{"title":"Gehirn: Zusatzinfo I","body":"<STRONG>Gehirn<\/STRONG>\n<P><I>Gehirn und Subjekt:<\/I><BR><\/BR>Durch die Einsicht, da&#223; das (menschliche) Gehirn das materielle, objektive Korrelat der immateriellen, subjektiven Bewu&#223;tseinsereignisse (= Vorstellungen, mentale Ereignisse) ist (<A href='\/abo\/lexikon\/neuro\/1953'>cephalozentrische These<\/A>) ergibt sich eine Sonderstellung dieses Organs unter allen anderen materiellen Objekten dieser Welt. Das Gehirn wird zu einer Art von \"Bindeglied\" zwischen den gemeinhin f&#252;r verschieden gehaltenen Welten des Objektiven (der Materie, aus der auch das Gehirn besteht und den Naturgesetzlichkeiten, denen auch das Gehirn unterworfen ist) und des Subjektiven (der mentalen Ereignisse, die das Gehirn hervorbringt). In aller Sch&#228;rfe tritt dies als das <A href='\/abo\/lexikon\/neuro\/6967'>Leib-Seele-Problem<\/A> in strikt dualistischen Ideologien auf. Wiefern man, in der Folge Ren&#233; <A href='\/abo\/lexikon\/neuro\/descartes_'>Descartes'<\/A>, an die Existenz zweier unabh&#228;ngiger Substanzen glaubt (denkende Substanz\/res cogitans vs. materielle Substanz\/res extensa), stellt sich augenblicklich das Problem der Verursachung und Wechselwirkung: Wie sind Erkenntnisvorg&#228;nge oder Willensakte der res cogitans mit materiellen Vorg&#228;ngen in der res extensa des Gehirns verbunden? Auf dem Hintergrund der cephalozentrischen These lautet die Frage: wo im Gehirn ist der Interaktionsort von materieller und mentaler Welt, und wie interagieren sie? Wie ist eine solche Interaktion &#252;berhaupt vorstellbar, ohne das (naturwissenschaftliche) Postulat von der kausalen Geschlossenheit der physikalischen Welt (Energieerhaltungss&#228;tze der Thermodynamik) zu verletzen? Descartes selbst schlug kaum merkliche Bewegungen der <A href='\/abo\/lexikon\/neuro\/3605'>Epiphyse<\/A> als Interaktionsmechanismus und -ort vor, in j&#252;ngerer Zeit versuchte Sir John <A href='\/abo\/lexikon\/neuro\/3168'>Eccles<\/A> nachzuweisen, da&#223; (nicht-materielle, abstrakte) \"Wahrscheinlichkeitsfelder\", wie sie die Quantenmechanik kennt, einen urs&#228;chlichen Einflu&#223; auf die <A href='\/abo\/lexikon\/neuro\/8752'>Neurotransmitter<\/A>-Freisetzung (also ein materielles Ereignis) im Cortex haben k&#246;nnten. Wirklich &#252;berzeugende experimentelle Ergebnisse oder logische Beweise f&#252;r solche Interaktionen stehen allerdings aus. - Das dualistische Problem der Interaktion kann auf verschiedene Weise umgangen werden. Abgeschw&#228;chte Formen des <A href='\/abo\/lexikon\/neuro\/3052'>Dualismus<\/A> (<A href='\/abo\/lexikon\/neuro\/3604'>Epiph&#228;nomenalismus<\/A>) interpretieren die mentalen Ereignisse zwar als Gehirnprodukte und als real, leugnen aber, da&#223; mentale Ereignisse (etwa im Sinne von willentlichen Handlungen) kausal auf das Gehirn zur&#252;ckwirken k&#246;nnen. Extremer ist der Standpunkt jener Reduktionisten, die die Substantialit&#228;t mentaler Ereignisse bestreiten - diesen Standpunkt kann man als materialistischen <A href='\/abo\/lexikon\/neuro\/7847'>Monismus<\/A> (<A href='\/abo\/lexikon\/neuro\/7453'>Materialismus<\/A>) bezeichnen. Seinen logischen Gegenpol bildet der idealistische Monismus, demzufolge allein die mentalen Ereignisse substantiell sind, alle Materie hingegen ein kognitives Konstrukt. - Einen dritten Weg zwischen Monismen und Dualismus hat Baruch Spinoza vorgezeichnet; in Form der \"Identit&#228;tshypothese\" hat seine Idee einer dritten Substanz Eingang in das Leib-Seele-Problem gefunden. Die Identit&#228;tshypothese interpretiert mentale Ereignisse als die \"Innenansichten\" von Hirnvorg&#228;ngen, deren materielle, naturwissenschaftliche Beschreibung die \"Au&#223;enansicht\" derselben Vorg&#228;nge darstellt. Die L&#246;sung ist elegant, fordert jedoch eine dritte und \"eigentliche\" Substanz, die weder naturwissenschaftlich noch geisteswissenschaftlich zu erfassen ist.<\/P>"}