ergänzende Eigenschaften wie Dominanz und Subdominanz, aber gerade in unseren Kerneigenschaften und Überzeugungen sollten wir übereinstimmen, damit die Partnerschaft eine gemeinsame Zukunft hat.

Letztendlich ist das Rätsel der richtigen Partnerwahl (und der Liebe) von Psychologen nicht gänzlich gelöst. Um dem Rätsel der Liebe weiter auf die Spur zu kommen, sind ebenso biologische Aspekte relevant. Soziobiologen fanden z. B. heraus, dass der Körpergeruch entscheidend für gegenseitige Anziehung ist. Je besser wir jemanden riechen können, desto unterschiedlicher sind unsere Immunsysteme, was von Vorteil für den Nachwuchs ist (Wedekind et al. 1995). Wir haben also durchaus Vorstellungen darüber, wie wahrscheinlich es ist, dass sich Menschen aufgrund physischer und psychischer Eigenschaften als anziehend erleben – es bleibt aber hinreichend Raum für den »magischen Funken«.

6.3.2 Testverfahren

Auch wenn der Test der Königin nicht sofort einleuchtend erscheint, so erfüllt er doch seine Funktion und scheint für das Milieu und das Anforderungsprofil einer Prinzessin angemessen zu sein. Denn letztlich erfüllt er seinen Zweck: Die Familie und der Prinz wissen, dass es sich um eine echte Prinzessin handelt und die beiden werden glücklich miteinander.

Im Laufe des Lebens müssen wir viele Tests durchlaufen – Matheklausuren, Führerscheinprüfung, Schwangerschaftstests etc. Nicht alle Tests erscheinen uns dabei auf den ersten Blick sinnvoll. Wie soll z. B. ein normaler Mensch eine Erbse unter zwanzig Matratzen spüren? Der Einsatz eines geeigneten Tests liefert jedoch ein besseres Ergebnis als eine intuitive Bauchentscheidung. Hätte die Königsfamilie nur nach dem Äußeren der Prinzessin geurteilt, wäre sie, durchnässt wie sie war, vermutlich abgelehnt worden, obwohl sie alle Kriterien erfüllt. Tests können uns also helfen, zuverlässigere und angemessenere Urteile zu fällen.

Implikationen für die Lebensgestaltung

Im Märchen, wie im Leben sehr vieler Menschen spielt die Suche nach dem Partner eine große Rolle (Abschn. 6.3.1). Psychologen und Nichtpsychologen haben mit Tests versucht, dem Rätsel der Liebe auf die Spur zu kommen.

Aron et al. (1997) fanden beispielsweise heraus, dass ein Katalog mit 36 ausgesuchten Fragen dazu führt, dass sich zwei Menschen binnen 4 Stunden auf einmal sehr viel näher stehen (teilweise sogar verlieben). Frage 10 lautet z. B.: »Wenn du etwas daran ändern könntest, wie du erzogen wurdest, was würdest du ändern?« In der letzten Frage soll die Person ein persönliches Problem beschreiben und die andere um Rat und ihre Einschätzung zu den eigenen Gefühlen bezüglich des Problems fragen. Die Themen, die anhand dieser Fragen aufkommen, führen dazu, dass intime Gedanken ausgetauscht werden, und Intimität ist ein wichtiger Aspekt von Liebe.

Diese Fragen sollte man übrigens nicht jedem stellen, denn nicht jeder, in den man sich verlieben kann, ist auch der richtige Partner! Botwin et al. (1997) zeigten, dass insbesondere die Paare glücklich in ihrem Liebes- und Sexleben waren, die einen emotional stabilen und verträglichen Partner haben. Herkömmliche Online-Dating-Plattformen matchen nach dem Prinzip der ähnlichen Eigenschaften und Interessen. Und immerhin 20 % der derzeitigen Beziehungen in den USA haben online begonnen (Statistic Brain Research Institute 2015). Gottmann et al. (1998) beschäftigten sich mit der Art und Weise, wie frisch verheiratete Paare kommunizieren, und konnten dadurch relativ zuverlässig vorhersagen, wie zufrieden und stabil die Beziehung in 6 Jahren sein würde. Tests können also sowohl Intimität (Liebe) fördern als auch der Überprüfung dienen, ob Menschen füreinander geeignet sind.

Dabei sollte natürlich nicht vergessen werden, dass Tests absichtlich oder unabsichtlich manipuliert werden können – gerade bei Online-Dating-Plattformen bietet die Präsentationsform der Selbstdarstellung viel Raum zur Beschönigung. Auch ohne Manipulation kann uns ein Test niemals 100%ige Sicherheit geben – das geht nur im Märchen.

Implikationen für die Erziehung

Eine der ersten Assoziationen die wir haben, wenn wir »Test« hören, ist wahrscheinlich die Schul- und/ oder Studienzeit. Ständig wurde unser Wissensstand getestet und mit Noten bewertet, welche zunehmend mehr unseren beruflichen Werdegang determinieren. Welcher Studiengang ist beispielsweise noch Numerus clausus frei?

Das setzt bereits Kinder (natürlich individuell unterschiedlich) häufig unter Stress, und deshalb sind Tests oft mit negativen Gefühlen besetzt. Tatsächlich sind Tests in der Schule jedoch sehr sinnvoll. Roediger et al. (2011) fanden einige Vorteile von Tests – abgesehen von der notwendigen Benotung: Das Wiederholen von Wissen in Tests führt zu einer besseren Erinnerungsleistung und kann wiederum auf andere Situationen übertragen werden. Gerade Tests mit offenen Fragen führen dazu, dass Fakten miteinander verknüpft werden und dadurch ein Wissenstransfer stattfindet. Darüber hinaus führen Tests dazu, dass Kinder mehr lernen und sowohl sie selbst als auch die Lehrer erkennen, wo noch Wissenslücken bestehen. Testen kann also nicht nur Leistung messen, sondern auch verbessern.

Beachtet werden sollte natürlich, dass nicht alle Kinder (und Erwachsenen) in Tests die Leistung abrufen können, die sie außerhalb der Stresssituation eines Tests erbringen könnten. Deswegen sollte sich jeder Testende fragen, ob der Test genau misst und vor allem ob er das geeignete Messinstrument darstellt. Eltern können zudem den Leistungsdruck der Kinder verringern (oder gar nicht erst aufkommen lassen), wenn sie ihnen signalisieren, dass es neben der Schule auch andere wichtige Themen wie Familie, Freunde und Hobbys gibt.

Implikationen für die Führung

Eine Aufgabe von Führungskräften ist, Mitarbeiter auszuwählen. Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, nicht aufgrund von Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit oder ähnlichen Merkmalen zu entscheiden. Nicht nur um sich politisch korrekt zu verhalten, sondern auch weil Entscheidungen »aus dem Bauchgefühl« häufig durch stereotype Vorstellungen verzerrt werden, was wiederum dazu führt, dass nicht unbedingt die am besten qualifizierte Person gewählt wird. Die beruflichen Fähigkeiten sind nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich, Schul- und Arbeitszeugnisse geben nur erste Hinweise zur grundsätzlichen Eignung.

Eine gute Vorhersagekraft für die erfolgreiche Ausführung einer Position bieten Intelligenztests, Arbeitsproben und strukturierte Interviews (Schmidt u. Hunter 2000). Zu beachten ist dabei, dass bei gering strukturierten im Vergleich zu strukturierten Interviews das äußere Erscheinungsbild und die Selbstdarstellung einen viel größeren Einfluss haben (Barrick et al. 2009).

Entscheidend für eine gute Auswahl ist es, die gewünschten Kriterien vorher zu definieren und die Tests auf diese abzustimmen. Wenn das Jobprofil z. B. verlangt, außerordentlich feinfühlig zu sein, dann ist die Erbse der richtige Test – auch wenn dies für den Bewerber nicht unbedingt plausibel erscheinen mag.

6.3.3 Sensibilität und Sensitivität

Die Eigenschaft, die die Prinzessin als wahre Prinzessin auszeichnet, ist ihre im Übermaß vorhandene Feinfühligkeit. In der Geschichte kommt ihr das sehr gelegen, denn so »erobert« sie ihren Prinzen.

Wie sähe das jedoch in der realen Welt aus? In der Psychologie sprechen wir von hochsensiblen oder -sensitiven Menschen. Nach Heintze (2013) beschreibt Hochsensibilität die besonders feine Ausprägung der fünf Sinne (Fühlen/Tasten, Riechen, Schmecken, Sehen und Hören). Wie die Prinzessin auf der Erbse nehmen diese Menschen Reize geringer Intensität besser wahr als andere. Hochsensitivität beschreibt einen sechsten oder siebten Sinn. Diese Menschen sind beispielsweise besonders empathisch und nehmen daher Dinge wahr, die andere nicht registrieren. Hochsensibilität und Hochsensitivität treten oft gemeinsam auf. Aron (1997) beschreibt mit der hochsensitiven Person Menschen, die sowohl hochsensitiv als auch hochsensibel ist. Sie nimmt an, dass ca. ein Sechstel bis ein Fünftel der Bevölkerung zu den hochsensitiven Personen zählen, und ist überzeugt, dass diese Eigenschaft angeboren ist. Wie auch im Märchen ist dies nichts, was man vortäuschen könnte. Es ist auch keine Eigenschaft, die erlernt werden kann.

Repression und Sensitivität

Schon in den 1940er-Jahren fanden Forscher heraus, dass Menschen unterschiedlich auf bedrohliche Reize reagieren (Bruner u. Postman 1947). Die eine Gruppe brauchte besonders lange, die andere besonders wenig Zeit, um bedrohliche Reize wahrzunehmen. Es wird daher angenommen, dass Menschen sich danach unterscheiden, ob sie eine kritische Situation dadurch meistern, dass sie diese möglichst wenig oder im Gegenteil möglichst intensiv zur Kenntnis nehmen. Beide Strategien bieten Vor- und Nachteile.

Bei der Repressionsstrategie, also dem »Nichtwahrnehmen«, reagiert man unter Umständen zu spät. Andererseits spart man Energie, wenn der Reiz gar nicht so bedrohlich ist (wie die Erbse) oder es gar keine Möglichkeit gibt, etwas an der Situation zu ändern. Man hat bei Repressern festgestellt, dass sie häufiger an Krebs- oder Herzerkrankungen leiden, da sie vermutlich gering ausgeprägte Symptome weniger wahrnehmen und seltener zum Arzt gehen.

Die Sensitivitätsstrategie, also sehr aufmerksam zu sein, bindet viele Energien und führt dazu, dass man schneller erschöpft ist. Sensible Menschen leiden daher auch häufiger an psychosomatischen Erkrankungen (d. h. unter physischen Schmerzen, die auf keine organische, sondern psychische Ursache zurückzuführen sind). Die Strategie ist insbesondere ein Vorteil, wenn dadurch Dinge wahrgenommen werden, die andere nicht wahrnehmen. In früheren Zeiten der Menschheitsgeschichte könnten das z. B. Nahrungsquellen gewesen sein. Heutzutage können hochsensitive Menschen dadurch profitieren, dass sie durch das stärkere Erleben ihrer eigenen Emotionen besser verstehen, was Menschen fühlen und bewegt. Dies können sie z. B. nutzen, um innovative Produkte und Ideen zu entwickeln, welche die Bedürfnisse von Konsumenten erfüllen.

Bei der Prinzessin hat ihre Sensitivität als Erkennungsmerkmal gedient, durch das sie letztendlich die zu ihr passende Umgebung gefunden hat.

Hochsensitivität

Aron (1997) beschreibt folgende Phänomene, anhand derer man erkennen kann, ob man selber oder vielleicht jemand, der einem nahesteht, eine hochsensitive Person ist:

  1. An der Prinzessin sehen wir, dass sie Dinge wahrnimmt, die andere Menschen nicht wahrnehmen – hier die Erbse unter zwanzig Matratzen und Daunenbetten. Das ist auf alle hochsensiblen Menschen übertragbar, die mit allen ihren Sinnen mehr Details als andere Menschen wahrnehmen. Das ist eine besondere Begabung, die man wertschätzen sollte.
  2. Die erhöhte Wahrnehmung führt aber auch dazu, dass man schneller gestresst ist als andere Menschen, da viel mehr Informationen auf einen einwirken. Hochsensible Menschen sind daher schneller übererregt oder -stimuliert. Bei der Prinzessin drückt sich das in Schlafproblemen und sogar körperlichen Schmerzen aus.
  3. Daneben nehmen hochsensitive Personen nicht nur mehr Dinge wahr, die man sehen, hören oder taktil erfassen kann. Sie nehmen zudem stärker wahr, wie es den Menschen in ihrer Umgebung geht. Sie können sich sehr gut in andere hineinversetzen und sind sehr empathisch. Sollte die Prinzessin zu ihrer Hochsensibilität auch hochsensitiv sein, kann sie möglicherweise spüren, dass die Königin ihr gegenüber zunächst misstrauisch und der Prinz traurig ist, weil er keine Partnerin findet.
  4. Schließlich verarbeiten hochsensitive Personen die vielen aufgenommenen Informationen tiefer als andere Menschen. Dies führt u. a. dazu, dass sie sich besser an Dinge oder Ereignisse erinnern können.

Auch wenn hier das Beispiel der Prinzessin, d. h. einer Frau, gewählt wurde, sind laut Aron (1997) etwa 20–25 % der hochsensitiven Personen Männer.

Abschließend kann man sagen, dass sich die Prinzessin glücklich schätzen kann, diese Sensibilität zu haben. Zum einen hat sie dadurch ihren Prinzen bekommen, zum anderen kann sie ihr auch in anderen Lebensbereichen viele Vorteile bringen. Entscheidend ist letztendlich, die passende Umgebung zu finden (wie in der Königsfamilie), in der diese Eigenschaften geschätzt werden.

Implikationen für die Lebensgestaltung

Zunächst einmal ist es wichtig, wahrzunehmen und zu akzeptieren, dass man hochsensibel und/ oder hochsensitiv ist. Dazu gehört, sich einzugestehen, dass der Lebensstil unserer Kultur, in dem ununterbrochen Informationen und Eindrücke auf uns einprasseln, überfordernd und anstrengend sein kann. Für hochsensible Menschen empfiehlt es sich, das Stressniveau moderat zu halten. Sie sollten sich mehrere Stunden am Tag nehmen, in denen ihre Umgebung möglichst reizarm ist. Zeit für sich ermöglicht ihnen häufig produktiver zu sein. An einem Tag in der Woche sollte gar nicht gearbeitet werden. Regelmäßige Auszeiten wie Urlaube sind ebenfalls wichtig.

80 % der Reize nehmen wir über die Augen wahr, deshalb ist es wichtig, dass insbesondere hochsensible Menschen genug schlafen – und wenn sie nicht schlafen können, trotzdem ausreichend Zeit im Bett zu verbringen. Regelmäßige Mahlzeiten steigern ebenfalls das Wohlbefinden und die Konzentrationsfähigkeit. Unter den richtigen Lebensumständen kann die ausgeprägte Wahrnehmungsfähigkeit viele Vorteile im Privat- und Berufsleben mit sich bringen.

Anders zu sein, bedeutet auch, andere Möglichkeiten zu haben. Hochsensitive Personen sind in der Regel loyal und gewissenhaft. Sie verfügen über eine gute Intuition und sind kreativ. Zudem verstehen sie, was Menschen brauchen. Sie sollten versuchen, ihre Sensitivität als Chance wahrzunehmen, und sich Umgebungen (z. B. einen Arbeitsplatz) suchen, an denen ihr Potenzial anerkannt und geschätzt wird. Sehr wichtig ist, auch Zeit mit guten Freunden zu verbringen, die Verständnis zeigen und die spezielle Sensitivität als wertvolle Ressource erkennen.

6.4 Fazit

Trotz der Kürze des Märchens bringt jeder der drei Charaktere ein spannendes psychologisches Thema hervor. Durch den Prinzen haben wir erfahren, dass der oder die Richtige uns häufig ähnlich ist und in der Regel in der nahen Umgebung gefunden werden kann. Die alte Königin hat uns vor Augen geführt, dass ein gut gewählter Test – und mag er manchmal seltsam erscheinen – häufig zu besseren Entscheidungen führt als der Augenschein oder das Bauchgefühl. Durch die Prinzessin auf der Erbse schließlich haben wir gelernt, was es bedeutet hochsensibel und/oder hochsensitiv zu sein – mit all den Vor- und Nachteilen.

Die Prinzessin auf der Erbse ist wohl eines der bekanntesten Märchen von Hans Christian Andersen. Seine zentrale Botschaft ist die Kritik am Adel und der Ständegesellschaft des 19. Jahrhunderts. Die Prinzessin, die ein wohlbehütetes Leben führte, verspürte einen schrecklichen Schmerz, ausgelöst durch eine winzige Erbse unter einer Ladung von Matratzen. Was tut wohl ein Kind, wenn es diese Geschichte hört? Es legt sich eine Erbse unter eine oder vielleicht auch mehrere Matratzen und wird bemerken, dass es nichts merkt. Und so sind auch die Probleme des Adels so weit von denen des gemeinen Volkes entfernt, dass dieses die Probleme nicht einmal nachempfinden kann. Die Verwendung der Erbse als Symbol zeigt sehr anschaulich, welche Größe und Schwere Andersen den Problemen des Adels zuschreibt. Zudem hält sich der Adel tunlichst von den »realen Problemen« der Bürger fern. Es herrscht eine große und unüberbrückbare Distanz zwischen den Klassen, denn nur eine wahre Prinzessin darf Einzug in ein Königshaus halten.

Sicherlich sieht die Welt des 21. Jahrhunderts anders aus. Trotzdem können wir weder in unserer westlichen Welt und schon gar nicht global davon sprechen, dass jeder Mensch die gleichen Chancen oder Probleme hat. Immer noch kämpfen Menschen mit Hunger, Krankheiten und Heimatverlust während andere das schmerzhafte Ereignis eines gesprungenen Handydisplays verkraften müssen. Das Märchen lädt den Leser dazu ein, darüber nachzudenken, welche ihre Erbsen im Leben sind und ob sie nicht überschüssige Matratzen haben, die sie mit anderen teilen könnten. Gesellschaftspolitisch ist dieses Märchen also immer noch hochaktuell und relevant.

Lesermeinung

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  • Quellen

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